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King: “Jenseits von Vietnam”

Am 4. April 1967, genau ein Jahr vor seiner Ermordung, hielt Martin Luther King in der New Yorker Riverside Church in einer eindrucksvollen Rede ein glühendes Plädoyer gegen den Vietnamkrieg. In dieser Rede, die später auch unter dem Titel "Beyond Vietnam" - "Jenseits von Vietnam" veröffentlicht wurde, klagte King seine Regierung als "die größte Gewaltausüberin in der heutigen Welt" an. Angesichts der Kriegspolitik der USA, weltweiter Kriege und steigender Rüstungsausgaben gilt die Kritik Martin Luther Kings heute mehr denn je. Wir dokumentieren Kings Rede nachfolgend in deutscher Übersetzung.

"Jenseits von Vietnam"

Martin Luther King - Ansprache in der Riverside Church in New York City am 4. April 1967.

Ich bin heute Abend in diese wunderschöne Kirche gekommen, weil mein Gewissen mir keine andere Wahl lässt. Ich bin zu Ihnen in diese Versammlung gekommen, weil ich mich in tiefster Übereinstimmung mit den Zielen und der Arbeit der Organisation "Geistliche und Laien in Sorge um Vietnam" weiß, die uns hier zusammengebracht hat. Die vor kurzem veröffentlichte Erklärung Ihres Leitungsausschusses gibt die Empfindungen meines eigenen Herzens wieder, und ich konnte voll und ganz zustimmen, als ich die Worte las, mit denen die Erklärung beginnt: "Es kann eine Zeit kommen, in der Schweigen Verrat bedeutet. Diese Zeit ist für uns mit der Vietnam-Frage gekommen." …

… Einige von uns, die schon begonnen haben, das Schweigen der Nacht zu durchbrechen, mussten feststellen, dass die Verpflichtung zum Sprechen oft sehr qualvoll ist - doch sprechen müssen wir. Wir müssen sprechen in all der Demut, die unserer begrenzten Erkenntnis entspricht, aber wir müssen sprechen. Und wir müssen zugleich darüber froh sein, denn sicherlich geschieht es jetzt zum ersten Mal in der Geschichte unserer Nation, dass eine beachtliche Anzahl ihrer religiösen Führer sich entschlossen hat, die Sprache eines sanften Patriotismus zu überwinden und ihren ernsten Einspruch zu formulieren, der sich auf die Gebote des Gewissens und die Erkenntnis der Geschichte gründet.

Während der letzten zwei Jahre, in denen ich versucht habe, den Verrat meines eigenen Schweigens zu durchbrechen und von dem zu sprechen, was in meinem Herzen brennt, indem ich zu einer radikalen Abkehr von der Zerstörung Vietnams aufrief, haben mich viele Menschen gefragt, ob mein Weg wohl weise sei. Hinter ihren Bedenken zeichnete sich oft unüberhörbar und gewichtig die Frage ab: Warum sprechen gerade Sie, Dr. King, über den Krieg? Warum gesellen gerade Sie sich zu den Stimmen der Opposition? Die Frage des Friedens und die Frage der Bürgerrechte sind verschiedene Dinge, sagen diese Leute. Sie fragen: Schaden Sie nicht Ihrer eigenen Sache? Und wenn ich sie so reden höre, verstehe ich oft genug den Anlass ihrer Sorge, werde dann aber doch traurig, denn solche Fragen zeigen, dass die Fragesteller mich und meine Verpflichtung gar nicht wirklich kennen. Ja, ihre Fragen zeigen, dass sie die Welt, in der sie leben, noch gar nicht erkannt haben.

Im Licht solch tragischen Missverstehens halte ich es für sehr wichtig, ganz klar und, wie ich hoffe, verständlich darzulegen, warum ich glaube, dass der Weg von der Dexter Avenue Baptist Church, der Kirche in Montgomery, Alabama, in der ich meinen Dienst als Pfarrer begann, eindeutig in diese Kirche am heutigen Abend führt.

Ich bin heute Abend hierher gekommen, um eine leidenschaftliche Bitte an meine geliebte Nation zu richten. Diese Ansprache wendet sich also nicht an Hanoi oder an die Nationale Befreiungsfront, auch nicht an China oder Russland.

Sie stellt auch keinen Versuch dar, die Zweideutigkeit der Gesamtsituation und die Notwendigkeit einer gemeinsamen Lösung im Hinblick auf die Tragödie Vietnams zu übersehen. Erst recht stellt sie keinen Versuch dar, aus Nordvietnam und der Nationalen Befreiungsfront Tugendbeispiele zu machen. Die Rolle, die beide bei einer erfolgreichen Lösung des Problems spielen können, soll ebenfalls nicht übersehen werden. Wenn sie auch beide gewichtige Gründe haben mögen, den guten Absichten der USA zu misstrauen, so liefert doch die Geschichte ein beredtes Zeugnis dafür, dass Konflikte ohne vertrauensvolle gegenseitige Zugeständnisse nicht gelöst werden können.

Heute Abend jedoch möchte ich nicht zu Hanoi und der Nationalen Befreiungsfront sprechen, sondern zu meinen amerikanischen Mitbürgern, die - wie auch ich - eine besonders große Verantwortung für die Beendigung eines Konflikts haben, der in beiden Kontinenten schon einen hohen Preis gefordert hat.

Da ich von Beruf ein Prediger bin, wird es nicht überraschen, dass es für mich mehrere Gründe gibt, die Vietnam als Teil meiner moralischen Vision der Weltgesellschaft erscheinen lassen. Es gibt zunächst eine ganz eindeutige und leicht zu erkennende Verbindung zwischen dem Krieg in Vietnam und dem Kampf, den ich und andere hier in Amerika führen. Vor einigen Jahren gab es einen glanzvollen Augenblick in diesem Kampf. Es sah so aus, als ob mit dem Anti-Poverty-Programm für die Armen, die Schwarzen wie die Weißen, das Versprechen einer echten Hoffnung gegeben war. Es gab Versuche, Hoffnungen, neue Anfänge. Dann kam der Ausbau des Kampfes in Vietnam, und ich sah, wie die Pläne zerbrachen und verächtlich gemacht wurden, zur Bedeutungslosigkeit verdammt wurden, als ob sie nur das politische Spielzeug einer durch den Krieg verrückt gewordenen Gesellschaft seien, und da wusste ich, dass Amerika niemals die notwendigen Mittel und Kräfte zur Einbürgerung seiner armen Bürger aufbringen würde, solange Abenteuer, wie das vietnamesische, weiterhin Menschen, Fähigkeiten und Geld wie ein zerstörerisch dämonisches Saugrohr an sich ziehen. So wurde ich mehr und mehr gezwungen, den Krieg als den Feind der Armen anzusehen und diesen Feind zu bekämpfen.

