Lebenshaus Schwäbische Alb - Gemeinschaft für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie e.V.

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Wo kämen wir hin, wenn wir gingen, wohin wir wollen?

Von Katrin Warnatzsch, Sozialer Friedensdienst im Lebenshaus (aus: Lebenshaus Schwäbische Alb, Rundbrief Nr. 93, Juni 2017 Der gesamte Rundbrief Nr. 93 kann hier heruntergeladen werden: PDF-Datei , 983 KB)

Mein amnesty international Kalender

Ich benutze den Taschenkalender von amnesty als Hilfsmittel für meine Terminplanungen. Seit Januar 2017 ist jede Seite so voll geschrieben, wie seit Jahren nicht mehr. Das ist vielleicht altmodisch in Zeiten von Handys und elektronischen Kalendern, hilft aber doch, um Rückblick zu halten. Freie Tage ohne Termine streiche ich ganz durch, wir kämpfen jede Woche um solche.

Meine Erwartungen, wie viel Arbeit mit den jungen Afghanen in Gammertingen in ihrem Asylverfahren wohl auf mich zukommen würde, haben sich überholt. 16 von 17 jungen Männern aus Afghanistan sind vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) abgelehnt worden. Das dürfte für diese Gruppe der Geflüchteten vergleichbar wie überall in Deutschland sein. Ich kann es nicht verstehen, mit welcher Kälte, Ignoranz und per Textbausteinen in den Ablehnungsbescheiden die Tatsache, dass in Afghanistan überall Krieg herrscht, weggewischt und für nicht entscheidungsrelevant erklärt wird. Das fühlt sich an wie ein Feldzug unserer Regierungspolitik gegen Geflüchtete. Dieser wird mit Raffinesse und sich überschlagenden Verschärfungen der Gesetze und Regulierungen geführt.

Trotz allem bin ja nicht ich die Betroffene dieser Ablehnungsbescheide, denke ich manchmal. Ich spüre ihre Auswirkungen sozusagen kollateral.

In der Folge der Ablehnungsbescheide werden junge Menschen verstört, gequält von der Angst, abgeschoben zu werden in ein zerrüttetes, gefährliches und auf lange Zeit unsicheres Land. Die allermeisten schildern mir ihre Befürchtung, bei einer Rückkehr nach Afghanistan von Ermordung bedroht zu sein. Einige lebten seit Monaten, manche schon viele Jahre in Iran, wo sie aber ebenfalls kein Aufenthaltsrecht erhalten konnten, sondern weiter vertrieben wurden. Im Alter von 17 Jahren wird es dort für junge afghanische Männer sehr gefährlich, weil sie bevorzugt aufgegriffen und gezwungen werden, als Söldner im Krieg in Syrien eingesetzt zu werden. So kommt es, dass es Kriegsverletzte afghanische junge Männer in Deutschland gibt, die im Syrien-Krieg kämpfen mussten.

Warum sind Sie nach Deutschland gekommen? Was erwarten Sie bei einer Rückkehr?"

Im Lebenshaus finden fast jeden Tag Gespräche statt, in denen die Einzelnen versuchen, sich auf die Klagebegründung für die Gerichtsverhandlung vorzubereiten. Dazu liegen mir die Ablehnungsbescheide und die Protokolle des ersten Interviews vor dem BAMF vor. Diese beiden Papiere haben die Geflüchteten auch in ihren Sprachen gelesen, sofern sie lesen können und der Dolmetscher wirklich muttersprachlich war. Nun gehen wir daran, die im Interview anhand eines Fragenkataloges aufgenommenen Antworten zu überprüfen. Dabei stellt sich bei den Asylantragstellern zuerst einmal Wut und Unverständnis ein, weil sie sich nicht wirklich "angehört" fühlten. Der Stress der oft unter Zeitdruck und anderen schlechten Bedingungen geführten Interviews führte natürlich zu Lücken und Fehlern. Oft wurden aber ganz leicht erkennbar auch suggestive Fragen gestellt oder falsch protokolliert. Und sehr viele Männer haben den wesentlichen Moment ihrer Flucht gar nicht erzählt.

