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Martin Arnold: Mohandas K. Gandhi

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"Wir wollen uns nach der leisen Stimme des Herzens in unserem Innern richten und uns nicht davon abhängig machen, ob andere dasselbe tun. Dann strahlen wir Güte auf alle aus und sie strahlen sie zurück."

M.K. Gandhi

Von Martin Arnold

"Vom politischen Wirken Gandhis ist nach seinem Tod kaum etwas geblieben." Dies war 2005 in der ZEIT zu lesen - ein Irrtum: Kurz danach prangte Gandhis Bild auf der Titelseite des SPIEGEL. Im Artikel dazu ging es um jüngste politische Umwälzungen in Europa, bei denen Methoden angewandt worden waren, die er zur Befreiung Indiens vom britischen Kolonialismus benutzte. Und zwei Jahre später proklamierte die UNO seinen Geburtstag, den 2. Oktober, zum ‚International Day of Non-violence’.

"Sei du selbst die Veränderung, die du in der Welt sehen willst." Auch wenn nicht nachgewiesen ist, ob dieser Satz so von ihm geäußert wurde - die Verbindung des Persönlichen mit Gesellschaft und Politik ist ein Kennzeichen seines Selbstverständnisses. So setzte er sich selbst ans Spinnrad und er fastete im Protest, um Indien zu befreien.

Die besondere Art und Weise, wie Gandhi Veränderungen herbeiführte, zeigte längst vor ihm z.B. in der Form des Boykotts starke Wirkungen. Doch hat er sie als erster systematisch als Handlungskonzept gegen Missstände erprobt und öffentlich erläutert, um die Anwendbarkeit in vielen Lebensbereichen zu ermöglichen. Darin besteht seine weltgeschichtliche Bedeutung. Um das Konzept zu benennen, setzte er zwei indische Worte neu zusammen zu "Satyagraha" (spr.: Satjagrah, zweite Silbe lang).

Satyagraha (Gütekraft): Gandhis neuer Begriff

‚Satya’ bedeutet bei Gandhi göttliche Wahrheit, Gerechtigkeit, Liebe, Güte, und ‚agraha’ bedeutet festhalten, sich halten an etwas, aktiv auf etwas bestehen, Festigkeit, Kraft.

Gandhi erwartete bei Engländern kein Verständnis für den indischen Ausdruck und gab ihn als ‚non-violence’ wieder, zu Deutsch‚ Nicht-Gewalt’. ‚Non-violence’ ist zugleich die Übersetzung von ‚ahimsa’, der hoch geachteten, alten indischen Stärke und Tugend des Nicht-Verletzens.  Im Westen dagegen wird ‚Gewaltlosigkeit’ oder ‚Gewaltfreiheit’ meist als Norm verstanden, deren Einhaltung Schwäche und politische Ineffizienz zur Folge hat, da ‚Gewalt’, z. B. Staatsgewalt, als stark gilt. Gandhi allerdings ging es kaum um die Einhaltung einer Norm, sondern um die Entfaltung von Kraft, "der Kraft, die aus Wahrheit und Liebe geboren wird", "love-force", "truth-force", "soul-force". Im Deutschen gibt die Übertragung ‚Gütekraft’ (power-of-goodness) am besten wieder, was Gandhi meinte.

‚Gütekraft’ bezeichnet ein Handlungskonzept, das nicht nur von dem Hindu Gandhi, sondern in unterschiedlichen Kulturen und Weltanschauungen erfolgreich angewandt und beschrieben wurde, etwa von dem Baptisten Martin Luther King aus den USA, von der katholischen Österreicherin Hildegard Goss-Mayr, von dem muslimischen Paschtunen Abdul Ghaffar Khan, von dem jüdischen Amerikaner Arthur Waskow, von dem atheistischen Niederländer Bart de Ligt oder von Thich Nhat Hanh, einem Buddhisten aus Vietnam.

Gütekraft - Forschung

Die Friedensforscherinnen Chenoweth und Stephan fanden über die 323 Kampagnen und Aufstände für mehr Demokratie von 1900 bis 2006 heraus: Die ohne Waffen oder mit wenig Gewalt durchgeführten Aktionen waren zu 53% erfolgreich, die mit Waffen begonnenen nur zu 26%. Zwei Beispiele: Kwame Nkrumah erstritt 1957 die Unabhängigkeit Ghanas - ohne Krieg, mit Gandhis Methoden. Und 1986 wurde nach Hildegard Goss-Mayrs Gütekraft-Konzept mit ‚People Power’ die Marcos-Diktatur in den Philippinen beendet. Aus Gandhis Sicht sind solche Erfolge nicht erstaunlich, denn er wusste, wie Gütekraft wirkt.

