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Saudi-Arabien gegen den Iran

Steht ein neuer Krieg gegen den Iran bevor?

Von Mohssen Massarrat

Nach dem ersten Ölpreissprung 1973/1974 und den steigenden Öleinnahmen wurde gezielt ein Wettrüsten im Mittleren Osten geschürt. Diese Entwicklung hat bisher zahlreiche Kriege hervorgerufen, über 2 Millionen Tote und verbrannte Erde in der gesamten Region hinterlassen. Das gegenwärtige Wettrüsten zwischen der unheiligen Allianz Israel und Saudi-Arabien einerseits und dem Iran andererseits stellt den Höhepunkt einer von außen geschürten Strategie dar, die durch die massenhaften Flüchtlingsströme auch für Europa dramatische Folgen zeitigt. Wie kann dieses Desaster verhindert werden und was müsste Europa aus purem Eigeninteresse tun?

Rückblick der Ereignisse im Mittleren Osten 2017

Das wichtigste Ereignis in 2017 war ohne Zweifel die Rückeroberung aller wichtigen unter dem Regime des „Islamischen Staates“ stehenden Städte in Syrien und im Irak, vor allem die Rückeroberung von Aleppo und Mossul. Zu erwähnen ist auch Donald Trumps Waffenabkommen mit Saudi-Arabien im Umfang von 110 Milliarden US-Dollar im Mai 2017. Vor dem Hintergrund der uneingeschränkten amerikanischen Rückendeckung entfaltet Saudi-Arabien eine Reihe von Aktivitäten, die sämtlich offensichtlich gegen den – wirklichen oder vermeintlichen eigenen – regionalen Hauptfeind Iran gerichtet sind: Dazu gehören zunächst die Fortsetzung des Krieges im Jemen gegen die Huthi-Rebellen. Riad blockiert wichtige Häfen im Jemen, die für die Lieferung humanitärer Güter und Dienstleistungen benötigt werden. Die UN warnt vor der „weltweit schwersten Hungersnot“ im Jemen. Cholera breitet sich aus, Kindersterben ist an der Tagesordnung. Des Weiteren bricht Riad im Juli seine Beziehungen zu Katar – einem bisher wichtigen Verbündeten und Mitglied des von Saudi-Arabien dominierten Golfkooperationsrates – ab.

Einer der Gründe für diesen Bruch ist aller Wahrscheinlichkeit nach die Weigerung Katars, sich an Riads Politik der antiiranischen Umzingelung zu beteiligen. Zu dieser Politik gehören auch diplomatische Aktivitäten Saudi-Arabiens, unter anderem der Besuch des saudischen Königs Salman im Oktober in Moskau und anschließend im selben Monat in Bagdad. Zu erwähnen ist in diesem Zusammenhang auch der verwirrende Auftritt des nach fast zwei Jahre dauernden Verhandlungen frisch gewählten libanesischen Ministerpräsidenten Hariri Anfang November im saudischen Staatsfernsehen, bei dem er seinen Rücktritt von der libanesischen Regierung erklärt und Iran und die libanesische Hisbollah massiv angreift. Auch Trumps Weigerung, die Aufhebung von Sanktionen gegen Iran gemäß der Vereinbarung des Iran-Atomabkommens zu genehmigen, muss als ein weiteres Element der Umzingelung Irans gedeutet werden.

Ein weiteres folgenreiches Ereignis in der Region in 2017 stellt die Entwicklung in Kurdistan dar: Zum einen haben die kurdisch-nationalistischen Kräfte in irakisch Kurdistan versucht, unter dem Beifall Israels in Nordirak einen eigenen kurdischen Staat zu gründen und sind dabei kläglich gescheitert. Demgegenüber etablierten sich kurdische Föderalisten als PYD/YPG in Syrien, ein sehr ernst zu nehmender Machtfaktor, den der türkische Präsident Erdogan nicht dulden will und welchen er unter dem Vorwand der Terrorbekämpfung den Krieg erklärt hat.

