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“Globalisierung kann auch verantwortungsbewusstes Denken und Handeln für das Wohl der ganzen Welt bedeuten”

Von Michael Schmid (aus: Lebenshaus Schwäbische Alb, Rundbrief Nr. 90, September 2016 Der gesamte Rundbrief Nr. 90 kann hier heruntergeladen werden: PDF-Datei , 664 KB.)

Liebe Freundinnen und Freunde,

ich schreibe diese Zeilen während herrlicher Sommertage. Und so gerne ich mich zur Arbeit an den Computer setze, so wichtig ist mir die Abwechslung in der freien Natur. Insbesondere während meiner täglichen Läufe genieße ich die Sonne und den blauen Himmel, nehme die sich ständig verändernde Natur wahr. Links von mir ein Feld mit in den letzten Tagen in die Höhe geschossenen Maispflanzen, rechts ein lila Feld mit einer Futterpflanze. Dann geht es vorbei an einem knisternden Weizenfeld und nun entlang einer langgestreckten Hecke. Ein anderes Mal führt mein Lauf durch ein idyllisches Tal, durch das sich das kleine Flüsschen Fehla in unzähligen Windungen vorbei an Wiesen, Beeren, Büschen und stillen Wäldern schlängelt. Ich genieße diese Läufe - und das nicht nur zur Sommerzeit. Wichtig ist mir die Bewegung nicht zuletzt zum Abbau von Stress. In den vergangen Monaten haben sehr schwere Erkrankungen von Menschen in meinem unmittelbaren Umfeld tiefe Spuren auch bei mir hinterlassen. Umso wichtiger ist es mir, durch die Bewegung in der Natur immer wieder etwas Abstand zu finden. Und schöne Seiten des Lebens zu genießen, mir selber Gutes tun.

Während ich das aufschreibe, werden meine Gedanken durch das Telefon unterbrochen. Eine verzweifelte Frau ruft an. Ihre Familie komme ursprünglich aus einem Balkanstaat und sei seit 26 Jahren in Deutschland. Sie selber sei damals zwei Jahre alt gewesen und inzwischen Deutsche. Nun sollten aber die Eltern, die schwerkrank seien, abgeschoben werden. Sie seien Roma, würden "dort unten" diskriminiert. Ob man da nicht etwas machen könne. Ich sage ihr, dass ich nicht in der Lage sei, ihr konkrete rechtliche Auskünfte zu geben. Aber ich gebe ihr die Telefonnummern eines Rechtsanwalts mit Schwerpunkt Ausländerrecht sowie des Flüchtlingsrats Baden-Württemberg. Wie gut, dass wir aufgrund unserer Vernetzung solche Kontakte weiterempfehlen können. Die Frau ist erfreut über diese kleine Unterstützung und bedankt sich sehr.

Was haben wir aus der Geschichte gelernt?

Anschließend geht mir durch den Kopf, was da Menschen an Leid und Unrecht zugefügt wird schon allein dadurch, dass sie in schwierige, hoffnungslose Verhältnisse ohne Chance auf ein menschenwürdiges Leben abgeschoben werden sollen. Und das nach so langer Zeit in Deutschland. Dazu kommt, dass es sich dabei um Roma handelt, die ohnehin vielerorts Sonderbehandlungen unterworfen sind. Offensichtlich werden ihnen auch in unserem Land, das vor einigen Jahrzehnten 500.000 Sinti und Roma im NS-besetzten Europa ermordet hat, keine allgemeinen Rechte zugestanden. Was haben wir aus unserer eigenen deutschen Geschichte gelernt?

Traurig aber ebenfalls, dass sich ausgerechnet Baden-Württemberg unter einem grünen Ministerpräsidenten bundesweit durch eine möglichst rigorose und unmenschliche Abschiebepolitik hervortut. So stellt der Flüchtlingsrat Baden-Württemberg fest, dass zum Beispiel allein innerhalb der ersten 13 Tage im Juli drei Charter-Abschiebungen in den Westbalkan organisiert worden seien. "In diesem Zeitraum wurden 210 Menschen, davon 74 Kinder jünger als 14 Jahre, nach Albanien, Kosovo, Mazedonien und Serbien abgeschoben. Auch dieses Mal waren wieder zahlreiche Angehörige der diskriminierten Minderheit der Roma von den Abschiebungen betroffen", so der Flüchtlingsrat. Und weil jeden Tag durchschnittlich mehr als 13 Menschen aus Baden-Württemberg in den Westbalkan abgeschoben werden, folgert der Flüchtlingsrat, "dass die grün-schwarze Landesregierung weiterhin das Ziel einer möglichst unerbittlichen Abschiebepolitik verfolgt. Das Hauptziel scheint eine möglichst hohe Zahl an Abschiebungen zu sein, während die Bemühung um eine humanitäre und pragmatische Asylpolitik, die Integration fördert, wohl kaum noch eine Rolle spielt."

