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Dorothee Sölle - Gotteslehrerin und Prophetin

Von Willy Spieler - Redakteur von “Neue Wege. Zeitschrift des Religiösen Sozialismus” (NW).

Noch wenige Stunden vor ihrem Tod am 27. April leitete Dorothee Sölle zusammen mit Fulbert Steffensky eine Tagung zum Thema: “Gott und das Glück”. Es war in Bad Boll, dem Ort, wo Christoph Blumhardt (1184 2-19:19) gewirkt und die Reich-Gottes-Botschaft des Religiösen Sozialismus verkündigt hatte. “Gott” ist das Lebensthema der Verstorbenen. Aber nicht auf die Weise der Schriftgelehrten, sondern in der Nachfolge der Prophetinnen und Propheten, in der Reihe der Dichterinnen und Dichter auch. Die Zunft der “Theologen und Theolunken ” macht es ihr nicht leicht. “Schriftstellerin” war die Berufsbezeichnung, die sie immer mehr für ihr Schaffen wählte. Dennoch blieb Dorothee Sölle die Gotteslehrerin, die es vielen von uns wieder möglich machte, “Gott” zu sagen und seinen Namen nicht als Entfremdung, sondern als Befreiung zu erfahren. Dieser Gott war nicht “tot”, sondern allenfalls “rot”, keine “Göttin” zwar, aber eine “Freundin” auf dem Weg der Gerechtigkeit, des Friedens und der Bewahrung der Schöpfung.

“Gotteshunger”

“Man muss vielleicht eine Art Hunger nach Gott haben. Wenn dieser Hunger wegfällt durch Überfrass von allem möglichen Quatsch, dann zerstören wir damit eben auch unsere Lebensaufmerksamkeit.” Dorothee Sölle sagte es im “Neue Wege”-Gespräch (1/02), das wir mit ihr und Fulbert Steffensky - dem “mit mir verheirateten Mann”, wie sie sich ausdrückte - führen durften. Hunger nach Gott? Generationen verspürten gegenüber Gott eher Angst als Hunger. Er war der Allmächtige, der den Menschen befahl, individuelle Schicksalsschläge, aber auch kollektives Unrecht, Krieg und Elend als seine “Prüfung” oder “Fügung” hinzunehmen und “dadurch in den Himmel zu kommen”.

Diesen Gott galt es im Sinne Rudolf Bultmanns zu “entmythologisieren”. Für Dorothee Sölle hatte er sich freilich in Auschwitz schon selbst “entmythologisiert”. Konzis wie in einem Testament schrieb sie für die letzten “boldern! texte ” (unter dem Datum vom 24. Mai 2003), was eine “Theologie nach Auschwitz” bedeutet: “Ich konnte, religiös gesprochen, mit dem ?Herrn, der alles so herrlich regieret’, nicht das Geringste anfangen. Hätte er nicht die Züge, die voller Juden nach Osten rollten, stoppen können?! Heute glaube ich, dass Gott uns alle braucht, um wirklich gute Macht zu haben.”

Dorothee Sölle hat, ausgehend von der Liebe Gottes, die göttlichen Attribute neu buchstabiert. Wenn Gott Liebe ist, kann Allmacht nicht sein Wesensmerkmal sein. Die Leiden und Schreie der Unterdrückten lassen ihn nicht kalt, sondern machen ihn zu einem leidenden, einem mitleidenden Gott. Der “Gott”, den Sölle für tot erklärt, ist das Omnipotenzphantom, das “alles regieret”, wenn auch ganz und gar nicht “so herrlich”, wie da in unredlicher Weise gesungen wird.

Als die grosse Liebende, die sie war, hat Dorothee Sölle die Zärtlichkeit Gottes besungen und damit ihrer eigenen Zärtlichkeit Ausdruck gegeben. Sie nannte das “Theopoesie”. Gott wird damit nicht verniedlicht und verharmlost. “If God is only nice, she isn’t God”, sagt Dorothee Sölle in einem anderen Gespräch, das Erwin Koller mit ihr führte (NW 1/2000). Dorothee Sölle hat Gott immer mehr in der Weise einer Mystikerin erfahren, offen für Begegnungen an unerwarteter Stelle und “ohn’ Warum”. “Gott im Müll” heisst ein kleines 1992 veröffentlichtes Buch, das Sölle “eine andere Entdeckung Lateinamerikas” nannte.