Der Syrienkonflikt ist gegenwärtig zweifellos die größte Herausforderung für die Weltpolitik. Dieser Konflikt darf aber nicht davon ablenken, dass gleichzeitig ein gigantisches Wettrüsten zwischen Saudi-Arabien und Iran stattfindet, das sich bald als ein schwelendes Feuer unter der Asche erweisen könnte. Gelänge es der Weltgemeinschaft nicht, den drohenden Feuerausbruch rechtzeitig einzudämmen, werden wir alle einen sehr hohen Preis dafür bezahlen. Denn ein saudi-arabisch-iranischer Krieg dürfte alle bisherigen Kriege und Konflikte nach dem US-Krieg im Irak in den Schatten stellen. Auffällig ist jedenfalls die massive Aufrüstung Saudi-Arabiens und – in dessen Schlepptau – auch der Emirate am Persischen Golf.

Irans Perspektivplan 1996 bis 2021

Nicht zu leugnen ist die Tatsache des in den letzten Dekaden entstandenen militärischen Übergewichts des Iran, das in der Tat in den Nachbarstaaten als eine Bedrohung wahrgenommen wurde. Wie kam es eigentlich zu dieser Waffenüberlegenheit Irans? Zum besseren Verständnis von komplexen Konfliktstrukturen im Mittleren Osten bedarf diese Frage einer Erläuterung. Ein wichtiger Grund dafür war unbestreitbar das iranische Trauma angesichts des irakischen Chemiewaffeneinsatzes im iranisch-irakischen Krieg zwischen 1981 und 1988, der zu einigen zehntausend Toten und hunderttausenden von Invaliden auf der iranischen Seite führte. Die Spur dieses Verbrechens führt zu deutschen, vor allem aber zu amerikanischen Lieferungen von chemischen Massenvernichtungsmitteln an Saddam Hussein, die der spätere Kriegsminister von George W. Bush, Donald Rumsfeld, eingefädelt hatte. Der Einsatz von Massenvernichtungswaffen durch Saddam Hussein im iranisch-irakischen Krieg führte zur Aufgabe der nachrevolutionären Doktrin Irans, von dem unter dem Schahregime angestrebten Ziel, Atomwaffenarsenale aufzubauen, abzurücken.

Die Führung der Islamischen Republik Iran begann, das nach der Revolution eingemottete und mit Hilfe von Siemens gebaute Atomkraftwerk in Bushehr weiterzubauen und dazu noch sämtliche für einen selbständigen nuklearen Kreislauf erforderlichen Technologien zu beschaffen. Irans zunehmend unter dem Einfluss des eigenen sich entwickelnden militärisch-industriellen Komplexes stehende Regierung forderte darüber hinaus auch den Aufbau einer eigenen Rüstungsindustrie, einschließlich eines Raketenprogramms mit Trägerraketen verschiedener Reichweiten. Nicht zuletzt half Russland dem Iran, die noch bestehenden Waffenlücken, vor allem bei der Luftwaffe und der Marine, zu schließen. Dabei brauchten die Herrschenden der Islamischen Republik ihre kostspielige Aufrüstung innenpolitisch nicht einmal zu legitimieren. Der neokonservative US-Präsident George W. Bush lieferte mit seinen ständigen Drohungen und seiner unverhohlenen Absicht, einen Regime Change im Iran herbeiführen zu wollen, die Legitimation für die iranische Aufrüstung frei Haus.

Der iranisch-israelische Konflikt – ein durch die Islamische Revolution und die Parteinahme Irans gegen die israelische Besatzung Palästinas entstandenes Problem – und die Tatsache, dass Israel mit seinem Atomarsenal als einzige Atommacht im Mittleren und Nahen Osten eine nukleare Bedrohung darstellte, spielte mit Sicherheit bei dem Aufbau des iranischen Atomprogramms eine zentrale Rolle. Ungeachtet dieser Tatsache haben sich die USA und die EU – anstatt den Weg einer atomwaffenfreien Zone für die gesamte Region einzuschlagen – sich dafür entschieden, einseitig Iran als eine neue regionale Atommacht zu verhindern. Der Iran-Atomkonflikt, der 2003 begann und in 2015 in die völkerrechtliche Vereinbarung zwischen Iran und dem Westen einmündete, speiste sich aus jenem sicherheitspolitischen Grundkonflikt, der trotz des Iran-Atomabkommens weiterhin ungelöst geblieben ist.

