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Theodor Ebert: Was ist und wie funktioniert gewaltfreier Widerstand? Anregungen für Fortgeschrittene

Vortrag bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung im Rahmen der Veranstaltung "Mit Aktionstrainings und gewaltfreiem Widerstand die Welt verändern?" am 24. Januar 2014 in Berlin

Von Theodor Ebert

Zwischen politischer Bildung und Agitation

Dies ist eine Veranstaltung zur politischen Bildung. Ich spreche hier also nicht als Agitator einer sozialen Bewegung, die ein bestimmtes Ziel vor Augen hat. Agitatoren dieser Art waren Rosa Luxemburg und Martin Luther King. Auch ich befand mich gelegentlich in der Rolle des Agitators, z. B. beim Widerstand gegen das Bombodrom in der Kyritz-Ruppiner Heide. Da galt es die Bürgerinitiative Freie Heide in ihrem Widerstand zu bestärken und mit Vorstellungen zur Widerstandsorganisation zu unterstützen.

Auch mein Freund Dr. Wolfgang Sternstein, ein Art opinion leader im Widerstand gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21, befindet sich in der Rolle des Agitators, der sein politikwissenschaftliches Wissen über den gewaltfreien Widerstand direkt in die Bewegung einzubringen sucht, indem er bei den Aktionen in vorderster Front steht oder sitzt und dann auch die volle Ladung abbekommt, sei es in der Form von Kampfsprays oder - nach seiner Festnahme - in Form von Strafanzeigen und Gerichtsurteilen.

Hier und jetzt habe ich bei diesem Referat kein bestimmtes Kampagnenziel im Auge. Ich soll in allgemeiner Form zeigen, wie sich gewaltfreie Aktionen einsetzen lassen, um für ein friedliches Zusammenleben und für soziale Gerechtigkeit zu wirken. Ich gehe davon aus, dass Sie als meine Zuhörer bereits einiges Wissen über die Ziele und das Funktionieren des gewaltfreien Widerstands mitbringen. Dieses Wissen haben Sie meistenteils der Darstellung von Aktionen in den Medien und einige auch der eigenen teilnehmenden Beobachtung zu verdanken. Und was nun die Medien anbelangt, weiß man das Meiste nicht aus Lehrbüchern, sondern aus Zeitungen und Bildmedien.

Diese Tagesnachrichten und die Bildberichterstattung sind wichtig. Sie bieten Anschauung. Doch dieser fehlt häufig noch die Reflexion und die Begriffsbildung, die nun mal zur strategischen Planung und zur Stabilisierung von Teilerfolgen bei der Mobilisierung der öffentlichen Meinung gehören.

Ich setze also bei Ihnen jetzt einiges an Anschauung voraus und sehe meine Hauptaufgabe heute Vormittag darin, mit Ihnen über die Strategie des Einsatzes von gewaltfreien Aktionen und auch über die Auswahl der passenden Aktionen zu sprechen. Ich halte jetzt keine systematische Vorlesung über die gewaltfreie Aktion, sondern ich offeriere eine Sammlung von Notizen und Anregungen, die sich nicht an greenhorns, sondern an Fortgeschrittene richtet.

Die Bedeutung der Fallstudien und unsere Leitfragen

Wenn ich an der Universität dieses Thema zu behandeln hatte, dann habe ich gerne Fallstudien herangezogen und zwar mit Vorliebe solche, die von Teilnehmern gewaltfreier Aktionen verfasst worden waren. Doch es gibt auch solche, welche Politikwissenschaftler nachträglich auf der Basis von Befragungen und dem Studium von schriftlichen Quellen angefertigt haben.

Als besonders geeignet hat sich Martin Luther Kings Bericht über den Busboykott in Montgomery erwiesen. Der englische Titel ist "Stride Toward Freedom". Ich möchte dies übersetzen mit "Der lange Marsch zur Freiheit". Von Gene Sharp, der den Alternativen Nobelpreis für seine kurze Anleitung zum gewaltfreien Aufstand gegen Diktatoren gewonnen hat, weiß ich aus lebenslanger Freundschaft, dass er vor seiner dreibändigen systematischen Abhandlung über "The Politics of Nonviolent Action" mehrere Fallstudien verfasst und dann eine umfangreiche Sammlung von Aktionsmethoden angelegt hat. Und ich kenne keinen bedeutenden Theoretiker und Strategen der gewaltfreien Aktion, der sich nicht intensiv mit dem Leben und den Kämpfen Gandhis und Kings befasst hätte.

Dieses Studium von Kampagnen und Lebensläufen hat den Vorteil, dass man sich auch in neuartigen Situationen fragen kann: Was hätten Gandhi oder King jetzt in meiner Lage getan? Das soll nicht heißen, dass diese Vorbilder unfehlbar gewesen wären - sie haben mehrfach offen über ihre strategischen Fehler und auch über persönlichen Verfehlungen gesprochen -, aber solche biographischen Kenntnisse und solche detaillierten Fallstudien können uns helfen, in schwierigen Situationen Auswege zu finden.

Es gibt auch unter den Deutschen solche Vorbilder. Unter Christen werden immer wieder genannt Dietrich Bonhoeffer und Martin Niemöller. Ich habe Niemöller mehrfach gehört und seine Reden eingehend studiert. Und wenn es um das richtige Handeln ging, hat er seine Mitchristen gefragt: "Was würde der Herr Jesus jetzt dazu sagen?" Das passt schon, aber so wird man auch nicht auf alle aktuellen Fragen eine einfache Antwort finden. Doch wer so fragt, kann auf Ideen kommen oder zumindest merken, was nun gar nicht geht. Da habe ich zum Beispiel bei unserer Bundeskanzlerin die Hoffnung, dass das Pfarrhaus als Kinderstube bei ihr noch nachwirkt und sie in bestimmten Situationen merkt, was nun gar nicht geht, weil der Herr Jesus sagen würde: Liebe Angela, so nicht! Und wir sollten nicht nachlassen, auch dem Christen Barack Obama auf diese Weise ins Gewissen zu reden.

Aber bleiben wir jetzt mal zuerst bei uns selbst. Wir spüren doch, dass mit der Verteilung der Güter dieser Erde vieles nicht in Ordnung ist; wir wissen, dass Unrecht geschieht und Menschen ausgebeutet werden von anderen, die sich einbilden, Reichtümer anhäufen zu müssen, um glücklich zu sein.

Können Privilegierte solidarisch handeln?

