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Konstantin Wecker: Der Frieden braucht eine Revolution

Als die Russland-Hetze und die von Politikern und Medien geschürte Kriegsstimmung im letzten Herbst eskalierten, entschlossen sich Konstantin Wecker, Margot Käßmann und der Gütersloher Verlag, zeitnah ein Friedensbuch herauszubringen, das als Warnung und als Gegengewicht dienen sollte. "Entrüstet euch" ist eine bunte, aufrührerische und nachdenklich machende Textsammlung. Neben Konstantin Wecker und der ehemaligen EKD-Vorsitzenden Margot Käßmann berichtet u.a. Ellen Diederich von ihren Erfahrungen als Pazifistin. Prominente lebende Pazifisten wie Eugen Drewermann, Jörg Zink und Arno Gruen stehen neben Klassiker/innen wie Erich Kästner, Martin Luther King oder Bertha von Suttner. Wirklich ein Chor kluger und mutiger Stimmen, ein not-wendiges Buch zur rechten Zeit. Der nachfolgende Text Konstantin Weckers gibt einen Einblick in sein pazifistisches Denken.

Der Frieden braucht eine Revolution

Von Konstantin Wecker

"Ich dachte immer, jeder Mensch sei gegen den Krieg, bis ich herausfand, dass es welche gibt, die dafür sind, besonders die, die nicht hineingehen müssen", sagte Erich Maria Remarque, Autor des Anti-Kriegs-Romans "Im Westen nichts Neues". Das trifft den Punkt. Wer von denen, die heute dafür plädieren, Deutsche müssten ihre Verantwortung in der Welt vor allem tötend und sterbend stärker wahrnehmen, zieht denn schon persönlich in den Krieg? Wie zu allen Zeiten schickt man "unsere Jungs" in die Schlacht. Über die "Notwendigkeit von Kriegen" schwadronieren gesetzte Damen und Herren aus sicherem Abstand, das blutige Geschäft müssen dann andere verrichten.

Und wie zu allen Zeiten ist das erste Opfer im Krieg die Wahrheit. Laut Spiegel online teilte im April 2014 Jay Carney, Sprecher des Weißen Hauses, mit, es gäbe "erdrückende Beweise" dafür, dass Russland in der Ostukraine Unruhe stifte. Erinnert die Wortwahl nicht fatal an jene "erdrückenden Beweise", die George W. Bush den Vorwand zum Einmarsch in den Irak lieferten? Das ist über zehn Jahre her, und es ist erschreckend, wie lückenhaft das Gedächtnis der Menschheit ist, wenn es um Kriegslügen geht. Der Angriff auf Irak seit dem 20. März 2003 und die Besetzung durch die USA haben einer halben Million Iraker das Leben gekostet, sagt eine US-Studie. 500 000 IrakerInnen sind ermordet worden - aus humanitären Gründen, wie es hieß. Sie sollten ja von einer Diktatur befreit werden. Befreite Tote?

Wer es, wie ich, damals gewagt hatte, den Krieg und das Vorgehen der USA zu kritisieren, wurde als antiamerikanischer Verschwörungstheoretiker und als Saddam Hussein-Versteher verunglimpft. Heute weiß man, dass George W. Bush mehrere hundert PR-Agenturen beauftragt hatte, um pazifistischen "Weicheiern" und anderen antimilitaristischen Zweiflern den Krieg schmackhaft zu machen. Heute wird das gleiche "Spiel" wieder gespielt. Und statt der Hussein- sind nun Putinversteher ins Visier der Bellizisten geraten. Als gäbe es nichts Schlimmeres als den Versuch, die andere Seite zu verstehen (was ja nicht mit Zustimmung zu all ihren Taten gleichzusetzen ist). Ich bin genauso wenig ein Putinfreund, wie ich im Irakkrieg den Diktator Hussein unterstützt habe. Ich bin ein Freund des Friedens und Verfechter der Gewaltlosigkeit.