Gandhi: "Der Gütekraft widme ich mein Leben"

Mohandas Karamchand Gandhi, am 2.10.1869 in Indien geboren, studierte Jura in London. Mit 23 Jahren war er auf dem Weg zu seiner ersten Stelle als Anwalt in Südafrika. Dort wurde er aus dem Zug geworfen, als er sich weigerte, als "Schwarzer" in die dritte Klasse umzuziehen (er hatte ein Ticket für die erste Klasse). Auch für die Postkutsche nach Johannesburg hatte er einen ordentlichen Sitzplatz gebucht, sollte aber auf dem Fußbrett sitzen. Er weigerte sich, den Platz zu wechseln. Als er deshalb geschlagen und umhergezerrt wurde, klammerte er sich, um nicht an der eigenen Erniedrigung mitzuwirken, an die Messingstangen des Kutschbocks, "selbst auf die Gefahr hin, mir das Handgelenk zu brechen". Unter den Hieben bat er Gott um Hilfe; einige Mitreisende setzten sich für ihn ein, sodass er nicht weiter belästigt wurde. Diese Erfahrungen stärkten sein Gottvertrauen und damit die Furchtlosigkeit, der massiven rassistischen Diskriminierung der indischen Bevölkerung in Südafrika entgegenzutreten.

Als Anwalt war Gandhi erfolgreich: "Ich hatte gelernt, die bessere Seite der menschlichen Natur zu entdecken und zum Herzen der Menschen vorzudringen. Ich begriff, dass die wahre Funktion eines Anwalts darin bestand, die zerstrittenen Parteien zu einigen."

Gespräche und Lektüre über Religion und Lebensführung führten 1903 zur Aufgabe der florierenden Anwaltskanzlei. Er änderte sein Leben. Mit Gleichgesinnten errichtete er Selbstversorger-Farmen als unabhängige spirituelle, intellektuelle, materielle und publizistische Operationsbasis für "Experimente" mit Wahrheit und Güte als Mittel gegen vielerlei Übel. In Südafrika konkurrierte damals die Minderheit der Europäer, die die politische Macht hatten, mit der indischen Minderheit z. B. im Handel. Neue Gesetze schränkten die Rechte der Inder und Inderinnen in entwürdigender Weise ein. Im Einsatz dagegen entwickelte Gandhi:

Das Gütekraft-Konzept zum Abbau sozialer Missstände: Mutiges und beharrliches Bestehen auf Gerechtigkeit und Menschlichkeit durch wohlwollende Aktivitäten verbunden mit der Bereitschaft, Schläge hinzunehmen ohne zurückzuschlagen.

Das Konzept ermöglicht es, Ungerechtigkeiten effektiv Widerstand zu leisten, dabei aus der Teufelsspirale gegenseitigen Schädigens herauszutreten und so soziale Missstände abzubauen.

Tausende von Inderinnen und Indern in Südafrika waren mit Gandhi bereit, bei Protesten und für das Nichteinhalten entwürdigender Gesetze (Passvorschriften, Einschränkungen des Aufenthaltsorts u. a.) ins Gefängnis zu gehen sowie Strapazen und schwere Schädigungen auf sich zu nehmen. Mehrere starben durch die Brutalität der Polizei. Nach acht Jahren der Auseinandersetzung nahm die südafrikanische Regierung die diskriminierenden Gesetze zurück, die Inderinnen und Inder konnten aufatmen. Gandhi reiste nach Indien zurück. Wieder in seiner Heimat, wurde der körperlich kleine Inder 1915 als Mahatma, ‚Große Seele’, gefeiert. Er setzte sich nun in Indien für mehr Gerechtigkeit und Menschlichkeit ein.

Wie Gütekraft wirkt

Die britische Kolonialherrschaft drückte Indien schwer. Denn um eigene Produkte auf dem indischen Markt zu verkaufen und den Reichtum des Landes auszubeuten, erhoben die Briten hohe Steuern, sie schädigten Indiens Wirtschaft durch britische Monopole, das Verbot, bestimmte Rohstoffe und Werkzeuge zu besitzen usw., sodass indische Familien in Massen verelendeten und verhungerten.

