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Frühkirchlicher Pazifismus und “gerechter Krieg” - Teil 2: Die staatskirchliche Bellum-Iustum-Doktrin und ihre Folgen

Von Peter Bürger

Ungeachtet der ausnahmslos pazifistischen Theologenstimmen bis zur staatskirchlichen Wende gibt es für die Zeit ab 175 nach Christus immer wieder einzelne Nachrichten über christliche Soldaten. In der pastoralen Praxis scheint die Unvereinbarkeit von aktivem Militärdienst und Christsein bereits in der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts erheblich aufgeweicht worden zu sein. Arrangements mit dem Reich, begünstigt durch die Bekehrung höherer Schichten vor der letzten großen Verfolgungswelle, erfolgten also schon vor Kaiser Konstantins Bekenntnis zum Christentum.

Im Jahr 313 wird wie über Nacht jedoch alles verdreht. Soeben noch hatte Laktanz in seinen "Divinae Institutiones" proklamiert: "Wenn Gott das Töten verbietet, ist nicht nur das Ermorden von Menschen nach Räuberart verboten; das verbietet auch schon das staatliche Gesetz; sondern es ist dann jede andere Menschentötung verboten, auch eine solche, die nach weltlichem Recht sehr wohl erlaubt wäre." Doch passend zur Wende rühmt er die Erscheinung eines Engels, der dem Kaiser Licinius ein Gebet lehrt, das den Truppen einen Sieg über den Rivalen und Christenfeind Maximinus Daja bescheren soll. Von nun an werden aus den Verfolgten des Imperiums zunehmend die neuen Herren hervorgehen. Die "Macht", die noch jede Bewegung der Geschichte zu korrumpieren vermocht hat, hat sich Eingang in die Kirchenhallen verschafft.

Ein Jahr später (314) verbietet dann bereits die vom Kaiser einberufene Regionalsynode von Arles für christliche Soldaten die Desertion aus der kaiserlichen Armee in Friedenszeiten.Aufrechterhalten werden von der Kirche lediglich solche Berufsverbote für Christen, die dem staatlichen Interesse nicht entgegenstehen (Unterhaltungsgewerbe, Prostitution, Produktion heidnischer Kultobjekte etc.). Der erste Schritt zur Eingliederung der Christen erfolgt damit über militärische "Polizeidienste". Hundert Jahre später ist dann den Nichtchristen der Soldatendienst seitens des Staates verwehrt! Vormals hatte man die christlichen Kriegsdienstverweigerer als Märtyrer verehrt. Nun schließt man sie von der Kommunion aus und streicht als Märtyrer kanonisierte Deserteure aus den Heiligenkalendern heraus.Vgl. Adolf von Harnack: Die Mission und Ausbreitung des Christentums in den ersten drei Jahrhunderten. 4. Auflage. Leipzig 1924, 588f., mit einem Zitat von Achelis: "Seit dem 4. Jahrhundert tilgte die staatsfreundliche Kirche aus ihren Kalendern die Namen aller Soldaten-Märtyrer, um eine unerwünschte Wirkung auf die christliche Armee zu vermeiden." Von der Unvereinbarkeit soldatischen Tötungsdienstes für Christen bleibt nunmehr in der Reichskirche nur noch das Privileg einer Freistellung der Kleriker, der speziellen Priesterschaft also, vom Militär. Immerhin wünscht Basilius im vierten Jahrhundert noch, die Soldaten sollten ihre Hände nach Tötungshandlungen drei Jahre [!] lang von der Kommunion fern halten. Durchsetzen werden sich Altäre, die man inmitten der Schlachtfelder aufstellt, und Predigten für ein gottwohlgefälliges "Töten ohne Hass". (In betenden Händen, so predigt der Kölner Kardinal Meisner bei seinen traditionellen Soldatengottesdiensten, ist die Waffe gut aufgehoben.)

Die ganz neue Kriegslehre der Staatskirche hat nach Ambrosius als erster Augustinus (354 - 430) ausgeformt. Zweifellos hegte er nicht mehr jenen theokratischen Optimismus, mit dem noch ein Eusebios von Caesarea die Einheit von Staat und Christentum begrüßt hatte. Zum imperialen Kriegsprogramm der "herrschgewaltigen Stadt" (Rom) hat er wenig schmeichelhafte Ausführungen geschrieben (De civitate Dei 19,7). Er wollte es - wie übrigens schon Cicero und andere antike Autoren - ganz auf das Unumgängliche, auf ein "notwendiges" und "gerechtes" Kriegführen beschränken. Durch Machtgier geleitete Eroberungsfeldzüge sollen ausgeschlossen sein. Nichtkämpfende (Zivilisten) dürfen nicht angegriffen werden. Eine humanitäre Behandlung der besiegten Feinde und Gefangenen wird verlangt. Der Krieg soll stets die Friedensordnung für beide Parteien - also auch für den Gegner - wiederherstellen. … Ob aber ein Krieg "gerecht" ist, darüber hat ausdrücklich nicht der einzelne Bürger, sondern allein die kriegsplanende Regierung des Staates zu befinden.