Das spezielle Problem unserer Lage ist, dass wir in globaler Sicht zu den Privilegierten, genau genommen zu den Ausbeutern gehören, obwohl wir dies vielleicht gar nicht wollen. Doch so wie die Dinge liegen, können wir in der Industriegesellschaft nur überleben, wenn wir zumindest partielle diese böse Spiel mitmachen. Lenin und Rosa Luxemburg würden uns möglicherweise der "Arbeiteraristokratie" zurechnen, und da ist es dann sehr die Frage, ob die Armen dieser Erde wirklich auf unsere Solidarität zählen dürfen. Ich bin da skeptisch, und darum gehörte es zu den wichtigsten strategischen Überlegungen Gandhis, dass er sagte: Die Aufständischen müssen ihre Kampagnen aus eigener Kraft, auch mit eigenen Mitteln bestreiten. Das funktioniert bei gewaltfreien Methoden am besten. Wenn man Waffen oder gar ausländische militärische Unterstützung braucht, dann kommt man in Teufels Küche, wie sich in Libyen und Syrien exemplarisch beobachten lässt. Und es ist eben auch sehr fragwürdig, wie in Ägypten das einheimische Militär gesund zu beten mit Sprüchen von der Art "Das Volk und das Militär sind eins". Zu einem richtigen gewaltfreien Aufstand gehört, dass man auch die Abschaffung des Militärs ins Auge fasst und von Anfang an betreibt.

Jetzt werden viele sagen: Das ist unrealistisch, aber Gandhi war der Typ, der dies schon sehr bald zu einem Bestandteil seiner Vorstellung eines entkolonialisierten Indiens gemacht hat. Er wollte keine indische Armee und keine schwer bewaffnete indische Polizei, sondern ein Netzwerk von gewaltfreien Aktionsgruppen, das jeweils vor Ort für ein friedliches, solidarisches Zusammenleben sorgen sollte. Er bezeichnete dieses Netzwerk als Shanti Sena - wörtlich übersetzt "Friedensarmee". Das war sprachlich unbeholfen. Arma ist das lateinische Wort für Waffe. Die indischen Sprachen und auch die europäischen sind nun mal militarisiert. Wir müssen auch unsere Phantasie befreien, und dies ist auch ein sprachliches Problem. Vielleicht könnte man Shanti Sena modern übersetzen mit Nonviolent Task Force bzw. Netzwerk von Zivilen Friedensdiensten. Dafür gibt es Ansätze in der deutschen Friedensbewegung.

Wenn man diese Vision hat, dann muss man sich überlegen, wie diese gewaltfreien Einsatzgruppen organisiert sein sollen und wie sie ausgebildet sein müssten, um innen- und außenpolitisch den Bedrohungen, die nicht so leicht verschwinden werden, standzuhalten.

Das wird dann heute Nachmittag das Thema sein, aber zunächst kommt es einmal darauf an, dass man eine Vorstellung davon hat, wohin mal will.

Alternativen zum Militär

Die Arbeiterbewegung hatte vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs ein solches Konzept nationaler Sicherheitspolitik noch nicht. Man hoffte auf die Weltrevolution bzw. auf einen Dominoeffekt von erfolgreichen Revolutionen in einem oder mehreren Ländern. Auf dem Wege zur Weltrevolution war von letzten Gefechten und eben von der Bewaffnung des Proletariats die Rede. Eine Strategie der gewaltfreien Revolution und der gewaltfreien Verteidigung revolutionärer Errungenschaften wurde erst in der Zeit zwischen den Weltkriegen in Holland und Belgien ansatzweise entwickelt. Der Berliner Friedensforscher Gernot Jochheim hat darüber seine Dissertation geschrieben und eine populäre Handreichung verfasst, welche die erste Schrift zur "pazifistischen Volksverteidigung" aus dem Jahre 1938 dokumentiert.Gernot Jochheim: Soziale Verteidigung - Verteidigung mit meinem menschlichen Gesicht. Ein Handreichung, Düsseldorf: Patmos Verlag, 1988. Unter belgischen und holländischen Sozialisten gab es die Vorstellung, dass es wahrscheinlich nicht sofort zu einer Weltrevolution kommen würde, sondern Nationalstaaten sich auf die Verteidigung ihrer demokratischen Ordnung vorbereiten könnten und sollten durch das Einüben von gewaltfreiem Widerstand. Das war noch kein hoch entwickeltes, mit Training verbundenes Konzept, aber es war immerhin auf der theoretischen Ebene eine bemerkenswerte Fortentwicklung des sozialistischen Friedensgedankens.

Diese vornehmlich holländischen und belgischen Vorstellungen von gewaltfreien Revolutionen und der "pazifistischen Volksverteidigung", wie die Holländer sie nannten, ist dann in Westeuropa und auch in den USA nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufgegriffen worden. So entstand die Vorstellung, dass an die Stelle der Armeen die Organisation von gewaltfreiem Widerstand als Mittel der Verteidigungspolitik treten könnte. Das wurde zusammengefasst unter dem Stichwort "Soziale Verteidigung", weil es da nicht mehr darum ging, Grenzlinien und Territorien zu verteidigen, sondern soziale Strukturen und Menschenrechte.

Darüber gibt es einige Literatur und es gibt auch eine Dachorganisation, den Bund für Soziale Verteidigung, in dem sich Friedensorganisationen, welche dieses Verteidigungskonzept befürworten, zusammengeschlossen haben. Die Soziale Verteidigung demokratischer Errungenschaften war für etwa ein Jahrzehnt auch das offizielle sicherheitspolitische Konzept der Grünen. Meines Erachtens waren die Grünen als Partei sich jedoch nicht darüber im Klaren, welcher Anstrengungen es bedurft hätte, um bei einer Regierungsbeteiligung an diesem Konzept festzuhalten und es Zug um Zug zu realisieren. Ich fürchte, dass es der Linken nicht besser ergehen würde, wenn sie sich auf der Bundesebene unvorbereitet auf eine rot-rot-grüne Koalition einlassen würde.

Ich habe für die Grünen Wahlkampf gemacht und habe dann zusammen mit Petra Kelly und Roland Vogt ein international besetztes Hearing der Bundestagsfraktion der Grünen zur Sozialen Verteidigung organisiert.Th. Ebert (Hg.): Das Verteidigungskonzept der Grünen: Soziale Verteidigung. Dokumentation des Hearings der Fraktion der Grünen im Bundestag am 16.6.1984. In: Gewaltfreie Aktion. Vierteljahreshefte für Frieden und Gerechtigkeit, Heft 75/76, 1988. Das war zukunftsweisend, aber dann mussten wir Friedensforscher beobachten, dass die Partei sich der Herausforderung nicht gewachsen zeigte, ihr alternatives Verteidigungskonzept und das Einüben in der Tagespolitik verdrängte und sich dann in der Regierungsverantwortung als unfähig erwies, das parteipolitische Programm, gewaltfreie Politik zu betreiben, auch zu realisieren. Sowohl die Fundis wie auch die Realos haben die Schwierigkeiten gewaltfreier Politik unterschätzt und es versäumt, sich auf die Übernahme der Verantwortung vorzubereiten.

