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Corder Catchpool: “… allen Bruder sein …”

Erfolgs- und Grenz-Erfahrungen des britischen Quäkers Corder Catchpool bei Gesprächen mit Nazis im Deutschland der 1930er Jahre

Von Martin Arnold

Zitat: "Mit Rechten reden heißt auch, sie zu legitimieren. Tatsächlich gibt es keine Berührungspunkte und ergo auch keinen Diskurs mit ihnen." Dies war am 9. November 2017 in der Frankfurter Rundschau an prominenter Stelle von der Journalistin und Schriftstellerin Katja Thorwarth zu lesen unter dem Titel: "Rassismus ist keine Meinung". Dies zeigt: Die Fragen, mit denen wir uns hier beschäftigen, sind höchst aktuell.

Vom Quäker Corder Catchpool erfuhr ich durch die Schrift der Religiösen Gesellschaft der Freunde "… ALLEN BRUDER SEIN … CORDER CATCHPOOL (1883-1952), ein englischer Freund in deutscher Not".

Der kurzen Biographie Corder Catchpools ist ein Lied von Christian Morgenstern vorangestellt.

Darin heißt es u.a.

"Allen Bruder sein! …
Auch dem Bösewicht,
der uns widerstrebet!
Er auch ward gewebet
einst aus Licht.

"Liebt das Böse - gut!"
Lehren tiefe Seelen.
Lernt am Hasse stählen
Liebesmut!

Ist das möglich: Böses so zu lieben, dass es gut wird? Wie kann das geschehen: Böses durch Liebestätigkeit zu Gutem zu machen? Es geht um das Böse und nicht um "die Bösen", also nicht darum, böse Menschen zu guten Menschen zu machen.

Was hat Corder Catchpool im Sinne von Christian Morgensterns Aufforderung getan und erreicht? Er hat durch seine ‚liebevolle’ Art im Umgang mit Nazis von 1933 bis 1936 in einigen Fällen erreicht, dass diese Nazis gegenüber anderen Personen, z.B. Gefängnisinsassen, menschlicher gehandelt haben als vor den Gesprächen. Er hat also mit seiner "Liebestätigkeit" einige Erfolge erzielt.

Davon erzähle ich und reflektiere es in folgenden neun Schritten:

  1. Welche "Liebes"-Tätigkeiten waren das?
  2. Welche Erfolge hatten diese Tätigkeiten?
  3. Misserfolge
  4. Gründe für Erfolge und Misserfolge
  5. "Dem Rad in die Speichen fallen"?
  6. Inwiefern entsprachen Corder Catchpools Tätigkeiten der "Liebe" im Sinne Christian Morgensterns bzw. waren "stark und gütig", gütekräftig?
  7. Fazit "Liebt das Böse - gut!"
  8. Drei Folgerungen
  9. Sechs Ausblick-Schnipsel

1. Welche "Liebes"-Tätigkeiten übte Corder Catchpool gegenüber Nazis aus?

1.1. Der Hintergrund

Der Lokomotivingenieur Corder Catchpool gehörte zur Religiösen Gesellschaft der Freunde, Quäker genannt.

Quäker verweigern den Kriegsdienst, weil sie glauben, dass jeder Mensch das innere Licht, sie nennen es auch das von Gott, in sich hat. Seit ihrer Gründung im 17. Jahrhundert setzen sie sich für die Überwindung oder zumindest Linderung menschlicher Not, z.B. für menschlichere Behandlung von Gefangenen in Gefängnissen oder für die Speisung von Hungernden ein.

Corder Catchpool fühlte sich wie viele britische Quäker nach dem Ersten Weltkrieg gerufen, dorthin zu gehen, wo der Krieg die grausamsten Folgen hinterließ, um sich zur Überwindung sowohl der Not der Überlebenden als auch der Feindschaft, also für Frieden und Freundschaft unter den Kriegsparteien einzusetzen. Deutschland lag ihm dabei besonders am Herzen. Seit 1931 leitete er das britische Quäkerbüro in Berlin, 1936 ging er mit seiner Familie aus finanziellen und familiären Gründen - er hatte zwei Töchter - nach England zurück.

Seit 1933 unterstützte er auf vielfältige persönliche Weise mit unermüdlichem Einsatz Menschen in ganz Deutschland, die unter der Naziherrschaft litten. Sein Haus war stets offen für alle. Seine Frau Gwen, die wie er aus einer Quäkerfamilie stammte, setzte sich genauso im Dienst für Menschen in Not ein. Diese kamen aus allen betroffenen Gruppen zu ihm, vor allem waren es politisch und aus Rassenwahn Verfolgte. Er stand z.B. vielen Frauen und anderen Familienangehörigen politischer Gefangener bei und unterstützte sie vielfältig. Er besuchte Inhaftierte, stellte in seinem internationalen Netzwerk nützliche Kontakte her, half zur Ausreise, usw. Er kümmerte sich auch um jüdische Familien, die verfolgt wurden, die aber, weil sie z.B. sich haben taufen lassen, keine Hilfe von jüdischen Organisationen bekamen. Regelmäßig schickte er Berichte nach England und hielt dort häufig Vorträge über seine Erfahrungen in Deutschland.

