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Mit seinen Visionen hat er Neues geschaffen und andere angesteckt. Zum Tode von Willi Haller

Am 2. August 2004 ist unser Freund Willi Haller gestorben. Als Lebenshaus Schwäbische Alb e.V. verdanken wir Willi sehr viel. Von ihm, dem früheren Geschäftsführer eines mittelständischen Unternehmens, der nach seinem “Ausstieg” aus der unternehmerischen Verantwortung unter anderem als Buchautor, Referent und Mitbegründer einer Reihe von Alternativprojekten aktiv war, von ihm und seinen Ideen haben wir uns anstecken lassen. Ohne seine Ermutigung, ein Projekt wie das Lebenshaus sozusagen im Spagat zwischen Gottvertrauen und betriebswirtschaftlicher Kalkulation anzugehen, hätten wir vermutlich ein solches nicht initiiert. Nun trauern wir um Willi Haller. Und doch, daran habe ich keine Zweifel, werden seine Gedanken, wird sein Vorbild weiter in uns lebendig bleiben. Seine Energie hat er mit viel überzeugender Ausdruckskraft auf Menschen übertragen, die ihm wirklich zugehört haben. Das trägt Früchte.

Wir veröffentlichen nachfolgend einen Nachruf von Ullrich Hahn, Vorsitzender des Internationalen Versöhnungsbundes - Deutscher Zweig und des Lebenshaus Trossingen. In diesen beiden Organisationen war Willi Haller aktives Mitglied. Daran anschließend veröffentlichen wir nochmals eine Grußbotschaft, welche Willi Haller im Jahr 2003 anlässlich des 10jährigen Jubiläums des Lebenshaus Schwäbische Alb e.V. geschrieben hat (Erstveröffentlichung im Rundbrief Lebenshaus Schwäbische Alb e.V. Nr. 38 vom September 2003). Zwei kurze Zitate aus Willis Buch “Die heilsame Alternative”, die einen weiteren kleinen Einblick in seine Gedanken geben, sollen diese Würdigung abrunden.

Ein weiterer ausführlicher Nachruf von Harald König vom Lebenshaus in Trossingen ist im neuen Rundbrief 42 des Lebenshaus Schwäbische Alb e.V. abgedruckt (“Seine Ideen leben in vielen anderen Menschen weiter. Zum Tode von Willi Haller”). Der Rundbrief kann kostenlos angefordert werden unter info@lebenshaus-alb.de .

(Michael Schmid)

Es gab für ihn keinen Plan, mit dessen Verwirklichung nicht sofort im Kleinen begonnen werden konnte

Nachruf von Ullrich Hahn auf Willi Haller (25.07.1935 - 02.08.2004)

Ein Modellbauer ist er gewesen, ein Zimmermann auf der Baustelle für die Stadt auf dem Berg. Einer, der nicht nur den Bauplan kennt, sondern sowohl die Vorstellungskraft als auch das Handwerkszeug besitzt, nach diesem Plan etwas Neues zu schaffen.

Im bürgerlichen Beruf war er Industriekaufmann. Für eine schwäbische Fabrik seines Heimatortes Aldingen hat er zunächst Maschinen verkauft, u.a. in den USA, wo er mit seiner Familie für mehrere Jahre lebte. In der englischen Sprache pflegte er seine internationalen Kontakte; seine ausgeprägte schwäbische Muttersprache war nördlich der Mainlinie oft nur - wenn überhaupt - in Verbindung mit seiner lebhaften Ausdrucksweise zu verstehen. In Fernsehbeiträgen mit und über Willi Haller wurde manchmal erwogen, seine Originalbeiträge mit hochdeutschen Untertiteln zu versehen.

Sein praktischer Blick für wirtschaftliche Zusammenhänge brachte ihn während seiner kaufmännischen Tätigkeit auf Überlegungen zur flexiblen Arbeitszeitgestaltung. Ende der 60er Jahre führte er in Deutschland den Gedanken der Gleitzeit ein, gründete ein eigenes Unternehmen für Arbeitszeiterfassung und entwickelte für die Industrie neue Arbeitszeitmodelle.

Mitte der 70er Jahre ist er dann aus der Industrie ganz ausgestiegen und hat seither nur soziale und alternative Einrichtungen bezüglich der Arbeitszeitgestaltung beraten. Entgegen seiner Erwartung hatten seine Arbeitszeitmodelle in der Industrie zwar zu mehr individueller Gestaltungsfreiheit, aber insgesamt nicht zu einer Humanisierung der Arbeitswelt beigetragen, sondern eher zu einer Verdichtung der Arbeit und damit zur höheren Produktivität für die Unternehmen.

Gegen die zunehmende Arbeitslosigkeit propagierte Willi stattdessen neue Modelle der Arbeitsteilung, etwa das Modell des Sabbatjahres, und entwickelte zusammen mit Arbeitslosen-Initiativen neue Beschäftigungsmöglichkeiten.