Gandhi strebte umfassende Befreiung an, die er ‚Swaraj’, ‚Selbstregierung’, nannte. Damit meinte er das Beherrschen und Beseitigen alles Negativen, der Übel innerhalb einer Person wie innerhalb einer jeden Gemeinschaft, also auch die Befreiung vom Kolonialismus. Dazu gehört Furchtlosigkeit, die sich nicht einschüchtern lässt, und Gewaltfreiheit, die niemanden absichtlich schädigt und bereit ist, Schläge hinzunehmen ohne zurückzuschlagen. ‚Swaraj’ ist daher auch ‚Selbstbeherrschung’, Selbstdisziplin. Sie gehört nach Gandhis Überzeugung elementar zu wahrer Selbstständigkeit und kann im gütekräftigen Einsatz gefordert sein, z. B. wenn dieser viel kostet oder riskant ist und deshalb innere Überwindung erfordert.

Die von Gandhi angeleiteten Aktionen zur Befreiung zeigen, wie das gütekräftige Vorgehen zur Wirkung kommt. Auf eine Entdeckung folgt das Handeln.

Entdeckung der Gütekraft im Eigenen. Anderen Menschen kann und will ich so begegnen, wie auch ich behandelt werden will: wohlwollend und gerecht. Diese Neigung und Fähigkeit zum Guten ist neben anderen Neigungen jedem Menschen mitgegeben, es ist die Gütekraft als menschliche Möglichkeit. Jeder Mensch und jede Gemeinschaft kann sie in sich selbst entdecken. Denn sicherlich hat jede und jeder schon einmal Gutes getan, ohne eine Gegenleistung zu erwarten, z. B. bei der Begegnung mit einer fremden Person. Die Entdeckung der Gütekraft im Eigenen ist das erste Element des bewussten gütekräftigen Vorgehens. Sie ist die Grundlage dafür, dass wir uns und anderen zutrauen, zum Guten beizutragen. Wir können sie uns bewusst machen und uns daran freuen. Wir können "die Liebe in uns wachsen lassen" (Hildegard Goss-Mayr), unsere Fähigkeiten dazu weiterentwickeln und passende Methoden erlernen. Persönlich wie auch in gesellschaftlichen Zusammenhängen bewegen und verändern wir uns auf das gute Ziel hin, das wir für die Gemeinschaft wünschen, in der wir leben. Dieses Ziel im eigenen Bereich zu verwirklichen, soweit es uns selbst möglich ist, ist der Weg zur Verwirklichung über die eigenen Möglichkeiten hinaus.

Gütekräftiges Handeln zum Abbau von Missständen beginnt damit, sich mit einem Missstand und den davon Betroffenen innerlich zu verbinden, das heißt zum einen nach eigenen Anteilen an dem jeweiligen Problem zu fragen, um diese abzubauen, und zum andern eigene mögliche Beiträge zur Lösung zu suchen. Gandhi sah viele Missstände in Indien, auch die schreiende Armut der großen Masse der Armen. Er verband sich mit ihnen zunächst, indem er nur das Lebensnotwendige an Nahrung, Kleidung usw. verbrauchte und möglichst alles selbst herstellte. Er initiierte die Gründung von Vereinen, um die handwerkliche Dorfentwicklung voranzutreiben.

Solch ein "konstruktives Programm" ist besonders beim gütekräftigen Abbau größerer Missstände wichtig. Es entspricht Birgit Bergs Einsicht:

Auf dem Weg zum Leben in Fülle für alle besteht das überzeugendste NEIN zum Unzumutbaren in einem tätigen JA zu den reiferen Möglichkeiten.

Charakteristisch für gütekräftiges Vorgehen ist das eigene Handeln, das über Forderungen an andere hinausgeht. Gütekräftiges Handeln steckt an, es zeigt sich als Kraft. Denn weil die Neigung zu Wohlwollen und Gerechtigkeit in jedem Menschen angelegt ist, beginnen wir innerlich mitzuschwingen, wenn wir Menschen wahrnehmen, die sich aus dieser Kraft heraus für mehr Wohlwollen oder Gerechtigkeit, für mehr Nachhaltigkeit oder mehr Freiheit einsetzen:
Wir fühlen mit, möchten mitmachen und werden je nach den Umständen möglicherweise ebenfalls  aktiv. Das gütekräftige Vorangehen wird zum Erreger einer ansteckenden Gesundheit.