Und was heisst, “dass Gott uns braucht”? Im Gespräch mit Erwin Koller sagte sie: “Wenn ich Gott liebe, dann kann ich ihm manchmal auch Wärme spenden. Wenn ich diese Welt ansehe, dann muss ihm ja kalt werden. Gott braucht auch unsere Wärme.” Wenn er die nicht bekommt, dann muss er scheitern, wie damals in Auschwitz: “Dieser Gott, der so allein war in Deutschland, der so wenige Freundinnen und Freunde hatte, der konnte nichts machen. Die Liebe ist nicht allmächtig. Dieser Begriff der Allmacht ist im Gegenteil zerstörerisch.”

“Gott hat nur unsere Hände”, war Sölle überzeugt. Die Ketzerei in fromm entfremdeten Ohren hat eine gewichtige Patronin, die es genau so sagte: die Mystikerin Teresa von Avila.

Die Feministin mochte Gott nicht als “Göttin” ansprechen, der Begriff war ihr zu “altertümlich”. Mit “Gott” als “Freundin der Menschen” konnte sie jedoch ein Gedicht beginnen. Feministisch war für Dorothee Sölle vor allem der Begriff der “guten Macht”, in der sie eine “weibliche Grunderfahrung” sah. “Gute Macht ist Macht, die andere stark macht. ” Für feministisch hielt sie noch einen anderen Grundbegriff: “die Gegenseitigkeit jeder Beziehung”, die, übertragen auf die Gottesliebe, eben heisst, dass nicht nur die Menschen Gott brauchen, sondern dass auch Gott die Menschen braucht (Junge Kirche 3/01).

Die Theologen haben Gott nur verschieden interpretiert, es kommt darauf an, ihn - und uns - zu verändern. Mit dem Ende des Macht- und Herrschaftsgottes müssen auch die Macht- und Herrschaftsverhältnisse dieser Erde ein Ende haben. Gott kommt in freien, mündigen, unentfremdeten Menschen zu sich selbst. So führt Sölles Entmythologisierung mit Bultmann über Bultmann hinaus. So wird “Gotteshunger” zum Verlangen nach einer besseren Welt. In unseren Geschichten von gelingendem Leben schreiben wir darum auch die Offenbarung fort. “Die Befreiungstheologie nennt es ?die Bibel weiterschreiben’, was hundertmal mehr wert ist als die gesamte Exegese mit ihren Schlauheiten” (NW 1/02).

Christin für den Sozialismus

In einem Beitrag über “Radikalität” steht der Satz: “Die grossen Themen der mystischen Radikalen waren Besitz und Besitzlosigkeit, Gewalt und Gewaltlosigkeit, Ich und Ichlosigkeit” (NW 20/94). Dass diese Radikalität nicht im Individualethischen verharren darf, war Dorothee Sölles Überzeugung. Auch Nächstenliebe mag noch so radikal sein, sie bleibt eine halbe Sache, wenn sie die herrschenden Verhältnisse nicht in Frage stellt, ja bekämpft. In der Einleitung zum Bändchen “Christen für den Sozialismus” schrieb unsere Freundin 1975 “Der gründlich Barmherzige wird auf jeden Fall eines Tages auf Granit beissen - auf die Eigentums- und Sozialstrukturen der Gesellschaft”.

Dorothee Sölle hat darum mit der Gottesfrage auch die Sozialismus frage verbunden. Sie schrieb den damals viel gelästerten Satz: “Ist der radikalkritische und zugleich neue Möglichkeiten der Befreiung eröffnende Gehalt des Satzes ?Gott ist tot’ verstanden, so ist der Weg zu ?Gott ist rot’ nicht mehr weit.” Der Satz mag etwas salopp dahergekommen sein, aber im Kern sagt er, was Sache (Gottes) ist: Gott will, dass die Menschen Subjekte ihrer Befreiung werden. Er ist darum auch mit jenen, die für diese Befreiung eintreten.

Inzwischen sind die verbliebenen Sozialisten und Sozialistinnen in Europa winzige Grüppchen geworden, erst recht die “Christen und Christinnen für den Sozialismus”. “Aber”, sagte Dorothee Sölle in unserem NW-Gespräch, “ich plädiere nach wie vor für Gerechtigkeit und nicht nur für Fairness”. “Gerechtigkeit” sei einer der Namen Gottes in der hebräischen Bibel, den sie “auf keinen Fall aufgeben” möchte.