Das Programm der frühen Theologen ist damit ad acta gelegt. Von einer umfassenden Abrüstung der menschlichen Zivilisation und einer neuen Menschheit, die auf den Krieg ganz verzichtet, ist nicht mehr die Rede. Auch die vormals immer wieder betonte Unverletzlichkeit des menschlichen Lebens muss zugunsten des staatlichen Tötens völlig aufgeweicht werden. Das Töten wird ein "sachlicher Dienst"; der Ausführende ist ein bloßes Instrument der "obrigkeitlichen Gewalt" und kann deshalb nach Ansicht des Kirchenvaters sein Handwerk leicht ausüben.Dazu z.B. die folgenden Augustinus-Zitate (nach der im 1. Teil genannten Quellensammlung von Gerhards): "Der Soldat, der den Feind tötet, ist schlechthin der Diener des Gesetzes. Es ist ihm daher ein Leichtes, seinen Dienst sachlich auszuüben…" (De libero arbitrio I,5,12) "Es versteht sich nämlich, dass, wenn Gott selbst töten heißt, sei es durch Erlaß eines Gesetzes, sei es zu bestimmter Zeit durch ausdrücklichen an eine Person gerichteten Befehl, solch ein Ausnahmefall vorliegt. Dann tötet nicht der, der dem Befehlenden schuldigen Gehorsam leistet, wie das Schwert dem dient, der es führt." (De civitate Dei I,21) Martin Luther kann dann sagen: "Die Hand, welche das Schwert führt und würget, ist nicht mehr Menschen Hand, sondern Gottes Hand, und nicht der Mensch, sondern Gott hänget, rädert, enthauptet, würget, krieget." An anderer Stelle erläutert der Reformator: "Man darf beim Soldatsein nicht darauf sehen, wie man tötet, brennt, schlägt, gefangennimmt, usw. Das tun die ungeübten, einfältigen Kinderaugen, die [auch] dem Arzt nicht weiter zusehen, als wie er die Hand abnimmt oder das Bein absägt, aber nicht sehen oder bemerken, dass es um die Rettung des ganzen Körpers geht. Ebenso muss man auch dem Amt des Soldaten oder des Schwertes mit männlichen Augen zusehen, warum es so tötet und grausam ist. Dann wird es selber beweisen, dass es ein durch und durch göttliches Amt ist und für die Welt nötig und nützlich wie Essen und Trinken." Entsprechend wird bei Augustinus die Empörung über den Krieg sehr gedämpft: "Was hat man denn gegen den Krieg? Etwa dass Menschen, die doch einmal sterben müssen, dabei umkommen?"Augustinus gegen den Manichäer Faustus.

Die einen sagen, Augustinus habe das Übel ganz pragmatisch eingegrenzt. Die anderen werfen ihm vor, er liefere eine Staatstheologie, die auch ein Ideologe des Römischen Imperiums hätte verfassen können. Obendrein mache er den Bock zum Gärtner, da er den Staaten dieser Welt, die er selbst in "De civitate Dei" doch als "große Räuberbanden" und sich rechtsfrei dünkende Verbrecher beschreibt, die Entscheidungskompetenz über die Rechtfertigung der eigenen Kriegsführung überlässt. Wieviel Unheil wäre der Christenheit erspart geblieben, wenn Augustinus, der eine ganze Bibliothek über die himmlische Heimat verfasst hat, ihr wenigstens in einem kleinen Traktat das antike Wissen um die eigentlichen Kriegsursachen vermittelt hätte. - Schon Platon wusste: "Entstehen doch alle Kriege um des Geldes Besitz." Der Dichter Tibullus (ca. 50 - 19 v. Chr.) klagte fünf Jahrhunderte vor Augustinus: "Schuld hat das kostbare Gold. Es gab keinen Krieg, als der Becher, den man beim Mahle gebraucht, einfach aus Buchenholz war."