Militarisierung des sunnitisch-schiitischen Konflikts

Während des Höhepunkts des Atomkonflikts rief Condoleezza Rice, die in der US-Rüstungsindustrie gut vernetzte Außenministerin der Bush-Regierung, im Sommer 2006 in der Hauptstadt Saudi-Arabiens die sunnitischen Staaten auf, gegen den schiitischen Gürtel der Islamischen Republik (Iran-Syrien-Libanon) einen eigenen sunnitischen Gürtel aufzubauen. Dies war der historische Anfang der Militarisierung des sunnitisch-schiitischen Konflikts. Riad intensivierte rasch die militärische Kooperation mit den sunnitischen Staaten Ägypten, Jordanien, den Golfemiraten, Palästina einschließlich der Hamas und unterstützte schließlich massiv den „Islamischen Staat“ und andere sunnitische Terrorgruppen. Die aktive Parteinahme Teherans auf der Seite des Regimes von Baschar al-Assad seit dem Beginn des Syrienkonflikts, tat das ihrige dazu, damit die schiitischen Iraner in der arabisch-sunnitischen Welt zum Hassobjekt und zu einer Bedrohung par excellence hochstilisiert wurden.

Beitrag der USA und Saudi-Arabiens am Wettrüsten im Mittleren Osten

Alle Präsidenten der USA, auch Barack Obama, ließen sich bisher vor den Karren des militärisch-industriellen Komplexes (MIK) spannen, weil die internen Kriege am Persischen Golf und der teuflische Kreislauf Öl und Blut gegen Waffen einen für die US-Hegemonie in der Welt überaus fundamentalen Nebeneffekt produzieren, den man – um einen Begriff von Pentagon-Strategen für die US-Politik im Mittleren Osten zu verwenden – als „konstruktives Chaos“ bezeichnen könnte. Dieser Nebeneffekt besteht darin, dass der Ölhandel stets in Dollar abgewickelt wird und dass die USA mit dem Dollar als Weltgeld sich weiterhin über ihre ökonomische Hegemonie in der Welt keine Sorgen zu machen brauchen. Ausführlicher dazu siehe Mohssen Massarrat: Chaos und Hegemonie. Wie der US-Dollar-Imperialismus die Welt dominiert, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, 5/2014. Um ein ständiges Wettrüsten am Persischen Golf als einen quasi Aufrüstungsautomatismus in Gang zu setzen, sorgten die MIK-Strategen für die Entstehung eines militärischen Ungleichgewichts, also eines historisch längst bewährten Instruments, das in der sicherheitspolitischen Literatur zur Schließung von „Sicherheitslücken“ propagiert wird. Diese Lücke entstand durch den Sturz von Saddam Hussein 2003 im Irak und den Aufstieg Irans als de facto stärkste Regionalmacht.

Barack Obama rechtfertigte 2011 den Abschluss eines gigantischen Rüstungsabkommens mit Saudi-Arabien genau mit dem Argument eines militärischen Übergewichts Irans im Verhältnis zu Saudi-Arabien. Als Folge dieser Aufrüstung stiegen die saudischen Rüstungsausgaben nach dem SIPRI-Report 2015 von 29,5 Milliarden US-Dollar in 2011 auf 81 Milliarden US-Dollar in 2015 dramatisch an. Damit stand Saudi-Arabien auf der Liste der Länder mit den größten Rüstungsausgaben an dritter Stelle nach den USA und China und noch vor Russland. Im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) steht dieses Land mit 13,7 Prozent sogar an erster Stelle, weit vor den Arabischen Emiraten mit 5,7 Prozent, Israel mit 5,4 Prozent und den USA mit 3,3 Prozent.

Zur saudischen Aufrüstung gehören Waffenimporte aller Gattungen, modernste Kampfflugzeuge, Kampfhubschrauber, Panzer und Kriegsschiffe, vornehmlich aus den USA. Diese rasche Aufrüstung folgte dem mit den USA abgeschlossenen Rüstungsabkommen vom 24. November 2011. Barack Obama verteidigte die saudische Aufrüstung mit dem Argument des militärischen Übergewichts des Iran und der Notwendigkeit, im Mittleren Osten ein militärisches Gleichgewicht herzustellen.