Auch Gandhi hatte 1948 keine Shanti Sena, mit der er die Teilung Indiens in Pakistan und Indien und das damit einher gehende Abmetzeln von Moslems und Hindus hätte verhindern können. Er hat es geahnt und im Unabhängigkeitskampf auf die Zusammenarbeit von Hindus und Moslems großen Wert gelegt. Doch was er tat, hat nicht gereicht. Der lange Marsch war nicht lang genug; es gab nicht genug Widerstandskader. Er konnte zuletzt nur noch Schlimmeres verhindern und er hat mit seinem Leben für diesen Einsatz bezahlt.

Andererseits ist es wichtig, auch die Erfolge gewaltfreier Aufstände zu sehen. Und man darf dann nicht sagen: Es kommt zu früh; wir müssen die gewaltfreie Aktion noch besser üben. Noch ein paar Jahre Widerstand und dann haben wir das Netzwerk der gewaltfreien Aktionsgruppen im ganzen Land. Wenn es zu einem gewaltfreien Aufstand kommt, dann muss man politisch zugreifen und die Errungenschaften vorläufig - mit gewaltfreien Mitteln - sichern. Wir hatten gerade den Bund für Soziale Verteidigung gegründet, da kam es in der DDR zum gewaltfreien Aufstand. Da mussten wir Deutschen zugreifen. Und ich war so glücklich, dass den Deutschen 1989/90 eine gewaltfreie Revolution weitgehend gelungen ist und dass niemand liquidiert und in einen Landwehrkanal geworfen wurde. Das war ein großer Moment in der deutschen Geschichte - und das ist nur gelungen, weil sich der Volkswille zur Demokratisierung mit dem festen Vorsatz "keine Gewalt" verbunden hat.

Doch die Wende war eben nicht identisch mit einer gewaltfreien Revolution im Sinne Gandhis, dessen politisches Ziel Sarvodaya, die Wohlfahrt für alle, war und nicht die globale Ausdehnung des Kapitalismus. Doch diese Globalisierung des Kapitalismus war nach 1990 die neue Rahmenbedingung unter welcher der lange Marsch fortgesetzt werden musste.

Was bei den gewaltfreien Aufständen gelernt wurde, war auch nicht für die Katz. Nach 1989 wurden Erfahrungen gesammelt mit der Verteidigung von demokratischen Prozessen durch gewaltlosen Widerstand - vor allem bei der Bildung der baltischen Republiken und bei der Abwehr eines Staatsstreichs in der UdSSR im Jahre 1991.

Die Graswurzeln gewaltfreier Aufstände

Die Geschichte der gewaltfreien Aktion kennt Erfolge und Niederlagen. Heute sind die gewaltfreien Alternative-Konzepte in Ansätzen vorhanden, aber sie müssen operationalisiert werden. Eine wichtige Form der Weiterentwicklung war das Konzept des Zivilen Friedensdienstes.Theodor Ebert: Ziviler Friedensdienst - Alternative zum Militär. Grundausbildung im gewaltfreien Handeln, Münster 1997, 332 S. (Download unter www.lebenshaus-alb.de). Bei diesem Konzept ging es um das Instrumentarium gewaltfreier Politik in der Innen- und Außenpolitik. Bei dem Entwurf des Zivilen Friedensdienstes war an viel mehr gedacht als die sehr kleine Einsatzgruppe, die heute unter der Obhut und Kontrolle des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit agiert. In der Regel können nur wenige Personen in Krisengebiete entsandt werden, um die Einheimischen - auf deren Wunsch - bei der gewaltfreien Demokratisierung zu unterstützen.

Viele Einsätze, die einem Zivilen Friedensdienst, auch im gegenwärtigen Rahmen möglich wären, bleiben ungenutzt. Am Anfang der Arabellion in Ägypten arbeiteten Muslime und Kopten zusammen und diese Kooperation hätte zugunsten des demokratischen Prozesses ausgebaut werden können. Muslimbrüder und koptische Gemeinde hatten soziale Programme, die hätten unterstützt werden können. Was wäre an den Universitäten nicht alles möglich gewesen?! Aber der deutschen Politik fehlten Konzepte und Instrumentarien. Warum umfasst der Zivile Friedensdienst heute nur ein paar hundert Personen, aber die Bundeswehr fast 200.000 Berufssoldaten. Gib der Bundesrepublik einen Zivilen Friedensdienst mit hunderttausend Frauen und Männern, die im gewaltfreien Handeln ausgebildet sind, und sie werden der Welt zeigen, dass wir Deutschen solidarisch handeln können!

Gandhi hat zwar mit Recht gesagt: Die Aufständischen müssen den Aufstand selbst machen und die Errungenschaften selbst stabilisieren, aber helfen darf und kann man mit gewaltfreien Mitteln schon, wenn man darum gebeten wird. Doch diese Instrumentarien muss man sich schaffen, statt das Geld für häufig völlig nutzlose Waffen und Soldaten zu verpulvern.

Gene Sharp hat sein gewaltfreies Aufstandskonzept in Broschürenform ins Internet gestellt. Aber das reichte nicht. Für den nachhaltigen Erfolg gewaltfreier Aufstände bedarf es eines Netzwerks von gewaltfreien Aktionsgruppen in fast allen Gliederungen der Gesellschaft. Dieses Vernetzen braucht seine Zeit. Die amerikanischen Theoretiker der gewaltfreien Aufstände haben dies bezeichnet als grass root revolution. Es bedarf vieler kleiner Gruppen vor Ort, welche die konstruktive Aufbauarbeit übernehmen. Dieses Vernetzen ist unauffällig, aber so entstehen Strukturen, die in ihrem Zusammenhalt nicht davon abhängen, dass viele Menschen auf einem zentralen Platz zusammen kommen und etwas fordern, das dann erfüllt wird oder auch nicht. Sie handeln vor Ort. Das geht manchmal langsam, aber es bricht auch nicht so schnell zusammen. "Solidarnosc" war in Polen durch einen Staatsstreich und das Einsperren führender Funktionäre nicht einfach tot zu kriegen. Die gewerkschaftlichen und die kirchlichen Gruppen arbeiteten weiter und wie die Stehaufmännchen waren sie wieder da, als die Zeit dann reif war.