Die zwischen dem 11. und 16. Jahrhundert - namentlich auch durch Thomas von Aquin - fortgeschriebene Doktrin vom "gerechten Krieg" zielt scheinbar vor allem auf die Frage der Erlaubtheit eines Angriffskrieges. Francois ReckingerFranz Klüber, der selbst strikt auf der Basis der klassischen kirchlichen Kriegsethik argumentiert, formuliert eine Zusammenfassung der Doktrin, die den Angriffskrieg, die modernen Massenvernichtungswaffen und den atomaren "Verteidigungskrieg" als unerlaubt ausschließt. Hans Küng (Vortrag vor der Bundeszentrale für politische Bildung, 2003) nennt die folgenden sechs "klassischen" Kriterien für den gerechten Krieg, die er beim Irak-Krieg 2003 (und auch beim Afghanistan-Krieg 2001) nicht als erfüllt ansieht: 1. Gerechte Ursache (iusta causa); 2. Ehrliche Absicht (recta intentio); 3. Verhältnismäßigkeit (proportionalitas); 4. Bevollmächtigte Instanz (auctoritas legitima); 5. Letztes und einziges Mittel (ultima ratio); 6. Das Internationale Völkerrecht (ius in bello): Wird es im Krieg eingehalten werden? fasst die zentralen Bedingungen dafür folgendermaßen zusammen:

  1. Gerechte Sache aufgrund eines Unrechts der anderen Seite, das diese nicht wiedergutmachen will.
  2. Erschöpftsein aller anderen Mittel, die Gegenseite zum Einlenken oder zur Wiedergutmachung zu bewegen.
  3. Kriegserklärung und Kriegsführung durch die zuständige staatliche Autorität.
  4. Rechte Absicht: nämlich die Ordnung des Rechts wiederherzustellen, nicht aber zu erobern, zu rauben und zu plündern.
  5. Angemessenheit der Mittel: die vorauszusehenden Kriegsübel dürfen nicht schwerwiegender sein als das zu behebende Unrecht; Nichtkämpfende sind zu schonen, internationale Konventionen hinsichtlich der Kriegsführung zu achten. >Angemessenheit der Mittel< bedeutet u.a. auch, dass kein Krieg geführt oder fortgeführt werden darf, bei dem keine vernünftige Aussicht auf Erfolg (mehr) gegeben ist.

Die Folgen der bellum-iustum-Doktrin sind im Grunde durchweg schon bei Augustinus vorgezeichnet:

a. Der Vorreiteranspruch der gewaltfreien Christen der ersten drei Jahrhunderte, der sich auf die gesamte Menschheit und ihre Zivilisation bezieht, wird fallengelassen. Die Rezeption der entsprechenden Zeugnisse in Theologie und Kirchenleben wird entweder durch Interpretation verschleiert oder ganz unterdrückt.Da man sich selbst, aufgrund der eigenen "platonischen" Theologie, eine Verweigerung dem Staat gegenüber nur aufgrund abstrakter "ewiger Güter" vorstellen kann, wird dies den frühen Christen ebenso unterstellt. Auch dafür ist Augustinus in seiner Auslegung von Psalm 124,7 Vorbild: "…aber christliche Soldaten dienten dem untreuen Kaiser. […] Verlangte der Kaiser, dass sie die Götzen ehrten, dass sie Weihrauch streuten, so zogen sie ihm Gott vor. Sagte er aber: >Ziehet das Schwert! Ziehet gegen jenes Volk<, da gehorchten sie sogleich." (Der derzeit in der katholischen Kirche wieder angesagte Rückgriff auf die "Alte Kirche" betrifft bezeichnenderweise erst die Zeit der staatskirchlichen Konzilien ab dem vierten Jahrhundert.) Hatte man zuvor gemäß der inneren wie äußeren Friedenspädagogik Jesu Christi alternative Strategien zum Blutvergießen bedacht und erprobt, so gibt es jetzt dafür keine Notwendigkeit mehr. Praktisch wird auch die - zumindest geforderte - Ausschöpfung nichtkriegerischer Lösungen irrelevant.

b. Die von Christen in drei Jahrhunderten hochgehaltene Unverletzlichkeit des Lebens wird - mitunter sehr zynisch - relativiert. Die christliche Differenz zum bürgerlichen Gesetz bzw. zum Staatsethos ist beseitigt oder in eine schizophrene doppelte Bürgerschaft der Erde und des Himmels aufgelöst, die irdisch folgenlos bleibt. Sogar die "natürliche" Tötungshemmung des Menschen und die Begabung zum Mitfühlen verlieren durch eine Doktrin des sachlich-instrumentellen Tötens (Augustinus, Luther u.v.a.) ihre Hochschätzung.Doch Pius XII kann in seiner Weihnachtsansprache vom 24.12.1948 sagen: Der christliche Friedenswille ist "deshalb hart wie Stahl. [sic!] Er ist von ganz anderer Prägung als das gewöhnliche Gefühl für Menschlichkeit". - Hätte dieser "christliche Friedenswille", so wünscht man, in der Geschichte nur auf alles Übernatürliche beim Kriegführen verzichtet und stattdessen einfach "das gewöhnliche Gefühl für Menschlichkeit" walten lassen! Die modernen "chirurgischen Militärschläge" lassen sich sprachlich geradewegs bis auf Väter der Großkirchen zurückverfolgen.