Meine Erschütterung durch die Erkenntnis der Wirklichkeit wuchs, als ich sah, dass der Krieg viel mehr tat, als nur die Hoffnungen der Armen im eigenen Land zu zerstören. Er schickte ihre Söhne und ihre Brüder und ihre Ehemänner zum Kämpfen und zum Sterben, und zwar in einer unverhältnismäßig hohen Zahl im Vergleich zu dem Rest der Bevölkerung. Wir nahmen die schwarzen jungen Männer, denen unsere Gesellschaft das Lebensrecht versagte, und sandten sie 8000 Meilen weit weg, um die Freiheiten in Südostasien zu sichern, die sie in Südwest-Georgia und East-Harlem nicht gefunden hatten. So wurden wir immer wieder mit der grausamen Ironie konfrontiert, Schwarze und Weiße beobachten zu müssen, wie sie gemeinsam töten und sterben für eine Nation, die es nicht fertig gebracht hat, sie in den gleichen Schulen nebeneinander sitzen zu lassen. Wir sehen, wie sie miteinander in brutaler Solidarität die Hütten eines armen Dorfes niederbrennen, aber es ist uns klar, dass sie niemals in dem gleichen Häuserblock in Detroit wohnen würden. Angesichts solcher grausamen Ausnutzung der Armen konnte ich nicht schweigen. Mein dritter Grund führt mich zu einer noch tieferen Einsicht. Er wächst aus meiner Erfahrung in den Gettos des Nordens in den letzten drei Jahren, besonders in den letzten drei Sommern. Als ich mit den verzweifelten, ausgestoßenen und zornigen jungen Menschen marschierte, habe ich ihnen gesagt, dass Molotow-Cocktails und Gewehre ihre Probleme nicht lösen würden. Ich habe versucht, ihnen mein tiefstes Mitgefühl und meine Solidarität zu bezeugen, gleichzeitig aber meine Überzeugung aufrechtzuerhalten, dass gesellschaftliche Veränderungen am sinnvollsten durch gewaltloses Handeln herbeigeführt werden. Aber sie fragten, und das mit Recht: Und was ist denn mit Vietnam los? Sie fragten, ob unsere Nation denn nicht massive Gewalt anwendet, um ihre Probleme zu lösen, um die Veränderungen herbeizuführen, die sie wünscht. Diese Fragen trafen mich tief. Und ich wusste, dass ich niemals wieder meine Stimme gegen Gewalttaten der Unterdrückten in den Gettos erheben könnte, bevor ich nicht eindeutig den größten Gewaltausüber in der heutigen Welt angeredet habe, und das ist meine eigene Regierung. Um dieser Jungen willen, um dieser Regierung willen, um der Hunderttausende willen, die unter unseren Gewaltakten zittern, kann ich nicht schweigen.

Für diejenigen, die mich fragen: "Bist du nicht ein Führer der Bürgerrechtsbewegung?" und damit meinen, ich hätte mit der Friedensbewegung nichts zu tun, habe ich eine weitere Antwort. Als eine Anzahl von uns im Jahre 1957 die Southern Christian Leadership-Conference bildeten, wählten wir als unser Motto: "Wir wollen die Seele Amerikas retten." Wir waren davon überzeugt, dass wir unsere Vision nicht darauf beschränken durften, gewisse Rechte für schwarze Menschen zu fordern, sondern wir betonten unsere Überzeugung, dass es niemals ein wirklich freies Amerika geben würde, das sich selbst überwunden hätte, wenn nicht die Abkömmlinge seiner Sklaven völlig von den Fesseln befreit würden, die sie noch tragen….

Nun sollte es völlig deutlich sein, dass niemand, dem die Lauterkeit und das Leben Amerikas heute am Herzen liegt, an dem gegenwärtigen Krieg vorbeigehen kann. Wenn die Seele Amerikas völlig vergiftet wird, so muss ein Teil der Autopsie Vietnam heißen. Amerika kann niemals zur Genesung kommen, solange es die tiefsten Hoffnungen von Menschen in der ganzen Welt zerstört. So geschieht es, dass diejenigen von uns, die entschlossen sind, dass Amerika "sein wird", den Weg des Protestes und der Ablehnung geführt werden, auf dem sie für die Gesundheit unseres Landes wirken.

Gerade als ob das Gewicht dieser Hingabe an Leben und Gesundheit Amerikas noch nicht schwer genug sei, bekam ich im Jahre 1964 mit der Verleihung des Friedens-Nobelpreises eine neue Verantwortung auferlegt. Ich bin mir völlig klar darüber, dass der Friedens-Nobelpreis die Verpflichtung bedeutet, mehr als je zuvor für die "Brüderlichkeit unter den Menschen" zu arbeiten. Diese Berufung führt mich weit über nationale Bindungen hinaus. Aber selbst wenn sie nicht vorhanden wäre, müsste ich doch in der Wahrnehmung des Dienstes Jesu Christi genau dasselbe tun. Für mich ist dieser Dienst so eng mit der Arbeit für den Frieden verknüpft, dass ich mich immer wieder über diejenigen wundere, die mich fragen, warum ich meine Stimme gegen den Krieg erhebe. Sollten sie denn wirklich nicht wissen, dass die frohe Botschaft allen Menschen gilt - Kommunisten und Kapitalisten, ihren und unseren Kindern, Schwarzen wie Weißen, den Revolutionären wie den Konservativen? Haben sie vergessen, dass mein Dienst im Gehorsam gegen den zu geschehen hat, der seine Feinde so sehr liebte, dass er für sie starb? Was soll ich denn als gläubiger Diener dieses Einen dem Vietkong, was soll ich Castro oder Mao sagen? Darf ich sie mit dem Tode bedrohen, oder muss ich nicht mit ihnen zusammen leben lernen?