Zuwider war ihr der Winner-Satz der Margret Thatcher, wonach es zum System der neoliberalen Profitmaximierung “keine Alternative” gebe. “There ist no alternative” (TINA). Sölle sprach am 18. November 2001 bei einem Politischen Nachtgebet in Hamburg vom “TINAsyndrom” und meinte: “An dieser Krankheit leiden wir alle, dieses alternativlose Denken beschädigt uns mehr als unsere vielen Hautallergien.” Sie stellte sich hinter globalisierungskritische Bewegungen wie Attac. Da sah sie genau die Alternative am Werden, die es nach der neoliberalen Ideologie nicht geben dürfte. “The world is not for sale” - dieser “wunderbare einfache Satz” stehe “in Übereinstimmung mit der jüdisch-christlichen Tradition”.

“Mystik und Widerstand” heisst nicht nur das 1997 erschienene Hauptwerk von Dorothee Sölle, beides gehörte auch in ihrem Leben zusammen. In einem ihrer letzten Interviews sagte sie gegenüber der Kipa, “dass aus dem Nach-innen-Gehen eine Stärkung erwächst, die uns in Beziehung setzt zu dieser Erde und uns Kraft gibt, Veränderungen zu bewirken”.

Kämpferin für den Frieden

“Auschwitz war nicht mit Auschwitz zu Ende. Das war die Lektion.” Der Vietnamkrieg machte Dorothee Sölle zur Pazifistin, die sie ein Leben lang geblieben ist: von der damaligen Protestbewegung über die Sitzblockade gegen die Stationierung von Mittelstreckenraketen in Mutlangen bis zum entschiedenen Nein gegen den Irakkrieg. Unter dem Motto “Vietnam ist Golgatha” entstanden die ersten Politischen Nachtgebete. “Die Bomben fallen jetzt” sagte sie in einer Rede auf dem Evangelischen Kirchentag 1981: “Die Aufrüstung ist nicht die Vorbereitung auf einen militärischen Konflikt in der Zukunft, sondern sie ist der Krieg, den der Norden gegen den Süden führt. Die Bomben, die wir hier produzieren, fallen jetzt. Auf die Armen” (NW 10/81).

Schon vor 20 Jahren warnte Dorothee Sölle vor jener totalitären Religion in Nordamerika, die heute an der Macht ist. Sie sprach von “Christo faschismus” und meinte damit die “christliche” Verbrämung eines kapitalistischen Systems, das mit Mord, Ausbeutung, Zerstörung einhergeht. Die harten Worte sind einem Referat in der Zürcher Predigerkirche zu entnehmen, dem unsere Freundin bereits den Titel “Mystik und Widerstand” gab (NW 10/83).

Ihr letzter Widerstand galt dieser “Pax americana”. Wie der Kaiser zu Zeiten der “Pax Romana” verlange Bush jun. “absoluten Gehorsam und unbedingte Solidarität, um den wachsenden Wohlstand der Reichen in seinem Land zu sichern”. Der Terroranschlag vom 11. September 2001 sei “das Beste, was diesem Kaiser passieren konnte”. Nun fühle er sich “ermächtigt”, im Namen des Guten gegen das Böse loszuschlagen. So protestierte sie an einem Aktionstag gegen den Irakkrieg im Oktober letzten Jahres und fuhr fort: “Das Imperium braucht Öl. Und es braucht nicht mehr Verbündete, sondern Vasallen, die zur Verfügung stehen. Wir Europäer sollten uns nicht dazu machen lassen. Verbündet sind wir mit denen, die gegen Bush und Co. aufstehen.”

Dorothee Sölle hat ihren letzten Vortrag in Bad Boll mit den Worten geschlossen: “Ich wünsche mir, dass diese Erde bleibt. Ob ich darin vorkomme, ist mir nicht wichtig.” Aber für diese Erde ist es wichtig, dass Menschen da sind, die im Sinne Dorothee Sölles “nach innen gehen”, kämpfen und lieben.

Quelle: “Neue Wege. Zeitschrift des Religiösen Sozialismus” , Nr. 6/2003. 97 Jahrgang. Zürich.

Wir veröffentlichen diesen Text mit freundlicher Genehmigung von Willy Spieler, Autor des Artikels und Redakteur von “Neue Wege”. Vielen Dank!

Veröffentlicht am

08. Juli 2003

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