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Trump liebt Texas

Ob Texas auch Trump liebt, hängt davon ab, was aus seinen großzügigen Versprechen gegenüber den Opfern des Hurrikans wird

Von Konrad Ege

Zweierlei ist bekannt allerspätestens seit dem Untergang von New Orleans im Hurrikan Katrina vor zwölf Jahren: Ganz natürlich sind sie nicht, diese Naturkatastrophen. Die Armen leiden am meisten, wenn Sturm und Regen kommen. Für den derzeitigen US-Präsidenten freilich diente Hurrikan Harvey als Kulisse für eine prächtige Reality-Show. Und wer will, lässt sich auch von Hurrikan Harvey nicht überzeugen, dass Klimaerwärmung etwas zu tun hat mit dem "Unwetter". Im Raum Houston, einem Zentrum der Ölindustrie, ist zu erwarten, dass Politiker und Wirtschaftsmanager bei minimalen Umweltauflagen weiterhin Prärieland zubetonieren und asphaltieren im Namen von Fortschritt und Marktwirtschaft. Chemie-Fabriken und Raffinerien stehen neben Wohnsiedlungen nach dem Prinzip, dass der Bürger und die Wirtschaft selber entscheiden ohne Einmischung der Bürokraten mit ihren Vorschriften.

Seit Anfang September kehren in Texas Hunderttausende in Harvey-verschlammte Wohnungen zurück. Die Sonne scheint auf stinkendes Elend. An Straßenrändern, in matschigen Vorgärten und auf Parkplätzen der Mietwohnanlagen stapeln sich durchnässte Sofas, Betten, Teppiche und Möbel. Auf handgeschriebenen Schildern wird gebeten, man solle das Zeug liegen lassen wegen der erhofften Schadenserhebung durch die Katastrophenschutzbehörde FEMA. Auf einem Poster steht: "Plünderer werden erschossen."

Zehntausende Einwohner hätten noch gar nicht heimkehren können, schreibt die Houston Chronicle. Ihr Zuhause gab es einmal. So bewohnt Laporsha Patt mit vielen anderen weiter eines der Evakuierungszentren. In ihrem Apartment habe das Wasser mehr als anderthalb Meter hoch gestanden, sagt die Mutter dreier Kinder. Gleich nach der Flut wandte sie sich an die FEMA. Seitdem lasse sie ihr Smartphone nicht aus den Augen in der Hoffnung auf Nachricht. Ein FEMA-Mitarbeiter, erzählt Patt, habe sie aufgefordert, der Behörde ihren Mietvertrag zu faxen.

FEMA hat wissen lassen, gut 507.000 Anträge auf Hilfe seien eingegangen. Es geht nicht nur um Wohnraum. Überall in Houston und Umgebung stehen Fahrzeuge, die nicht mehr anspringen. Etwa eine halbe Million Autos sind laut Medienberichten zerstört oder beschädigt, aber ohne Pkw kommt man nicht vom Fleck in der viertgrößten Stadt der USA. Öffentliche Verkehrsmittel gibt es kaum. Und seit 1990 ist die Bevölkerungszahl um gut 600.000 auf 2,3 Millionen Menschen gestiegen.

Alles wird gut

Der Rest der Nation und die Politik kehren derweil zur Normalität zurück nach Tagen der Medienflut. Alles wird gut nach Harvey, hat Donald Trump versichert. Viele Leute rechneten mit zwei oder drei Jahren Wiederaufbauzeit, "doch ich glaube, weil es um Texas geht, passiert es vermutlich in sechs Monaten". Er liebe Texas. Der Präsident lobt die vielen freiwilligen Helfer, seine Minister und sich selbst. "Wie schwer es auch war - es war eine wunderbare Sache. Sogar für die Nation und die Welt beim Zuschauen, es war wunderbar." Trumps Ankündigung von Milliarden für den Wiederaufbau ist so unpräzise wie sein Versprechen, er werde mehr Arbeitsplätze schaffen als alle Präsidenten vor ihm. Doch will das Weiße Haus den Eindruck vermitteln, Trump, der Krisenmanager, habe eine Bewährungsprobe bestanden. Aus Sicht vieler Fans waren die beiden Besuche Trumps in Texas gelungen. Kameras fanden ein Jubelspalier. "Twittern Sie weiter", stand auf einem Poster. Ein anderes lobte die Stöckelschuhe von First Lady Melania, die bei ihrer Abreise aus Washington verspottet worden war wegen des unpassenden Schuhwerks. Allerdings werden die Menschen im Katastrophengebiet schnell spüren, ob die Hilfe tatsächlich kommt. Die meisten konnten sich keine kostspielige Wasserschadenversicherung leisten.

Für den ersten Sonntag im September verkündete Trump einen nationalen Tag des Gebets für die Opfer. "Gehen Sie zur Kirche", ermunterte der Präsident, "beten Sie und genießen Sie den Tag." Zusammen mit der First Lady besuchte er die St.-John’s-Kirche in Washington. Der Gottesdienst dauerte eine knappe Stunde. "Wir werden sehen", so Trump beim Hinausgehen auf eine Frage nach Nordkoreas möglichem Wasserstoffbombentest. Verteidigungsminister James Mattis warnte Pjöngjang vor einer "massiven militärischen Antwort".

Harvey hat Trump nicht nur eine Verschnaufpause von internationalen Krisen verschafft, sondern auch neue Enthüllungen zur Russland-Affäre in den Hintergrund gedrängt. Darunter die, dass der Präsident trotz seiner Behauptung - es gab nie Geschäftsbeziehungen nach Russland - zu Beginn des Wahlkampfes einen Trump-Tower in Moskau bauen wollte. Das Vorhaben wirft ein neues Licht auf Trumps Lob für Wladimir Putin.

Inzwischen ist der US-Kongress aus der Sommerpause zurück und muss den Haushalt beschließen. In Trumps Plan standen Kürzungen beim Katastrophenschutz wie bei der Klima-, Ozean- und Wetterforschung. Jetzt drängen die Republikaner auf Milliardenhilfen für Texas. Plötzlich geht der ideologische Hass auf Big Government mit der Forderung nach öffentlichen Mitteln verloren. Bei Hurrikan Sandy, der New York 2012 traf, hatten texanische Republikaner noch gegen Hilfsprogramme gestimmt. Im Atlantik lauert derweil Hurrikan Irma. Laut National Hurricane Center könnte der Wirbelsturm am Wochenende in Florida auf US-Festland treffen.

Quelle: der FREITAG vom 07.09.2017. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Konrad Ege und des Verlags.

Veröffentlicht am

08. September 2017

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