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Leonardo Boff: Ihrem Gewissen können die Korrupten nicht davonlaufen

Von Leonardo Boff

Es gibt eine Stimme in uns, die wir niemals zum Verstummen bringen können. Es ist die Stimme unseres Gewissens. Sie steht über der etablierten Order und den geltenden Gesetzen. Es gibt kriminelle Handlungen wie Gewaltausübung gegen Unschuldige, hungrigen Menschen das Brot zu verweigern, das ihr Leben retten könnte, Diebstahl aus dem Fonds für Gesundheit und Erziehung, solcherart praktizierte Korruption in Form von Plünderung Millionen von für die Infrastruktur bestimmten Reales (brasilianische Währung, A.d.Ü.) und andere grausame Verbrechen. Die Straffälligen gewöhnen sich so sehr an solche Praktiken, dass sie zu ihrer zweiten Natur wird und zur Denkweise: "Da es allen gehört und niemandem im Besonderen, kann ich es mir aneignen:" Der Straffällige im öffentlichen Dienst sagt: "Wer sich in dieser Position bereichert, ist schlau; wer es nicht tut, ist dumm." Die Korruption, wie sie in Brasilien verbreitet ist, gehorcht dieser Logik.

Doch niemand kann vor der inneren Stimme fliehen, die erste Natur, die ihn anklagt und nach Strafe verlangt. Er kann weglaufen wie Kain, doch die Stimme ertönt weiter wie eine innere Kesselpauke. Der Korrupte läuft davon, selbst wenn die Justiz nicht hinter ihm her ist. Wer kann in das Herz dessen schauen, für den es weder Geheimnisse noch Geheimkammern gibt? Wieder einmal ist es das Gewissen: Es richtet, ermahnt, nagt von innen, heißt gut oder verurteilt.

Spirituelle Personen aller Altersgruppen bezeugen Folgendes: Das Gewissen ist die Stimme Gottes in uns. Welchen Namen wir Gott je nach der eigenen Kultur geben, spielt keine Rolle. Es geht um etwas viel Höheres als uns, dessen Stimme nicht durch menschlichen Aufruhr erstickt werden kann, gleichgültig, wie laut der Aufruhr auch ist. Voller Überzeugung schrieb Seneca: "Das Gewissen ist Gott in dir, nahe dir und bei dir."

Historische Beispiele gibt es im Überfluss. Ich werde ein altes und ein modernes nennen. Im Jahr 310 n. Chr. ordnete Kaiser Maximilian die Dezimierung eines Bataillons christlicher Soldaten an, da diese sich weigerten, unschuldige Menschen zu töten. Bevor sie geköpft wurden, schrieben sie an den Kaiser: "Kaiser, wir sind deine Soldaten, doch zuerst sind wir Diener Gottes. Wir schworen dir den imperialen Eid, doch Gott versprachen wir, nichts Böses zu tun. Wir ziehen es vor zu sterben als zu töten. Lieber lassen wir uns unschuldig töten, als mit einem Gewissen weiterzuleben, das uns stets anschuldigt" (Passio Agaunensium, Nr. 9).

Fünfzehnhundert Jahre später, am 3. Februar 1944, schrieb ein christlicher deutscher Soldat an seine Eltern: "Meine geliebten Eltern, ich wurde zum Tode verurteilt, da ich mich weigerte, wehrlose russische Gefangene zu erschießen. Lieber sterbe ich, als mein Gewissen mit dem Blut Unschuldiger für den Rest meines Lebens zu belasten. Du, geliebte Mutter, lehrtest mich, stets zuerst meinem Gewissen zu folgen und dann erst menschlichen Anweisungen. Nun ist für mich die Zeit gekommen, diese Wahrheit zu leben" (P. Malevezzi & G. Pirelli, Letzte Briefe zum Tode Verurteilter, 1955, S. 489). Und er wurde hingerichtet.

Was ist das für eine Kraft, die in diesen beiden Beispielen römischen und deutschen Soldaten den Mut verlieh, auf solche Weise handeln zu können? Welche Stimme empfahl ihnen, eher zu sterben als zu töten? Welche Macht besitzt diese innere Stimme, dass sie selbst vermag, die natürliche Todesangst zu überwinden? Es ist die gebieterische Stimme des Gewissens. Wir schufen sie nicht, und daher können wir sie auch nicht zerstören. Wir können uns ihr widersetzen, sie verleugnen, Gewissensbisse unterdrücken. Doch zum Schweigen bringen können wir sie nicht.

Das Gewissen ist unbestechlich und unangefochten. Der Respekt, dem wir ihm schulden, ist so tief, dass selbst das unbesiegbare, wenn auch irrige, Gewissen gehört und befolgt werden muss. Darum schrieben die im Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) versammelten Bischöfe: "Das Gewissen verliert auch dann nicht seine Würde, wenn es irrt" (De dignitate Humana Nr. 2).

Ein unbesiegbares irrendes Gewissen hat, wer all seine Anstrengungen aufwendet, um ernsthaft die Wahrheit zu suchen, den Rat anderer erfragt, studiert und befolgt und sich selbst befragt und dennoch irrt. Jemand, der all dies tut, aber irrt, hat das Recht, respektiert und gehört zu werden, denn er ist seinem Gewissen gefolgt.

Tragischerweise kann sich jeder irren, auch mit den besten Absichten. Daher müssen wir stets fragen, ob er oder sie auf die innere Stimme hört oder nicht. Blaise Pascal schrieb weise: "Wir tun Böses nie auf so perfekte Weise wie mit einem reinen Gewissen". Nur ist dieses Gewissen nicht gut. Albert Camus, der sich mit der Moralität blinden Gehorsams beschäftigte, schrieb: "Guter Wille kann so viel Böses hervorrufen wie böser Wille, wenn er nicht ausreichend gut informiert ist", d. h. wenn die Stimme des Gewissens, die nach guten Taten verlangt, nicht gehört wird.

Wir schreiben all dies im Bewusstsein der beschämenden Korruption, die unsere Gesellschaft auf praktisch allen Ebenen kontaminiert hat, vor allem bei den Großunternehmern und den hochrangigen Politikern bis hin zum schmuddeligen Präsidenten der Republik. Sie sind taub für ihr Gewissen, das sie anklagt. Doch die Zeit wird kommen, wenn sie jemand Höherem Rede und Antwort stehen werden müssen.

Leonardo Boff ist Theologe und Philosoph; Mitglied der Erd-Charta Kommission

Quelle:  Traductina , 04.08.2017.

Veröffentlicht am

07. August 2017

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