1.2. Die Motivation

Aufgrund einer Denunziation, er unterstütze gegen die Regierung gerichtete Aktivitäten, wurde sein Haus am 3. April 1933 von der Gestapo durchsucht, er mitgenommen und einem "grimmigen und langen Kreuzverhör" unterzogen. Dabei antwortete er nach Quäkerart offen und vollständig, gab aber keine Namen oder Adressen preis. Die Nacht im Polizeigefängnis konnte er nicht schlafen. Sie wurde zum "Wendepunkt in seiner Beziehung zu den Nazis". Er durfte, wieder in Freiheit, seine humanitäre Arbeit unter der Bedingung fortsetzen, dass er äußerst sorgfältig vermiede, politischen Aktionen gegen die Regierung Hilfe zu leisten. Er verstand sich als britischen "Botschafter der Freundschaft" mit Deutschland. Im Verhör war ihm vorgehalten worden, dass seine - konfiszierten - Berichte nach England keinen Versuch zeigten, die neue Bewegung der nationalen Erhebung zu verstehen und zu erklären. Er fragte sich in dieser Nacht, ob er Kontakte mit Nazis aus Abneigung gegen ihre Lehren und Handlungen vermieden habe und ob das mit seiner Botschafterrolle vereinbar sei. Daraufhin fasste er den bewussten Entschluss, mit Nazis Kontakt aufzunehmen. Er hatte dabei klare Ziele.

1.3. Die Ziele:

Er entschied sich, "Kontakte mit Nazis herzustellen,

  • um zu verstehen, wie gute Männer und Frauen dazu kämen, sich der Bewegung anzuschließen,
  • um wirkliche Freundschaften mit Einzelnen von ihnen anzuknüpfen,
  • um bereit zu sein, nach etwas Gutem auszuschauen, und ebenso zu sehen, was schlecht wäre."

"Er hielt es für wichtig, die Nazi-Anschauungen zu verstehen, um sich ein gerechtes Urteil zu bilden. Er betrachtete ihre Lehre als Ausdruck einer Geisteskrankheit, für deren Heilung es wenigstens zu einem Teil auch auf die Haltung der Außenwelt ankam."

1.4. Das Selbstverständnis

Angesichts "solcher nationaler Übel und Antagonismen" wie der Machtergreifung der Nazis sah Corder Catchpool zwei mögliche Haltungen für Christen: als Prophet oder als Versöhner.

Der Prophet "verkündet Gottes Botschaft laut auf Straßen und Plätzen, prangert die Sünde öffentlich an und ruft die Menschen zur Rechtlichkeit zurück". Der Prophet muss überwältigend gewiss sein, dass er mit Gottes Gerichtsbotschaft - gewöhnlich an das eigene Volk - betraut sei.

Der Versöhner stellt ruhig "mit allen Parteien persönliche Fühlung her und versucht, sie in Wahrhaftigkeit und gegenseitiger Achtung zusammenzubringen".

Corder Catchpool schrieb: "Versöhnung bedeutet nicht hingehen und sagen: ,Ihr seid wirklich gute und nette Leute; es ist eine Schande, daß man euch verleumdet.’ Es heißt, mit offenen Augen … zu helfen. … Es handelt sich nicht um entweder Versöhnung oder Gerechtigkeit, sondern um Gerechtigkeit durch Versöhnung, letzten Endes um Versöhnung zwischen Gott und dem Übeltäter. Ein Versöhner sein heißt nicht, daß wir versuchen, uns oder andere mit dem Bösen auszusöhnen, oder daß wir sagen, daß das Böse nicht böse sei und daß wir das Böse mit dem Guten auszusöhnen suchen. Es bedeutet, zu verstehen suchen, wie das Böse zustande kam, und eine richtige Haltung zum Übeltäter zu finden - Mitleid oder vielleicht Reue für unser eigenes Böse ihm gegenüber." (Damit meint er wohl den Versailler Vertrag.)

"Ich glaube, daß die große Sache, die versucht werden muß, darin besteht, normale, gesunde Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern zu fördern. … Wie stark oder wie gering die Hoffnung auf ein vernünftiges und besseres Deutschland ist, wenn sein Minderwertigkeitskomplex gemildert oder beseitigt wird, das zu prophezeien - dazu weiß keiner von uns genug. Aber es liegt in meiner ganzen Art, die Dinge so zu sehen, daß man die Hoffnung auf eine Wandlung zum Besseren durch rechten Einfluß niemals aufzugeben braucht, wo es um menschliche Persönlichkeiten geht. Europa geht durch Mißtrauen unter, und irgend jemand muß damit anfangen, dem andern Vertrauen zu schenken, falls wir überhaupt weiterkommen sollen. Inzwischen bleibt die Lage kritisch, und da Deutschland praktisch unkontrolliert aufrüstet, kann uns die Katastrophe fast jeden Augenblick überfallen." Er schrieb dies im Dezember 1934. Hier wird deutlich, dass es ihm um Friedensarbeit ging.

1.5. Die Praxis

"Als Ergebnis dieser inneren Entscheidung knüpfte Corder Freundschaften an mit Familien, die die Nazianschauung angenommen hatten; er konnte vieles von der innerhalb der Bewegung getanen sozialen Arbeit sehen und würdigen und konnte mit Wärme und doch mit Offenheit zu den jungen Leuten reden, die geführt wurden - wohin, das wußten sie nicht. Er schrieb Artikel und hielt Vorträge in England, in denen er ihre Überzeugungen und ihre Haltung zu erklären suchte, und gab zu, daß es oft echter Idealismus wäre, der sie triebe."

Corder Catchpool widmete nur einen kleinen Teil seiner Zeit dem Kontakt mit Nazikreisen, den größten Teil dagegen der Hilfe für deren Opfer.

Er hielt nach seinem Verhör Kontakt zu mehreren hohen Beamten im Gestapo-Hauptquartier. Er machte zahlreiche persönliche Besuche und sandte Berichte über die Quäkerarbeit ein. Er nahm mit dem Innenministerium Kontakt auf, um auf Missstände in Gefängnissen hinzuweisen - wie Quäker es seit Jahrhunderten tun. Mithilfe von Eingaben aus England direkt an Hitler setzten sich die Quäker mehrmals, teils öffentlich, für die Auflösung der Konzentrationslager und das Ende von Unterdrückungsmaßnahmen ein. Corder Catchpool ging zusammen mit anderen Quäkern in die Reichskanzlei, um diese Eingaben Hitler zu überreichen. Er kam aber nur bis zum Vorzimmer durch. Immerhin führten die Eingaben zu Inspektionsmöglichkeiten in Konzentrationslager.