Schon in 2015 scheint mit der massiven Aufrüstung Saudi-Arabiens das „militärische Gleichgewicht“ zwischen Saudi-Arabien und Iran weitgehend hergestellt gewesen zu sein. Saudi-Arabien hat inzwischen die größte Armee seiner Geschichte aufgebaut. Das Land verfügt nunmehr über 227.000 Soldaten, darunter Bodentruppen mit 175.000 Soldaten und 600 Panzern. Dem gegenüber stehen auf der iranischen Seite 523.000 Soldaten, darunter Bodentruppen mit 450.000 Soldaten und 2300 Panzern. So scheint das Heer des Iran zahlenmäßig dem saudischen überlegen zu sein. Faktisch verfügt Saudi-Arabien jedoch über deutlich modernere Waffen als der Iran. Keine Frage, dass die iranische Seite mit ihren kampferfahrenen Soldaten am Boden trotzdem insgesamt einen Vorteil aufweist. Diesen Vorteil können aber die Saudis, nach Meinung von Experten, mit ihren 313 modernsten Kampfflugzeugen wettmachen, da die 332 iranischen Flugzeuge stark veraltet sind und für diese zudem dringend benötigte Ersatzteile fehlen. Diese offensichtliche Schwäche versucht der Iran wiederum mit selbstproduzierten Mittelstreckenraketen auszugleichen.

Doch geht es dem MIK der USA nicht um Stabilität, sondern um die weitere Rüstungseskalation im Mittleren Osten. Die angekündigten und inzwischen sogar auch teilweise umgesetzten politischen Ziele von Donald Trump gehen eindeutig in diese Richtung: Zum einen vereinbarte der neue US-Präsident im Mai 2017 in Riad einen neuen Rüstungsdeal mit Saudi-Arabien in der Rekordhöhe von circa 110 Milliarden US-Dollar, um erneut ein militärisches Übergewicht nun zu Gunsten von Saudi-Arabien zu entfachen. Und zum anderen scheint Trump mit der Aufkündigung des Iran-Atomabkommens und einer Neuverhandlung, Iran zum Abbau von dessen Trägerraketen zwingen zu wollen.

Damit sollte Irans militärisches Abschreckungspotential empfindlich geschwächt und das Land angreifbar gemacht werden. Beide Maßnahmen sind auf jeden Fall geeignet, Iran ganz im Sinne der militaristischen Kräfte des Landes in eine neue und massivere Aufrüstungsrunde zu treiben. Hierbei lässt sich die historische Parallele von Reagans Politik des Todrüstens der Sowjetunion ins Blickfeld rücken. Ob diese Annahme richtig ist oder ob diese Strategie auch im Iran zu einem Regime Change führen kann, bleibt offen. Fest steht jedoch, dass die gegenwärtige Spirale des Wettrüstens im Mittleren Osten die Konflikte in der Region zusätzlich verschärft und auch einen neuen Krieg mit unvorstellbaren Folgen für die Völker, für die Volkswirtschaften und die Umwelt in der Region heraufbeschwören dürfte.

Rüstungswettlauf der 1970er Jahre erschütterte die gesamte Region

Erinnern wir uns: Das Wettrüsten zwischen Iran und Irak in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre – um historische Fakten als Beleg heranzuziehen – führte schließlich zum acht Jahre andauernden Iran-Irak-Krieg in den 1980er Jahren mit einer Million Kriegsopfern, darunter dreihunderttausend Toten, davon einige zehntausend Tote als Opfer der irakischen Chemiewaffen. Nach 1975 wurde das iranische Schah-Regime – seinerzeit der Hauptverbündete der USA – just in dem Moment, als die Öleinnahmen rapide anstiegen, mit allerlei US-Waffen, darunter modernsten Kampfflugzeugen, aufgerüstet und zur stärksten Regionalmacht angestachelt. Dass dadurch ein militärisches Übergewicht des eigenen Verbündeten im Mittleren Osten entstehen musste, war sicherlich kein Versehen. Die Antwort von Irans Rivalen um die Vorherrschaft in der Region kam prompt: die massive Aufrüstung des Iraks von Saddam Hussein, vor allem durch die Sowjetunion. Während Irans Rüstungsausgaben im Zeitraum 1975 bis 1980 von 2,1 auf 6,2 Milliarden Dollar um mehr als das Dreifache anstiegen, erhöhte der Irak seine Rüstungsausgaben im selben Zeitraum von 0,3 auf 2,1 Milliarden Dollar – also um mehr als das Sechsfache.