c. Die Liaison mit dem Staat und die neue Einstellung zu kriegerischen Operationen tragen als Konsequenz tödliche Gewalt in die Kirche selbst hinein.Der hl. Martin von Tours hatte den Krieg und das Schwert wider Häretiker noch gleichermaßen abgelehnt. Die beiden Cheftheoretiker der Lehre vom gerechten Krieg betrachteten Gewalt gegen abtrünnige oder vermeintlich irrende Christen hingegen als etwas Legitimes. Derselbe Augustinus, der an seiner Bischofstafel kein böses Wort über die abwesenden Mitbrüder duldete, hielt an seinem Lebensabend den staatlichen Schwerteinsatz gegen unbeugbare Donatisten für gut und richtig - und verfeierlichte dies als "Liebesdienst". Der in seraphinenhaftem Ruf stehende Thomas von Aquin war nicht nur ein Sänger vom Sakrament der Liebe Gottes, sondern auch ein Befürworter gewaltsamer Züchtigung der vom Glauben abfallenden Erwachsenen. Er meinte, hartnäckige Häretiker sollten dem weltlichen Arm zur Ausrottung übergeben werden. (Summa theologica II-II 10,7; 10,8; 11,3) Dem Staat wird zugestanden, Abweichungen von der institutionellen Religion mit Krieg und Hinrichtung zu beantworten. Damit stellt sich für das real existierende Christentum die Wahrheitsfrage ganz neu: "Es gibt ein Naturgesetz, dass nämlich eine Sache nur durch die Mittel verteidigt werden kann, durch die sie erworben wurde. Eine durch Gewalt erworbene Sache kann nur durch Gewalt verteidigt werden. Eine durch Wahrheit erworbene Sache dagegen kann nur durch Wahrheit verteidigt werden." (M. K. Gandhi)

d. Über siebzehnhundert Jahre werden endlos viele als "gerecht" proklamierte Kriege von Christen (und auch von Christen gegen ChristenTertullian (+ um 220) führte als ein Argument gegen den Kriegsdienst noch an, dass Christen dann ja z.B. auch gegen Glaubensgeschwister kämpfen müssten. Für Hieronymus (+ 420) ist der Krieg von Christen gegen Christen schon kein Problem mehr.) geführt, deren weltliche oder "religiöse" Ziele dem biblischen und universellen Verständnis von Gerechtigkeit krass entgegengesetzt sind.Dazu meint Francois Reckinger : Krieg ohne uns. Paderborn 1983, 44: "Was Christen seit Augustinus, zu einem großen Teil mit Billigung und unter Mitwirkung der Amtsträger, dann alles angestellt haben, indem sie versuchten, die Gewalt in den Dienst ihrer jeweiligen >gerechten Sache< oder gar des >Reiches Gottes< zu stellen, ist derart bekannt, dass es genügen mag, einige Stichworte in Erinnerung zu rufen: Germanenmission unter dem Schutz des Schwertes; Sachsen-, Sklaven- und Indianermission unter dem Vorausgehen des Schwertes; Kreuzzüge (nach Jerusalem, Konstantinopel, Albi…); Papstkriege; Konfessionskriege, Eroberung und Ausplünderung überseeischer Länder; Abschlachten ihrer Einwohner, resp. ihre Gefangennahme, Verschleppung und Verwendung als Sklaven; Fehden und Kriege zwischen Burgen, Städten und Ländern…" (Ob dieses neuen Habitus der "christlichen" Kultur merkt es auch Luther nicht mehr, wenn er die Sprache des Evangeliums vollends verlässt: "Steche, schlage, würge hier wer da kann. Bleibst darüber tod, wohl dir, einen seligeren Tod kannst du nimmerdar erlangen. Denn du stirbst im Gehorsam gegenüber dem göttlichen Wort und Befehl.") Der katholische Moraltheologe Charles Journet kommt zu dem Schluss, nach den ernstgenommenen Bestimmungen des Thomas von Aquin könne man "die wirklich und ganz gerechten Kriege" der gesamten Geschichte an den eigenen Fingern abzählen.

