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Die Jahre des Terrors (II)

Nach den jüngsten Terroranschlägen wächst international der Druck auf einen zentralen Förderer des globalen Jihadismus - das eng mit Deutschland verbündete Saudi-Arabien. Die britische Regierung müsse eine Untersuchung über die - mutmaßlich saudischen - Finanziers britischer Jihadisten endlich veröffentlichen, fordern führende Oppositionspolitiker in London. Protest gegen den Pakt der westlichen Mächte mit dem saudischen Herrscherclan wird auch außerhalb Europas laut; der Westen ignoriere die enge Verbindung zwischen der saudischen Salafismusmission "und der Ausbreitung des Terrorismus weltweit", heißt es exemplarisch in einer Erklärung des Jugendverbandes der größten islamischen Organisation weltweit, der indonesischen Nahdlatul Ulama. Tatsächlich fördert Saudi-Arabien - teils im Bündnis mit der Bundesrepublik, teils mit faktischer Billigung Berlins - seit Jahrzehnten salafistisch-jihadistische Milieus in aller Welt und hat einen maßgeblichen Beitrag zu ihrer Stärkung in Afghanistan und Pakistan, im Sahel, in Nordafrika und im Nahen Osten, in europäischen Ländern mit muslimischer Bevölkerung wie etwa dem Kosovo und in Südostasien - in Indonesien und auf den Philippinen - geleistet. Während die aus Saudi-Arabien unterstützten Milieus auch in Westeuropa ihren Terror steigern, setzt Berlin seine Zusammenarbeit mit Riad ungebrochen fort.

Jihad am Hindukusch

"Saudi-Arabien ist seit den 1970er Jahren eine bedeutende Finanzierungsquelle für Rebellen- und Terrororganisationen", heißt es summarisch in einer Analyse, die im Jahr 2013 im Auftrag des Europaparlaments erstellt und veröffentlicht worden ist.The Involvement of Salafism/Wahhabism in the Support and Supply of Arms to Rebel Groups Around the World. Brussels, June 2013. Die Analyse befasst sich zunächst mit der Entstehung des gegenwärtigen Jihadismus in Afghanistan seit 1979, den Riad gemeinsam mit Washington förderte, um die sowjetischen Streitkräfte aus dem Land zu treiben und die Regierung in Kabul zu stürzen. Saudische Organisationen halfen mit Geld und Waffen aus, wirkten am Bau von Mujahedin-Ausbildungslagern mit und errichteten am Hindukusch religiöse Schulen, über die sie die wahhabitisch-salafistische Strömung des Islam in Afghanistan, aber auch in den Grenzgebieten Pakistans verbreiteten. In saudischen Religionsschulen wurden beispielsweise der spätere Taliban-Anführer Mullah Omar sowie Jalaluddin Haqqani ausgebildet, der Gründer des Haqqani-Netzwerks, das in den 1980er Jahren von Saudi-Arabien umfassend gefördert wurde und heute zu den maßgeblichen Terrororganisationen am Hindukusch zählt. Berühmtester Teilhaber der saudisch-US-amerikanischen Jihadistenförderung war Osama bin Laden, der später in Afghanistan Al Qaida aufbaute. An dem antisowjetischen Kooperationsprojekt der 1980er Jahre ist auch die Bundesrepublik Deutschland beteiligt gewesen.S. dazu Deutschlands Kriegsbilanz (II) .

Jihad in Syrien und Mali

Die im Auftrag des Europaparlaments erstellte Untersuchung zeigt darüber hinaus exemplarisch, wie salafistisch-jihadistische Organisationen in anderen Staaten der arabischen Welt und des Sahel systematisch erstarken konnten. Dies gilt insbesondere für Syrien, wo nach Beginn des Aufstands gegen Präsident Bashar al Assad der saudische Staat sowie saudische Privatfinanziers salafistisch-jihadistische Milizen förderten.S. dazu Das Al Qaida-Emirat. Bekannte syrische Salafisten wie der im saudischen Exil ansässige Adnan al Arur konnten über saudische Fernsehkanäle stark Einfluss auf die Entwicklung in ihrem Heimatland nehmen. Die breitgefächerte Unterstützung trug dazu bei, gerade salafistisch-jihadistische Organisationen im Verlauf des Krieges erstarken zu lassen. Das mit Riad verbündete Berlin, das das Ziel - Assads Sturz - teilte, sah wohlwollend zu. Andere Beispiele sind der Untersuchung zufolge etwa Marokko und Mali. In Marokko erkaufte sich Saudi-Arabien bereits in den 1970er Jahren ungehinderten Zugang für die Salafistenmission, indem es Rabat im Kampf um die Westsahara unterstützte. Dies habe in den 2000er Jahren das Entstehen jihadistischen Terrors dort begünstigt, heißt es in der Analyse. Das Papier belegt zudem, dass maßgebliche Anführer der salafistisch-jihadistischen Szene Malis in Saudi-Arabien ausgebildet oder aus Saudi-Arabien finanziell gefördert wurden - darunter der Anführer der berüchtigten Jihadistenorganisation Ansar Dine, Iyad ag Ghali.The Involvement of Salafism/Wahhabism in the Support and Supply of Arms to Rebel Groups Around the World. Brussels, June 2013. S. auch Wie in Afghanistan (II) .

