Lebenshaus Schwäbische Alb - Gemeinschaft für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie e.V.




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Vom Hunger nach Sinn und vom Dritten Weg

Zur Inspiration und zur Ermutigung veröffentlichen wir hier einige Gedichte

von Dorothee Sölle

 

Wie Spatzen sind meine wünsche
freche unmusikalische vögel
oft hab ich sie weggescheucht
auch den einen oder anderen zu Boden getroffen
mit meiner analytischen schleuder
und mir einfach vorgenommen
ohne Spatzen zu leben
in einem Wohnschacht zum Beispiel
hell erleuchtet gar nicht besonders schmutzig
hübsche Sachen zum aussuchen und einwickeln
finde ich dort die trag ich
von einem ende der u-bahnstation
zum andern
warum nicht gleichmäßig mein leben zubringen
ohne die störenfriede
arglos kommen sie wieder
suchen mich auf und besetzen das land
wie oft hab ich sie weggescheucht
freche unmusikalische vögel
wie Spatzen ihr meine wünsche

Dorothee Sölle



Der dritte weg

Wir sehen immer nur zwei Wege
sich ducken oder zurückschlagen
sich kleinkriegen lassen oder
ganz groß herauskommen
getreten werden oder treten

Jesus du bist einen anderen weg gegangen
du hast gekämpft aber nicht mit waffen
du hast gelitten aber nicht das unrecht bestätigt
du warst gegen gewalt aber nicht mit gewalt

Wir sehen immer nur zwei möglichkeiten
selber ohne luft sein oder andern die kehle zuhalten
angst haben oder angst machen
geschlagen werden oder schlagen

Du hast eine andere möglichkeit versucht
und deine Freunde haben sie weiterentwickelt
sie haben sich einsperren lassen
sie haben gehungert
sie haben spielräume des handelns vergrößert

Wir gehen immer die vorgeschriebene bahn
wir übernehmen die methoden dieser welt
verachtet werden und dann verachten
die andern und schließlich uns selber

Laßt uns die neuen wege suchen
wir brauchen mehr phantasie als ein rüstungsspezialist
und mehr gerissenheit als ein waffenhändler
und laßt uns die überraschung benutzen
und die scham die in den menschen versteckt ist

Dorothee Sölle


 

Erneuere auch unser Herz
und gib uns den Geist
der Klarheit und des Muts
denn das Gesetz des Geistes
der uns lebendig macht in Christus
hat uns befreit
von dem Gesetz der Resignation
Lehre uns die Kraft
der kleinen Leute zu spüren
und keine Angst mehr zu haben
wenn wir widersprechen

Erneuere auch unser Herz
und lass uns wieder miteinander reden
lehre uns zu teilen statt zu resignieren:
das Wasser und die Luft,
die Energie und die Vorräte
zeig uns, dass die Erde dir gehört
und darum schön ist

Dorothee Sölle


 

Hunger nach Sinn

Ich werde manchmal gefragt,
warum ich denn "immer noch" für Gerechtigkeit,
Friede und die gute Schöpfung eintrete.
"Immer noch?" frage ich zurück,
wir fangen doch gerade erst an,
aus der Verbundenheit mit dem Leben heraus,
zu kämpfen, zu lachen, zu weinen.
Wir können uns doch nicht auf das geistige Niveau
des Kapitalismus zurückschrauben
und ständig "Sinn" mit "Erfolg" verwechseln.

Das ist eine lebensgefährliche Verwechslung,
wenn wir das Leben zurückrechtstutzen
auf das Machbare und das,
was sich konsumieren lässt.
Meine Tradition hat uns wirklich mehr versprochen!
Ein Leben vor dem Tod, gerechtes Handeln
und die Verbundenheit mit allem, was lebt,
die Wölfe neben den Lämmern und Gott nicht oben
und nicht später, sondern jetzt und hier.
Bei uns, in uns.

Dorothee Sölle


 

Einer und ein Freund und ein Freund und ein Freund
sag nicht das gibt vier
es sind mehr
das Kleine Einmaleins ist die Freundschaft
das Große die Revolution

Fang mit dem Kleinen an
denn ein Freund herrscht nicht
ein Freund hat immer Zeit
oder er weiß einen der jetzt Zeit hat
ein Freund weiß immer Rat
oder er kennt einen andern der Rat weiß
ein Freund ist immer zuständig
oder er findet wer zuständig ist

Das Kleine Einmaleins ist das Netzwerk
das Große die neue Stadt

Dorothee Sölle


 

Frei werden

Frei werden wir erst,
wenn wir uns mit dem Leben verbünden,
gegen die Todesproduktion
und die permanente Tötungsvorbereitung.