Schließlich wäre bei dem Versuch, für sie und für mich selbst den Weg von Montgomery bis in diese Kirche aufzuzeigen, das Entscheidende damit gesagt, dass ich meiner Glaubensüberzeugung treu bleiben muss, mit allen Menschen zu den Kindern des lebendigen Gottes zu gehören. Diese Berufung zur Kindschaft und zur Brüderlichkeit geht über die Zugehörigkeit zu einer Rasse, einer Nation oder einem Glaubensbekenntnis hinaus. Und weil ich glaube, dass dem Vater besonders die Leidenden, Hilflosen und Verachteten unter seinen Kindern am Herzen liegen, komme ich heute Abend hierher, um für sie zu sprechen. Ich glaube, dass dies das Privileg und die Bürde derer ist, die sich durch Treueverpflichtungen gebunden wissen, welche umfassender und tiefer sind als der Nationalismus, und die jenseits der egoistischen Ziele und Interessen unserer Nation stehen. Es ist unsere Aufgabe, für die Schwachen zu sprechen, für die, die keine Stimme haben, für die Opfer unserer Nation, für die, die sie Feinde nennt, denn keine von Menschen angefertigte Erklärung kann diese zu weniger machen als zu unseren Brüdern.

Und wenn ich jetzt an den Wahnsinn in Vietnam denke und mich frage, wie ich das verstehen und was ich tun soll, so muss ich zunächst, von Mitleid überwältigt, an die Menschen dieser Halbinsel denken. Ich spreche jetzt nicht von den Soldaten auf beiden Seiten, auch nicht von der Militärregierung in Saigon, sondern einfach von den Menschen, die seit fast drei Jahrzehnten schon ohne Unterbrechung unter dem Fluch des Krieges leben. Ich denke an sie auch deshalb, weil mir klar ist, dass es eine sinnvolle Lösung ohne den Versuch, ihre Lage zu begreifen und ihre erstickten Rufe zu hören, nicht geben wird.

Sie müssen die Amerikaner als seltsame Befreier ansehen. Im Jahre 1945 erklärte das vietnamesische Volk seine Unabhängigkeit. Das geschah nach der französisch-japanischen Besatzungszeit und vor der kommunistischen Revolution in China. Der Führer der Vietnamesen war Ho Chi Minh. Sie zitierten die amerikanische Unabhängigkeitserklärung in ihrem eigenen Freiheitsdokument. Aber wir lehnten es ab, sie anzuerkennen. Statt dessen entschlossen wir uns, Frankreich bei der Wiedereroberung seiner früheren Kolonie zu unterstützen.

Unsere Regierung war der Meinung, dass das vietnamesische Volk für die Unabhängigkeit noch nicht "reif" sei, womit wir wieder einmal ein Opfer jener tödlichen westlichen Arroganz wurden, die die internationale Atmosphäre so lange vergiftet hat. Mit dieser tragischen Entscheidung lehnten wir eine revolutionäre Regierung ab, die nichts mehr als Selbstbestimmung verlangte, eine Regierung, die nicht von China (für das die Vietnamesen keine große Liebe empfinden) eingesetzt war, sondern ohne Zweifel von Kräften aus dem eigenen Land, unter denen sich auch einige Kommunisten befanden. Für die Bauern bedeutete die neue Regierung, dass nun tatsächlich Landreformen durchgeführt wurden, und eben das war dort dringend nötig.

Ab 1945 versagten wir neun Jahre lang dem Volk von Vietnam das Recht auf Unabhängigkeit. Neun Jahre lang unterstützten wir tatkräftig die Franzosen bei ihrem verhängnisvollen Versuch, Vietnam wieder zur Kolonie zu machen. Ehe der Krieg zu Ende ging, trugen wir 8o Prozent der französischen Kriegskosten. Während die Franzosen noch vor ihrer endgültigen Niederlage in Dien Bien Phu an ihrem leichtsinnigen Unternehmen verzweifelten, blieben wir hart. Wir ermutigten sie mit unseren gewaltigen militärischen und finanziellen Unterstützungen, den Krieg selbst dann noch fortzusetzen, als sie es gar nicht mehr wollten. Kurz darauf trugen wir fast die gesamten Kosten dieses tragischen Versuches einer Rekolonisierung.

Nachdem die Franzosen geschlagen waren, sah es so aus, als ob es durch das Genfer Abkommen nun doch zur Unabhängigkeit und zur Landreform kommen werde. Aber statt dessen kamen die Vereinigten Staaten mit der Absicht, die von Ho Chi Minh angestrebte Wiedervereinigung der für eine gewisse Zeit geteilten Nation zu verhindern. Die Bauern mussten erneut beobachten, wie wir einen der übelsten modernen Diktatoren unterstützten - den von uns erwählten Premierminister Diem. Die Bauern sahen zu und duckten sich, als Diem rücksichtslos jede Opposition ausrottete, die wucherischen Großgrundbesitzer unterstützte und es sogar ablehnte, über die Wiedervereinigung mit dem Norden auch nur in eine Diskussion einzutreten. Die Bauern sahen, wie all dies unter dem Schutz amerikanischen Einflusses geschah und dann unter dem Schutz einer immer größeren Anzahl amerikanischer Soldaten, die kamen, um die durch Diems Methoden hervorgerufene Erhebung niederschlagen zu helfen. Vielleicht waren sie froh über Diems Sturz, aber die dann folgende lange Liste der Militärdiktaturen bedeutete offensichtlich keine wirkliche Veränderung - schon gar nicht, was ihr Verlangen nach Landbesitz und Frieden anging.

Die einzige sichtbare Veränderung kam aus Amerika, als wir nämlich unsere militärische Hilfe zur Unterstützung solcher Regierungen verstärkten, die einmalig korrupt, unfähig und ohne Unterstützung im Volke waren. Aber gleichzeitig lasen die Leute unsere Flugblätter und erhielten ein Versprechen nach dem anderen, dass es Friede, Demokratie und - Landreform geben werde. Jetzt werden sie durch unsere Bombardierungen langsam ausgerottet und sehen in uns, nicht in ihren vietnamesischen Landsleuten, den wirklichen Feind. Niedergeschlagen und teilnahmslos lassen sie es über sich ergehen, wenn wir sie aus dem Land ihrer Väter deportieren und in Konzentrationslager zusammenpferchen, in denen kaum die einfachsten Lebensbedingungen vorhanden sind. Sie wissen, sie müssen sich wegführen lassen, wenn sie nicht unter unseren Bomben umkommen wollen; deswegen gehen sie - vor allem Frauen, Kinder und die Alten.