Indem ich mehrere Gespräche pro Person anbiete und pro Termin jeweils zwei Stunden Zeit dafür einplane, wächst bei manchen das Zutrauen, nun doch sehr persönliche Erfahrungen und Fluchtgründe auszupacken und zu beschreiben. Ich versuche, einfühlsame Fragen in einfach verständlichem Deutsch zu stellen, damit sie in ihrer Erinnerung auch an schwer zu beschreibende Erfahrungen gelangen, die das individuelle Schicksal der Einzelnen für das Gericht nachvollziehbar machen sollen. Das machen manche alleine, mithilfe der mehr oder weniger vorhandenen deutschen Sprachkenntnisse, teilweise mit Übersetzungsprogrammen, vorbereitenden Fragen und manche auch mithilfe von Freunden, die schon besser Deutsch sprechen. Um im guten Gesprächskontakt zu bleiben und nichts zu vergessen, nehme ich die Gespräche zunächst auf. Das bedeutet im Anschluss, die Aufzeichnungen in ein lesbares Deutsch zu bringen und vor allem, sie zu ordnen. Kaum jemand ist in der Lage, seine traumatisierenden Erfahrungen der Reihe nach zu erzählen. Aber das Gericht könnte aus einem Durcheinander womöglich Unglaubwürdigkeit erkennen. Es werden mir Fotos gezeigt von schrecklich zugerichteten Todesopfern, die Nachbarn und Verwandte zeigen. Fotos ermöglichen es eigentlich, Ereignisse gut zu dokumentieren, könnte man meinen, wo Worte nicht ausreichen oder man sprachlos vor der Grausamkeit steht. Bei der Besprechung beim Rechtsanwalt mussten wir aber zur Kenntnis nehmen, dass solche Fotos, sofern sie veröffentlicht worden waren, bei Gericht nicht für relevant gehalten werden. Der Geflüchtete selbst ist ja am Leben! Es geht offensichtlich nur um ihn, nicht um Andere, die er liebte! Und die Fotos könnten ja alles und jeden zeigen, sie taugen nur in seltenen Fällen als Beweis. Ich erlebe aber die Gefühle der Betroffenen angesichts der Fotos - und es stockt mir der Atem.

Ich finde es ungeheuerlich und menschenunwürdig, dass diese dem Krieg entflohenen Menschen auch noch gezwungen waren, lebensgefährliche Wege über das Meer zu suchen, um endlich in die von ihnen erträumte Sicherheit zu gelangen. Die Überlebenden werden weitere Male gequält, weil die Verwaltung unseres Landes nun genauestens wissen will, wie sie ihre Erfahrungen mit dem Krieg beschreiben. Als wäre es im Zeitalter von z.B. Drohnen nicht bekannt, was Krieg bedeutet. Und dann müssen sie befürchten, dass diese Schilderungen möglicherweise auch noch einfach ignoriert werden und nicht zum Bleiberecht führen. Wie grausam ist das! Auch wir, die den Geflüchteten Verständnis entgegenbringen, werden dadurch gequält. Wie lange lassen wir uns das gefallen? Es ist Zeit, sich grundlegend mit diesen Menschen zu solidarisieren.

Ausbildungsmöglichkeiten

Unter dem Aspekt der Nützlichkeit für unseren Arbeitsmarkt wurde die für einige Geflüchtete hilfreiche Regelung eingeführt, die über den Weg einer staatlich anerkannten Ausbildung zu einer weiteren Absicherung des Aufenthaltes in Deutschland führen kann (3+2-Regelung). Auf der Suche nach einem solchen zweiten, ein Aufenthaltsrecht begründenden Standbein für die Asylsuchenden, habe ich die Jobbörse der Arbeitsagentur allabendlich durchforstet. Entlang des öffentlichen Verkehrsnetzes von der Unterkunft aus, in der sie zwei Jahre lang wohnen müssen, erschöpft sich das Angebot schnell. Und die persönlichen Voraussetzungen für eine Ausbildung bringen natürlich längst nicht alle mit. Einige haben erst seit vierzehn Monaten hier in Deutschland überhaupt in ihrem Leben Schulunterricht kennengelernt. Erfreulich aufgeschlossen sind aber einige Handwerksbetriebe und soziale Arbeitgeber auf die Bewerbungen der Geflüchteten eingegangen. Nach Praktika, die zunächst von der Ausländerbehörde genehmigt werden müssen, haben bisher ein paar wenige Ausbildungsverträge erhalten. Wir hoffen sehr, dass die jungen Männer trotz schwieriger persönlicher Befindlichkeiten an ihrer hohen Motivation festhalten, sich eine neue Existenz aufzubauen.