Britische Quäker hatten bereits 1923 in einer Großaktion in vielen Ländern zu einer internationalen Konferenz aufgerufen, die wegen vielerlei Ungerechtigkeiten gegen Deutschland im Versailler Vertrag zu dessen Revision führen sollte - 1923!

Corder Catchpool wies vor allem in England "darauf hin, daß der Mangel an friedlicher Mitarbeit von seiten der Alliierten bei der Berichtigung wirklicher Ungerechtigkeiten, die sie Deutschland zugefügt hatten, diese Nation in die Arme einer Bewegung getrieben hätte, die nun entschlossen wäre, die Richtigstellung durch ‚Blut- und Eisen’-Methoden zu erzwingen. - Auf solchen Pfaden weiterzugehen - ohne einen echten Aussöhnungsversuch zu machen, der mit einer gewissen Großzügigkeit verbunden sein müßte -, das würde am Ende geradeswegs zum Krieg führen." -

"Die Quäker … hielten unbeirrbar an ihrem Grundsatz des inneren Lichtes in jedem Menschen fest, verzweifelten nicht an der menschlichen Ansprechbarkeit auch der Vertreter der Gewaltmethoden und erreichten damit viel Linderung, selbst in den KZs."

Den Nazis hielt er vor allem drei Dinge vor: "Die Aufreizung zum Hass gegen die Juden und ihre tatsächliche Verfolgung, die Annahme von Hitlers ‚Mein Kampf’ als Bibel der Bewegung und die ungesetzliche und grausame Behandlung ihrer politischen Gegner, besonders in den Konzentrationslagern".

1.6. Folgen für Corder Catchpool: "Kommunist!" / "Pro-Nazi!"

Corder Catchpools Haltung wurde vor allem in England vielfach angegriffen, er sei das, was man später auf Englisch einen appeaser genannt hätte, und er sei wohl "nur um des lieben Friedens willen zum Kompromiss sogar mit dem Teufel bereit".

"Corder litt tief, als ein oder zwei seiner liebsten Freunde und Mitarbeiter früherer Tage ihm scharfe Briefe der Kritik schrieben und ihn drängten, seine Kenntnis und seine Position dazu zu benutzen, die Nazis in öffentlicher Weise anzugreifen; oder auch, als Robert Dell vom ,Manchester Guardian’ in einem Buch unter dem Titel ,Entlarvtes Deutschland’ (,Germany Unmasked’) behauptete, daß Corder Catchpool und die Gesellschaft der Freunde ‚zu den Nazis übergegangen’ seien. Die Einsicht, die für ihn in jener Nacht im Nazigefängnis schließlich so klar geworden war, was für ihn die rechte Arbeitsweise wäre, wurde durch solche Kritiken zwar wohl auf die Probe gestellt, aber niemals erschüttert…

In seinen letzten Jahren als Vertreter der Quäker in Berlin mußte sich Corder also sehr vorsichtig verhalten. Von einer Seite wurde er als Kommunist angegriffen, von der anderen als Pro-Nazi."

2. Welche Erfolge hatten diese Tätigkeiten?

Erfolg oder Misserfolg sind an den Zielen zu messen, die er sich gesetzt hatte. Er wollte durch die Kontakte zu Nazis nach etwas Gutem ausschauen, und sehen, was schlecht wäre.

Ersteres hieß für ihn auch und vor allem: erkunden und voranbringen, was die kontaktierten Personen Gutes tun könnten.

Sehen, was schlecht wäre, hieß: Informationen sammeln, um treffende, differenzierte Kritik zu ermöglichen. Folgende Erfolge werden berichtet:

2.1. Hitler-Lobpreisung im Humboldt-Klub gestoppt

Corder Catchpool schrieb sich siebzig der schlimmsten Stellen aus Mein Kampf ab. Im akademischen Humboldt-Klub in Berlin pries ein Redner Hitlers Ideale und Großtaten und bat anschließend um Fragen. Corder Catchpool las daraufhin einige Hitler-Zitate vor und bat um eine Erklärung, was sie bedeuteten und wie sie mit dem Vorgetragenen vereinbar wären. Der Redner sagte, solche Stellen gäbe es in Mein Kampf nicht. Corder Catchpool antwortete "so sanft wie immer, er hätte sie selbst von Seite soundso in dem Buche abgeschrieben - woraufhin der Sprecher die Versammlung mit der Bemerkung schloß, daß er in seiner nächsten Vorlesung auf die Sache eingehen würde."

2.2. Erlaubnis zu humanitärer Arbeit

Corder Catchpool bekam von der Gestapo die Erlaubnis, seine humanitäre Arbeit auch für Familien von "Staatsfeinden", weiterzuführen.

Er bekam die "offizielle Erlaubnis, dem Verbleib von Männern nachzuforschen, die verhaftet und nach unbekannten Bestimmungsorten hin verschwunden waren, und im Interesse einzelner Gefangener Vorstellungen zu erheben.

Weiter machte er es sich zur Aufgabe, über das, was vorging, vertraulich an solche Deutschen zu berichten, die, wie er glaubte, persönlichen Protest einlegen könnten; auch trat er an lokale und zentrale Amtsstellen heran, die mit den Lagern zu tun hatten, und auch an die Naziführer so weit hinauf, wie er sie erreichen konnte."