Sie beobachten, wie wir ihr Wasser vergiften und die Ernte von einer halben Million Hektar Land vernichten. Sie weinen, wenn die Bulldozer durch ihr Land röhren, um ihre geliebten Bäume nieder zu roden. Sie kommen in die Krankenhäuser - auf mindestens 20 Opfer amerikanischer Angriffe kommt nur ein Verwundeter durch den Vietkong; sie gehen in die Städte und sehen Tausende von Kindern, heimatlos, nackt, wie Tiere in Rudeln durch die Straßen streifen; sie sehen, wie diese Kinder von unseren Soldaten erniedrigt werden, wenn sie um Brot betteln. Sie sehen, wie die Kinder ihre Schwestern an unsere Soldaten verkaufen und für ihre Mütter betteln.

Was denken die Bauern, wenn wir uns mit den Landbesitzern verbünden und uns weigern, auf unsere vielen Worte über die Landreform irgendwelche Taten folgen zu lassen? Was denken sie, wenn wir unsere neuesten Waffen an ihnen ausprobieren, genauso, wie die Deutschen neue medizinische Behandlungsmethoden und neue Folterungen in den Konzentrationslagern Europas erprobten? Wo sind die Fundamente jenes unabhängigen Vietnam, das wir aufzubauen behaupten? Liegen sie bei jenen, die keine Stimme haben? Wir haben jene Ordnungen zerstört, an denen sie am stärksten hingen: die Familie und das Dorf. Wir haben ihre Äcker und ihre Ernten vernichtet, wir haben mitgeholfen, die einzige nichtkommunistische revolutionäre politische Kraft zu zerschlagen - die Vereinigte Buddhistische Kirche. Wir haben den Feinden der Bauern von Saigon geholfen. Wir haben ihre Frauen und Kinder völlig verdorben. Was für Befreier sind wir doch!

Außer Verbitterung ist nicht mehr viel übrig, worauf wir bauen können. Die einzigen festen Plätze werden bald nur noch unsere Militärbasen und die Betonklötze der Konzentrationslager sein, die wir "befestigte Dörfer" nennen. Die Bauern werden sich mit Recht fragen, ob wir unser neues Vietnam auf solche Fundamente aufbauen wollen. Können wir sie für solche Zweifel tadeln? Wir müssen für sie sprechen und die Fragen stellen, die sie nicht stellen können. Auch sie sind unsere Brüder.

Eine noch schwierigere aber keineswegs weniger nötige Aufgabe besteht darin, für die unsere Stimme zu erheben, die als unsere Feinde bezeichnet werden. Was hat es mit der Nationalen Befreiungsfront auf sich, jener seltsam anonymen Gruppe, die wir Vietkong oder Kommunisten nennen? Was müssen sie von uns Amerikanern denken, wenn ihnen klar wird, dass wir die Unterdrückungsmethoden und Grausamkeiten eines Diem zuließen, die ja erst der Grund für ihren Zusammenschluss als Widerstandsgruppe im Süden wurde? Was denken sie über unsere Zustimmung zu den Gewalttaten, die sie zu den Waffen greifen ließ? Wie können sie an unsere ehrlichen Absichten glauben, wenn wir jetzt von "Aggression aus dem Norden" reden, als ob es nicht sehr viel entscheidendere Ursachen des Konfliktes gäbe? Wie können sie uns vertrauen, wenn wir sie jetzt nach der langen Zeit des mörderischen Diem-Regimes wegen ihrer Gewalttaten anklagen, und das, während wir zur Zeit alle möglichen neuen todbringenden Waffen über ihr Land bringen? Wir müssen verstehen, was sie bewegt, selbst wenn wir mit ihrem Handeln nicht einverstanden sind. Wir müssen endlich begreifen, dass die Leute, die wir unterstützten, sie zur Gewaltanwendung trieben. Sehen wir denn nicht, dass unsere sorgsam mit Computern errechneten Vernichtungspläne ihre größten Gewalttaten vergleichsweise unerheblich erscheinen lassen?

Wie urteilen sie wohl darüber, dass unsere Regierungssprecher sehr wohl wissen, dass unter ihren Mitgliedern keine 25 Prozent Kommunisten sind, aber trotzdem dabei bleiben, sie alle mit diesem Namen zu belegen? Was müssen sie von uns denken, wenn sie wissen, dass wir ihre Herrschaft über große Teile Vietnams nicht übersehen können und uns trotzdem dazu hergeben, nationale Wahlen zuzulassen, an denen diese voll durchorganisierte Parallel-Regierung nicht teilnehmen kann? Sie fragen, wie man denn von freien Wahlen sprechen kann, wenn die Presse Saigons von der Militärjunta zensiert und kontrolliert wird, und sie sind sicherlich mit Recht erstaunt darüber, was für einer neuen Regierung wir denn ohne ihre Mitwirkung zum Leben verhelfen wollen - ohne die einzige Gruppe, die wirklich in Verbindung mit den Bauern steht? Sie stellen unsere politischen Ziele in Frage und bestreiten, dass es eine reale Friedensmöglichkeit gibt, wenn man sie von der Mitarbeit ausschließt. Ihre Fragen sind auf eine bestürzende Weise berechtigt. Will unser Volk wieder einmal auf dem Boden eines politischen Mythos etwas aufbauen, das dann unter dem Druck neuer Gewalttat konsolidiert werden soll?

Hier wird die eigentliche Bedeutung, die Unentbehrlichkeit des Erbarmens und des gewaltlosen Handelns sichtbar, weil sie uns helfen, den Standpunkt des Gegners zu verstehen, seine Fragen zu hören und zu lernen, wie er uns einschätzt. Von seiner Sicht der Dinge aus können wir vielleicht die grundlegende Schwäche unserer eigenen Position erkennen. Und wenn wir wirklich reif sind, können wir aus den Einsichten der Brüder, die man die Opposition nennt, Gewinn ziehen und, von ihnen lernend, wachsen. Das gilt auch für Hanoi. Im Norden, wo das Land unter den Schlägen unserer Bombenangriffe stöhnt und unsere Minen die Wasserwege gefährden, begegnen wir einem tiefen, aber nur allzu verständlichen Misstrauen. Für diese Menschen die Stimme erheben bedeutet, dass wir dieses ihr Misstrauen gegenüber den jetzigen amerikanischen Absichten uns zu Bewusstsein bringen. In Hanoi leben die Männer, die das Volk in die Unabhängigkeit von französischer und japanischer Herrschaft geführt haben, die dann die Mitgliedschaft im französischen Commonwealth suchten und schließlich durch die Schwäche von Paris und das uneinsichtige Verhalten der Kolonialarmeen betrogen wurden. Diese Männer waren es, die unter ungeheuren Opfern einen zweiten Kampf gegen die französische Herrschaft führten und die man dann in Genf dazu brachte, als zeitweilige Maßnahme das Land zwischen dem 13. und dem 17. Breitengrad, das sie in der Gewalt hatten, aufzugeben. Sie sahen dann, wie wir nach 1954 mit Diem uns absprachen, um die Wahlen zu verhindern, die ganz gewiss Ho Chi Minh an die Regierung eines vereinigten Vietnam gebracht hätten, und sie mussten feststellen, dass sie wieder einmal betrogen worden waren.

