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Das Blut von Iman al-Hamas

Von Amira Hass, Haaretz, 09.02.2005

Und das Blut von Iman al-Hamas - an wessen Händen klebt es? Mit oder ohne “bestätigtes Töten”, töteten die Soldaten am Giritposten in Rafah in R’s Einheit - mit ihm oder ohne ihn - das 13-jährige Mädchen, das am 15. Oktober 2004 mit der Schultasche am helllichten Tage dort vorbeiging.

Sie versuchte nicht, sich mitten in der Nacht heimlich durchzuschleichen, um Arbeit in Israel zu finden. Irgendwer bei den IDF gab Befehle aus, die Soldaten erlauben, auf Palästinenser zu schießen, die sich mitten auf einem, (oft auf ihrem) Feld in der Nähe eines Militärpostens oder einer Siedlung befinden, die auf diesem Feld gebaut wurde. Auf jeden Fall gab jemand an diesem Tag den Befehl, das Mädchen zu erschießen. Jemand führte den Befehl aus. Ob mit oder ohne Meineid - das Mädchen wird dadurch nicht mehr lebendig. Wie ist es möglich, dass Soldaten einer Armee, die stolz auf ihre Nachtsichtgeräte und auf ihre gute Scharfschützenausrüstung sind - nicht sehen können, dass es sich hier um ein kleines Mädchen gehandelt hat?

Imans Name wurde wegen der Meineide der Soldaten bekannt. Über ihren sinnlosen Tod wurde in den israelischen Medien berichtet, die sehr selten über tote Palästinenser berichten. Es gibt eine lange Liste von palästinensischen Zivilisten, deren Blut nicht in einer Schlacht oder weil sie jemanden gefährdeten vergossen wurde - und dieses ihr Blut verschwand sehr schnell aus unserem Gedächtnis.

Was ist mit dem Blut von Rasmiye Arar? Sie war 37, als sie starb und war Mutter von sieben Kindern. Am 12.Mai 2003 verließ sie ihr Haus in Qaraut Bani Zeid in der Westbank und ging hinüber zu einem Verwandten, Ramez Arar, 17, der im Garten auf einem Hügel stand und IDF-Jeeps beobachtete, die 2 km weit weg waren. Er wurde aus großer Entfernung beschossen und fiel zu Boden. Sie eilte zu ihm und wurde auch erschossen. Mit anderen Worten: sie wurde von Soldaten erschossen.

Fünf Tage später erschossen Soldaten den 11-jährigen Tamer Arar und töteten ihn auch. Die Soldaten marschierten durch das Dorf. Tamer stand auf einem Feld neben dem Haus und aß ein Sandwich. Ja, es stimmt, einige Kinder warfen Steine in Richtung der Soldaten. Aber sie waren nicht in Tamers Nähe. Und warum ist es so klar, dass es in Ordnung ist, Kinder zu töten, die Steine werfen. Die Steine werfenden Kinder rannten offensichtlich weg. Nur der Sandwich essende Junge blieb stehen.

Einen Monat früher wurden zwei andere Mitglieder der Familie Arar von Soldaten getötet. Im Schulhof am Ortseingang eilte ein Erwachsener zu einem verletzten Kind, um ihm zu helfen (ja, auch hier hatten Kinder in die Richtung eines Armeejeeps, der direkt außerhalb des Schulhofes parkte, Steine geworfen) und ein anderes Kind eilte zu dem Erwachsenen, um ihm zu helfen. Wieder zwei Tote.

Eines Tages entschuldigte der IDF-Sprecher all dieses Töten mit der Erklärung, dass das Militär angegriffen worden sei, gab aber zu, dass Rasmiye nicht zu den Angreifern gehörte. Die Dorfbewohner sagten, dass eine neue Einheit in ihrem Dorf sei, die zu “provozieren versuchte”. Monate später enthüllte ein IDF-Offizier gegenüber Haaretz, dass man gegen Soldaten, die sich nicht vorschriftsmäßig benommen hätten, Schritte unternommen hatte. Dies geschah aber ganz still, ohne Öffentlichkeit und Schlagzeilen.

Mahmoud Abbas wurde gestern angewiesen, beim Gipfel nicht zu fragen, an wessen Händen das Blut der Arar-Familie klebt. Von Mohammad Dahlan und Jibril Rajoub erwartet man, dass sie die israelischen Kommandeure nicht danach fragen, wer die Befehle gegeben hat, Zivilisten zu töten, Häuser in die Luft zu jagen, mit Granaten zu feuern. Sie sollten nicht nach den Befehlen fragen, die in den letzten vier Jahren oder während der 1. Intifada, im Libanon, in Qibiye töteten und Tausende palästinensischer Zivilisten verwundeten. Dem palästinensischen Volk ist es nicht erlaubt, ihre Führer zu fragen, warum Besatzungssoldaten und ihre Offiziere, die Zivilisten töteten, nicht verhaftet werden und vor Gericht kommen.

Es ist genau umgekehrt: besetze sie, ihr Land, ihre natürlichen Reserven, nimm ihnen das Leben und - wenn sie Widerstand leisten und Zivilisten oder Soldaten töten - verurteile sie als Kriminelle. Wir geben zu, Zivilisten getötet zu haben, aber der “Krieg” rechtfertigt nicht nur unsere Grausamkeit, er löscht sie auch aus. Andrerseits rechtfertigt der Krieg, d.h. die Besatzung, d.h. der Krieg für die Bewahrung der Beute aus dem 1967-Krieg nicht ihre Grausamkeit und erklärt sie nicht einmal in unseren Augen.

Wenn die Palästinenser Flugzeuge und Panzer hätten, dann wäre ihr Töten steril. Sie würden dies bevorzugen. Dann würden sie - selbst wenn sie jüdische Zivilisten töteten - nicht Mörder mit Blut an den Händen genannt werden, sondern feindliche Soldaten. Und wenn sie gefangen genommen würden, dann würde man sie als Kriegsgefangene betrachten. Wenn die Politiker der Oslo-Abkommen wirklich über Frieden nachgedacht hätten, so wie sie darüber gesprochen haben, dann hätten sie alle Gefangenen entlassen. Aber wenn jene, die wie jetzt wieder nur über Gesten sprechen und nur den Sohn von Marwan Bargouti aus dem Gefängnis entlassen, auch wenn es auf Bitte von Abbas geschieht, dann machen sie mit derselben alten Art und Weise früherer Kolonialherren weiter, die einst den Eingeborenen ein paar Bonbons zuwarfen.

Übersetzt von: Ellen Rohlfs

Veröffentlicht am

18. Februar 2005

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