Aufbau und Widerstand. Gandhi arbeitete selbst mindestens eine Stunde täglich am Spinnrad und empfahl dies allen, die sich für Indiens ‚Selbstregierung’ einsetzten. Dies hatte weitreichende Auswirkungen:

Die arme Bevölkerung fand zurück auf den Weg zur Selbstversorgung. Die wirtschaftliche Abhängigkeit von britischen Importen wurde vermindert, dies stärkte Indiens Selbstständigkeit. Wohlhabende konnten sich am Spinnrad mit der armen Bevölkerung verbinden und ‚Selbstregierung’ wurde ,ethisch begründet, über die politische Dimension hinaus zu einer umfassenden Aufgabe, die auch die Entwicklung der Wirtschaft einschloss. Inderinnen und Inder wurde so der eigene Anteil an ihrer Erniedrigung bewusst: Durch den Kauf englischer Kleidung hatten sie die Kolonialherrschaft unterstützt. Auf Gandhis Anregung hin verbrannten viele Inder - die Nachricht ging um die Welt - auf öffentlichen Plätzen ihre englischen Hemden, Gandhi hatte dies angeregt. So wurde Englands wirtschaftlicher Vorteil aus dem Textilhandel mit der Kolonie vermindert. Die indische Eigenproduktion wurde zum Angriff auf das ökonomisch-politisch-psychologische System des Kolonialismus.

Gandhis "Schlüssel für die richtige Praxis der Güte" war der Grundsatz aus dem römischen Recht: "Gebrauche das Deine so, dass du Fremdem nicht schadest!" So fuhr er bei einem Aufenthalt in England zu Textilarbeitern nach Lancashire und zeigte Verständnis für die schwierigen Folgen, die seine Aktionen für sie hatten. Er beschrieb ihnen die Lage der Hungernden in Indien und legte seine Sicht der Dinge dar. Dabei fand er bei den englischen Textilarbeitern Verständnis und große Sympathie. Gandhi handelte aus der Überzeugung:

Wer sich für mehr Freiheit, Gerechtigkeit, Menschlichkeit oder Nachhaltigkeit, für das Leben in Fülle für alle, engagiert, darf von vornherein mit der Zustimmung vieler anderer rechnen.

Nicht-Zusammenarbeit. 1920 entwickelte Gandhi eine über den Warenboykott noch hinaus gehende Kampagne der Nicht-Zusammenarbeit mit dem britischen Kolonialsystem. Dazu gehörten u. a. Rückgabe von Orden, Nicht-in-Anspruchnahme englischer Regierungsdarlehen, Auszug von Schülern und Studenten aus britischen Schulen und Colleges, Ablehnung britischer Stellenangebote, Ersatz von Gerichtsprozessen durch private Streitschlichtung. Alle Aktionen waren legal, dennoch wurde Gandhi dafür zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt.

Die Beispiele zeigen die drei Wirkungsweisen der Gütekraft in aufbauender Reihenfolge: Eigentätigkeit, Ansteckung und massenhafte Nichtzusammenarbeit mit dem Missstand.

Die 1920 initiierte Kampagne der Nichtzusammenarbeit erreichte noch nicht das Ziel der Unabhängigkeit. Gandhi griff daher zu einer schärferen Gütekraft-Aktion, zu zivilem Ungehorsam. Unter zivilem Ungehorsam wird im verantwortlichen Einsatz für politische Verbesserungen die öffentliche, illegale, jedoch nicht kriminelle Übertretung eines Gesetzes verstanden.

So organisierte Gandhi 1930 den weltberühmten Salzmarsch ans Meer, wo anschließend das Salzsteuergesetz massenhaft übertreten wurde: Ohne Lizenz gewannen Inderinnen und Inder Meersalz und verkauften es ohne den hohen britischen Steuerzuschlag. Die Festnahmen überfüllten die Gefängnisse. Als die Männer inhaftiert waren, stellten Frauen Salz her und verkauften es. Die Briten konnten ihr Gesetz nicht durchsetzen, ihre Macht begann zu zerfallen.

Jede Herrschaft ist darauf angewiesen, dass Untergebene die Anordnungen der Herrschenden befolgen und mit ihnen zusammenarbeiten. Darum ist massenhafte Nichtzusammenarbeit ein starkes methodisches Instrument des Gütekraft-Konzepts.

1930 versuchten 2500 Freiheitskämpfer eine britische Salzgewinnungsanlage zu besetzen. Da schlug die nicht im Geringsten bedrohte Polizei so brutal zu, dass es Tote und viele Verletzte gab. Die Nachricht davon brachte die Briten derart unter Druck, dass sie erste (Schein-)Verhandlungen über Indiens Unabhängigkeit führten. Nach weiteren Satyagraha-/ Gütekraft-Aktionen und grausamen Repressalien entließ England, u. a. durch den Zweiten Weltkrieg geschwächt, 1947 die Kolonie ‚India’ in die Unabhängigkeit - zu Gandhis tiefem Schmerz nicht als einen Staat, sondern als zwei, Indien und Pakistan: Er hatte sich jahrzehntelang vehement für die Einheit eingesetzt.