Die Bedeutung der konstruktiven Aktion und der Distanzierung von terroristischen Anschlägen

Gandhi hat immer wieder betont: Ein gewaltfreier Aufstand besteht aus zweierlei: aus Widerstandshandlungen und aus konstruktiven Handlungen. Demonstrativer Widerstand lässt sich leichter unterdrücken als konstruktives Handeln. Auch wenn die Militärs sich in Ägypten jetzt wieder durchsetzen und ein General Sissi zum Präsidenten gewählt wird, konstruktives, demokratisches Handeln wird an den Universitäten weiterhin möglich sein. Kopten und Muslime können zusammenarbeiten. Das können und wollen die Militärs gar nicht bekämpfen. Und wenn dies funktioniert, dann wird es eine sanfte Revolution, wahrscheinlich unter Nutzung der neuen Verfassung geben. Ich kenne diese Verfassung nicht im Detail, aber ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass sie Handlungsspielräume für konstruktive Aktionen bietet. Man kann nur hoffen, dass die ehemaligen Aufständischen keine Gegengewalt anwenden. Polizisten zu ermorden, ist enorm schädlich. Von solchen Methoden müssen die gewaltfreien Aufständischen sich ganz klar distanzieren. Es hat in Indien auch vergleichbare Anschläge gegeben. Einige dieser Attentäter waren populär, aber Gandhi hat sich ohne Wenn und Aber von ihnen distanziert.

Wenn ich mir als Westberliner rückblickend diese Bemerkung erlauben darf: Es hat bei der Außerparlamentarischen Opposition viel zu lange gedauert, bis sie sich von der Roten Armee Fraktion mit aller Deutlichkeit distanziert, Gesicht gezeigt und gesagt hat: Diese Stadtguerilleros schaden unseren Anliegen. Gandhi hat gegenüber den Terroristen Tacheles geredet. Da darf man nicht aus taktischen Gründen herumeiern. Da muss man sagen: Keine Gewalt. Punkt.

Weil es mit den gewaltfreien Aktionen manchmal langsam voran geht und alles verloren scheint und die Betreiber von Vorhaben, die einem extrem missfallen, durchzumarschieren scheinen und es vielleicht auch tatsächlich tun, ist die Versuchung groß, aus Frust auch gewaltsame Aktionen zuzulassen, zumindest für sie Verständnis zu zeigen. Nein, das darf man nicht. Wenn man Gewalt zulässt und die Täter deckt, verändert dies die Organisationsstruktur des Widerstands. Da gerät man in die Konspiration, vermutet überall Verräter usw. Gewaltsame Aktionen ruinieren die Widerstandsaktionen. Das klingt jetzt sehr dogmatisch - und tatsächlich hat Gandhi es auf einen dogmatischen Glaubenssatz gebracht. Nicht der Zweck heiligt die Mittel, sondern die Mittel formen die Ziele. Umgekehrt: Die gewaltsamen Mittel deformieren die edelsten Ziele.

Schauen Sie sich den Verlauf der Französischen Revolution und der Revolution in Russland an! Das kann man nicht alles auf die Konterrevolution schieben oder auf einzelne Typen wie Robbespierre und Stalin. Gewaltsame Methoden fördern undemokratische Strukturen. Wenn Rosa Luxemburg sagt: "Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden", dann muss man im Blick auf gewaltsame Organisationen eben leider sagen, dass diejenigen, welche meinen, ohne Gewalt ginge es nicht, schon sehr bald meinen, dass sie sich den Luxus der freien Meinungsäußerungen der Andersdenkenden nicht länger leisten können. Diese partielle Stalinisierung wäre auch Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht nicht erspart geblieben, wenn die bewaffneten Kämpfe 1918 noch länger angehalten hätten. Sie wurden ermordet, bevor sie sich schmutzige Hände machen konnten. Als Kenneth Kaunda, der spätere Ministerpräsident von Sambia, im März 1963 gefragt wurde, warum er sich den algerischen Befreiungskrieg nicht zum Vorbild nehme, erklärte er: "Wenn wir gewaltsam kämpfen würden und in ein oder zwei Jahren das durchsetzten, was wir wünschten, so hätten wir den Samen des Zweifels in unser Land gesät. Diejenigen, welche nicht mit uns übereinstimmten, hätten ein Vorbild politischen Verhaltens. Sie würden versuchen, einen Umsturz zu organisieren… Die Geschichte zeigt zu mehreren Malen, dass die Methode die einer anwendet, um ein Ziel zu erreichen, oft genau die Methode ist, mit der andere Leute versuchen, ihm die Macht zu entreißen. Dies führt zur Unsicherheit im Lande, was wiederum von Kapitalinvestitionen in einem solchen Land abschreckt, und das alles führt zu Schwierigkeiten über Schwierigkeiten und zu nichts anderem."K. Kaunda: The Threat of Violence in Africa (Interview). In: Peace News, London, 5.4.1963.

Am Anfang des Umkippens gewaltloser Aufstände in bewaffnete oder gar terroristische steht gewöhnlich nicht der Auftritt von Schlägern und Steinewerfern, sondern die Diffamierung von Andersdenkenden und das Verbreiten von Falschmeldungen. Das habe ich auch in der Studentenbewegung von 1968 und später mehrfach erlebt. Als ich mich am 3. Mai 1989 klar und deutlich gegen die Gewaltanwendung im Rahmen der sogenannten revolutionären Ersten-Mai-Demonstrationen in einer besonderen Vorlesung aussprach,Vom Umgang mit aggressiven Gewalttätern. Stellungnahme zu den gewaltsamen Ausschreitungen während und nach der sogenannten revolutionären Maidemonstration in Kreuzberg am 1. Mai 1989 im Rahmen der Vorlesung "Widerstandsrecht und ziviler Ungehorsam" am 3. Mai 1989. In: Gewaltfreie Aktion, 80/81, 1989, S. 7-17. prangte in großen Lettern im Treppenhaus des Otto-Suhr-Instituts der Wandspruch:

Barschel, Schleyer, Strauß
Ebert such dir was aus!

Das war dann der Beitrag einiger meiner Zuhörer zum akademischen Gedankenaustausch. Nachwuchsstalinisten gibt es überall; die sterben nicht aus. Das sind häufig Menschen, die angesichts des vielfältigen Unrechts ihre Erfolglosigkeit im Widerstand nicht ertragen können. Mein Kollege Johannes Agnoli sagte dazu dann manchmal: Es fehle diesen Empörten an revolutionärer Geduld. Geduld ist allerdings sehr schwer aufzubringen, wenn die andere Seite laufend schwere Verbrechen begeht. Mit schweren Verbrechen der Herrschenden wird dann immer wieder die angeblich beschützende Gegengewalt gerechtfertigt. Auf englisch: responsibility to protect. Da geht es dann angeblich - und das ist der Extremfall - um das Verhindern von Völkermord. Damit hat Joschka Fischer den Krieg gegen Serbien gerechtfertigt.