"Was für eine Zeit!"

Allerdings laufen solche Abschiebungen weitgehend unbemerkt von einer breiteren Öffentlichkeit ab. Die Schlagzeilen werden derzeit von ganz anderem beherrscht: Von Amokläufen und Terror mit tatsächlichem oder vermeintlichem islamistischen Hintergrund, die in den letzten Monaten ihre Blutspur durch Europa gezogen haben. Von IS-Terrormiliz und Verschärfung des Asylrechts angeblich zu dessen Bekämpfung. Vom "Flüchtlingspakt" mit Erdogan, der dafür sorgt, dass Geflüchtete nicht mehr zu uns durchkommen. Dieser schäbige Deal wird von PRO ASYL zurecht als eine "Schande für Europa" bezeichnet, eine "moralische und rechtliche Bankrotterklärung". Doch diese Haltung zugunsten von Menschenrechten und Flüchtlingsschutz ist weniger schlagzeilenträchtig.

Unsere Unterstützerin Mechtild Eisfeld drückt in ihrem "tragischen Gesang", den wir in diesem Rundbrief veröffentlichen, viel von dem aus, was für eine Zeit das ist, in der wir leben.

Wenn ich den Inhalt dieses Rundbriefs betrachte, dann befinden sich darin wieder verschiedene Artikel, die sich mit nicht gerade Erbaulichem beschäftigen.

"Kümmere dich um dich selbst!"

Dabei habe ich kürzlich in einem Kommentar eines bekannten Arztes gelesen, dass er die vielen Nachrichten, denen wir ausgesetzt sind, für überflüssig hält. Er führt als Beispiel die Nachricht an, dass soeben in Süditalien zwei Züge aufeinander geprallt seien und es so und so viel Tote gegeben habe und meint: "Weshalb muss ich in Bayern das wissen? Es belastet mich. Ich grüble. Versetze mich in die Lage der Angehörigen. Trauere mit. Hab ich dadurch irgendjemand geholfen? Hab ich irgendetwas geändert? Nein, habe ich nicht."

Die weltweit verfügbaren Informationen würden "uns tagtäglich irr und wirr" machen und dadurch würde "unser Seelenleben, unser Denken zerstört". Deshalb gibt er folgenden Rat: "Kümmere dich um dich selbst. Da hast du genug zu tun. Und vielleicht noch um deine Familie. In der Hoffnung, dass du ansteckst. Nachbarn, Freunde, usw." (Dr. Ulrich Strunz, News vom 17.08.2016).

Natürlich kann ich gut nachvollziehen, dass die Nachrichtenflut uns so sehr überfluten und belasten kann, dass wir uns erschlagen und hilflos fühlen. Deshalb müssen wir sicherlich auswählen, welcher Medien wir uns bedienen, wofür wir uns interessieren und wofür nicht. Und selbstverständlich finde ich es wichtig, sich genügend um sich selber zu kümmern. Um die eigene Gesundheit, das eigene Wohlbefinden. Um gesunde Ernährung, Bewegung, Entspannung. Doch mir reicht das nicht.

Über den eigenen Tellerrand hinaus

Mir ist es wichtig, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen. Nicht die Augen zu verschließen vor der Gewalt, dem Unrecht und Zerstörerischen, das auf unserem Globus als Realität existiert. Dabei bekomme ich sehr viel Unverdauliches mit. Natürlich kann ich nicht alles aufnehmen und schon gleich gar nicht alles ganz nah an mich heran und in mich herein lassen. Aber so viel zumindest, dass mir persönlich klar bleibt, in welcher privilegierten Situation ich lebe, und dass ich mich nicht einfach tatenlos abfinden möchte mit unwürdigen Zuständen. Ich möchte mich also herausfordern lassen zu eigenem Engagement. Dass ich meinen kleinen Teil dazu beitragen möchte, damit eine andere Welt möglich wird. Dass ich zumindest an manchen Punkten verstehe, wie mein eigenes Leben und mein Lebensstil mit Unrecht in anderen Teilen dieser Welt zusammenhängt. Das alles bedeutet für mich auch Lebensqualität und nicht nur Seelenqual.

Wichtig ist mir dabei allerdings, mich eingebunden zu fühlen in einen Strom von Menschen, Gruppen und sozialen Bewegungen, die sich an ganz unterschiedlichen Punkten für eine andere Welt einsetzen. Die sich für den Aufbau einer planetarischen Gesellschaft engagieren, in welcher der Mensch im Mittelpunkt steht.