Das müssen wir im Auge behalten, wenn wir verstehen wollen, warum sie sich nicht nach Verhandlungen reißen. Es muss auch klar sein, dass die leitenden Männer in Hanoi die Anwesenheit amerikanischer Truppen zur Unterstützung des Diem-Regimes als den ersten militärischen Bruch des Genfer Abkommens über die Stationierung fremder Truppen betrachten.

Sie erinnern uns auch daran, dass sie erst dann Material und Truppen in nennenswertem Ausmaß entsandten, als die Zahl der amerikanischen Kräfte dort bereits in die Zehntausende hochgeschnellt war.

Hanoi erinnert uns daran, dass unsere politischen Führer uns die Bekanntgabe früherer Friedensbemühungen Nordvietnams verschwiegen, dass wir behaupteten, es gebe sie nicht, während sie doch eindeutig vorlagen. Ho Chi Minh beobachtete, wie Amerika vom Frieden sprach und gleichzeitig seine Streitkräfte verstärkte, und jetzt hat er sicherlich auch die um sich greifenden internationalen Berichte von amerikanischen Plänen zur Invasion des Norden registriert. Vielleicht kann er es nur mit Humor und Ironie aushalten, wenn er hört, dass die mächtigste Nation der Welt von seiner Aggression spricht, während sie Tausende von Bomben auf ein armes und schwaches Volk wirft, das mehr als 8000 Meilen von der amerikanischen Küste entfernt liegt.

An dieser Stelle möchte ich deutlich aussprechen: wenn ich auch in diesen letzten Minuten versuchte, für die in Vietnam zu sprechen, die keine Stimme haben, und die Argumente derer zu verstehen, die wir Feinde nennen, mir liegen unsere eigenen Soldaten dort genauso am Herzen. Denn mir wird immer klarer, dass wir sie in Vietnam nicht nur dem üblichen Brutalisierungs-Vorgang eines Krieges aussetzen, in dem Armeen einander gegenüberstehen und sich zu vernichten suchen. Wir geben dem Vorgang des Tötens noch dazu eine zynische Komponente, denn sie müssen ja nach kurzem Aufenthalt dort erkennen, dass nichts von dem, für das wir zu kämpfen vorgeben, wirklich auf dem Spiele steht. Nur zu bald erkennen sie, dass ihre Regierung sie in einen Kampf zwischen Vietnamesen geschickt hat, und diejenigen, die etwas tiefer nachdenken, merken sicherlich, dass wir auf der Seite der Wohlhabenden und Gesicherten stehen, den Armen aber die Hölle bereiten.

Auf welche Weise auch immer: Dieser Wahnsinn muss aufhören. Wir müssen zu einem Ende kommen, und zwar jetzt. Ich spreche als ein Kind Gottes und als Bruder jener leidenden, armen Menschen von Vietnam. Ich spreche für die, deren Land verwüstet, deren Häuser zerstört und deren Kultur vernichtet wird.

Ich spreche für die Armen in Amerika, die einen zweifachen Preis zahlen: den der zerbrochenen Hoffnung daheim und den des Todes und der Korruption in Vietnam. Ich spreche als ein Bürger der Welt, jener Welt, die entsetzt auf den Weg schaut, den wir genommen haben. Ich spreche als Amerikaner zu den Führern meines Volkes. Denn wir haben die entscheidenden Schritte in diesem Krieg unternommen, deshalb muss er jetzt auch durch unsere Initiative beendet werden.

Hören wir die Botschaft, die von den großen buddhistischen Führern Vietnams kommt. Einer von ihnen schrieb vor kurzem diese Sätze: "Jeder Tag, den der Krieg länger andauert, verstärkt den Hass in den Herzen der Vietnamesen und in den Herzen derer, die sich um die Menschlichkeit sorgen. Die Amerikaner bringen es fertig, sogar ihre Freunde zu ihren Gegnern zu machen. Es ist seltsam, dass die Amerikaner, die so sorgfältig die Möglichkeiten eines militärischen Sieges berechnen, nicht bemerken, wie sie unterdessen eine weitgehende psychologische und politische Niederlage erleiden. Das Bild von Amerika wird niemals wieder das Bild der Revolution, der Freiheit, der Demokratie sein, sondern das Bild der Gewalttätigkeit, des Militarismus."

Wenn wir uns weiter so verhalten, wird für mich und in den Augen der Welt kein Zweifel mehr daran bestehen, dass wir in Vietnam keinerlei ehrliche Absichten verfolgen. Es wird deutlich werden, dass wir zumindest hoffen, das Land zu einer amerikanischen Kolonie zu machen, und viele werden nicht davon abgehen, darüber hinaus die Hoffnung zu hegen, dass wir China in einen Krieg locken können, um seine nuklearen Anlagen zu zerstören. Wenn wir nicht sofort unseren Krieg gegen das vietnamesische Volk einstellen, wird der Welt nur jene Interpretation übrig bleiben, dass das Ganze ein schrecklich unbedachtes und tödliches Spiel ist, das wir unbedingt durchführen wollen.

Die Welt verlangt heute von Amerika ein solches Maß von Einsicht, zu dem wir wohl nicht fähig sind. Sie verlangt von uns das Eingeständnis, dass wir mit unserem Vietnam-Abenteuer von Anfang an im Unrecht gewesen sind und dem Leben des vietnamesischen Volkes schwersten Schaden zugefügt haben.