Auch Gandhi kannte dieses Argumentationsmuster bereits. Er sah die Gefahr, dass man mit militärischen Mitteln Hitler nicht nur überwinden, sondern letzten Endes überhitlern würde. Er sah sich durch die Bombardements von Großstädten und insbesondere durch den Einsatz von Atomwaffen gegen Hiroshima und dann auch noch gegen Nagasaki in dieser Einschätzung bestätigt. Was dann nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und nach dem Sieg über Hitler im Kalten Krieg im Rahmen der Abschreckungsstrategie vorbereitet und manövermäßig eingeübt wurde, war der helle Wahnsinn.

Am Anfang der studentischen Rebellion in Deutschland stand 1962 das Nato-Manöver Fallex 62. Der "Spiegel" berichtete im Oktober 1962: "Nach wenigen Tagen waren erhebliche Teile Englands und der Bundesrepublik zerstört. In beiden Ländern rechnete man mit 10 bis 15 Millionen Toten. Das Sanitätswesen brach als erstes zusammen. Es fehlte an Ärzten, an Hilfslazaretten und Medikamenten. Die Luftschutzmaßnahmen erwiesen sich als vollkommen unzureichend. Die Lenkung des Flüchtlingsstroms war undurchführbar."

Auf diese Titelgeschichte reagierte die Regierung mit der Inhaftierung der Spiegelredakteure wegen Landesverrats. Die parlamentarische Opposition zögerte zunächst. Doch dann gingen viele Bürger, vor allem Studenten und Professoren auf die Straße und protestierten zugunsten Rudolf Augsteins und der Pressefreiheit. Die Regierung musste nachgeben. Das war der erste große Sieg der außerparlamentarischen Opposition in der Bundesrepublik.

Nicht alle haben daraus aber die Schlussfolgerung gezogen, dass wir uns auf künftige Widerstandsaktionen vorbereiten und insgesamt eine Alternative zur militärischen Sicherheitspolitik entwickeln sollten.

Doch diese Entwicklung will jetzt hier nicht nachzeichnen, sondern zu der Frage zurück kehren: Wie sieht idealtypisch ein gewaltfreier Aufstand gegen ein Unrechtsregime aus?

Die Lehre vom gewaltfreien Aufstand als Alternative zum Bürgerkrieg

Ich habe diesem Thema meine Dissertation gewidmet und sie ist unter dem Titel "Gewaltfreier Aufstand - Alternative zum Bürgerkrieg" in Deutschland - als Taschenbuch verbreitet - auch ziemlich viel gelesen worden, hauptsächlich von Kriegsdienstverweigerern, die sich auf ihre Prüfungsverhandlungen vorbereiteten. Wer sich dafür interessiert, kann sie antiquarisch im Internet - dank der hohen Auflage - leicht bestellen.

Ich kann den Inhalt dieses Buches hier nicht ausbreiten, doch ich sage ganz unbescheiden: Dieses Buch sollten Sie studieren. Ich behaupte: Das ist das Pendant zu Carl von Clausewitz "Vom Kriege". Letzteres haben Lenin und unglücklicherweise auch Nelson Mandela studiert. Petra Kelly hat das Taschenbuch "Gewaltfreier Aufstand" Erich Honecker überreicht und dieser hat es nach ihrer Auskunft höflich ins Regal gestellt. Die Stasi hat sich etwas eingehender damit beschäftigt und an der Universität Jena wurde sogar eine Dissertation über meine Arbeiten zur gewaltfreien Aktion geschrieben.Achim Lübbe: Zur Kritik der sozialpolitischen Theorie des Theodor Ebert, Halle (Saale), Juni 1976, maschinenschriftlich, 202 S. u. 96 S. Anmerkungen u. 46 S. Literaturverzeichnis. Ganz ordentlich recherchiert. Keine Plagiate, immer brav mit dem marxistisch-leninistischen Senf serviert. Auch an der Hochschule des Ministeriums für Staatssicherheit gab es als vertrauliche Verschlusssache eine 55-seitige "Studie zur Methode des gewaltfreien Widerstandes und deren Mißbrauch für subversive Ziele durch feindlich-negative Kräfte bei der Inspirierung und Organisierung politischer Untergrundtätigkeit". Die Stasi war wie immer fleißig. Doch was soll man machen, wenn diese Konterrevolutionäre beten und Kerzen anzünden und sich nicht zusammenrotten und schon gar nicht schießen? Dumm gelaufen.

Doch das lasse ich jetzt auch auf sich beruhen. Offiziell hat sich nach der Wende auch niemand für mein Buch interessiert. Die gängige Version war ja, dass die Standfestigkeit der NATO und die Bereitschaft zur Nachrüstung der friedlichen Revolution in der DDR den Boden bereitet hat. Von mir wollte niemand etwas wissen. Der einzige bedeutende Politiker, mit dem ich meine Vorstellungen von der gewaltfreien Aktion nicht nur auf Podien, sondern auch mal unter vier Augen besprechen konnte, war Gustav Heinemann, der mir von einer Indienreise dann sein Gastgeschenk, eine Gandhi-Ausgabe mitbrachte. Die hatte ich aber schon. Doch es hat mich schon gefreut, dass er sich zum Missvergnügen einiger Regierungsmenschen für die Friedensforschung eingesetzt und für deren Förderung gesorgt hat.

Was gehört zu einem Erfolg versprechenden gewaltfreien Aufstand?

Doch was sind nun die wesentlichen Erkenntnisse, die man aus einer systematischen Untersuchung gewaltfreier Aufstände ableiten kann?

Man muss erstens wissen, was los ist und das muss man dokumentieren und dann braucht man einen Plan für das, was zu ändern ist und man braucht Vorstellungen davon, wie das neue System nach den Änderungen funktionieren soll. Wenn man davon grobe Vorstellungen hat, muss man überlegen, wie man Druck ausüben kann, um diese Vorstellungen durchzusetzen und dann muss man überlegen, was man selbst sofort machen kann, um die eigene Mitarbeit dem Unrechtssystem zu entziehen.

Gandhi sprach im Blick auf Unrechtsregime immer wieder von "voluntary servitude", von freiwilliger Knechtschaft. Nicht alles muss man mitmachen, was ein Regime erwartet und vielleicht erzwingt.

