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Ägypten: Schwärende Wunden

Der IS kompensiert seine strategische Defensive in Syrien, indem er regionale Netzwerke zu Gewaltakten animiert. Dabei geraten auch die koptischen Christen ins Visier

Von Sabine Kebir

Die koptisch-christlichen Kirchen waren in diesem Land schon während der Amtszeit des Präsidenten Hosni Mubarak (er wurde 2011 gestürzt) stets Ziel schwerer islamistischer Anschläge. Nachdem Ende 2016 eine Kathedrale in Kairo angegriffen wurde, schlugen nun am Palmsonntag zwei Selbstmordattentäter bei Gottesdiensten in Tanta und Alexandria zu. Sie hinterließen 50 Tote und mehr als 100 Verletzte. In Alexandria hatten es die Täter nicht nur auf viele Gläubige abgesehen, sondern vor allem auf den in der traditionsreichen Markuskirche predigenden koptischen Papst Tawadros II.

Dass sich der Islamische Staat (IS) dazu bekennt, ist folgerichtig. Er will die Kopten von "muslimischer Erde" vertreiben, weshalb einer der stereotypen westlichen Ratschläge lautet, ob man ihnen nicht Asyl anbieten solle. Dabei wird gern übersehen, dass die Kopten ein Zehntel der ägyptischen Bevölkerung und einen überdurchschnittlich hohen Anteil gut ausgebildeter Menschen stellen, die trotz aller existenziellen Gefahr nicht die Absicht haben, ihr Leben nach Europa zu verlegen. Das trifft auch für die ärmeren Kopten in ländlichen Regionen zu. Schließlich wurzeln ihre Gemeinden im Urchristentum, das schon Jahrhunderte vor dem Islam in Ägypten heimisch war. Außerdem müssen sie unter dem Schutz der ägyptischen Obrigkeit stehen, die laut Koran und Sunna dazu verpflichtet ist, diese Minderheit zu schützen. Schon der Prophet Mohammed stellte Christen und Juden als "Leute des Buchs", worunter auch das vom Islam anerkannte Alte Testament und das Evangelium zu verstehen sind, unter den Schutz jedweder muslimischer Staatsmacht.

Dass sich ausgerechnet Saudi-Arabien, der IS und mit ihm verbundene Gruppen, zu denen ultraradikale Teile der Muslimbrüder Ägyptens zählen, daran nicht halten, ist ein Paradox, aber auch ein Indiz für eine perverse Logik. Man muss nur die Attentate in Ägypten in eine Reihe mit den Anschlägen von Stockholm, Petersburg, London, Berlin, Nizza und Paris setzen. Sie wirken wie Strafaktionen gegen Länder, die einen Regimewechsel in Syrien nicht stark genug unterstützen oder zu verhindern suchen. Aus der Sicht islamistischer Hardliner gehört auch Ägypten dazu, das traditionell mit Syrien befreundet ist und unter Präsident al-Sisi eine ähnlich ausgleichende Religionspolitik betreibt wie Assad. Al-Sisi hat zusätzlich seine Geldgeber in Riad verärgert, als er sich weigerte, in den Krieg gegen den Jemen einzusteigen, wozu er wegen einer früher eingegangenen Militärallianz eigentlich verpflichtet war.

Die Regierung in Kairo treibt wie die anderer nordafrikanischer Staaten die Frage um, was soll aus den Abertausenden Kämpfern des IS und anderer islamistischer Bünde werden soll, die im Irak und in Syrien nicht mehr auf den ganz großen Sieg hoffen können. Tanta und Alexandria deuten daraufhin, dass mit dem IS regional verbundene Netzwerke zu Gewalttaten aufgerufen sind. Präsident Trump hat mit seiner eher moderaten Militäraktion bei den Rebellen in Syrien die Hoffnung erweckt, dass sie doch auf weiteren Beistand zählen können, und damit die USA möglicherweise vorerst vor Anschlägen geschützt.

Die Europäer jedoch, die mit einem immer mehr in Brand gesetzten Nahen Osten eine Landmasse teilen, haben sich seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr in einer ähnlichen Zwangslage befunden. Die Kriege einer Region vergiften nicht nur das Leben in der Türkei, sondern längst auch das unsere.

Quelle: der FREITAG vom 13.04.2017. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

Veröffentlicht am

14. April 2017

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