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Jerusalem: Zündeln am Tempelberg

Jerusalem Der Konflikt um die heiligen Stätten von Juden und Arabern geht weiter. Den IS freut es - aber nicht nur ihn

Von Sabine Kebir

Man muss die äußerst aufgeheizte Stimmung am Jerusalemer Tempelberg einmal erlebt haben, wenn wichtige jüdische und muslimische Gebetszeiten zusammenfallen. Das kann beim Gebet vor dem Sabbat und der Nachmittagsandacht der Muslime während des Ramadan der Fall sein. Herzzerreißend laut kämpfen die Klagen der Juden gegen die ebenso herzzerreißenden, durch Lautsprecher verstärkten Rufe des Muezzins der Al-Aksa-Moschee, die wie Kampfrufe wirken. Dabei haben Juden und Muslime über lange Zeiträume hinweg durchaus friedlich in enger Nachbarschaft gebetet. Unter islamischer Herrschaft war das allein schon deshalb möglich, weil der Islam Juden und Christen nicht nur die Glaubensfreiheit gewährte, sondern ihre heiligen Stätten und Bücher durchaus respektierte.

Der Prophet Mohammed, der wahrscheinlich aus einer christlichen Familie stammte, wollte zunächst keine neue Religion gründen, sondern Judentum und Christentum wiedervereinigen, weshalb die ersten Muslime in Richtung Jerusalem beteten. Erst als sich die Juden von Medina diesem Vorhaben entgegenstellten, wurde die Kaaba in Mekka zum Hauptzentrum des Islam. Aber auch dann mussten weder Mohammeds jüdische noch seine christliche Frau zum Islam konvertieren. Die Sehnsucht des Propheten nach Jerusalem, das erst seine Nachfolger militärisch einnahmen, manifestierte sich in einem Traum. Darin besuchte er die Heilige Stadt auf einem fliegenden Ross, das einen Hufabdruck auf jenem Felsen hinterließ, auf dem dann der Felsendom errichtet wurde.

Die Verwaltung des im Sechstagekrieg im Juni 1967 von der israelischen Armee eroberten Tempelbergs wurde seinerzeit klugerweise einer in Jordanien beheimateten muslimischen Stiftung überlassen. Dadurch blieb den unterlegenen arabischen Armeen die ultimative Demütigung erspart. Dabei wollten es israelische Politiker auch belassen, solange sie eine Konfliktlösung verfolgten, die dem Prinzip Land gegen Frieden folgte. Eine Koexistenz mit den Palästinensern sollte über die Rückgabe von 1967 eroberten Territorien gefördert werden. Die sich ausbreitenden orthodoxen Strömungen in den israelischen Regierungen der vergangenen drei Jahrzehnte haben längst dafür gesorgt, dass dieser Grundsatz obsolet ist. Stattdessen gilt es als offizielle Politik, die 1967 im Westjordanland besetzten Gebiete unablässig zu besiedeln.

Scharons Provokation

Auch wenn das die Regierung von Premier Netanjahu vehement abstreitet, wird mittlerweile auch der Status des Tempelberges infrage gestellt - und das, seit im Jahr 2000 Ex-Ministerpräsident Ariel Scharon, damals noch Oppositionspolitiker der Likud-Partei, begleitet von über tausend Journalisten und Militärs das heilige Areal betrat. Schon Jahre zuvor hatte Scharon zur massiven Besiedlung des Westjordanlandes aufgerufen. Mit Scharons Tempelberg-Provokation nahm die bereits schwelende zweite Intifada, die von den Palästinensern auch Al-Aksa-Intifada genannt wurde, erst richtig Fahrt auf. Orthodoxe jüdische Strömungen verlangen seitdem immer energischer, den Tempelberg unter israelische Kontrolle zu bringen, damit dort der dritte Tempel errichtet werden kann.

Derartige Schritte sind äußerst heikel. Denn die Al-Aksa-Moschee ist nicht nur ein palästinensisches Heiligtum, sondern eines aller Muslime. Als solche besteht sie schon über 1.300 Jahre und damit wesentlich länger als der erste und der zweite jüdische Tempel, der darauffolgende römische Tempel und die von den Kreuzfahrern errichtete Marienkapelle. Zudem wirbt die Regierung Netanjahu im Augenblick um eine stabile, belastbare Allianz mit mächtigen arabischen Staaten wie Saudi-Arabien und Ägypten. Deren Führungen könnten der eigenen Bevölkerung mitnichten die Idee vermitteln, dass auf dem Tempelberg ein dritter jüdischer Tempel errichtet werden soll.