2.3. Inspektionsbesuche in Lagern

Nach Verhandlungen mit der Gestapo infolge der zweiten Vorsprache in der Reichskanzlei wurden Inspektionsbesuche in Lagern gestattet. Corder Catchpool besuchte zusammen mit zwei anderen Quäkern die meisten 1936 bestehenden Konzentrationslager. In einigen Fällen konnten dadurch Befürchtungen von Familien über den Zustand bestimmter Gefangener gelindert werden. Vielleicht kann auch die Reinigung des KZs drei Tage vor der Inspektion zu den positiven Folgen gerechnet werden.

2.4. Hin und wieder: "Entlassung den Quäkern zu verdanken"

"Es war sehr schwierig, im voraus zu wissen, ob eine Intervention für einen Internierten ihm wirklich zur Hilfe gereichen oder nur seine Gefängniswärter ärgern und dadurch seine Leiden vermehren würde. Aber allmählich wurde es ziemlich klar, daß Corders Art von persönlichen Appellen manchmal wirksam waren, obwohl die Agitation im Ausland für gewisse wohlbekannte Gefangene diesen keinen Vorteil brachte. Ein Brief an die Gestapo-Chefs, mit denen er in Fühlung stand, wurde selten bestätigt oder beantwortet. Aber hin und wieder, wenn ein Gefangener freigelassen wurde, wurde … ein Hinweis … [gegeben], daß er seine Entlassung den Quäkern verdankte."

2.5. Carl von Ossietzky am Leben erhalten

Nach dem Krieg wurden Gestapo-Papiere an das KZ entdeckt, in dem Carl von Ossietzky gefangen war, und Befehle, diesen Mann "am Leben zu erhalten, weil im Ausland ständige Aufmerksamkeit auf seinen Fall gerichtet würde, besonders durch Herrn Catchpool von den ,sogenannten Quäkern’."

2.6. Freilassung von Ernst Reuter aus dem KZ

Freundschaftliche Beziehungen konnte Corder Catchpool mit dem hochgestellten Nazi Ernst Hanfstaengl, dem Auslands-Pressechef der NSDAP, knüpfen. Unter anderem durch seine Vermittlung wurde der sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete und spätere Bürgermeister von Berlin Ernst Reuter aus dem KZ Lichtenburg entlassen. Dieser kam dann mit seiner Familie zeitweise bei Quäkern unter: zunächst in Deutschland und nach seiner Emigration in England.

2.7. Ernst Hanfstaengl

Ernst Hanfstaengl, der in Harvard studiert hatte und von Hitler seit den frühen 1920er Jahren begeistert war, kritisierte 1934 nach den von Nazis bejubelten Morden an SA-Führer Röhm und anderen das NS-Regime und brach innerlich mit Hitler ("hatten wir eine Bande gefährlicher Gangster an die Macht gebracht" Hanfstaengl 345). Er blieb jedoch Auslandspressechef bis 1937. Der Mordplan der Nazis gegen ihn misslang, Hanfstaengl emigrierte. In seiner Autobiographie erwähnt Hanfstaengl Corder Catchpool zwar nicht namentlich, wohl aber die Quäker an der Stelle, an der er von Ernst Reuters Befreiung aus dem KZ berichtet (Hanfstaengl 302).

3. Misserfolge

Gemäß den eigenen Zielen sah Corder Catchpool sicherlich selbst Folgendes als Misserfolge an:

  • dass "Mein Kampf" hemmungslos massenhaft verbreitet wurde,
  • dass er trotz beharrlichen Versuchens nur bis zu den Vorzimmern und nicht zum Innenminister und zu Hitler selbst vorgelassen wurde,
  • dass die Konzentrationslager nicht, wie anfangs in Aussicht gestellt, aufgelöst, sondern, im Gegenteil, vermehrt wurden,
  • dass die Hetze gegen die jüdische Bevölkerung und ihre Verfolgung nicht aufhörten, sondern noch ausgeweitet wurden,
  • dass die grausame Behandlung von Gefangenen nicht aufhörte,
  • dass der Krieg geführt wurde - die britischen Quäker hatten bereits 1923 gewarnt.

Als Corder Catchpool 1936 von Berlin wieder in die englische Heimat zog, zeichnete sich vieles davon zwar als wahrscheinlich ab, war aber noch offene Zukunft, die er weiter zu beeinflussen suchte.

4. Gründe für Erfolge und Misserfolge

4.1. Unpolitische Arbeit, unpolitische Erfolge

Gemäß Corder Catchpools Selbstverständnis seiner Arbeit sind Erfolge und Misserfolge nicht nach politischen Maßstäben zu beurteilen. Die oben angeführten Themen waren für die Staatsführung hochpolitische Themen. Weil er seinen Einsatz als rein humanitär verstand und ihm ausschließlich diese Art der Tätigkeit erlaubt war, wäre es unrealistisch und illusorisch gewesen, auf diesen Gebieten von seinen Gesprächen politische Resultate zu erwarten.

4.2. Corder Catchpools Erwartungen an seine Gespräche mit Nazis

Erwartete er dennoch politische Resultate? Er erhoffte humanitäre Maßnahmen, auch die Auflösung der KZs ebenso wie die Beendigung der Hetze gegen Juden und ihrer Verfolgung als humanitäre Maßnahmen, und er suchte deshalb das Gespräch mit den politisch dafür verantwortlichen Personen. Diese politischen Aktivitäten hatten keinen Erfolg.

Die Beziehung zu Ernst Hanfstaengl, der persönliche Kontakte zu den führenden Nationalsozialisten hatte, ermöglichte jedoch Einfluss in der Machtzentrale sozusagen aus deren engem Umkreis heraus, in Einzelfällen von unbekannter Zahl.