Laufen als Fitnessprogramm und gegen Depressionen

Drei Monate lang haben zwischen acht und zwölf junge afghanische Männer an einem Laufprogramm teilgenommen, das Michael ihnen dreimal in der Woche angeboten hatte. Sie wurden fit und haben Spaß daran gefunden, gewöhnten sich auch an weniger gutes Wetter. Während sie allmählich immer schneller laufen konnten, kam es zu ausgelassenen Smalltalks untereinander, was dem Kontakt zwischen den Einzelnen zu Gute kam. Trotz Hitze und nach einer Verletzung von Michael fordern sie die Laufstunde weiter ein, was uns sehr freut.

Pazifismus beinhaltet Durchlässigkeit nationaler Grenzen

Bei unserer diesjährigen Mitgliederversammlung sprachen wir uns zum Thema "Gute Flüchtlinge - schlechte Flüchtlinge?" in einer kleinen Runde aus. Es wurde berichtet von beruflichen Erfahrungen mit jungen Geflüchteten und Familien, die es schwer haben, sich anzupassen. Fragen nach der sogenannten Nützlichkeit dieser Menschen für unsere Gesellschaft tauchten auf, Ängste wurden ausgesprochen, die einige mehr, andere weniger umtreiben. Bedroht uns etwa nun eine fremde Kultur in unseren Errungenschaften von Freiheit und Vielfalt? Wie sind wir in unserem Sicherheitsbedürfnis tangiert? Was bedeutet es, so viele Menschen ohne Schulbildung integrieren zu sollen? Wie ist überhaupt die Menge der Geflüchteten einzuschätzen?

Wäre es nicht sinnvoll, wenn wir als Lebenshaus ein Projekt außerhalb Europas unterstützen würden, um gegen die Fluchtursachen aktiv zu werden?

Allerdings fielen uns spontan dann gleich sehr viele sinnvolle Projekte ein, die es schon gibt. Der Widerstand gegen Rüstungsproduktion und -handel ist ein anderes. Und wie man in diesem Rundbrief ebenfalls lesen kann, sind wir als Verein mit vielen Organisationen engagiert für den Abbau von Fluchtursachen.

Andererseits stellten wir uns die Frage, was denn offene Grenzen und ein "Bleiberecht für alle" genau bedeuten würden. Haben wir eine Vision, wie das gehen könnte?

Wir fanden keine schnellen oder fertigen Antworten auf diese Fragen, zu denen es spürbar verschiedene Haltungen gab. Direkt vor der Mitgliederversammlung kamen von Ullrich Hahn telefonisch zu diesen Fragen sinngemäß folgende Anstöße, die uns nachdenklich machten, und die wir an anderer Stelle in seinem Thesenpapier abdrucken:

Wir sprechen von einer Vision, wenn wir für offene nationale oder europäische Grenzen plädieren. Bis dahin würde sich unsere Gesellschaft stark verändert haben. Pazifismus bedeutet, keine verletzende Gewalt anzuwenden. Deshalb beinhaltet Pazifismus, dass keine Landesgrenze mit der Waffe verteidigt werden kann. Jeder Mensch, der auf der anderen Seite der Grenze um Einlass bittet, kann letztlich nicht davon abgehalten werden, sie zu überschreiten. Deshalb ist es folgerichtig, für die Durchlässigkeit der nationalen Grenzen zu arbeiten.

Die persönlichen Grenzen, die ein Mensch um sich herum benötigt, um sich wohl zu fühlen, sind davon nicht berührt.

Mit diesen Anstößen würden wir gerne weiter nachdenken mit anderen Interessierten, die sich betroffen fühlen und um eine gemeinsame Haltung zu diesen Fragen ringen.

Stärken Sie Lebenshaus Schwäbische Alb für sein weiteres Engagement

Für sein gesamtes Engagement ist Lebenshaus Schwäbische Alb fast ausschließlich auf Spenden und Mitgliedsbeiträge angewiesen. Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit, Aktionen und Veranstaltungen wie z.B. die für diesen Herbst erneut geplante Tagung, die Unterstützung von Menschen in schwierigen Lebenssituationen, die Personalkosten für eine 30-Prozent-Teilzeitstelle und einen Minijob sowie möglichst Abbau von Schulden erfordern erhebliche Finanzmittel.

Wir benötigen dieses Jahr rund 55.000 Euro an Spenden und Mitgliedsbeiträgen. Bis Ende Mai haben wir Spenden und Mitgliedsbeiträge in Höhe von rund 16.000 Euro erhalten. Dies entspricht ca. 29 Prozent des voraussichtlichen Jahresbedarfs. Ganz herzlichen Dank dafür!

Gleichzeitig bitten wir um Ihre/Deine Unterstützung, um den erforderlichen Betrag möglichst zusammen zu bringen.

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Fußnoten

Veröffentlicht am

26. Juni 2017

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