Frei werden wir
weder durch den Rückzug ins Private, ins "Ohne mich",
noch durch Anpassung an die Gesellschaft,
in der Generäle und Millionäre besonders hoch geachtet werden.

Frei werden wir,
wenn wir aktiv, bewusst und militant für den Frieden arbeiten.

Dorothee Sölle


 

Minderheiten

Lehre uns minderheit werden gott
in einem land das zu reich ist
zu fremdenfeindlich und zu militärfromm
paß uns an deine gerechtigkeit an
nicht an die mehrheit
bewahre uns vor der harmoniesucht
und den verbeugungen vor den großen zahlen

Sieh doch wie hungrig wir sind
nach deiner klärung
gib uns lehrerinnen und lehrer
nicht nur showmaster mit einschaltquoten
sie doch wie durstig wir sind
nach deiner orientierung
wie sehr wir wissen wollen was zählt

Verschwistere uns mit denen die keine lobby haben
die ohne arbeit sind und ohne hoffnung
die zu alt sind um noch verwertet zu werden
zu ungeschickt und zu nutzlos

Weisheit gottes zeig uns das glück derer
die lust haben an deinem gesetz
und über deiner weisung murmeln tags und nachts
sie sind wie ein baum
gepflanzt am frischen wasser
der frucht bringt zu seiner zeit

Dorothee Sölle


Aus einem Ökumenischen Gottesdienst beim Aachener Katholikentag 1986

Ein Klagegebet

Gott unsere Mutter

an den Wasserflüssen Babylons sitzen unsere Freunde und weinen
Verschleppte, Vertriebene, Flüchtlinge, die wir Asylanten nennen,
die die Spuren der Angst und des Leidens
und des Heimwehs an ihrem Körper tragen
sitzen sie bei uns in Babylon
wo wir die Türme in den Himmel bauen
und die Tiefflieger aufheulen lassen
zwischen Himmel und Erde
sitzen sie und weinen

Gott unser Vater

auch wir sind nicht ganz zuhause hier in Babylon
zwischen unseren Atomfabriken und Atombomben und Atomherren
auch wir weinen wenn wir an Zion denken
Deine Stadt voller Brunnen mit unverseuchtem Wasser
und voller Gerechtigkeit
auch wir hängen unsere Harfen in den Wind
well wir nicht singen mögen
nicht Deutschland über alles und nicht
Kein schöner Land kommt über unsre Lippen

Gott unser Bruder

du hast die Traurigkeit gekannt
du hast Angst gehabt wie jeder von uns
sogar deine Freunde haben dir Angst gemacht sogar
deine Familie und dein Land
das besetzt war wie unsres
hat dir Angst gemacht
und deine Kirchen haben dir keinen Schutz geboten

Gott du Geist des Mutes

gib, daß wir unsre Traurigkeit leben
ohne aufzuhören dich zu lieben
gib, daß wir mitten in Babylon
die Brunnen lebendigen Wassers suchen
und laß uns nicht verdursten
nach Gerechtigkeit

Gott du Geist der Wahrheit

laß uns ein Stück Gerechtigkeit leben
daß wir die Armen, die uns um eine Wasserleitung bitten
nicht fortschicken
daß wir die Wahrheit sagen wo die Lüge sich breit macht
daß wir denen helfen, die unsre Herren mit Krieg überziehen

Gott meine Schwester

ich weiß nicht ob du mir meine Traurigkeit wegnehmen willst
sie ist so alt wie ich selber
aber ich weiß, daß du die Trauer der anderen
denen das Land genommen wird und die Kinder
mit mir teilen willst

Gib uns ihren Durst nach Gerechtigkeit

und laß uns alle nicht verdursten.

Dorothee Sölle

 

Mehr zu Dorothee Sölle siehe auf der Lebenshaus-Website (Linksammlung unten) sowie unter folgendem Link:

Veröffentlicht am

03. September 2005

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