Anders die Gespräche unterhalb der politischen Ebene z.B. mit Gestapo-Chefs. Nach Quäkerart erwartete er von dem direkten Appell "an den Funken guten Willens auch in den verstocktesten Menschen" von ihnen menschliches Handeln. In wenigen Fällen ist belegt, dass diese Erwartung erfüllt wurde, es ist zu vermuten, dass es weitere gab.

Unter den vielerlei Gründen für Erfolge und Misserfolge spielten m.E. folgende Aspekte eine Rolle.

4.3. Einige Faktoren für Erfolge

4.3.1. Britischer Quäker - Quäkerspeisung

Als britischer Quäker konnte Corder Catchpool bei Gesprächen mit Nazis auf die bekannte, sehr segensreiche Tätigkeit britischer Quäker für Deutsche bei der Hungersnot nach dem Ersten Weltkrieg verweisen. Deutsche Steuerbehörden erließen deshalb englischen und amerikanischen Quäkern die Einkommensteuer! So konnte er sein Wohlwollen gegenüber Deutschland auch bei seiner jetzigen Tätigkeit wahrscheinlich machen.

4.3.2. "Rassenverwandtschaft"

Außerdem galten die Engländer nach Nazi-Lehre als rassisch verwandt, und anfangs wurden gute Beziehungen zu ihnen angestrebt.

4.3.3. Öffentlichkeit im Ausland

Für die Erfolge bei Carl von Ossietzky und Ernst Reuter spielten Berichte an führende Nazis über die öffentliche Aufmerksamkeit im Ausland auf diese KZ-Gefangenen eine entscheidende Rolle. Die Aufmerksamkeit basierte auf der Berichterstattung der englischen Quäker.

4.3.4. Gesetzesgehorsam bei einzelnen Gestapo-Leuten

Weitere Namen von Menschen, die durch die Quäkerarbeit aus dem KZ entlassen wurden, werden in Corder Catchpools Lebensbild nicht mitgeteilt. Aber Ernst Hanfstaengl, der bei Ernst Reuters Befreiung durch seinen persönlichen Kontakt mit Heinrich Himmler eine entscheidende Rolle spielte, berichtet von seinem Kontakt mit dem ersten Chef der Gestapo Rudolf Diels, der vorher preußischer Oberregierungsrat war. "Er war der Typ des Geheimpolizisten, der in keinem Lande der Welt mit Samthandschuhen zufaßt, aber was er tat, mußte den Vorschriften entsprechen. […] Wir trafen uns bei Empfängen innerhalb Berlins, und ich [Ernst Hanfstaengl] berichtete ihm von den Einzelheiten der Fälle, auf die ich aufmerksam gemacht worden war. Das führte oft zu dem gewünschten Ergebnis." (Hanfstaengl 302) Die Gestapo war zu wesentlichen Teilen aus der Preußischen Geheimpolizei gebildet worden, in der Gesetzesgehorsam als hoher Wert galt.

Einige Erfolgsfaktoren hängen sicherlich mit Corder Catchpool persönlich zusammen:

4.3.5. Corder Catchpools Verwurzelung im Quäkerglauben

"Corders Überzeugung wurzelte in einem Glauben, der sich in Kraft und Güte äußern mußte, aber auch aus bestimmter Eingebung erwuchs." Wo andere in der "Liebe", im "Evangelium von Jesus Christus … ein passives Gefühl sehen, sehen wir eine unbesiegbare Kraft." "Es gibt im Universum eine persönliche Macht der Güte, die wir Gott nennen und die identisch mit all dem in uns ist, was das Gute sucht. … zwei einfache Vorschriften…, die das Leben des Christen zusammenfassen: Sein eigenes Leben muß rein, stark und tapfer sein, und er muß alle Menschen lieben. Ich denke oft, daß das Ganze in einem Satz zusammengefaßt werden kann: ,Sei stark; sei gütig!’" Das zu leben, fühlte er sich berufen.

Corder Catchpool "wußte um die Zwiespältigkeit der menschlichen Natur: Wie er fest an die Fähigkeit des Menschen zum Guten glaubte, so war er auch nüchtern genug, seine Schwäche zu erkennen, aus Furcht oder aus Ehrgeiz oder Machtwillen bösen Einflüssen nachzugeben. Aber während wir andern nur die Möglichkeit sehen, mit einem solchen Menschen, der sich für den falschen Weg entschieden hat und uns gefährlich werden könnte, zu brechen oder ihn mindestens zu meiden, hörte Corder nicht auf, weiter an das wenn auch verschüttete Gute in ihm zu glauben. Da er aus diesem Grunde unterschiedslos jedem Menschen in unbeirrbarem Vertrauen entgegenkam, geschah es sicher oft, daß dieser Mensch auch ganz anders auf ihn reagierte als auf Menschen, bei denen er Ablehnung, Verachtung und Mißtrauen spürte, so daß durch Corders Güte und Vertrauen in ihm der Wille zum Guten wieder aktiviert wurde. Daher erlebte Corder tatsächlich - davon bin ich überzeugt - manchen Menschen, der für uns als ganz dem Bösen des Nationalsozialismus verfallen erschien, von einer ganz anderen, positiveren Seite."

4.3.6. Glaubwürdige Persönlichkeit

"Das eigentlich Wirkende war seine durch und durch glaubwürdige Persönlichkeit."

4.3.7. Besondere Fähigkeit zuzuhören

Zudem wird seine besondere Fähigkeit zuzuhören hervorgehoben: "Er hatte eine Art ,tauben Ausdruck’ im Gesicht, wie jemand, der einer inneren Stimme lauscht und sich irgendwie von den Stimmen draußen abgeschnitten hat. Aber er hatte trotzdem Kontakt mit einem … er fühlte wirklich mit und hörte wirklich zu. Ich habe niemals jemand gefunden, der so zuhörte … So linderte er die Einsamkeit in vielen Menschen."