Der Anpassungsdruck, den viele Unrechtsregime ausüben, ist erheblich. Die totalitären Regime haben ja sogar noch Begeisterung erzwungen. Doch wenn dies nicht funktioniert, spüren die Regime dies sehr wohl und es eröffnen sich Spielräume. Die sollte man nutzen und so kommt es zu Transformationen, ohne dass noch ein Riesenaufstand da ist. Doch dann kommt irgendwann schon mal der Zeitpunkt, dass sich der Nonkonformismus auch offen manifestiert - unter Umständen durch den Gebrauch von Symbolen, gegen die sich das Regime ohne Gesichtsverlust schwer wenden kann. Ein solcher Coup war der Gebrauch des Symbols "Schwerter zu Pflugscharen" durch die kirchliche Friedensbewegung. Als Abzeichen war es die Kopie eines Denkmals, das die Sowjetunion den Vereinten Nationen geschenkt hatte, putziger Weise mit einem Bibelzitat, ein Wort des Propheten Micha,Micha 4,1-4: "Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des Herrn Wort von Jerusalem. Er wird unter großen Völkern richten und viele Heiden zurechtweisen in fernen Ländern. Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Kein Volk wird gegen das andere das Schwert erheben, und sie werden fortan nicht mehr lernen, Krieg zu führen. Ein jeder wird unter seinem Weinstock und Feigenbaum wohnen, und niemand wird sie schrecken." nix Marx, nix Lenin. Die Führung der DDR hat das Tragen dieses Symbols dann verboten, aber der Vorgang war echt peinlich und er hat dem Florieren der kirchlichen Friedensdekaden - in kirchlichen Räumen - keinen Abbruch getan, und dann ist es auch noch zu einem gemeinsamen Olaf-Palme-Friedensmarsch der kirchlichen Jugend und der Staatsjugend gekommen. Das waren keine offenen gewaltfreien Widerstandsaktionen, aber es war neu und irgendwie selbstbestimmt.

Stellen Sie sich mal vor, es käme in Ägypten auch zu einem solchen Gedenk-Marsch von Kopten und Muslimen. Da gibt es in Ägypten bestimmt allseits Verehrte, deren man gedenken könnte. Was könnten die ägyptischen Militärs viel dagegen unternehmen? Doch es ist natürlich die Aufgabe der Ägypter, sich da etwas einfallen zu lassen. Das können wir uns nicht hier in Deutschland ausdenken. Grundsätzlich geht es darum, konstruktive Handlungen zu erfinden, die signalisieren, wie man sich die neue, demokratische, mit den Armen solidarische Gesellschaft vorstellt. Die Muslim-Brüder sind in Ägypten populär aufgrund einiger sozialer Einrichtungen, die den Armen zugute kommen. Warum sollen sie dabei nicht mit den Kopten zusammenarbeiten? Das könnte man doch testen. Ich konnte in Kairo selbst beobachten, wie sie Armen helfen und ich konnte nicht erkennen, dass man zu einer Gemeinde gehören musste, um unterstützt zu werden. Der barmherzige Samariter lässt grüßen.

Vom Finden und Erfinden gewaltfreier Aktionen

Man muss weg kommen von der Fixierung auf bestimmte Protestformen. Warum denn immer auf den Tahir-Platz? Da kann man sich doch auch etwas Neues einfallen lassen. Darum hat Gene Sharp in seiner Widerstandsbroschüre eine Liste von 198 Methoden der gewaltfreien Aktion zusammengestellt. Diese hat er in seinem dreibändigen Werk "The Politics of Nonviolent Action" detailliert beschrieben und mit historischen Beispielen belegt.

Die Liste ist sehr eindrucksvoll. Da lässt sich manches Passende finden. Doch man sollte nicht glauben, dass mit Sharps Liste das Arsenal erschöpft wäre. Jede gewaltfreie Bewegung erfindet neue Methoden.

Ich habe in einem Seminar über Bürgerinitiativen die Studenten gebeten, die Aktionsformen der Friedensbewegung zu untersuchen. Es geschah nicht ganz uneigennützig. Ich hatte meine Frau über Jahre damit genervt, dass ich den "Tagesspiegel", unsere Tageszeitung, nicht weggeworfen, sondern gestapelt hatte mit der Behauptung, daraus ließen sich sehr wertvolle Informationen über soziale Bewegungen gewinnen. Nun schleppte ich diese Bündel monatsweise mit ins Seminar und bat die Studenten um Auswertung. Es ging da vor allem um die Jahrgänge der Hochzeit der Friedensbewegung 1982 und 1983. Jeder Student bekam einen Monat und sollte ausschneiden, was er fand und auf eine Karteikarte kleben und die Methode kurz beschreiben. Da gab es viele originelle Varianten bekannter Methoden, z. B. von Fastenaktionen und Menschenketten und Mahnwachen, manches zusammengeführt in der Organisation von Friedenswochen. Es war eine bunte Vielfalt, und wir fanden so manche Aktion, die bei Sharp noch nicht vorgekommen war, wenn sich auch einige Muster wiederholten. Die Vielfalt und Originalität war weit größer als bei Aktionen, die sonst mit Waffengewalt oder Sprengstoff durchgeführt werden. Und ein großer Vorteil war: Die Ausrüstung zum Widerstand kostete wenig. Bei gewaltfreien Aktionen kann man in der Regel mit Bordmitteln alles selber machen.

Noch ein Vorteil: Das Besondere der gewaltfreien Aktionen ist, dass sie die Beteiligten in demokratisches Handeln einüben. Die Akteure sind keine Befehlsempfänger; sie lernen es im Team, doch selbständig zu agieren. Das ist das Geheimnis der Graswurzelrevolution. Man marschiert nicht in der Kolonne. Das war das Nazi-Ideal: Spaten geschultert und dann: "SA marschiert …". So funktioniert gewaltfreie Aktion überhaupt nicht. Von außen gesehen, ist dies ein buntes Gewimmel und nur von innen betrachtet gliedert sich dies in Netzwerke.

Das habe ich als Sozialwissenschaftler auch lernen müssen. Am Anfang habe ich mich für Massenpsychologie und Massenagitation interessiert - auch Rosa Luxemburg hat noch an die proletarische Masse geglaubt, auch wenn sie deren Untergliederungen nicht ignorierte. Bei mir hat es ein paar Semester gedauert, bis ich dann nach einigen Vorlesungen zur Psychologie begriff, dass Masse gar kein passender Begriff ist, sondern dass es um das Zusammenwirken von Gruppen - in möglichst großer Zahl - geht. Es gab Großdemonstrationen auch bei der Friedensbewegung, aber die kamen auch nur deswegen zusammen, weil sich an vielen Orten in der Bundesrepublik Fahrgemeinschaften bildeten und man dann als Gruppe nach Bonn fuhr. Und als man sich dann auf Sitzproteste vor Raketenstützpunkten wie in Mutlangen vorbereitete, organisierte man sich zu kleinen Bezugsgruppen (amerikanisch: affinity groups), die selten mehr als zwölf Personen umfassten, wobei immer die Frage war, wie man Familienangehörige mitzählte. Die Gruppen hatten lustige Namen, die so gar nicht bedrohlich klangen. Keine Hells Angels, sondern Gänseblümchen und Keimlinge. Lebenslaute nannten sich die Musiker, die sich zum Blockieren zusammenfanden. Das Entscheidende war immer, diese Gänseblümchen und Wegwarten einander Halt gaben und sich auch dann unterstützten, wenn es zu Festnahmen und zu Strafprozessen kam.