e. Das Christentum beendet nicht die Sakralisierung der Kriegsgewalt, sondern entwickelt ein ganzes Arsenal weiterer "Kriegssakramente" und "heiliger Kriegsbilder", die sich jeder erdenklichen Nachfrage anpassen. (Im Kloster Maria Laach wollte z.B. Abt Ildefons Herwegen voller Bejahung Analogien zwischen "Liturgischer Bewegung" und Faschismus, zwischen der Kirche und dem "neuen soziologischen Gebilde des totalen Staates" des Führers Adolf Hitler ausmachen. Bereits im Ersten Weltkrieg hatte man in der gleichen Abtei den Krieg "in einem geheimen Zusammenhang mit dem blutigen Drama auf Golgatha" und dem "Heiligen" gesehen.) Bis heute sind die Stereotypen des christlichen Bilderkanons für das Schlachtfeld in der massenkulturellen Kriegspropaganda wirksam (z.B. in Hollywood).

f. Vollständig verdreht wird Jesu Weisung, dem Kaiser (nur) das (zurück) zu geben, was ihm ohnehin gehört, und Gott zu geben, was Gottes ist (Markus 12,17). [Dieses Wort hat nach Henrik Ibsen ohne Blutvergießen die Caesaren aller Zeiten getötet. Praktisch geht es allenfalls um eine Duldung des Steuerzahlens, keineswegs aber um eine Aufforderung zu Kriegsdienst oder politischem Gehorsam!] Die - auch von der Reformation gefestigte - Ideologie der per se erst einmal von Gott legitimierten staatlichen Obrigkeit und der für Christen verpflichtenden Gehorsampflicht (Römer 13) hat unter Gläubigen und Kirchenleitungen ein Riesenheer an (Mit-)Tätern bei Verbrechen von größtem Ausmaß produziert.Bei der Eröffnung des Reichstages in der Potsdamer Garnisonskirche predigte der evangelische Bischof Dibelius am 21. März 1933 nach Hitlers Machterlangung: "Ein neuer Anfang staatlicher Geschichte steht immer irgendwie im Zeichen der Gewalt. Denn der Staat ist Macht. Neue Entscheidungen, neue Orientierungen, Wandlungen und Umwälzungen bedeuten immer den Sieg des einen über den anderen. Und wenn es um Leben und Sterben der Nation geht, dann muss die staatliche Macht kraftvoll und durchgreifend eingesetzt werden, es sei nach außen oder nach innen. Wir haben von Dr. Martin Luther gelernt, dass die Kirche der rechtmäßigen staatlichen Gewalt nicht in den Arm fallen darf, wenn sie tut, wozu sie berufen ist. Auch dann nicht, wenn sie hart und rücksichtslos schaltet." - Noch 1961 meinte Bischof Dibelius: "Ich war und bin der Meinung, dass es nur ein Ziel gibt, das den Einsatz des irdischen Lebens wert ist: das ist die Aufrichtung einer Ordnung, in der die Menschen die Freiheit haben, dem christlichen Evangelium gemäß zu leben. Und den Staat, der sich dafür entscheidet […], nenne ich einen christlichen Staat. Ein solcher Staat hat aber dann auch das sittliche Recht, die Mittel der Macht zu gebrauchen und der so ausgerichteten Nation Freiheit und >Lebensraum< [sic!] zu erkämpfen. Und kein Opfer ist zu groß, als dass es ein solcher Staat nicht fordern dürfte." Im krassen Gegensatz zur Apostelgeschichte (5,29) verpflichtet die offizielle Kirchendisziplin den Einzelnen bis in die Neuzeit hinein dazu, sein Gewissen und die Nachfolge Jesu der Regie des Staates unterzuordnen.Auf katholischer Seite galt z.B. das fatale Prinzip, im Zweifelsfall ("Ist der Krieg gerecht?") eine Rechtsvermutung zugunsten der eigenen Regierung walten zu lassen und zu gehorchen. Vergessen wird gerne, dass die ebenfalls Obrigkeitsgehorsam fordernde Confessio Augustana (16) der Reformatoren gemäß den Anschauungen Luthers und Calvins auch vermerkt: "Wenn aber der Obrigkeit Gebot ohne Sünde nicht befolgt werden kann, soll man Gott mehr gehorchen als den Menschen." Die Bekennende Kirche betont entsprechend die Rechtsbindung des Staates, doch auch die 5. These der Theologischen Erklärung der Bekenntnissynode von Barmen (31. Mai 1934) proklamiert: ">Tut Ehre jedermann, habt die Brüder lieb; fürchtet Gott, ehret den König!< (1 Petrus 2,17) Die Schrift sagt uns, dass der Staat nach göttlicher Anordnung die Aufgabe hat, in der noch nicht erlösten Welt, in der auch die Kirche steht, nach dem Maß menschlicher Einsicht und menschlichen Vermögens unter Androhung und Ausübung von Gewalt für Recht und Frieden zu sorgen."