4.3.8. Zusammen mit seiner Frau Gwen

Sicher hatte die tatkräftige Unterstützung durch die Quäkerin Gwen Catchpool großen Anteil an der Stärke seines Einsatzes.

4.3.9. Liebe zu Deutschland

Corder Catchpool liebte Deutschland und seine Kulturleistungen. "Durch alle seine schmerzliche Erfahrung hindurch bewahrte Corder seinen unzerstörbaren Glauben an das Weiterbestehen jenes verborgenen besseren Deutschlands von [… Luther], Dürer, Bach und Goethe, das er so sehr liebte. An dieses Deutschland zu appellieren, bemühte er sich in all seinen persönlichen Unterredungen, um den bösen Geist überwinden und austreiben zu helfen, der sich der Heimat dieses Deutschtums zu bemächtigen suchte."

4.3.10. Seine gütekräftige Praxis

Corder Catchpools Impuls, Menschen in Not zu helfen, wurde sicherlich dadurch stark, dass er selbst dieser moralischen Forderung durch tätigen Einsatz nach Kräften gerecht zu werden suchte. Mehr als eine Forderung zu erheben, hat gütekräftiges Handeln eine Tendenz, ansteckend zu wirken.

4.3.11. Voraussetzung: persönliche Begegnung

Catchpool: "Ich glaube ganz unbußfertig daran, daß man Menschen von ihrer besten Seite nehmen und ihnen helfen muß, diesem Besten gemäß zu leben, indem man allem offensichtlichem Schlimmsten zum Trotz an das Beste glaubt". Er erlebte, schrieb eine Freundin, "manchen Menschen, der für uns als ganz dem Bösen des Nationalsozialismus verfallen erschien, von einer ganz anderen, positiveren Seite. Solch Kontakt aber, der in den verirrten Menschen auch wieder gute Kräfte auslöste, konnte nur in der unmittelbaren persönlichen Berührung von Mensch zu Mensch entstehen. So hatte Corder oft von der üblichen Quäkermethode abzugehen, sein Anliegen mit anderen Freunden zu teilen."

Hier deutet sich durch die beabsichtigte Wirkungsweise des Vorgehens eine methodische Grenze an, die mit den Grenzen der Erfolge zu tun hat: Das Vorgehen war unpolitisch.

4.4. Einige Faktoren für Misserfolge

Zu den Gründen von Corder Catchpools Misserfolgen zählen:

4.4.1. ‚Balken im eigenen Auge’ - als Engländer: Versailler Vertrag

Corder Catchpool suchte nicht nur bei den anderen, den Nazis, nach Ursachen des Unrechts, sondern auch nach dem ‚Balken im eigenen Auge’ - als Engländer. Wie viele Quäker sah er eine Ursache für den Aufstieg der Nazis und für den Krieg in dem Unrecht, das die Siegermächte mit dem Versailler Vertrag Deutschland angetan hatten, und in ihrer Weigerung, diesen zu revidieren.

4.4.2. Der machtpolitisch-körperliche Charakter der Nazi-Ideologie

Mit diesem politischen Hintergrund hängt der machtpolitische Charakter der Nazi-Ideologie und ihres Vormarsches zusammen: Sie war mehr als eine (kollektive) "Geisteskrankheit". Corder Catchpool zitierte: "Hitler ist keine Person, sondern ein deutscher Geisteszustand". Diese analytische Formulierung klammert die körperlich-materiell-politische Seite der Situation aus. Corder Catchpool bekam diese auch selbst schmerzhaft zu spüren.

4.4.3. Die Grenze "keine politische Arbeit"

Das entspricht dem Selbstverständnis "rein humanitärer" Arbeit und Corder Catchpools Zusage, "nicht politisch" zu arbeiten. Diese Zusage war seit April 1933 eine Bedingung für die Möglichkeit seines Einsatzes. Es handelt sich damit um eine Grenze, die er auch bei den Gesprächen mit Nazis respektieren musste. Im Berliner britischen Quäkerbüro wurde diese Grenze allerdings überschritten z.B. in vertraulichen Briefen nach England, die nicht mit der Post geschickt, sondern persönlich mitgenommen wurden - bis 1935 an der Grenze einige entdeckt wurden, woraufhin sein Mitarbeiter William Hughes - gerade noch rechtzeitig gewarnt - Deutschland unverzüglich verließ.

5. "Dem Rad in die Speichen fallen"

Wer sich gegen Unrecht und für Menschlichkeit einsetzt, beantwortet durch die eigene Praxis - besonders in einem Unrechtssystem - die grundsätzliche Frage: Welche Art von Arbeit ist hier angebracht?

5.1. Bonhoeffer, Gandhi, Catchpool

Dietrich Bonhoeffer meinte, wenn der Rechtsstaat zu einem Unrechtsstaat wird, müsse die Kirche "nicht nur die Opfer unter dem Rad verbinden", sondern "dem Rad selbst in die Speichen fallen. […durch] unmittelbar politisches Handeln". Er selbst beteiligte sich bekanntlich im Umfeld des Attentats gegen Hitler am 20. Juli 1944 und wurde dafür hingerichtet.

Dietrich Bonhoeffer hatte 1934 Gandhi besuchen wollen und schon den Khaki-Anzug für Indien besorgt, entschied sich jedoch kurzfristig, sich dringenden Aufgaben in Deutschland zu widmen. Theodor Ebert hat in einem Aufsatz "Bonhoeffer und Gandhi" wahrscheinlich gemacht, dass Bonhoeffer, hätte er mehr von Gandhi gelernt, in der Lage gewesen sein könnte, die deutsche Geschichte in den 1930er Jahren durch unmittelbar politisches Handeln in eine andere Richtung zu führen.