Der gewaltfreie Widerstand fordert eine andere Form von Bewegung als wir sie noch aus der Geschichte der Arbeiterbewegung vom Beginn des 20. Jahrhunderts kennen. Damals gab es zwar auch die Kameradschaften, die Genossen in den Betrieben, aber das Idealbild war - leider - auch bei den Arbeitern die marschierende Kolonne. Es fehlte der Geist von Woodstock oder der südstaatlichen Kirchengemeinden, wie dies in den Liedern von Pete Seeger und Joan Baez anklingt.

Probleme der Strategiebildung und der Führung

Diese Graswurzelstruktur gehört zur gewaltfreien Aktion, aber es geht auch hier nicht ohne Strategie, und diese ergibt sich nicht automatisch aus dem Gewimmel der Kleingruppen. Die Entwicklung der richtigen Strategie ist ein Riesenproblem, weil man so viel falsch machen kann. Gandhi hat mal gesagt, bei der gewaltfreien Aktion sei jeder sein eigener General. Das stimmt insofern, als niemandem etwas befohlen werden kann. Jeder kann immer selbst entscheiden, ob er sich an einer bestimmten Aktion beteiligt oder nicht. Doch manche Aktionen sind eben nur dann erfolgversprechend, wenn sich viele beteiligen. Und dann ist die Frage, wie trifft man die richtige Auswahl.

Da gibt es das Rezept "Großer Ratschlag". Man kommt zusammen und berät verschiedene Vorschläge. Häufig setzt sich dann im Konsens ein bestimmter Vorschlag durch, aber es kann passieren, dass nur die lauen Aktionen breite Zustimmung finden oder immer wieder dasselbe gemacht wird - mit immer geringer werdendem Erfolg. Jedes Jahr Ostermarsch - latsch, latsch. Jede Woche Montagsdemo gegen Stuttgart 21. Doch manchmal ist tatsächlich Ausdauer und Kontinuität das Erfolgsrezept. Die Bürgerinitiative Freie Heide blieb über ein Jahrzehnt bei ihren Protestwanderungen rund um das Bombodrom. Aber manchmal bedarf es auch der Innovation und man muss eine Aktionsform aufgeben, weil sie sich abgenutzt hat oder zu kostspielig wird. Über solchen Debatten zu den besten Aktionsmethoden können Bewegungen sich zerstreiten und spalten.

Für diese Probleme der Leitung gewaltfreier Kampagnen gibt es noch kein Rezept. Man müsste erst mal die verschiedenen Modelle der Leitung von Kampagnen untersuchen. Lebensgeschichtlich musste ich mich aus dem autoritären Denken und Handeln lösen. Ich habe zunächst bei gewaltfreien Kampagnen an charismatische Führer gedacht und sie gesucht. Davon bin ich aber in der Zeit der außerparlamentarischen Opposition abgekommen. Manche hofften vielleicht auf einen deutschen Gandhi oder Martin Luther King. Doch diese Fixierung auf eine Person ist nicht gut. Wenn sie sich zeigen, sollte man sie nicht demontieren, aber man sollte sie auch nicht auf den Schild heben. Wenn Führerpersönlichkeiten in Bürgerinitiativen auftauchen, werden sie häufig rasch überlastet, von der öffentlichen Aufmerksamkeit überfordert, brechen zusammen und verschwinden plötzlich völlig. Und Bewegungen sind anfällig, wenn es solche exponierten, schwer zu ersetzenden Personen gibt. Im schlimmsten Fall werden die charismatischen Führer ermordet, aber viel häufiger ist, dass diese öffentliche Aufmerksamkeit und die Erwartungen der Anhänger sie psychisch überanstrengen, ja fertig machen. Petra Kelly konnte die öffentliche Aufmerksamkeit nicht gut verarbeiten. Gute Freunde in ihrer nächsten Umgebung können davon ein trauriges Lied singen. Auch Gandhi musste Wege finden, sich diesem Druck der Öffentlichkeit zu entziehen, sei es durch Fasten oder Schweigen.

Das Modell charismatische Führung hat etwas für sich, ist aber auch hoch problematisch. Ich würde sagen: Lieber nicht. Man kann zwar unterscheiden zwischen Amtsgewalt und Autorität, potestas und auctoritas. Das habe ich bei Theodor Eschenburg gelernt. Und zur Autorität gehört nicht die Gewalt, sondern das Ansehen und die Überzeugungskraft. Doch bei Adorno und bei Horkheimer habe ich dann auch wieder gelernt, dass es die autoritäre Persönlichkeitsstruktur gibt und dass diese anfällig macht für die kritiklose Unterwerfung unter Typen vom Schlage Hitlers und Stalins. Darum gab es in der APO dann die Grundstimmung: Um Himmels willen keine Führer. Manche fühlten sich als Hüter der Bewegung, wenn sie alle, die Kompetenz zeigten, schleunigst demontierten und gegen blutige Anfänger austauschten. Hochqualifiziertes Personal ist in sozialen Bewegungen selten und man muss häufig froh sein, wenn sich qualifizierte Idealisten für die exponierten, gefährlichen Ehrenämter immer wieder zur Verfügung stellen. Die besten Leitungspersonen sind diejenigen, die um die Problematik der autoritären Charakterstruktur wissen und an sich arbeiten, keine Show abziehen und keinen Wert darauf legen, prominent zu werden, also Menschen, die nicht eitel und von bescheidenem Habitus sind und ihre Rolle in der Bewegung zu ironisieren vermögen. Gandhi hat der Mahatma-Kult ziemlich gestunken, aber er konnte sich infolge der unter den Indern weit verbreiteten autoritären Charakterstruktur vor diesen Verehrern und Verehrerinnen kaum retten. Ein Glück, dass Kasturbai, seine Frau, ihm immer wieder den Kopf gewaschen hat. Auch Nehru hat am Mahatma nicht hoch geguckt, sondern mit ihm gestritten.