Glaubt denn wirklich noch irgendein aufgeklärter Mensch, dass wir um der Demokratie willen streiten und bomben? Hans-Peter Dürr, der leider unlängst verstorbene große Physiker, Umwelt- und Friedensaktivist, schrieb: "Man braucht kein Pazifist zu sein, um zu erkennen, dass Krieg in seiner heute üblichen hoch-mechanisierten over-kill-Form nicht mehr rational als Problemlöser fungieren kann, da durch ihn, in der Regel, vor allem Unschuldige, jetzt und auch künftig Lebende, getroffen werden und nicht die vermeintlichen oder gar eigentlichen Schurken. Mit Superkeulen, die großzügig und indifferent Lateralschäden in Kauf nehmen, lassen sich, ganz nüchtern betrachtet, Menschenrechte schlicht nicht erzwingen."

Karl Kraus, der die Manipulation der Massen in den Zeiten des Ersten Weltkriegs durchschaute und wie kein anderer messerscharf analysierte, sagte: "Wie wird die Welt regiert und in den Krieg geführt? Diplomaten belügen Journalisten und glauben es, wenn sie’s lesen." Wir täten heute gut daran, uns auf Karl Kraus zu besinnen. "Als einer der Pioniere der Medienkritik hatte er erkannt, dass die Medien die Wirklichkeit nicht abbilden, sondern erzeugen, dass Meinungen und Stimmungen nicht einfach entstehen, sondern gemacht werden", schreiben Matthias Bröckers und Paul Schreyer in ihrem lesenswerten Buch "Wir sind die Guten".

In den Jahrzehnten, in denen ich mich bewusst mit Nachrichten und Zeitungen beschäftige, habe ich niemals annähernd eine derartige Propagandaschlacht erlebt wie heute. Es ist erschreckend zu sehen, wie sich manche Leitmedien, obwohl sie mit zum Teil sehr klugen Kommentaren überhäuft werden, penetrant weigern, ihre Leser ernst zu nehmen. Noch ist allenthalben viel gesunder Menschenverstand, sind Mitgefühl und kluge Zurückhaltung in der Bevölkerung verbreitet. Aber durch den Dauerbeschuss mit Un- und Halbwahrheiten kann man den Menschen diese Eigenschaften auch nach und nach aberziehen. Wie macht man ein friedliebendes Volk kriegslüstern? Man hat dies unter anderem zu Beginn des Ersten Weltkriegs gesehen: durch Propaganda, durch Erfindungen und Lügen, durch die Erschaffung eines Feindes. War es nicht immer schon so? Die Menschen wollen keinen Krieg, bis man dieses Wollen durch gezielte PR in die richtigen Bahnen lenkt.

Maßlos enttäuschend verhält sich in diesem Zusammenhang vor allem Bundespräsident Joachim Gauck, der den kriegsunwilligen Deutschen im Juni 2012 gar unterstellte, "glückssüchtig" zu sein. War es diese unverhohlene Kriegsbereitschaft, die man an der bundespräsidialen Spitze unseres Staates mit seinem für manche Kreise so hinderlichen Grundgesetz haben wollte? Vielleicht waren es Sätze wie diese, die Gauck scheinbar plötzlich zum Konsenskandidaten aller neoliberal gesinnten Parteien machten: "Und in diesem Kampf für Menschenrechte oder für das Überleben unschuldiger Menschen ist es manchmal erforderlich, auch zu den Waffen zu greifen?" Der Pastor, der Christ Gauck, wollte als "Widerstandskämpfer" seinerzeit sicher auch alle Schwerter zu Pflugscharen machen. Aber anscheinend nur kommunistische. Mit kapitalistischen Schwertern lässt es sich trefflich kämpfen.