Durch zivilen Ungehorsam brach die DDR-Herrschaft zusammen: immer mehr Menschen verließen verbotswidrig das Land, Massen demonstrierten offen usw., und 2011 traten Diktatoren in Ägypten und Tunesien nach massenhaftem zivilen Ungehorsam ab.

Gandhi und andere

1946 eskalierten in Bengalen Grausamkeiten zwischen Hindus und Muslimen. Gandhi ging von Dorf zu Dorf, um Frieden zu stiften, Hass schlug auch ihm entgegen, Glasscherben und Exkremente wurden ihm auf den Weg gestreut. Da legte er seine Sandalen ab und ging barfuß weiter. Die moralische Wirkung war enorm, denn er zeigte sich um des Friedens willen bereit zum Risiko und zum Leiden. Die Ausstrahlung seiner Furchtlosigkeit und Selbstdisziplin, kurz: seine gütekräftige Entschlossenheit war größer als alles, was andere in ihrem feindseligen und ängstlichen Festhalten am Eigenen gegen den Frieden hervorbrachten. In viele Dörfer zog wieder Frieden ein. Was Gandhi unter einer Mehrheit von Hindus tat, erreichte in muslimisch geprägten Dörfern Abdul Ghaffar Khan. "Gutes und Böses ist nicht einerlei; darum wende das Böse durch Gutes ab, und dann wird selbst dein Feind dir zum echten Freund werden", heißt es in Koransure 41,35. Der muslimische Paschtune leitete sein Gütekraft-Konzept aus dem Islam her und baute eine gewaltfreie Truppe auf. Im April 1930 brachte deren gütekräftige Beharrlichkeit in Peschawar britische Truppen dazu, das Schießen auf Demonstrierende einzustellen und die Stadt diesen "Dienern Gottes" für zehn Tage zu überlassen.

Gandhi war es wichtig, dass Gutes gebührend gewürdigt wird, er propagierte gleiche Achtung für alle Religionen, gab Empfehlungen zur Ernährung: Ziegenmilch! und für fast alle Lebensbereiche. Natürlich wurde er auch vielfach kritisiert.

Mohandas K. Gandhi starb durch die Kugel eines Religionsfanatikers am 30. Januar 1948 in Delhi, wie er es gehofft hatte: im Einsatz für Versöhnung und mit dem Namen Gottes auf den Lippen.

George Orwell übte 1949 scharfe Kritik an Gandhi als ‚heilig’, aber er hielt es für "denkbar", dass in Gandhis Konzept "der Ausweg" für die Zivilisation liegt. Das Gütekraft-Konzept lebt weiter. Es bietet (wie alle anderen Vorgehensweisen) keine Erfolgsgarantie, aber weitreichende Möglichkeiten für einen effektiven konstruktiven Umgang mit sozialen Missständen. Sie sind längst noch nicht ausgeschöpft. Gandhi sah "viel Raum für Forschung und Experimente auf dem Gebiet der Gütekraft. Alle eure Fähigkeiten könnt ihr dafür einsetzen."


Gütekraft-Forschung:

Zitate von Gandhi (Übersetzung M. A.) aus: Gandhi, Mahatma (1999): Electronic Book of The Collected Works of Mahatma Gandhi. (CD-ROM, vgl. www.gandhiserve.org ). Publications Division (Hg.). New Delhi: Icon Softec.

Empfehlungen:

Sachbuch: Arnold, Martin (2011): Gütekraft - Gandhis Satyagraha. Overath: Bücken & Sulzer

Roman: Seufert, Karl Rolf (1990): Aufbruch am Heiligen Fluß. Gandhis Kampf für Indiens Freiheit. Bildlach: Loewe. (auch für Kinder ab 12 Jahre)

Film: "Gandhi" von Richard Attenborough: meisterhaft. Nahe an der historischen Realität inszeniert. Dabei wurden einige historische Ereignisse szenisch zusammengefasst, sodass zwar nicht auf die Historizität jeder einzelnen Szene geschlossen werden kann, aber das Gesamtbild zutrifft.

Dr. Martin Arnold, Friedensforscher, bis 2010 Pfarrer der Evangelischen Kirche im Rheinland, lehrte 1997 bis 2005 an der Universität Marburg im Studiengang Friedens- und Konfliktforschung und arbeitet ehrenamtlich am Institut für Friedensarbeit und gewaltfreie Konfliktaustragung sowie in der Arbeitsgruppe Gütekraft. Er ist Trainer für Gewaltfreie Aktion und wirkte vielfach an Gütekraft-Aktionen mit. Mehr: www.martin-arnold.eu

Quelle:  www.martin-arnold.eu .

Veröffentlicht am

31. Januar 2018

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