Gandhis Aktionen und Erfolge wurden besonders seit dem Salzmarsch 1930 weltweit bewundert und bestaunt, aber das Handlungskonzept satyagraha, aktive Gewaltfreiheit, Gütekraft, war nicht allgemein bekannt.

Erst 1934 publizierte Richard Gregg mit The Power of Non-Violence, wie nach seiner Meinung Gandhis Handlungskonzept funktionierte, nämlich als "moralisches Jiu Jitsu". Und 1937 veröffentlichte der Niederländer Bart de Ligt "The Conquest of Violence" mit vielen Beispielen von gewaltfrei-gütekräftigen Aktionen aus der Weltgeschichte und auch von Gandhi. Das Buch wurde schnell zum Standardwerk der gewaltfreien Revolution. Es wurde in England im Zweiten Weltkrieg verboten und geriet danach auch in der Bewegung nahezu völlig in Vergessenheit.

Corder Catchpool beobachtete und kommentierte seit 1936 aus England die weitere Entwicklung des deutschen Unrechtsstaates und die Kriegsvorbereitungen. Auch unter englischen Quäkern wurde über die Notwendigkeit des Widerstands gegen Hitler-Deutschland, des gewaltsamen Widerstands und des Kriegführens leidenschaftlich diskutiert.

Corder Catchpool schrieb kurz nach Kriegsbeginn an Mohandas K. Gandhi: "Eine wegweisende Geste von jemand mit Ihrer geistigen Autorität, die einen besseren Weg als den des Krieges weist, um den Betroffenen und Unterdrückten zu helfen, könnte für viele, die sich in der Not einer moralischen Ausweglosigkeit befinden, erlösende Kraft bedeuten und seelische Energien freisetzen, die durch diese Ausweglosigkeit sonst gelähmt und ungenutzt sind. Mein Herz ruft aus dieser Not und Verzweiflung nach Ihnen. Ich habe viel Gutes im deutschen Volke gesehen, den hingebungsvollen Idealismus seiner Jugend, die ich liebe - wie auch das böse, das ich so genau kenne, weil ich den Opfern zu helfen versucht habe … Vielleicht können nur Sie uns helfen." Der Brief zeigt: Ihm war wie den meisten Friedensengagierten damals wenig von einem erlernbaren methodischen Einsatz gewaltfrei-gütekräftiger Aktionsmöglichkeiten bekannt. - Wie weit sind wir heute?

5.2.  Corder Catchpool und der Krieg

"Auf die Frage, wie er selbst denn in der jetzigen Situation [des Krieges] handeln würde,
antworteten die folgenden Zeilen: ‚Der Mensch ist ein politisches sowohl wie ein geistiges Wesen. Der politische Mensch sehnt sich nach sofortigen und dauerhaften Heilmitteln. Es mag uns gewährt werden, diese mitzufinden; aber Gottes Wille für die Welt ist oft anders als unser Planen, und vielleicht muß sich der geistige Mensch damit zufrieden geben, die Verwirklichung des äußersten Ideals niemals zu erleben. Bei heiterem Wetter bauen wir unsere Gerüste schnell auf. In Sturmeszeiten denke ich mehr über die Fundamente nach, damit wir, was sonst auch immer weggefegt werden mag, noch immer etwas haben, worauf sich neu aufbauen läßt.’"

Den geistigen Dienst der Quäker sah er "in der weithin hörbaren Verkündung der triumphierenden Gewißheit eines Weges, der besser ist als Krieg."

6. Inwiefern entsprachen Corder Catchpools Tätigkeiten der "Liebe" im Sinne Christian Morgensterns, inwiefern waren sie "stark und gütig", gütekräftig?

6.1. Menschenrechte - Liebe

Bis 1948, als die UNO die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte verabschiedete, gab es keine international anerkannte rechtliche Instanz oder Formulierung, auf die sich Initiativen für mehr Menschlichkeit berufen konnten. Gute Menschenrechtsarbeit ist stets von einer liebevollen Haltung geprägt.

6.2. "Jeder Sünder hat eine Zukunft und jeder Heilige hat eine Vergangenheit": die Unterscheidung Mensch - Handeln

Die konsequente Unterscheidung zwischen einerseits dem Menschen selbst mit seiner Würde sowie seiner sichtbaren oder latenten Gütekraft und dem, was er ggf. auch Schädliches getan hat andererseits, ist grundlegend. Vinoba Bhave, der Nachfolger Gandhis, drückte es so aus: "Jeder Sünder hat eine Zukunft und jeder Heilige hat eine Vergangenheit." Corder Catchpool glaubte an den zum Guten fähigen Kern als "das innere Licht" in jedem Menschen, auch wenn das Handeln keineswegs immer von diesem inneren Licht bestimmt wird. Das hat Folgen für alle Beteiligten.

6.3. Selbstverständnis: Nach dem "Balken im eigenen Auge" suchen

Liebevoll Handelnde berücksichtigen, dass ihr eigenes Handeln einer Verbesserung des Zusammenlebens im Wege stehen könnte, und bemühen sich daher, die eigenen Anteile am Problem zu erkennen und abzubauen. Britische Quäker setzten sich daher als Engländer bereits 1923 international für eine Revision des Versailler Vertrags ein.

6.4. Eigenbeitrag

Gütekräftiges Handeln beginnt damit, selbst etwas zur angestrebten Veränderung beizutragen. Das taten die britischen Quäker in Deutschland.

6.5. Zuhören

Die Unterscheidung zwischen dem Menschen und seinem Handeln ermöglicht im Gespräch ein besonderes Zuhören mit der Bereitschaft herauszuhören, wie das innere Licht, die Würde, die Gütekraft, das Gewissen, die Kraft der moralischen Persönlichkeit in dem anderen Menschen angesprochen werden kann.