g. Quer durch alle Konfessionen werden ab dem 4. Jahrhundert christliche (und andere) Pazifisten zu Sündern erklärt, verächtlich gemacht, im Bedürfnis nach "maskuliner" Selbstdarstellung von zölibatären Klerikern als weichlich hingestelltSogar der wunderbare Papst Paul VI. scheint, wie Francois Reckinger mitteilt, die Wehrdienstverweigerer in einer frühen Äußerung "der Trägheit und Feigheit zu bezichtigen"., als Häretiker ermordet oder mit kirchlicher Billigung kriminalisiert. Das neue staatkirchliche Kriegsdogma wird zum alleinigen GlaubensbekenntnisSo schreibt das Augsburgische Bekenntnis (CA) von 1530 in Artikel XVI bis auf den heutigen Tag fest, "dass Christen ohne Sünde Übeltäter mit dem Schwert bestrafen, rechtmäßig Kriege führen und in ihnen mitstreiten können. […] Hiermit werden verdammt [die Wiedertäufer; lat. Originaltext], die lehren, dass das oben Angezeigte unchristlich sei." Der Internationale Versöhnungsbund und Thomas Nauerth kritisieren mit großem Recht, dass derlei Bekenntnistexte noch immer im Gesangbuch stehen und nicht offiziell revidiert werden. erhoben und die Ökumene mit den Friedenskirchen des 16. Jahrhunderts, die zum Weg der ersten drei Jahrhunderte zurückfinden, aufgekündigt. Noch die kleine Schar der Kriegsdienstverweigerer, die als Christen den Fahneneid auf Hitler verweigerten, hat die nationalen Kirchenleitungen eindeutig gegen sich.Der kath. Priester Joseph C. Rossaint schreibt im Juni 1955: "1939-45 hat ein einziger katholischer Pfarrer den Fahneneid verweigert, und das war ein Österreicher! Diesem, Pater Franz Reinisch, verweigerte der zuständige Wehrmachtspfarrer in der Todeszelle die hl. Wegzehrung, die er begehrt hatte, >um ihn dadurch auf die Pflicht zur Leistung des Fahneneides aufmerksam zu machen.< … So hätte auch der Gefängnispfarrer in Lüttringhausen [wo Roissant wegen Pazifismus und Kontakten zu Kommunisten fast zehn Jahre Nazi-Haft verbrachte] fast handeln können." Zu bedenken ist, in welchem Umfang deutsche Bischöfe gleichzeitig den "Eid auf den Führer" und dessen unbedingte Verpflichtung gepredigt hatten. Im deutschen Bundestag muss ein westfälischer CDU-Abgeordneter noch danach das - 1950 von Kardinal Frings angesichts der kommunistischen Gefahr als "verwerfliche Sentimentalität" bezeichnete - Recht auf Kriegsdienstverweigerung wider das kirchliche Gutachten der katholischen Seite verteidigen.

h. Die Geschichte der christlichen Kriegstheologie, Kriegspredigt und Kriegspraxis zu schreiben, das wird - von wenigen Ausnahmen abgesehen - bis heute den leidenschaftlichen Kirchengegnern überlassen. (Wenn dann aber ein Karlheinz Deschner die These vom "Massenmord als Praxis einer Religion" vorstellt und seine Anklage durch gedruckte Quellen nachweisen kann, weiß man dennoch: "Alles Lüge!") Dass die Kirchengeschichtsschreibung auch im 20. Jahrhundert überwiegend nicht aus Lernen, sondern aus einer endlosen Rechtfertigung und Beschönigung der kriegstreibenden Befunde besteht, muss theologisch als bedeutsamster "ekklesialer" Fall der Sünde wider den Heiligen Geist bewertet werden.