Nie im Leben hätte ich gedacht, dass wir einmal einem evangelischen Pfarrer einen Satz eines Papstes zur Besinnung vor Augen halten würden. "Der Krieg ist Wahnsinn" rief Papst Franziskus während einer Messe an der italienischen Gedenkstätte für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs in Fogliano Redipuglia vor 100.000 Menschen aus. Mit einer vehementen Anklage gegen Waffenhändler und Kriegshetzer gedachte der Pontifex der Toten aller Kriege. Und er zog Parallelen zu jener Epoche, deren (trauriges) Jubiläum wir 2014 feierten. Wie 1914, entstünden auch heute Kriege durch geopolitische Pläne, Geldgier, Machthunger und die Interessen der Waffenindustrie. "Die Geschäftemacher des Krieges verdienen damit viel Geld und haben durch ein verdorbenes Herz das Weinen darüber verloren", sagte Franziskus, der mir immer mehr aus dem Herzen spricht.

Während das Volk mit Brot und Spielen gefüttert wird - wobei es mit dem Brot speziell für die wachsende Schicht der Armen im Land hapert -, dealt die Große Koalition fleißig weiter mit Waffen: für "lupenreine Demokratien" wie Saudi Arabien, Algerien und Singapur. Mit diesen Waffen wird gemordet, das kann man sich schön reden, wie man will. Sie werden in der jeweiligen Region weiterverkauft, ohne dass Deutschland auch nur irgendeine Form der Kontrolle darüber hätte. Vermutlich will man das aber auch gar nicht. Zu große Zurückhaltung beim Töten könnte Arbeitsplätze in der heimischen Rüstungsindustrie gefährden.

Eine neue "Kultur des Krieges" entsteht gerade, wie es Jakob Augstein in einem seiner hervorragenden Kommentare benannte. Eine Kultur des Krieges, in die sich auch die Grünen - einst die Partei Petra Kellys -, einreihen, etwa mit Cem Özdemirs infamer Bemerkung, Kriege könnten "nicht mit Yogamatten" gewonnen werden. In einer Zeit, in der es mehr bewaffnete Konflikte gibt als je zuvor, wird nun aus allen Ecken wieder auf den Pazifismus eingeprügelt. Anstatt sich ernsthaft Gedanken zu machen, wie der Friede vorbereitet werden kann, denkt man in bestdotierten Think Tanks darüber nach, wie man neue Märkte erschließen kann: mit Waffen, mit Gewalt und der immer gleichen Anmaßung, sich auf der Seite des Guten zu wähnen. Und ein armer, missbrauchter Gott wird wohl bis in alle Ewigkeit die Waffen segnen müssen - vorzugsweise für beide Varianten des "Guten". Wo bleibt da der Gott der Liebe, des Verzeihens und Erbarmens, wie er etwa von Jesus gelehrt wurde, der sich eher verletzen und töten ließ, als auch eine einzige Verletzung eines seiner Feinde zuzulassen? Vergessen, verjagt, ausgeklammert aus Gehirnen, die sich von der Logik des Krieges haben kolonialisieren lassen.

Uns wird weisgemacht, dass Frieden noch immer das Endziel westlicher Politik sei - selbstverständlich erst, nachdem mit Waffengewalt eine gerechte Ordnung in den Konfliktregionen geschaffen wurde. Was wäre aber, wenn eine andauernde Instabilität im Nahen Osten geradezu erwünscht wäre, um militärische Dauerpräsenz damit zu rechtfertigen? Was wäre, wenn es ohne die westliche Politik das augenblickliche Hauptproblem der stets gedemütigten Kurden, den "Islamischen Staat" (IS), gar nicht gäbe? "Jahrelang haben die USA die Waffenlieferungen Saudi-Arabiens und anderer Golfstaaten an syrische Terroristen wohlwollend durchgewinkt", schreibt Jürgen Todenhöfer, ehemaliger Bundestagsabgeordneter der CDU. "Saudi-Arabien - Deutschlands angeblicher ‚Stabilitätsanker’ - besitzt ja Waffen im Überfluss. Vor allem westlicher, auch deutscher Produktion. Aus einigen dieser von den Saudis ausgerüsteten Organisationen entstand ISIS, die sich später in ‚Islamischer Staat’ (IS) umbenannte." Was wäre, wenn wir einige der Waffen, die wir jetzt an die bedrängten Kurden liefern, schon bald in den Händen islamistischer Kämpfer sehen würden - etwa in Mali, Zentralafrika oder Nigeria? Was wäre, wenn all dieser Wahnsinn wohlgelitten wäre, um immer wieder aus "humanitären Gründen" eingreifen zu können, wieder Waffen verkaufen zu können und die Welt in Unruhe zu halten? Es wäre ehrlicher, zuzugeben, dass das kapitalistische System immer wieder Kriege braucht, um sich am Leben zu halten.