Um unsere Vergehen und Fehler in Vietnam wieder gut zumachen, sollten wir es sein, die die Initiative ergreifen und diesen tragischen Krieg beenden. Ich möchte fünf konkrete Vorschläge machen, die unsere Regierung sofort befolgen sollte, um den langen und schwierigen Prozess einzuleiten, der uns aus diesem Konflikt herausführt, der immer mehr einem Alptraum gleicht.

  1. Alle Bombardierungen in Nord- und Südvietnam sind sofort zu beenden.
  2. Einseitige Einstellung aller Kampfhandlungen in der Hoffnung, dass dadurch eine günstige Atmosphäre für Verhandlungen entsteht.
  3. Sofort Schritte unternehmen, um das Entstehen neuer Schlachtfelder in Südostasien zu verhindern, indem wir unseren militärischen Aufmarsch in Thailand einschränken und die Einmischung in Laos beenden.
  4. Realistisch das Faktum akzeptieren, dass die Nationale Befreiungsfront in Südvietnam erhebliche Unterstützung findet und dass sie deshalb bei allen sinnvollen Verhandlungen und in jeder kommenden vietnamesischen Regierung eine Rolle spielen muss.
  5. In Übereinstimmung mit dem Genfer Abkommen von 1954 einen Zeitpunkt festsetzen, zu dem alle fremden Truppen aus Vietnam abgezogen werden.

Eine weitergehende Verpflichtung könnte für uns darin bestehen, dass wir jedem Vietnamesen, der unter einer neuen Regierung, an der die Nationale Befreiungsfront beteiligt ist, um sein Leben fürchtet, Asyl gewähren. Sodann müssen wir so umfassend wie möglich für die Schäden aufkommen, die wir angerichtet haben. Wir müssen die ärztliche Hilfe leisten, die so dringend nötig ist, und das, falls nötig, sogar in unserem eigenen Land. Inzwischen haben wir in den Kirchen und Synagogen die ständige Aufgabe, unsere Regierung aufzufordern, von ihrem schändlichen Unternehmen abzulassen. Wir müssen weiterhin unsere Stimmen erheben, wenn unsere Nation an ihrem verkehrten Engagement in Vietnam festhält. Wir müssen uns darauf einstellen, jede Form des Protests herauszufinden, die überhaupt möglich ist.

Wenn wir die jungen Männer in Fragen ihres Militärdienstes beraten, müssen wir sie über die Rolle unserer Nation in Vietnam aufklären und ihnen die Möglichkeit der Kriegsdienstverweigerung nahe legen. Ich freue mich, berichten zu können, dass dieser Weg nun von mehr als 70 Studenten meiner eigenen Alma Mater, dem Morehouse-College, beschritten wird, und ich empfehle ihn all denen, die die amerikanische Politik in Vietnam als abscheulich und ungerecht ansehen. Darüber hinaus möchte ich allen Pfarrern im wehrpflichtigen Alter nahe legen, auf das Privileg ihrer Freistellung als Pfarrer zu verzichten und die Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer zu beantragen. Wir befinden uns in einer Zeit ganzer und nicht halber Entscheidungen, in einem Augenblick, wo wir uns selbst ganz einsetzen müssen, wenn unsere Nation ihre eigene Torheit überleben soll. Jeder, der sein Handeln nach humanen Kriterien einrichtet, muss sich zu der Art von Protest bekennen, die seinen Überzeugungen am besten entspricht, aber protestieren müssen wir alle.

Es wäre eine verführerische Versuchung, an dieser Stelle abzubrechen, damit wir uns alle dorthin begeben, wo das geschieht, was man in gewissen Kreisen als einen volkstümlichen Kreuzzug gegen den Krieg in Vietnam bezeichnet hat. Ich wiederhole es, dass wir uns an diesem Kampf beteiligen müssen, aber ich möchte noch weitergehen und etwas sagen, was noch beunruhigender ist: Denn der Krieg in Vietnam ist nur ein Symptom einer viel tiefer liegenden Erkrankung des amerikanischen Geistes. Wenn wir diesen ernüchternden Tatbestand ignorieren, wird sich zeigen, dass wir noch in der nächsten Generation alle möglichen "Pfarrer- und Laien-Protestkomitees" organisieren müssen. Sie werden dann über Guatemala und Peru besorgt sein. Sie werden sich um Thailand und Kambodscha, Mozambique und Südafrika Gedanken machen. Wir werden für diese und für ein Dutzend andere Namen marschieren, ohne Ende Versammlungen besuchen, es sei denn, ein grundsätzlicher tiefer Wandel tritt in Leben und Politik Amerikas ein. Solche Erwägungen führen uns über Vietnam hinaus, aber nicht über unsere Berufung, Söhne des lebendigen Gottes zu sein. Ein einsichtiger amerikanischer Beamter in Übersee sagte im Jahre 1957, er habe den Eindruck, unser Volk stehe auf der falschen Seite einer weltweiten Revolution. Wir haben in den letzten 10 Jahren die Entstehung einer neuen Unterdrückungsmethode beobachten können, die jetzt zur Begründung der Anwesenheit amerikanischer Militär-"Berater" in Venezuela führt. Die Notwendigkeit, zur Sicherung unserer Investitionen den gesellschaftlichen Status quo aufrechtzuerhalten, erklärt die konterrevolutionäre Aktion amerikanischer Streitkräfte in Guatemala. Das erklärt auch, warum amerikanische Hubschrauber gegen Guerillas in Kolumbien eingesetzt werden und warum amerikanisches Napalm und Elitetruppen bereits gegen Rebellen in Peru eingesetzt wurden. Diese Unternehmungen vor Augen, werden wir an jene Worte erinnert, die der verstorbene John F. Kennedy vor fünf Jahren sagte: "Diejenigen, die eine friedliche Revolution verhindern, werden eine gewaltsame Revolution unabwendbar machen."

Absichtlich oder zufällig - es ist unsere Nation, die in wachsendem Maße diese Rolle zu spielen begonnen hat: die Rolle derer, die eine friedliche Revolution unmöglich machen, weil sie sich weigern, auf die Vorrechte und Annehmlichkeiten zu verzichten, die aus den riesigen Gewinnen unserer überseeischen Investitionen entstehen.

Ich bin davon überzeugt, dass unser Volk eine radikale Revolution der Werte vornehmen muss, wenn es sich auf die richtige Seite der Weltrevolution stellen will. Wir müssen schnell damit anfangen, von einer "sachorientierten" Gesellschaft zu einer "personorientierten" Gesellschaft zu kommen. Wenn Maschinen und Computer, Profitbestrebungen und Eigentumsrechte für wichtiger gehalten werden als die Menschen, dann wird die schreckliche Allianz von Rassenwahn, Materialismus und Militarismus nicht mehr besiegt werden können.