Radikalisierung in Europa

Auch jenseits der Kernländer der arabischen Welt, jenseits Zentralasiens und der Sahelzone führt die Salafismusmission des eng mit Deutschland verbündeten Saudi-Arabien zu weitreichenden Konsequenzen. Ein Beispiel bietet das illegal von Serbien abgespaltene Kosovo, dessen Bevölkerung zu über 95 Prozent aus Muslimen besteht. Im Kosovo haben, wie es im vergangenen Jahr in einem Bericht in der US-Presse hieß, an Saudi-Arabien orientierte Prediger schon bald nach dem Einmarsch der NATO im Jahr 1999 begonnen, den salafistischen Islam zu verbreiten. Sie hätten "eine Menge Geld" sowie salafistische Literatur mitgebracht und Moscheen gebaut; rund 240 der insgesamt über 800 Moscheen, die es heute im Kosovo gebe, seien nach 1999 errichtet worden und würden von alteingesessenen, gemäßigten Imamen einem salafistischen, am saudischen Vorbild orientierten Islam zugeordnet, heißt es. Wie üblich habe die Salafismusmission auch im Kosovo den Jihadismus gestärkt: Allein von 2014 bis Frühjahr 2016 seien 314 Kosovaren identifiziert worden, die das Land verlassen und sich dem IS angeschlossen hätten; das sei der höchste Prozentsatz in Europa. Staatliche Stellen schrieben die Radikalisierung eindeutig saudischem Einfluss zu.Carlotta Gall: How Kosovo Was Turned Into Fertile Ground for ISIS. www.nytimes.com 21.05.2016.

Radikalisierung in Indonesien

Immer stärkeren Einfluss gewinnen salafistische Milieus und jihadistische Organisationen dank saudischer Mission auch in Südostasien. Ein Beispiel bietet Indonesien, dessen traditioneller Islam als gemäßigt eingestuft wird. In Indonesien hat Riad seit Ende der 1960er Jahre eine Reihe von Institutionen errichtet, die systematisch einen Islam saudischer Prägung fördern. Die mutmaßlich einflussreichste von ihnen ist das Wissenschaftliche Institut für Islamische und Arabische Studien - im indonesischen Kürzel: Lipia - in Jakarta, das die arabische Sprache und islamisches Recht lehrt und als Außenstelle der Imam-Muhammad-bin-Saud-Universität in Riad firmiert. "Lehrpläne und Lehrmaterialien spiegeln das Weltbild des saudischen Staates wider", heißt es in einer Analyse über das Institut.Amanda Kovacs: Saudi-Arabiens salafistischer Bildungsexport radikalisiert Indonesiens Muslime. GIGA Focus Nahost Nr. 5/2014. S. dazu Feind und Partner . Zehntausende Lipia-Absolventen wirken seit der Gründung der Einrichtung im Jahr 1980 als Multiplikatoren im ganzen Land. Sie haben tatkräftig dazu beigetragen, dass sich das religiöse Klima im Land verschiebt, dass salafistische Positionen konsequent an Einfluss gewinnen - und dass im vergangenen Herbst erstmals Massendemonstrationen mit mehr als 100.000 Teilnehmern zur Absetzung des christlichen Bürgermeisters der Hauptstadt stattfanden, dem - unter konstruierten Vorwänden - Blasphemie vorgeworfen wird. Auch in Indonesien haben sich zudem aus saudisch orientierten Milieus jihadistische Zusammenschlüsse gebildet; so wird die 1972 mit saudischem Geld gegründete Koranschule Pesantren Ngruki in der javanischen Großstadt Solo mit der Organisation Jemaah Islamiyah in Verbindung gebracht, die den mörderischen Terroranschlag vom 12. Oktober 2002 auf Bali mit 202 Todesopfern zu verantworten hat.