Was derzeit geschieht, macht mir Angst. Wenn die maßvollen und vernünftigen Kräfte es nicht schaffen, eine gewaltige internationale Friedensbewegung auf die Beine zu stellen, die ein eindeutiges "Mit uns nicht!" skandiert, kann es passieren, dass Europa wieder in einem Krieg verbrannt wird. Ansätze zu einer solchen wünschenswerten Friedensbewegung gibt es ja bereits. Diese plädierte Ende 2014 gegen Waffenlieferungen in den Nordirak und stattdessen für eine "humanitäre Intervention, die ihren Namen wirklich verdient". Diese solle die Bundesregierung "mit hohem finanziellem und personellem Einsatz bestreiten", heißt es in einer Erklärung. Gefordert wird, "alle nach Berlin" einzuberufen, "die ein solches Engagement großzügig und kompetent stemmen können: unter anderem die etablierten Hilfsorganisationen und die Gruppen der Zivilgesellschaft". Auch ich plädiere für eine entschiedene Ausweitung der bisherigen Hilfe, etwa durch feste Flüchtlingscamps, stabile Lazarette inklusive medizinischer Versorgung, Unterstützung des Alltagslebens und anderes. "Flüchtende, die die Region verlassen wollen, sind zu unterstützen", heißt es in der Erklärung. "Ihnen ist Asyl oder ein humanitäres Aufenthaltsrecht gemäß der Genfer Flüchtlingskonvention zu gewähren."

Natürlich werden viele wieder behaupten, dies sei ungenügend - naiv ohnehin. Aber man muss eben einmal damit beginnen, den Frieden zu schaffen, auch wenn dies bisher versäumt wurde. Deutschland gibt pro Jahr über 30 Milliarden Euro für Militär aus, aber nur 29 Millionen für den Friedensdienst. Das sagt eigentlich alles. Eine friedliche Welt ist dem freien Markt und seinen Kriegsgewinnlern immer schon ein Dorn im Auge gewesen. Die Abgeordnete der Linken, Sevim Dagdelen schreibt: "Wir leben in einer Vorkriegszeit. Das spüren immer mehr Menschen in diesem Land. Unsere Aufgabe ist es, die Lügen, die die neuen Kriege mitvorbereiten, zu entlarven. Damit die Mehrheit der Bevölkerung, die Krieg als Mittel der Politik ablehnt, die keine Auslandseinsätze und Rüstungsexporte will, endlich zu ihrem Recht kommt."

Auch um der nur allzu offensichtlich kriegsfreundlichen Meinungsmache in den großen Medien etwas entgegenzusetzen, haben wir uns entschlossen, dieses Buch herauszugeben. Unser "Duett" soll zu einem ganzen Chor aufrechter und kluger Stimmen aus Vergangenheit und Gegenwart anschwellen, der mit aller Vehemenz für die Sache des Friedens eintritt. Wir glauben weiter an die Kraft der Veränderung. Ungehorsam ist nun gefragt. Wir sollten Schulen des Ungehorsams gründen, um ein Gegengewicht gegen die die Seele deformierenden Gehorsamsschulen des Militärs zu schaffen. Zuallererst müssen wir uns gegen die Nebelkerzen wehren, mit denen wir täglich beschossen werden. Aber, wenn sich der Nebel endlich gelichtet hat, sind wir dann auch bereit, aufzustehen? Was wäre, wenn der Friede kein Wunder bräuchte, sondern eine Revolution?

Quelle: Hinter den Schlagzeilen - 08.04.2015.

Veröffentlicht am

14. April 2015

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