Eine echte Revolution der Werte wird uns bald dazu bringen, dass wir die Redlichkeit und Berechtigung mancher unserer vergangenen und gegenwärtigen politischen Maßnahmen in Frage stellen. Gewiss ist es unsere Verpflichtung, die Rolle des barmherzigen Samariters für alle diejenigen zu übernehmen, die am Wege liegen geblieben sind. Aber das ist nur ein Anfang. Eines Tages müssen wir begreifen, dass die ganze Straße nach Jericho geändert werden muss, damit nicht fortwährend Männer und Frauen geschlagen und ausgeraubt werden, während sie sich auf ihrer Lebensreise befinden. Wahre Solidarität ist mehr als die Münze, die man dem Bettler hinwirft; sie ist nicht so zufällig und gedankenlos. Sie kommt zu der Einsicht, dass ein Haus, das Bettler hervorbringt, umgebaut werden muss. Eine echte Revolution der Werte wird den schreienden Gegensatz von Armut und Reichtum sehr bald mit großer Unruhe betrachten. Sie wird nach Übersee blicken und mit gerechter Empörung darauf hinweisen, dass einzelne Kapitalisten des Westens riesige Geldbeträge in Asien, Afrika und Lateinamerika investieren, nur um zu verdienen und ohne Interesse an sozialen Fortschritten in jenen Ländern, und sie wird ausrufen: "Das ist ungerecht." Eine Revolution der Werte wird unser Bündnis mit den Großgrundbesitzern in Lateinamerika durchschauen und feststellen: "Das ist ungerecht." Ungerecht ist auch die westliche Überheblichkeit, die meint, dass sie den anderen alles beibringen kann und von ihnen nichts zu lernen hat. Eine wirkliche Revolution der Werte wird den Status quo selbst beseitigen und vom Kriege sagen: "Dieser Weg zur Lösung von Spannungen ist nicht recht." Diese Art von Beschäftigung, menschliche Wesen mit Napalm zu verbrennen, die Häuser unserer Nation mit Waisen und Witwen zu füllen, giftigen Hass in die Adern von Menschen zu spritzen, die normalerweise sich ganz menschlich verhalten, Männer von finsteren und blutigen Schlachtfeldern, körperlich verkrüppelt und seelisch aus dem Gleichgewicht gebracht, nach Hause zu senden, diese Beschäftigung kann nie und nimmer mit Weisheit, Gerechtigkeit und Liebe in Einklang gebracht werden. Ein Volk, das seit Jahren mehr Geld für militärische Verteidigung als für den Ausbau sozialer Reformen ausgibt, gerät in die Nähe des geistlichen Todes.

Amerika, das reichste und mächtigste Land der Welt, könnte bei dieser Revolution der Werte durchaus führend sein. Nichts, außer dem unseligen Wunsch nach Selbstvernichtung, könnte uns an einer Neuordnung unserer Prioritäten hindern, welche eben die Vorbereitung auf den Frieden über die Vorbereitung auf den Krieg stellt. Nichts kann uns davon abhalten, die widerspenstigen Verhältnisse so lange mit unseren wunden Händen umzuformen, bis wir ihnen die Gestalt der Brüderlichkeit gegeben haben.

Diese Art der positiven Revolution der Werte ist die beste Verteidigung gegen den Kommunismus. Krieg ist keine Lösung. Der Kommunismus wird niemals durch die Verwendung von Atombomben oder Kernwaffen besiegt werden. Wir wollen uns nicht denen anschließen, die "Krieg" rufen und in ihrer irrigen Leidenschaft darauf drängen, dass die Vereinigten Staaten nicht länger Mitglied der Vereinten Nationen bleiben. Unsere Zeit verlangt Zurückhaltung und Besonnenheit. Wir sollten nicht sofort denjenigen einen Kommunisten oder Verzichtler nennen, der für die Aufnahme Chinas in die Vereinten Nationen eintritt und der eingesehen hat, dass Hass und Hysterie keineswegs die letzten Antworten auf die Probleme unserer bewegten Zeit sind. Wir dürfen uns nicht bei einem negativen Antikommunismus aufhalten, sondern müssen einen neuen Vorstoß in Richtung auf eine bessere Demokratie wagen. Wir müssen einsehen, dass ja unsere stärkste Verteidigung gegen den Kommunismus eine Offensivaktion zur Realisierung der Gerechtigkeit ist. Wir müssen durch positives Handeln Armut, Ungesichertheit und Ungerechtigkeit zu beseitigen suchen. Denn sie sind der fruchtbare Boden, auf dem die Saat des Kommunismus wächst und gedeiht.

Wir leben in einer revolutionären Zeit. Auf der ganzen Erde erheben sich die Menschen gegen die alten Systeme der Ausbeutung und Unterdrückung, und aus dem Schoß einer gebrechlichen Welt erwachsen neue Systeme der Gerechtigkeit und der Gleichheit. Die barfüßigen und hemdlosen Bauernmassen der Dritten Welt erheben sich, wie sie es nie zuvor getan haben. "Das Volk, das in der Finsternis sitzt, sieht ein großes Licht." Wir im Westen müssen diese Revolutionen unterstützen. Es ist eine traurige Tatsache, dass die westlichen Nationen, die den revolutionären Geist der modernen Welt recht eigentlich begründeten, aus Bequemlichkeit, Gleichgültigkeit, krankhafter Angst vor dem Kommunismus und der Neigung, Ungerechtigkeiten als unvermeidlich hinzunehmen, nun zu Erz-Antirevolutionären geworden sind. Aus dieser Entwicklung schließen viele, dass nur der Marxismus revolutionären Geist hat. Der Kommunismus ist deshalb ein Gericht über unser Versagen, eine wirkliche Demokratie zu schaffen und die revolutionäre Entwicklung voranzutreiben, die wir begründeten. Unsere einzige Hoffnung besteht heute darin, dass wir von diesem revolutionären Geist wieder ergriffen werden und in eine oft feindselige Welt hinausgehen, um der Armut, dem Rassismus und dem Militarismus den Kampf anzusagen.