Wirklich emanzipatorische, soziale Bewegungen sollten im Idealfall auch solch nicht-autoritäres Leitungspersonal hervorbringen. Die ideale gewaltfreie Leitfigur ist nicht prominent, sondern vor allem kompetent. Wer erinnert sich heute noch an Volkmar Deile, der als Vertreter von Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste von 1981-1984 die Geschicke der Friedensbewegung steuerte und später für ein Jahrzehnt als Generalsekretär von Amnesty International tätig war, bis er 2002 - hoffentlich - seelenruhig als Pfarrer in den Ruhestand trat.

Bei der Prominentenblockade in Mutlangen wurde alles im Konsens entschieden und die Prominenten haben - in Bezugsgruppen aufgenommen - sich diesem Willensbildungsprozess eingefügt. Böll und Grass und Lafontaine und auch Petra Kelly führten dort nicht das große Wort. Nach meiner Erinnerung war die leitende Figur Klaus Vack, der Geschäftsführer des Komitees für Grundrechte und Demokratie. Alles lief basisdemokratisch und im Konsens, aber Vack war eben doch so etwas wie der Oberkonsensler. Man könnte in gewaltfrei-ironischer Anlehnung an George Orwells "Farm der Tiere" im Blick auf Mutlangen sagen: Alle waren gleich, aber Klaus Vack war dann doch ein bisschen gleicher als die anderen; jedenfalls haben wir auf sein Wort gehört.

Gewaltfreie Bewegungen sind am stärksten, wenn sie eine Mehrzahl von kooperationsfähigen Führungspersonen aufweisen. Martin Luther King war der prominenteste Redner der Southern Christian Leadership Conference, aber eine Stärke dieser Bewegung lag auch darin, dass es auf der Führungsebene mehrere Freunde gab, die gut miteinander kooperierten und frank und frei ihre Meinungen austauschten. Neben Martin Luther King stand als verlässlicher, kritischer Freund Ralph Abernathy - wie ein Fels in der Brandung.

Ich kenne kein allgemeingültiges Modell für die Führung gewaltfreier Kampagnen. Es gibt dafür auch keine Führungsakademien. Basisgruppenerfahrung ist wichtiger als außerhalb der Bewegung erworbene Prominenz, wobei es dabei auch Ausnahmen gibt. In der Ukraine scheint mir im Moment der Boxweltmeister Vitali Klitschko, der auch Mitglied des Parlaments ist, seine Sache gut zu machen, wobei ich - ins Unreine gesprochen - als ehemaliger Amateurboxer meine, dass das Boxen als Sport und gewaltfreier Widerstand in der Politik sich durchaus vertragen. Ich habe beim Boxen gelernt, Schläge einzustecken, ohne k.o. zu gehen. Vernichtungswille ist bei mir im Ring nie aufgekommen. Als Sportler sind wir Boxer uns vor und nach den Kämpfen freundschaftlich begegnet. Das Getöse und die Sprüche Mohammed Alis würde ich eher den Public Relations von Boxagenturen als der Charakterisierung des Boxsports zurechnen.

Das Besondere der Leitung von Kampagnen ist allerdings, dass es sich in der Regel um keine Wahlämter handelt. Manchmal schon: Gandhi und King und auch Volkmar Deile hatten eine demokratische, innerverbandliche Legitimation, aber es war dann doch immer wieder die Koordination gleichberechtigter Gruppen im Gespräch, auf die es in den sozialen Bewegungen ankam. Was zählt ist der Auftritt als Redner oder die Einnahme einer gefährdeten Position in der ersten Reihe. Es ist bei der gewaltfreien Aktion dann doch noch die persönliche Tapferkeit, welche den Helden oder die Heldin ausmacht. Ich scheue auch nicht vor dem Wort Anführer (leader) zurück - trotz der Belastung dieses Wortes durch diesen unsäglichen Gröfaz Adolf Hitler und seinen schreihalsigen Adlatus Joseph Goebbels. Es bedarf bei gewaltfreien Kampagnen der Bereitschaft, beim Anführen Verantwortung zu übernehmen. Um solche riskanten Posten reißt man sich nicht, weil sie eben so gefährlich sind und mit Belohnungen nicht zu rechnen ist. Doch auch bei gewaltfreien Kampagnen muss man aufpassen, dass nicht Machos sich in den Vordergrund spielen. Es empfiehlt sich darum immer, Aktionsformen zu wählen, bei denen nicht der streetfighter, sondern Mann oder Frau mit Köpfchen gefragt sind.

Dann kommen für die Führung genau so gut Frauen wie Männer in Frage. In der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung war Rosa Parks eine solche Führungspersönlichkeit, die sich auf diese Rolle auch vorbereitet hat. Das war kein Zufall, dass sie in Montgomery diejenige war, die im Bus einem weißen Mann ihren Platz nicht frei machte, sondern sitzen blieb und sich festnehmen ließ. Und mir fallen als weitere führende Frauen ein, selbstverständlich Aung San Suu Kyi aus Myanmar, dann aber auch April Carter, die englische Atomwaffengegnerin der ersten Stunde, und Hildegard Goss-Mayr, die Reisesekretärin der International Fellowship of Reconciliation. Das sind keine Klitschkos und keine Kings. Diese Frauen machen das anders, sanft, sachkundig und einfach unwiderstehlich. Da gerate ich ins Staunen und bin richtig glücklich, wenn ich jemand wie April Carter oder Hildegard Goss-Mayr an meiner Seite weiß, was mir mehrfach vergönnt war.

Gibt es ein Fazit dieses einleitenden Vortrags, also gewissermaßen etwas fürs Stammbuch der Rosa-Luxemburg-Stiftung? Ich greife zu einem Satz meines akademischen Lehrers Ossip Kurt Flechtheim, einem Herausgeber der Werke Rosa Luxemburgs. Ich hatte nach einem optimistischen Satz im Werk Flechtheims gesucht und dann doch nur eine Mahnung gefunden. Doch sei’s drum:

"Die dauernde kritische Überprüfung jedweder Gewaltmittel und Gewaltpolitik ist daher das absolut unabdingbare Mindesterfordernis dafür, dass zumindest der Weg, der zu einer gewaltlosen oder gewaltarmen Gesellschaft der Zukunft führt, offen bleibt."O. K. Flechtheim: Die Politik der Gewalt und der "Gewaltlosigkeit" (1963). In: ders.: Vergangenheit im Zeugenstand der Zukunft, Berlin: Dietz Verlag, 1991, S. 212.

Vorsichtiger kann man es wohl kaum mehr formulieren, aber wie es nicht nur aus Professoren-, sondern im Volksmund heißt: "Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste."

Fußnoten

Veröffentlicht am

02. Februar 2014

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