Saat der Hoffnung

Ein kleiner Ausschnitt von dem, was sich weltweit bewegt, wurde gerade wieder auf dem Weltsozialforum sichtbar. Das dreizehnte Weltsozialforum hat im kanadischen Montreal stattgefunden, und damit zum ersten Mal in seiner 16-jährigen Geschichte in einem Industriestaat der nördlichen Hemisphäre. Mit einer eindrucksvollen Demonstration und rund 1.500 Workshops, Seminaren und Konferenzen haben die über 30.000 Teilnehmenden aus aller Welt ihren Willen bekräftigt, den Traum von einer besseren Welt zu verwirklichen. "Weltsozialforum sät Saat der Hoffnung im globalen Norden" urteilt der Ökumenische Rat der Kirchen in einer Presseveröffentlichung über dieses Ereignis.

Das erste Weltsozialforum fand 2001 in Porto Alegre/Brasilien statt und wurde zu einem Symbol für die Bewegung der Kritiker der Globalisierung. Mit den weltweiten Treffen wird unter anderem beabsichtigt, Alternativen zum in den Medien "vorherrschenden Denkmodell des globalen Neoliberalismus" aufzuzeigen und deren Ausarbeitung zu fördern.

Für mich zeigen die Weltsozialforen, dass es weltweit Menschen und Basisorganisationen gibt, die zum Ausdruck bringen, dass eine Globalisierung - statt einer "Deregulierung zum Vorteil des Stärkeren" - auch verantwortungsbewusstes Denken und Handeln für das Wohl der ganzen Welt bedeuten kann. Sie alle eint der Einsatz für eine bessere Welt, für wirtschaftliche und soziale Rechte für alle Menschen sowie für solidarische und ökologische Alternativen zum derzeitigen Wirtschaftssystem. Das macht Hoffnung.

Um so etwas wie Hoffnung zu säen geht es uns ebenfalls mit unseren Tagungen "We shall overcome!", die wir in diesem Herbst zum vierten Mal veranstalten. Jede einzelne Tagung hat mich bestärkt und in meinem Engagement ermutigt. Ich freue mich sehr auf diese Veranstaltung im Oktober. Trotz des großen Arbeitsaufwands, den das für uns natürlich bedeutet. Und so bin ich gespannt, wie es dieses Jahr werden wird. Dabei bin ich sehr zuversichtlich, dass ich wieder sehr viel mitnehmen werde. Denn wir haben erneut die Zusagen von sehr interessanten Menschen, über ihr jahrzehntelanges Engagement zu berichten. Inzwischen sind die ersten Anmeldungen zur Teilnahme eingegangen. Für uns als Veranstalter ist es natürlich immer eine spannende Frage, wer dann teilnehmen wird. Wir hoffen, dass unser Angebot wieder viele Menschen anziehen wird.

Schließen möchte ich mit der Anmerkung, dass es mir gleichfalls große Hoffnung macht, mit unserem Lebenshaus eingebettet zu sein und getragen zu werden von einem großen Kreis von Menschen, denen soziale Gerechtigkeit, Frieden und Erhalt der Umwelt ein wichtiges Anliegen ist. Dadurch fühle ich mich reich beschenkt. Herzlichen Dank!

Herzliche Grüße
Euer / Ihr

Michael Schmid

Stärken Sie Lebenshaus Schwäbische Alb für sein weiteres Engagement

Für sein gesamtes Engagement ist Lebenshaus Schwäbische Alb fast ausschließlich auf Spenden und Mitgliedsbeiträge angewiesen. Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit, Aktionen und Veranstaltungen wie z.B. die für diesen Herbst erneut geplante Tagung, die Unterstützung von Menschen in schwierigen Lebenssituationen, die Personalkosten für eine 30-Prozent-Teilzeitstelle und einen Minijob sowie möglichst Abbau von Schulden erfordern erhebliche Finanzmittel.

Wir benötigen dieses Jahr voraussichtlich rund 57.000 Euro an Spenden und Mitgliedsbeiträgen. Bis 23. August haben wir Spenden und Mitgliedsbeiträge in Höhe von ca. 25.700 Euro erhalten. Dies entspricht etwa 45 Prozent des voraussichtlichen Jahresbedarfs. Ganz herzlichen Dank dafür!

Gleichzeitig bitten wir um Ihre/Deine Unterstützung, um den erforderlichen Betrag möglichst zusammen zu bringen.

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Fußnoten

Veröffentlicht am

10. September 2016

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