6.6. Würde anbieten: Gutes Zutrauen

Dazu gehört, den Angesprochenen zuzutrauen, dass sie zu Wohlwollen und Gerechtigkeit und entsprechendem Handeln fähig sind. Je deutlicher das geschieht, desto größer sind die Aussichten, dass der andere mit ähnlicher Tendenz reagiert. Ein anderer Ausdruck für das entsprechende Handeln ist: Würde anbieten. Der Grundgestus der gütekräftigen Kommunikation ist das Anbieten. Dem entsprach die Hilfstätigkeit Corder Catchpools

6.7. Risiko Vertrauensvorschuss

Dazu gehört, den Angesprochenen mit einem Vorschuss an Vertrauen auf ihre innere Neigung zum Guten zu begegnen. Diese Haltung kann anstecken und zu gegenseitigem Vertrauen ermutigen. Aber damit ist unvermeidlich das Risiko verbunden, von den Angesprochenen ausgenutzt zu werden.

6.8. Mut kann zu Konfliktbearbeitung auf Augenhöhe führen

Deshalb erfordert gütekräftiges Vorgehen Mut. Dieser kann beim Konfliktgegner Respekt bewirken: eine gute Voraussetzung für die Konfliktbearbeitung auf Augenhöhe.

6.9. Firmeza permanente: Vertrauensvorschuss und Dialogbereitschaft auch bei Enttäuschungen aufrechterhalten

Der Vertrauensvorschuss und die Dialogbereitschaft werden auch bei Enttäuschungen aufrechterhalten, gleichzeitig werden weitere wohlwollend-gerechte Aktivitäten durchgeführt. Dies geschieht auch dann, wenn der Konfliktgegner die Handelnden absichtlich schädigt, möglicherweise auch massiv und wiederholt, und sie so, z.B. durch Einschüchterung, immer wieder von ihrem Handeln abzubringen versucht. In Lateinamerika wird aufgrund schmerzlicher Erfahrungen deshalb die gütekräftige Vorgehensweise oder gewaltfreie Aktion firmeza permanente, dauerhafte Festigkeit, genannt.

6.10. Fazit "Liebt das Böse - gut!"

Corder Catchpool hat Christian Morgensterns Aufforderungen "Liebt das Böse - gut! … Lernt am Hasse stählen - Liebesmut!" in folgendem Sinn erfüllt: Mit klarer Haltung führte er Aktivitäten und Gespräche mit Nazis durch, mit dem Ergebnis, dass Böses, das einigen Menschen durch Nazis angetan wurde, gemildert oder abgewendet wurde und einige Menschen wesentliche Hilfe bekamen.

7. Drei Folgerungen

7.1. : "Berührungspunkte" und Kontakte im Umkreis der Hauptverantwortlichen

Corder Catchpool widerlegt damit Katja Thorwarths Satz, es gebe "keine Berührungspunkte" mit Rechten. Seine Erfahrungen: Es gibt wesentliche Berührungspunkte zwischen allen Menschen. Sie im Einsatz für mehr Menschlichkeit mit Liebe, zu nutzen, kann wichtige Erfolge zeitigen. Es zeigte sich, dass Menschen im Umkreis der Hauptverantwortlichen Einfluss nehmen konnten, dass sich also Kontakte auf niedrigeren Ebenen lohnten.

7.2. "Diskurs" und öffentlicher Druck

Katja Thorwarth spricht allerdings von "Diskurs" und meint damit vermutlich den öffentlichen Diskurs. Den hat Corder Catchpool nicht geführt. Er sah sich nicht zum "Propheten" berufen, wohl aber zum "Versöhner". Durch Bekanntmachung von Unrecht in - dem vor Kriegsbeginn ‚befreundeten’ - England konnte Druck entstehen, auf den die Nationalsozialisten reagierten.

7.3. Konfliktebene beachten

Die Feststellungen zu Berührungspunkten und Diskurs legen die Folgerung nahe, dass es für die Auseinandersetzung mit Andersdenkenden wesentlich ist, die Konfliktebene zu beachten, also Gespräche unter vier Augen, im kleinen Kreis, in gesellschaftlichen und in staatlichen Institutionen usw. und in der öffentlichen sowie der internationalen Auseinandersetzung sorgfältig voneinander zu unterscheiden.

8. Sechs Ausblick-Schnipsel

  • Welche Gemeinsamkeiten und welche Unterschiede sind wichtig zwischen Nazis damals, Neonazis heute, AfD, Salafisten, Fundamentalisten usw.?
  • Wo Freund-Feind-Stimmung aufkommt und geschürt wird, steigt die Gefahr, Menschen in Gute und Böse einzuteilen, sie z.B. "Verräter" zu nennen.
  • Buddha: "Betrachte deinen größten Feind als deinen besten Lehrer, der dir deine eigenen Fehler offenbart." http://www.nepalwelt.de/site_kostbarkeiten.htm .
  • "Unsere Gegner sind die Lehrer, die uns nichts kosten." (Ferdinand Lesseps) http://www.nur-zitate.com/autor/Ferdinand_Vicomte_de_Lesseps .
  • Dietrich Bonhoeffer schrieb: "Dummheit ist ein gefährlicherer Feind des Guten als Bosheit. […Es] scheint die Dummheit vielleicht weniger ein psychologisches als ein soziologisches Problem zu sein." Wenn das zutrifft und verschiedene Konfliktebenen verschiedene Aktivitäten erfordern, erscheint die SocialMedia-Initiative LoveStorm.GegenHassimNetz https://www.facebook.com/LoveStorm.GegenHassimNetz . genau passend zu sein.
  • Was bedeuten Corder Catchpools Erfahrungen für die Anwendung von Methoden wie Gewaltfreie Kommunikation?

Literatur:

Fußnoten

Veröffentlicht am

02. Dezember 2017

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