Dieses Wettrüsten erschütterte die inneren und äußeren Machtverhältnisse in der Region. 1979 wurde das Schah-Regime durch die Islamische Revolution gestürzt. Regimetreue Armeegeneräle wurden teils hingerichtet, teils in die Flucht geschlagen. Durch den Zusammenbruch der Führungsstruktur der iranischen Armee entstand ein militärisches Machtvakuum. Für Iraks Diktator Saddam Hussein, der sich nunmehr militärisch überlegen fühlte, hatte damit die Stunde geschlagen, seinen alten Traum, direkten Zugang zum Persischen Golf zu erlangen, Wirklichkeit werden zu lassen. In einem Blitzkrieg besetzte er 1981 die südiranische Ölregion. Der iranisch-irakische Rüstungswettlauf in den 1970er Jahren hat damit nicht nur den ersten, acht Jahre andauernden Golfkrieg ausgelöst, sondern auch zwei weitere Golfkriege in 1991 und 2003 mit verursacht, die schließlich zum Sturz des irakischen Diktators führten. Auch die sich anschließende Gewalteskalation in der Region, einschließlich der Entstehung des „Islamischen Staates“, resultierte bei genauerem Hinsehen aus all diesem grausamen Kriegsgeschehen im Mittleren Osten. Nun, heute und damit über dreißig Jahre später soll ein neues Wettrüsten, diesmal zwischen Saudi-Arabien und Iran, provoziert werden.

Und die gegenwärtigen Konfliktstrukturen im Mittleren Osten sind mit jenen der 1970er Jahre in vieler Hinsicht vergleichbar. Verändert hat sich nur die Bündniskonstellation. In jenen Jahren stand Iran mit dem Schah-Regime im Bündnis mit den USA, dem Westen insgesamt und Israel; und der Irak befand sich im geostrategischen Bündnis mit der Sowjetunion und nationalistischen arabischen Staaten. Heute sind umgekehrt die USA der Verbündete auf der arabischen Seite und Russland auf der iranischen Seite. Aus der Sicht des militärisch-industriellen Komplexes ist es allerdings irrelevant, welche geopolitischen Bündniskonstellationen das Wettrüsten anheizen und die Konflikte beflügeln. Hauptsache, es führt zu einem neuen Krieg und zur Zerstörung, und erwachsen daraus neue Konflikte und neue Waffenmärkte, wie wir sie seit dem Kalten Krieg und dem ersten Wettrüsten im Mittleren Osten beobachten konnten.

Man müsste eigentlich auch schon mehr als ignorant sein, um nicht zu erkennen, dass hinter dem zweimaligen Wettrüsten im Mittleren Osten, sowohl in den 1970er Jahren und wiederum jetzt vor unseren Augen, der US-Rüstungssektor und – in seinem Schlepptau – der europäische Rüstungssektor stecken. Denn sie beide leben davon, dass irgendwo in der Welt Regierungen zu diesen Waffen greifen, dass Millionen Menschen abgeschlachtet werden, dass neue Kulturkämpfe zwischen Ideologien und Religionen geschürt werden, dass immer mehr Hass zwischen den Völkern gesät wird, aus dem nicht zuletzt auch der Terrorismus erwächst. Ungeachtet des millionenfachen Leids und der gigantischen Zerstörung von Ressourcen und Menschenleben wurde inzwischen ein Teufelskreis von Öl und Blut gegen Waffen im Mittleren Osten installiert. Darin erzeugen die gegenwärtigen Konflikte neue und noch schlimmere, dazu noch massenhafte Flüchtlingsströme in Richtung Europa. Wer nach den wirklichen Fluchtursachen sucht, hätte jetzt Gelegenheit, tätig zu werden und diesen Teufelskreis durch die Verhinderung eines weiteren Krieges im Mittleren Osten zu durchkreuzen.