Obwohl eine solche Entscheidung keineswegs zu erwarten ist, eignet sich jede Konfrontation am Tempelberg natürlich bestens zum Zündeln. Und das aus einem einfachen Grund: Die Auseinandersetzungen sind dazu angetan, bestehende Konfliktlagen zu verschärfen. Mit seiner Ankündigung im Wahlkampf, die US-Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem zu verlegen, hatte Donald Trump bereits nach Kräften provoziert, seine Verve aber Ende Mai - unterwegs nach Jerusalem und Bethlehem - zurückgenommen. Anders als beim Auftritt in Saudi-Arabien waren die Besuche Trumps in Israel und bei Palästinenserpräsident Mahmud Abbas vom Bemühen um Ausgewogenheit geprägt. Bei seinem Gang zur Klagemauer lehnte er es ab, sich von israelischen Regierungsmitgliedern begleiten zu lassen, womit er auf den völkerrechtlichen Status des Territoriums verwies, auf dem sie steht.

In Bethlehem akzeptierte Trump sogar eine von deutschen Bildmedien weitgehend ignorierte pseudo-militärische Empfangszeremonie, mit der Präsident Mahmud Abbas offenkundig einen palästinensischen "Staat" im Embryonalzustand vorführen wollte. Dass sich Trump als Präsident der USA überhaupt zu einem offiziellen Besuch in ein Gebiet begab, das die Palästinenser für sich beanspruchen, hat Tel Aviv zweifellos beunruhigt. Ohne sich auf irgendetwas festzulegen, hat Trump jedoch zu verstehen gegeben, dass die USA im israelisch-palästinensischen Konflikt keinen prompten Wandel anstreben.

Denkbarer Ausweg

Dass mehr geschieht als das derzeitige Zündeln, könnte im Interesse des Islamischen Staates (IS) liegen, der gerade seine in Syrien und im Irak eroberten Filialen verliert und dabei ist, sich in ein nebulöses Gebilde zu verwandeln. Dass der IS jetzt auf andere Weise in der islamischen Welt Aufsehen erregen will, liegt auf der Hand. Und es ist wohl kein Zufall, dass sich die Dschihadisten bereits zu einigen Anschlägen auf israelische Ordnungskräfte bekannten, mit denen sich angeblich auch die den Gazastreifen beherrschende Hamas identifiziert hat.

Niemand kann sagen, wer wirklich hinter solchen Anschlägen steckt, denn Bekennerstatements sind inzwischen oft genug Fakes. Dies kann durchaus auch beim Anschlag auf zwei israelische Polizisten am Tempelberg der Fall gewesen sein, in deren Folge die Eingänge zum Heiligtum mit hochsensibler Überwachungstechnik ausgerüstet wurden. Dass Benjamin Netanjahu diese Anlagen wieder abbauen ließ, nachdem es die Palästinenser ablehnten, unter solchen Bedingungen auf dem Tempelberg zu beten, zeigt: Weder die Regierung in Tel Aviv noch die in Washington gedenken die Konfrontation so weit zu treiben, dass sie außer Kontrolle gerät. Nachdem am 28. Juli eine erste Rückkehr der Muslime zum Gebet noch einmal von heftigsten Auseinandersetzungen begleitet war, scheint die Lage beruhigt, seit die Metalldetektoren am Eingang zu den heiligen Stätten entfernt wurden.

Und doch besteht die Gefahr eines langwierigen unterschwelligen Kleinkriegs, der im Endeffekt nicht weniger Opfer kosten könnte als frühere palästinensische Aufstände und die israelischen Invasionen im Gazastreifen "Operation Gegossenes Blei" Ende 2008, "Operation Wolkensäule" 2012 und "Operation starker Fels" 2014.

Die Hamas könnte Gründe haben, in offensivere Kampfformen zu wechseln. Auch ihr hat der "Staatsempfang" für Donald Trump in Bethlehem vermutlich nicht gefallen. Von größerem Gewicht ist allerdings, dass Katar als konzilianter Geldgeber, der in den zurückliegenden Jahren den Wiederaufbau und einen Teil der Lebenshaltungskosten im Gazastreifen finanziert hat, durch die ultimativen Forderungen Saudi-Arabiens gezwungen werden soll, diesen Beistand aufzugeben. Was dann? Israel will auf keinen Fall, dass auf diesem sensiblen Terrain Iran einspringt. Es wäre insofern keine Überraschung, wenn die Saudis diese Mission übernehmen. Gesichtswahrend könnten sie dies indes nur tun, würde das von Katar Aufgebaute erst einmal zerstört und zwar so gründlich, dass auch die Hamas zerstört würde. Mittlerweile gelten ihre Kämpfer in Riad wie die Israelis als "Terroristen".

Das wäre die schlimmste Perspektive. Vernünftiger wäre es, könnten sich Israelis und Palästinenser doch auf einen Modus einigen, der es ihnen erlaubt, künftig miteinander zu leben und nebeneinander zu beten. Wie sie es jetzt schon am und auf dem Tempelberg tun. Das sollte dann allerdings entspannt und friedlich geschehen.

Quelle: der FREITAG vom 06.08.2017. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

Veröffentlicht am

09. August 2017

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