Terror auf den Philippinen

Sogar der aktuell wieder erstarkende Jihadismus im Süden der Philippinen hat teilweise saudische Ursprünge. Abdurajak Janjalani, der Gründer der jihadistischen Terrororganisation Abu Sayyaf, die auf Mindanao operiert, hatte Anfang der 1980er Jahre in Saudi-Arabien studiert und dort seine religiöse Prägung erhalten. Danach soll er in Afghanistan in den Jihad gezogen sein. Nach seiner Rückkehr auf die Philippinen baute er Abu Sayyaf auf - unter anderem mit saudischen Geldern. Sie kamen nicht nur der Organisation direkt zugute, sondern wurden auch genutzt, um in Gebieten, die Abu Sayyaf kontrollierte, Moscheen, Schulen und andere Einrichtungen zu bauen. Neben Janjalani haben noch weitere Führungsmitglieder von Abu Sayyaf in Saudi-Arabien studiert oder sich am Hindukusch unter westlich-saudischer Führung am "Heiligen Krieg" gegen die sowjetische Armee beteiligt. Abu Sayyaf hat zuletzt mit dem Mord an einem deutschen Segler für Schlagzeilen gesorgt und beteiligt sich aktuell an den blutigen Kämpfen um die Kontrolle der Großstadt Marawi auf Mindanao.

Globale Konsequenzen

Die globalen Konsequenzen der saudischen Salafismusmission sind den westlichen Regierungen selbstverständlich bekannt. Sie sei "zwischen 2009 und 2014" in offiziellem Auftrag "in 80 Länder gereist", berichtete Ende 2015 die vormalige US-Sonderbeauftragte für muslimische Communities, Farah Pandith: "An jedem Ort, den ich besuchte", sei der religiöse Einfluss Saudi-Arabiens "heimtückisch präsent" gewesen, habe kulturell vielfältige Formen des Islam ins Abseits gedrängt, traditionelle Identitäten transformiert und den wahhabitisch-salafistischen Islam erheblich gestärkt. Das Geld, um die dazu benötigten Moscheen, Fernsehsender und Lehrbücher zu bezahlen, sei stets aus Saudi-Arabien gekommen.Farah Pandith: The World Needs a Long-Term Strategy for Defeating Extremism. www.nytimes.com 08.12.2015.

Eng verbündet

Mittlerweile wächst international der Unmut über den jahrzehntealten Pakt des Westens - auch Deutschlands - mit Saudi-Arabien, der Riad bei seiner Salafismusmission stets die nötige politische Rückendeckung geboten hat. In Großbritannien verlangen führende Oppositionspolitiker nach dem jüngsten Terroranschlag, die britische Regierung müsse eine Untersuchung über die - mutmaßlich saudischen - Finanziers britischer Jihadisten endlich veröffentlichen.Bethan McKernan: Terror funding report: Calls grow for release of ‘sensitive’ Home Office document ‘pointing finger at Saudi Arabia’. www.independent.co.uk 06.06.2017. S. auch Die Jahre des Terrors (I) . In Indonesien hat - exemplarisch für gemäßigte islamische Stimmen in diversen anderen Ländern weltweit - Ende Mai die Gerakan Pemuda Ansor, der Jugendverband der weltgrößten muslimischen Organisation Nahdlatul Ulama, eine Erklärung verabschiedet, in der es heißt, Saudi-Arabien verbreite "seit über 50 Jahren systematisch eine auf Vorherrschaft zielende, ultrakonservative Interpretation des Islam"; dabei gebe es eine "direkte Verbindung" zwischen der saudischen Salafismusmission "und der Ausbreitung des Terrorismus weltweit". Das werde, so heißt es weiter, von den Vereinigten Staaten, die eng mit Riad kooperierten, ignoriert.Pimpinan Pusat Gerakan Pemuda Ansor: Letter of Instruction Regarding Gerakan Pemuda Ansor Declaration on Humanitarian Islam. Jakarta, 23 May 2017. Dasselbe lässt sich von Deutschland sagen: Kanzlerin Angela Merkel hat erst kürzlich Saudi-Arabien besucht und die wirtschaftliche wie die militärische Zusammenarbeit mit dem Land ohne Rücksicht auf dessen Terrorförderung weiter ausgebaut.S. dazu Beihilfe zur Hungersnot und Die Jahre des Terrors (I) .

Quelle: www.german-foreign-policy.com vom 07.06.2017.

Fußnoten

Veröffentlicht am

11. Juni 2017

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