Die verfeinerte Lehre vom gerechten Krieg suggerierte, man könne die Realität des Krieges in ein logisch widerspruchsfreies Beurteilungsraster der Ethik bannen. Das war außerordentlich beruhigend. Den Anspruch einer praktikablen Wahrheit hat diese Doktrin jedoch nicht einzulösen vermocht. Die Grundfesten jeglicher Kriegspropaganda wurden (und werden) durch sie faktisch sanktioniert. Welche kriegführende Partei der Geschichte hätte für sich nicht die gerechte Sache, die übergreifende Gerechtigkeit, die edle Triebfeder ("Liebe"), das Ausschöpfen aller anderen Möglichkeiten, die Befolgung humanitärer Grundsätze etc. etc. beansprucht? Wo jemals hätte eine kriegführende Obrigkeit eingestanden, die Schuldhaftigkeit liege nicht beim Feind? Um dieses Possenspiel wusste Anfang des 16. Jahrhunderts schon Erasmus von Rotterdam. Ein empirischer Nachweis mit dem Ergebnis, die Lehre habe historisch auch nur ein wenig zur präventiven Eindämmung des Kriegsübels beigetragen, ist wohl kaum zu erbringen.Helmut Gollwitzer erinnert in seinen Arbeiten daran, dass die (versuchten) humanitären "Milderungen der Kriegsfurie" (Unterscheidung von Heer und Zivilisten, Rot-Kreuz-Konvention von 1864/1906, Haager Landkriegordnung von 1899/1907, die ausdrückliche Einschränkung der Wahl von Kriegsmitteln etc.) gerade einem neuen Kriegsbegriff zu verdanken sind, der die "gerechte Sache" nicht einer Seite zuschlägt, sondern die "bona fides" beiden Seiten zugesteht. Mehr als nur wahrscheinlich ist, dass religiös bzw. moralisch sanktionierte "gerechte Kriegsgründe" in der Geschichte oft genug Ursache für eine umso größere Grausamkeit der Kriegsführung waren. Schlimmer noch: Der Krieg und die Instrumentalisierung des Christentums für den Hass wurden durch sie regelrecht befördert. Am Ende zeigte sich der christliche Kulturkreis als vorzüglicher Ausgangspunkt für kriegerische Verwüstungen auf der ganzen Erde. "1700 Jahre christlichen Terrors und Gemetzels", so Pater Zabelka, der Seelsorger für die ersten Atombomberbesatzungen, "mussten schließlich zum 9. August 1945 führen". Mahatma Gandhi resümiert: "Es ist ein eigenartiger Kommentar auf den Westen, dass es dort, obwohl er sich zum Christentum bekennt, kein Christentum und keinen Christus gibt - sonst hätte es dort keinen Krieg gegeben."

Die endgültige Bankrotterklärung des "gerechten Krieges" hat sich jedoch nicht erst in Hiroshima und Nagasaki ereignet. Speziell das deutsche Kirchentum beider Konfessionen zeigte zuvor im 20. Jahrhundert keine Scheu, den Drahtziehern von zwei Weltkriegen und ihren Militärapparaten den Segen zu erteilen. Deutsche Kriegstheologie stand im amtlichen Protestantismus des Kaiserreiches zeitweilig an erster Stelle. Nicht minder waren die römisch-katholischen Bischöfe dem protestantischen Kaiser willfährig. Sie stellten sich der Weltkirche im heiligen deutschen Krieg so entgegen, wie man es sonst nur bei den nationalkirchlichen oder romfreien (Alt-)Katholiken wahrhaben wollte.

Doch neun Millionen Tote und 21 Millionen Verwundete waren immer noch kein Grund zum Umlernen für ein neues Handwerk (Jesaja 2,4). Hernach wurden Hitlers Nationalismus und Krieg erneut von den Bischöfen beider Konfessionen - den deutschnationalen Militaristen Bischof Clemens August Graf von GalenÜber die unselige Seligsprechung von Bischof Galen im Oktober 2005 (durch einen deutschen Papst?) möchte man nur weinen. Welches Zeichen soll damit für die Aufarbeitung der deutschen nationalkirchlichen Sünden und für das dritte Jahrtausend gesetzt werden? In den 80er Jahren bereits wollte das Ehepaar Sandstede-Auzelle aus Frankreich den mutigen Münsteraner Oberhirten mit einer Biographie ehren und wurde dann durch Einblick in die deutsch-nationalistische bzw. militaristische Seite des Vorbildes tief enttäuscht. Aus tiefster Überzeugung wünschte Bischof Galen für Hitlers Krieg den Sieg. In seinen berühmten Lamberti-Predigten (1941) hatte von Galen (vielleicht wirklich unter Lebensgefahr!) unerschrocken gegen den "Euthanasie"-Massenmord an Behinderten opponiert und diesen als Tor zur Tötung aller "Unproduktiven" (z.B. der versehrten Kriegsheimkehrer) beschrieben. Der junge Katholik Ferdinand Vodde, wie Galen aus Dinklage stammend, verteilte (ebenfalls unter Lebensgefahr) Abschriften dieser Predigten unter Wehrmachtssoldaten an der Ostfront. Als Bischof von Galen in einer persönlichen Begegnung davon erfuhr, rügte er Vodde äußerst scharf: Das sei Wehrkraftzersetzung, und dazu seien die Hirtenschreiben nicht gedacht! (Quelle: Mitteilung eines Studienkollegen des Priesters Ferdinand Vodde an den Verfasser.) eingeschlossen - unverdrossen und eifrig gutgeheißen. Das Episkopat stellte den Gläubigen die Beteiligung am Hitlerkrieg fast ausnahmslos als Christenpflicht und den Hitler-Eid als bindend dar. Das berüchtigte Handbuch des Führer-Verehrers Erzbischof Conrad Gröber beschwor die "asiatische Unkultur". Es empfahl im Vorwort einen völkisch-germanisch und antisemitisch begründeten Vernichtungskrieg gegen den "Bolschewismus"; unter dem Stichwort "Völkerfriede" wurde gelehrt: "Der übertriebene Grundsatz >Nie wieder Krieg< [ist] eine Utopie" und "Festhalten am Frieden um jeden Preis ist unsittlich". Diesmal vervielfachte sich die Lawine der Kriegstoten auf über 60 Millionen Menschen. Beim Mord an sechs Millionen Juden und zigtausenden anderen "Reichsfeinden" waren nach historischem Befund stillschweigende Duldung oder Kollaboration der Normalfall und widerständige Christen wie Domprobst Bernd Lichtenberg in Berlin die große Ausnahme. Zu den wenigen Kirchenfürsten, die sich rühren ließen, gehörte der spätere Papst Johannes XXIII. Er brach, als er vom Massenmord der Deutschen an den Juden erfuhr, in Tränen aus.