In diese Zeit fällt auch sein Beitritt zum Versöhnungsbund. In der Regionalgruppe Schwarzwald-Baar-Heuberg fand er seit 1977 ein regelmäßiges Forum nicht nur für seine wirtschaftsethischen Überlegungen, sondern auch für die dahinter stehende theologische Überzeugung, wonach das Volk Gottes auf dieser Erde die Aufgabe hat, für die von Gott gewollte Ordnung dadurch zu werben, dass es sie vorlebt in praktischer Verwirklichung sozialer Gerechtigkeit.

Willi glaubte nicht an christliche Dogmen, aber an den messianischen Weg Jesu, an die Ausstrahlungskraft einer in seinem Geist lebenden Minderheit, an die Notwendigkeit Gemeinschaften in diesem Geist zu gründen.

Willi dachte einerseits global; er empfand sich als Weltbürger und stellte entsprechend auch bei der zuständigen Staatsangehörigkeitsbehörde des Landratsamtes Tuttlingen den Antrag auf Entlassung aus der deutschen Staatsangehörigkeit.

Andererseits wirkte er mit seiner ganzen Kraft in lokalen Initiativen mit, so bei der Gründung des Lebenshauses Trossingen als einem Modell, in dem die für ihn wesentlichen Kriterien zeitgemäßer Gemeinschaft ausprobiert werden sollten: Die Geborgenheit, die individuelle Freiheit, die soziale und die politische Verantwortung.

Seine Idee war es auch, die soziale und politische Aufgabe des Lebenshauses ein paar Jahre später zu ergänzen durch das Nudelhaus Trossingen, um dort Arbeitsplätze für leistungsgeminderte Menschen zu schaffen.

Im Versöhnungsbund setzte er sich schon früh vehement für zinsfreie Geldrücklagen ein; mehrfach referierte er auf den Jahrestagungen zu wirtschaftspolitischen Themen. Viele alternative Betriebe und Lebensgemeinschaften innerhalb und außerhalb des Versöhnungsbundes erhielten von ihm Unterstützung und Anregung. Leicht verständlich dargelegt hat er seine Ideen und Erfahrungen in den Büchern “Die heilsame Alternative. Jesuanische Ethik in Wirtschaft und Politik” und “Ohne Macht und Mandat. Der messianische Weg in Wirtschaft und Sozialem”.

In den letzten Jahren ließ seine Schaffenskraft krankheitsbedingt nach. Schwer getroffen hat ihn der tödliche Bergunfall seines ältesten Sohnes im Juli 2003 in den peruanischen Anden. Wenige Wochen nach dieser schlimmen Nachricht stellten die Ärzte bei ihm einen Schilddrüsenkrebs fest, der operiert und bestrahlt werden musste. Eine Metastase im Gehirn führte dann zur Halbseitenlähmung und vorzeitiger Pflegebedürftigkeit.

Seinen 69.Geburtstag konnte er noch im Rollstuhl sitzend in großer Runde seiner Familie und dem Freundeskreis aus Versöhnungsbund und Lebenshaus feiern. Mit schwacher und kaum noch hörbarer Stimme beteiligte er sich geistig vollkommen wach an unserer Diskussion über neue Finanzierungsmöglichkeiten für die örtliche freie Waldorfschule aus der Kaufkraft der betroffenen Elternhäuser.

Die Ansteckungskraft seiner Visionen hatte viel zu tun mit seiner nur selten erschöpften Heiterkeit und mit der festen Erdung aller seiner Ideen: Es gab für ihn keinen Plan, mit dessen Verwirklichung nicht sofort im Kleinen begonnen werden konnte.

Ein neues Gebäude in der großen “Stadt auf dem Berg” bedurfte für ihn nur zweierlei: Einer sorgfältigen kaufmännischen Buchführung mit dem Wissen um unsere eigenen begrenzten Möglichkeiten und einem tiefen Vertrauen auf Gott, der fortzuführen versteht, wo die eigene Kraft am Ende ist.


Anlässlich des 10jährigen Jubiläums des Lebenshaus Schwäbische Alb e.V. im Jahr 2004 hat Willi Haller nachfolgende Grußbotschaft geschickt (vgl. Rundbrief Lebenshaus Schwäbische Alb e.V. Nr. 38 vom September 2003), die wir hier nochmals veröffentlichen.

