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Ein Refusenik schreibt über Rachel Corrie

Von David Zonsheine - ZNet 25.03.2004

David Zonsheine ist Software-Entwickler und Vorsitzender/ Mitbegründer von ‘Courage to Refuse’ (www.seruv.org.il). ‘Courage to Refuse’ (Mut zur Verweigerung) ist eine israelische Bewegung, in der sich Combat-Offiziere zusammengeschlossen haben, die sich weigern, in den besetzten Gebieten Dienst zu tun.

Am 16. März vor einem Jahr wurde Rachel Corrie getötet - durch einen Bulldozer, der in Rafah, im Gazastreifen, ein Haus niederreißen wollte. Für einen Ausländer mag sich das wie ein tödlicher Unfall anhören, bei dem die engagierte Friedensaktivistin Rachel versehentlich zu Tode kam - im Rahmen einer israelischen Antiterror-Aktion. Ich bin ein erfahrener Offizier der israelischen Armee (IDF), ich weiß, Häuserdemolierungen haben nichts mit dem Kampf gegen Terror zu tun.

Bevor ich mich weigerte, Militärdienst in den Besetzten Gebieten zu leisten, habe ich zweimal im Gazastreifen Dienst getan. Das erste Mal war 1994 - in der Nacht nach dem Hebron-Massaker von Baruch Goldstein, bei dem 29 unschuldige Palästinenser während ihres Gebets ermordet wurden. In jener Nacht wurde mein Bataillon nach Gaza abkommandiert. Unsere Aufgabe war es, nach dem Massaker mögliche Unruhen zu unterdrücken. In der Nacht, als wir ankamen, hatte das Bataillon vor Ort - das Bataillon, das wir unterstützen sollten -, schon mehr als 15 Palästinenser getötet.

Am nächsten Morgen gingen wir auf Patrouille, um im Viertel Sheikh Radwan die Ausgangssperre durchzusetzen. Wir kamen an den (Trauer-)Unterständen vorbei, die neben den Häusern der Toten der letzten Nacht errichtet worden waren. Bei jedem Unterstand kam es zu Aufruhr. Die Instruktionen, die wir hatten, waren klar - als neue Kompanie (vor Ort) mussten wir die alte Kompanie hinzuziehen, um den Aufruhr zu stoppen. Innerhalb von 2 Minuten kamen 3 Jeeps an. Mit vollem Tempo und beschleunigend preschten sie in die Menschenmenge. Unser Glaube, wir hätten die Gerechtigkeit auf unserer Seite sowie unser totales Vertrauen in unsere Kommandeure machten uns blind. Das war 1994. Damals gab es keine explodierenden Busse, keine Selbstmordbomber - nur die ganz normale, alltägliche Besatzung.

Das zweite Mal, als ich in Gaza war, war vor zwei Jahren. Ich war Platoon-Kommandeur (Zugführer) nahe Gush Katif. Bei Gush Katif handelt es sich um den größten (jüdischen) Siedlungsblock im Gazastreifen. Hier leben einige wenige tausend (jüdische) Siedler zwischen einer palästinensischen Bevölkerung von 1,2 Millionen.

Als IDF-Offizier habe ich damals zum ersten Mal in meinem Leben miterlebt, was es wirklich heißt, wenn die Regierung davon spricht, “eine Region” für die Sicherheit “übersichtlich” zu machen. Die bebaute Gegend zu beiden Seiten der Straße von Gush Katif war dem Erdboden gleichgemacht. Es sah aus wie in der Wüste. Hunderte palästinensische Familien, tausende Menschen also, hatten ihr Heim verloren. In so einem Moment fängt man an zu begreifen, was hinter dem Ausdruck steckt: “Übersichtlich” machen - ein Euphemismus für die Zerstörung palästinensischer Heime. Rachel Corrie hat versucht, diese Katastrophe zu stoppen und schaffte es nicht.

Vier Wochen habe ich damals meine guten Soldaten in Missionen geführt, die nichts mit der Sicherheit Israels zu tun hatten - eher schon mit der Aufrechterhaltung der Okkupation. Wir stoppten den Terrorismus nicht - wir schufen ihn. Aber es macht erst klick, wenn nach der letzten Gewehrsalve, nach dem morgentlichen “Übersichtlichmachen”, den nächtlichen Hinterhalten, ein Moment der Stille einkehrt, wenn man innehält und für einen Augenblick zum Nachdenken kommt. Du bist allein - ohne deine Frau, deine Freunde, deine Eltern - du bist ganz auf dich gestellt.

Dann fängst du an, dich zu fragen, wofür kämpfst du eigentlich - wenn dir die moralische Grundlage für deinen Kampf abhanden gekommen ist und du so ziemlich alles machen kannst, bis du nicht mehr weißt, wann die rote Linie überschritten ist? Gibt es überhaupt noch sowas wie eine rote Linie? Nach zwei Jahren des Nachdenkens und vielen schlaflosen Nächten drängte sich mir der unausweichliche Schluss auf: Zionismus - das ist nicht, was die Fanatiker daraus machen. Zionismus hat nichts mit Besatzung zu tun. Beim Zionismus geht es darum, eine sichere, international anerkannte Heimstatt für das jüdische Volk zu schaffen.

Rachel Corrie wurde getötet - sie starb ein Jahr, nachdem ich mich geweigert hatte, in Rafah beziehungsweise im Rest der Besetzten Gebiete Dienst zu leisten. Ihr Tod hat mich wieder an jene Gründe erinnert, die mich - und ich bin ein leidenschaftlicher Zionistischer Offizier - die Entscheidung treffen ließen, meinem Land zwar in seinen international anerkannten Grenzen zu dienen, den Dienst für die Okkupation jedoch zu verweigern.

Quelle: ZNet Deutschland vom 30.03.2004. Übersetzt von: Andrea Noll. Orginalartikel: “Rachel Corrie from a Refusenik”

Veröffentlicht am

30. März 2004

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