Allein das deutsche Kapitel zwischen 1914 und 1945 bedeutet für alle Zeiten einen Offenbarungseid des nationalen Kirchenchristentums und eine nie wieder tilgbare Schande für die gesamte Ökumene. Pius XII. spürte in seinem letzten Testament, dass diese dunkle Epoche der Kirchengeschichte vor Gott restlos auf Gnade angewiesen ist. Im internen Kreis der Kardinäle, so wurde jüngst bekannt, hatte er selbst "die Juden" als "Gottesmörder" bezeichnet. Vielleicht war es also nicht die Sorge um schlimmere Folgen, die ihn von einer im Vatikan bereits angedachten Enzyklika gegen den Antisemitismus abhielt. Wie soll man zudem über seine fatale "Deutschfreundlichkeit" urteilen und über seinen verbürgten Wunsch, einen kriegerischen Feldzug gegen den gottlosen Bolschewismus im Osten persönlich zu segnen?

Ein Großteil der nationalen Kirchengeschichtsschreibung bestand nach 1945 in Auftragsarbeiten, die so etwas wie einen repräsentativen Widerstand konstruierten. Die Erschütterung blieb einfach aus, und das wurde belohnt. Die Kirchen waren als staatstragende Moralinstanzen rehabilitiert, konnten ab 1950 gegen eine verbreitete Abneigung in der Bevölkerung die Wiederbewaffnung absegnen und 1957/58 duldsame oder gar wohlwollende Worte über eine Atombewaffnung der Bundeswehr verlieren. (Kritische Protestanten, Prominente wie Reinhold Schneider und z.B. ehemalige Mitglieder des Friedensbundes deutscher Katholiken, die oft schon vor 1933 als Antifaschisten aktiv gewesen waren, wurden in jener Phase mit Vorliebe als "Kommunisten" abgetan und öffentlich zu Unpersonen erklärt. Die frühen Bekenntnisse auch führender Unionspolitiker, Deutsche dürften fortan keine Waffe mehr in die Hand nehmen, waren längst vergessen.)

Tatsächlich macht die katholische Bischofskonferenz bis heute die Konstruktion einer "rechtmäßigen staatlichen Obrigkeit" als mildernden Umstand für ihre Vorgänger in Hitlerdeutschland geltend! Sie versäumt es nicht, an Vergewaltigungen durch sowjetische Soldaten zu erinnern. Doch sie erinnert z.B. nicht an den Heimatbischof meiner Kindertage, an den deutschnationalistischen Erzbischof und nachmaligen Kardinal Lorenz Jäger. Dieser hatte 1942 - im Kontext einer Tötungsmaschinerie gegen 20 Millionen Menschen aus der Sowjetunion - in seinem Fastenhirtenbrief gepredigt: "Schaut hin auf Russland! Ist jenes arme, unglückliche Land nicht der Tummelplatz von Menschen, die durch ihre Gottfeindlichkeit und ihren Christushass fast zu Tieren entartet sind." Drastischer lässt sich die Entmenschlichungsstrategie von Kriegspropaganda nicht mehr vorführen.

 

Der Beitrag folgt dem Buch: Peter Bürger: Hiroshima, der Krieg und die Christen. Düsseldorf: fiftyfifty 2005. (203 Seiten; 15,- Euro) Im Internet informiert dazu: www.friedensbilder.de/christenkrieg . Siehe ebenfalls die Buchbesprechung von Michael Schmid: Ein eindrückliches Zeugnis für das Überleben der Zivilisation

Fußnoten

Veröffentlicht am

16. April 2006

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