Die Pioniergesellschaft

Es ist meine Überzeugung, dass die biblische Tradition des Gottesvolks heute (meist unbewusst) von einer “einsichtigen Minderheit” fortgeführt und getragen wird, wobei es nebensächlich ist, ob diese religiöse Wurzeln hat oder nicht (ich persönlich würde sie bedauern, wenn sie keine hat, weil dann sicher alles ungleich schwieriger wird). Das in der abendländischen Tradition für die politische Wirksamkeit übliche Mehrheitsdenken wird in dieser Tradition, die offensichtlich auch für Jesus maßgeblich war, auf den Kopf gestellt: Mit Bildern wie Licht, Salz, Sauerteig, Stadt auf dem Berg ist wie mit der Vorstellung vom Gottesvolk von winzigen Minderheiten die Rede, die letztlich entsprechend dieser Überlieferung die Welt verändern. Diese Minderheit wird zum Vehikel, auf dem - jetzt wieder religiös ausgedrückt - Gott seine Ideen in die Welt einbringt und diese schließlich - eigentlich vor allem durch Nachahmung - Wirklichkeit werden. Das wird also nicht von den großen politischen Mehrheiten erwartet.

Für diese “einsichtige Minderheit” geht es heute darum, die Grenzen des Individualismus aufzuzeigen und Solidargemeinschaften zu entwickeln, in denen der heutige Mensch Freiheit und Geborgenheit, zwei seiner Grundbedürfnisse, zu erleben vermag. Das ist es, was mit den Lebenshäusern versucht wird. Natürlich sind das nicht die einzigen gültigen Versuche. Es mag durchaus viele Wege dafür geben, aber sie stellen durchaus einen gültigen Versuch dar.

Und Gammertingen gehört ohne Zweifel dazu.

Außerordentlich erfreulich ist, dass die verschiedenen Lebenshäuser und ähnliche Gemeinschaften, die sich in den zurückliegenden Jahren gebildet haben, sehr unterschiedliche Schwerpunkte haben. So hat sich Gammertingen, geprägt vor allem durch Michael Schmid und Katrin Warnatzsch stärker als die anderen Einrichtungen dieser Art zum einen auf die Gewaltfrage und den damit verbundenen Rüstungswahnsinn konzentriert und zum anderen auf die Integration der aus aller Welt nach Deutschland kommenden Flüchtlinge, also um die Solidarität mit den Fremden. “Lasst viele Blumen blühen.” Dieser Satz wird Mao Tse Tung zugeschrieben. Für Gammertingen heißt dies - richtigerweise - Friedensarbeit und Flüchtlingsarbeit.

Dass damit auch die Frage der Gerechtigkeit - vor allem der Gerechtigkeit in der weltweiten Wirtschaft - und die Frage nach dem Geld und seiner Vermehrung durch Zins und Zinseszins sowie die Frage nach dem Eigentum aufgeworfen wird, versteht sich von selbst.

Und nun wird in Gammertingen das zehnjährige Jubiläum gefeiert. Das ist wirklich Grund zum Jubeln, wissen wir doch alle von dem Auf und Ab der zurückliegenden Jahre, und an einer Hoffnung und einer Vision aller Schwierigkeiten und Hindernisse zum Trotz festzuhalten, das gilt es tatsächlich zu feiern natürlich nicht nur für Michael und Katrin sondern für alle Freunde von nah und fern, die dieses Projekt stützen und tragen. Herzlichen Glückwunsch!
Willi Haller (vom Lebenshaus in Trossingen)


Zitate aus Willi Hallers Buch “Die heilsame Alternative”, Wuppertal 1989

  • “Der Zins ist die große Droge, von der zu viele von uns abhängig sind, die große Nuckelflasche, ohne die sie nicht leben können, auch wenn alle, die das kleine ABC der Volkswirtschaft kennen, wissen müssen, womit die Flasche vor allem gefüllt ist, nämlich mit der Mühsal und der Not der Armen.”
  • “Wer über mehr Geldmittel verfügt, als zur Finanzierung seines Lebensunterhalts erforderlich sind, entscheidet letztlich durch die Verfügung über diese Mittel als Leih- oder Schenkgeld für andere darüber, welche Impulse aus dem Reich des Geistes konkrete Wirklichkeit zu werden vermögen. Dieses Geld bestimmt - um biblische Begriffe zu gebrauchen - welches Wort bei uns Fleisch zu werden vermag, das Wort der Ausplünderung, der Ausbeutung, der Zerstörung, der Habgier und des Hasses oder das Wort der Gerechtigkeit, der Barmherzigkeit, der Solidarität und der Liebe.
  • “Wir müssen begreifen, dass Geldvermögen - ob viel oder wenig - eine aus nicht konsumierten Früchten der Arbeit destillierte und gespeicherte Energie ist und dass diese Energie den Treibstoff für die Verwirklichung menschlicher Ideen - ob gut oder schlecht - liefert. Ohne diesen Treibstoff bleiben diese Ideen einer Traumwelt verhaftet. Der Eigentümer des Treibstoffs trägt also eine ungeheure Verantwortung, die sogar noch weiter reicht als die Verantwortung bei der Wahl des richtigen Worts bei unseren Gesprächen und Reden.”

Veröffentlicht am

01. September 2004

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