Kann eine neue Katastrophe verhindert werden?

Auch wenn Irans Machthaber vor dem Hintergrund der Katastrophe des iranisch-irakischen Krieges ernsthaft versuchen, einen neuen Krieg gegen ein arabisches Land zu vermeiden, legen die saudischen Herrscher großen Wert darauf, Iran als Regionalmacht mit allen Mitteln zu verhindern. Demgegenüber ist es Saudi-Arabien – übrigens zusammen mit Israel – bisher nicht gelungen, die USA zu einem Krieg gegen den Iran anzustacheln. Saudische Herrscher müssen nach dem Ende des Atomkonflikts sogar zusehen, dass Irans Marsch hin zu einer ökonomischen und militärischen Regionalmacht alsbald unumkehrbar sein könnte. Und es ist deshalb durchaus nicht auszuschließen, dass die Saudis selbst einen Krieg gegen den Iran vom Zaun brechen und darauf hoffen, die USA wegen deren strategischer Ölinteressen doch noch in ein neues Kriegsabenteuer hineinziehen zu können. Einem neuen Flächenbrand, der den Mittleren Osten um Jahrzehnte zurückwerfen und den bestehenden Kreislauf Öl und Blut gegen Waffen bis in die nächsten Jahrzehnte verlängern würde, stünde dann nichts mehr im Wege.

Noch ist es allerdings nicht zu spät, diese schaurige Perspektive zu verhindern. Der iranischen Regierung kommt die wichtige Aufgabe zu, die eigenen Streitkräfte in Schach zu halten und auf keinen Fall auf mögliche saudische Provokationen hereinzufallen. Auch die EU dürfte nicht untätig bleiben und müsste aus massiven Eigeninteressen heraus als erstes jegliche Waffenlieferungen an beide Staaten und in den Mittleren Osten insgesamt sofort stoppen. Das Konzept einer gemeinsamen Sicherheit für die größte Krisenregion der Welt hatte schon immer seine Berechtigung. Heute ist sie zu einer zwingenden friedenspolitischen Aufgabe geworden. Der iranische Außenminister Sarif plädierte immerhin bei der letzten Münchener Sicherheitskonferenz im Februar 2018 für eine neue regionale Sicherheitsarchitektur. Hier hat die EU die historisch einmalige Möglichkeit, diese durch einen der wichtigsten Staaten des Mittleren Ostens in die Debatte geworfene Option positiv aufzugreifen und mit allen Mitteln zu unterstützen. Die meisten gegenwärtigen Konflikte in der Region, der Syrien- und der Kurdistankonflikt, und eine allgemeine Abrüstung aller Waffengattungen einschließlich der Massenvernichtungswaffen als Gegenentwurf zum unaufhörlichen Wettrüsten gehören in den Rahmen einer gemeinsamen Sicherheit und ökonomischer Kooperation im Mittleren und Nahen Osten. Nicht nur der Mittlere Osten, sondern auch Europa und der Weltfrieden insgesamt wären dann alle die Gewinner dieser konkreten Utopie.

Mohssen Massarrat, 1942 in Teheran geboren, lebt seit 1960 in Deutschland, absolvierte zunächst ein ingenieurwissenschaftliches Studium, promovierte in Politik- und habilitierte dann in Wirtschaftswissenschaften. Bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2007 war er Professor für Politik- und Wirtschaftswissenschaften. Er veröffentlichte zahlreiche Bücher und Artikel zu den Themen Kapitalismus, Energie und Ökologie, nachhaltige Entwicklung, globale Ressourcenkonflikte, Mittlerer Osten, Iran sowie Friedens- und Konfliktforschung. Zuletzt erschien von ihm "Braucht die Welt den Finanzsektor? Postkapitalistische Perspektiven“.

Quelle: Rubikon - 03.05.2018. Dieses Werk ist unter einer Creative Commons-Lizenz ( Namensnennung - Nicht kommerziell - Keine Bearbeitungen 4.0 International ) lizenziert. Unter Einhaltung der Lizenzbedingungen dürfen Sie es verbreiten und vervielfältigen.

Fußnoten

Veröffentlicht am

08. Mai 2018

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