Wenn wir uns auf diese Weise engagieren, können wir kühn den Status quo und die falsche Moral, auf der er beruht, in Frage stellen und dadurch die Ankunft des Tages beschleunigen, an dem "jedes Tal erhöht und jeder Hügel und Berg erniedrigt, das Gekrümmte zur Ebene und die Höhen zum Talgrund werden". Eine echte Revolution der Werte meint in letzter Konsequenz, dass unsere Treueverpflichtungen weltweit werden müssen, nicht regional beschränkt bleiben dürfen. Jede Nation muss jetzt eine sich über alle Schranken hinwegsetzende Verpflichtung gegenüber der Menschheit als Ganzem entwickeln, um die optimalen Möglichkeiten in ihrem eigenen Bereich bewahren zu können. Dieser Ruf zu einer weltweiten Gemeinschaft, der die Sorge für den Nachbarn über die Rassen-, Klassen- und Nationalzugehörigkeit hinaushebt, ist in Wirklichkeit der Ruf nach einer allumfassenden und bedingungslosen Liebe für alle Menschen. Dieser so oft missverstandene und falsch ausgelegte Gedanke, von den Nietzsches überall in der Welt schnell als eine schwächliche und feige Sache abgetan, ist jetzt zur unerlässlichen Bedingung für das Überleben der Menschheit geworden. Denn wenn ich von Liebe spreche, so spreche ich nicht von einer sentimentalen und schwachen Gefühlserwiderung. Ich spreche von jener Kraft, die alle großen Religionen als das alle Trennungen überwindende Grundprinzip des Lebens angesehen haben. Man kann sagen, dass Liebe der Schlüssel ist, der die Tür zur letzten Wirklichkeit aufschließt. Dieser von Hindus, Moslems, Christen, Juden und Buddhisten geteilte Glaube an eine letzte Einheit der Wirklichkeit hat im ersten Johannesbrief seinen klassischen Ausdruck gefunden: "Geliebte, lasset uns einander lieben, denn die Liebe ist aus Gott und jeder, der liebt, ist aus Gott gezeugt und erkennt Gott. Wer nicht liebt, hat Gott nicht erkannt, denn Gott ist Liebe … Wenn wir einander lieben, bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist in uns vollendet. " Lasst uns hoffen, dass dieser Geist unsere Tage ordnet. Es ist einfach unmöglich, dass wir noch länger den Gott des Hasses anbeten und uns vor dem Altar der Vergeltung verbeugen. Das Meer der Geschichte wird durch die beständig steigenden Fluten des Hasses aufgewühlt. Die Geschichte ist angefüllt mit dem Scheitern jener Nationen und jener einzelnen, die diesen selbstzerstörerischen Weg des Hasses einschlugen.

Wir stehen jetzt vor der Tatsache, dass die Zukunft heute beginnt. Heftig drängt uns die Notwendigkeit, uns jetzt zu entscheiden, denn das sich jetzt entfaltende Rätsel des Lebens und der Geschichte kennt auch ein "zu spät". Wer zögert, dem läuft auch heute noch die Zeit davon. Nach einer versäumten Gelegenheit kann es uns oft passieren, dass wir betrübt dastehen und nichts mehr in den Händen halten. Die steigende Flut der Möglichkeiten des Menschen bleibt nicht immer eine steigende Flut; sie ebbt wieder ab. Es könnte sein, dass wir dann der Zeit verzweifelt zurufen, sie möge anhalten (um uns noch eine Chance zu geben), aber die Zeit ist taub für solche Bitten und eilt weiter. Über den bleichen Gebeinen und zerstreuten Überresten vieler Kulturen stehen die beiden verhängnisvollen Worte "zu spät". Es gibt ein unsichtbares Buch des Lebens, in dem unsere Wachsamkeit und unsere Versäumnisse genau aufgezeichnet sind. "Der Finger bewegt sich und schreibt. Wenn er geschrieben hat, bewegt er sich weiter …" Heute haben wir noch die Wahl: gewaltlose Koexistenz oder gemeinsame Vernichtung durch Gewalt.

Wir müssen aus der Unentschlossenheit heraus zum Handeln kommen. Wir müssen neue Mittel und Wege finden, um für den Frieden in Vietnam und für Gerechtigkeit überall in der sich entwickelnden Welt einzutreten, in einer Welt, die vor unserer Tür beginnt. Wenn wir jetzt nicht handeln, so wird man uns in jene dunklen und schrecklichen Verliese der Zeit werfen, die für jene bestimmt sind, die Größe ohne Mitleid, Macht ohne moralische Verantwortung und Stärke ohne Weitsicht handhaben.

Lasst uns jetzt anfangen. Wir wollen erneut den langen und anstrengenden, aber auch schönen Kampf für eine neue Welt auf uns nehmen. Das ist der Ruf, der an die Kinder Gottes ergeht, und unsere Brüder warten sehnsüchtig darauf, dass wir antworten. Sollen wir sagen, die Widerstände sind zu groß? Sollen wir ihnen erzählen, der Kampf ist zu schwer? Wird unsere Botschaft an sie sich mit der Feststellung begnügen, dass die ganze Kraft Amerikas gegen ihre Anerkennung als volle Menschen kämpft, und werden wir ihnen deshalb unser Beileid aussprechen? Oder wird unsere Botschaft von Sehnsucht und Hoffnung sprechen, von Solidarität mit ihren Erwartungen, davon, dass wir ihre Sache zu der unseren machen, um welchen Preis auch immer? Die Entscheidung liegt bei uns. Und selbst, wenn wir es lieber anders hätten, müssen wir sie jetzt treffen, an diesem Wendepunkt der menschlichen Geschichte.

(Übersetzt von Anne Bahr und Hans-Jürgen Benedict)

Quelle: (c) Gütersloher Verlagshaus GmbH, Gütersloh. Diese Rede wurde unter dem Titel "Vietnam und der Kampf für die Menschenrechte" veröffentlicht in: King, Martin Luther: Testament der Hoffnung: letzte Reden, Aufsätze u. Predigten / Martin Luther King. Eingel. u. übers. von Heinrich W. Grosse. - Originalausgabe, 4. Aufl., (25.-32. Tsd.). - Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus Mohn. 1981. Wir danken dem Verlag für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung dieser Rede.

Das englische Original findet sich hier:  Beyond Vietnam .

Diese Rede kann hier auch im Original angehört werden:  Beyond Vietnam .

Veröffentlicht am

03. April 2009

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