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Ideengeber und engagierter Friedensaktivist: Ulli Thiel wird 70 Jahre alt

Von Michael Schmid (aus: Lebenshaus Schwäbische Alb, Rundbrief Nr. 79 vom Dezember 2013 Der gesamte Rundbrief Nr. 79 kann hier heruntergeladen werden: PDF-Datei , 824 KB.)

Wir brauchen sie, die Vorbilder, bei unserem gesellschaftspolitischen Engagement. Menschen, die bereit sind, gegen den Strom zu schwimmen, können uns immer wieder ermutigen. Für mich gehören dazu berühmt gewordene Menschen wie Mahatma Gandhi oder Martin Luther King, Helmut Gollwitzer oder Dorothee Sölle - um nur einige zu nennen. Es gibt auch Vorbilder, die kaum in den Blickpunkt der ganz großen Öffentlichkeit gerückt sind, wie Ulli Thiel aus Karlsruhe, der am 8. Dezember 70 Jahre alt wird.

Bevor ich ihn persönlich genauer kennenlernte, war ich schon mit berühmt gewordenen Ideen von ihm vertraut. So stammt das Motto "Frieden schaffen ohne Waffen" von ihm und ebenso die Idee für die Menschenkette am 22. Oktober 1983, die damals aus Protest gegen die geplante Stationierung neuer Atomraketen über 108 Kilometer von Stuttgart bis nach Neu-Ulm gebildet wurde.

Bei einer Aktionskonferenz in Ulm, an der 1.000 Menschen teilnahmen, wurde beraten, welche Aktionsform im Herbst 1983 in Süddeutschland stattfinden sollte. Die einen favorisierten eine traditionelle Großdemonstration in Stuttgart, die anderen wollten eine gewaltfreie Blockade-Aktion in Neu-Ulm machen, wo die neuen Atomraketen stationiert werden sollten. Diese beiden Gruppierungen blockierten sich gegenseitig. Am Ende des ersten Beratungstages standen wir vor einer Spaltung. In dieser völlig verfahrenen Situation brachte Ulli Thiel den Vorschlag einer neuen Aktionsform ein: eine Menschenkette zwischen Stuttgart und Neu-Ulm, durch welche die beiden bisher vorgeschlagenen Aktionen verbunden werden sollten. Vor Beginn der Kettenbildung sollte blockiert werden und nach der Menschenkette sollten Großkundgebungen in Stuttgart und Neu-Ulm stattfinden. Damit war ein Weg für eine gemeinsame Aktion gefunden, auch wenn manche Ulli mit seinem Kompromissvorschlag für einigermaßen verrückt hielten. Doch am Ende stand dann ein großer Erfolg, als die längste Kette, welche die Friedensbewegung jemals zustande brachte, nicht nur lückenlos gebildet werden konnte, sondern über weite Strecken gleich mehrfach. Aus den mindestens benötigten 100.000 Menschen für diese Aktion waren schließlich rund 400.000 geworden. Für dieses historische Ereignis kommt Ulli Thiel der größte Verdienst zu!

1978 bin ich Mitglied der Deutschen Friedensgesellschaft - Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK) geworden. Bald ist mir aufgefallen, dass es innerhalb dieser Organisation zum Teil scharfe Konflikte gab. Eine Konfliktlinie ergab sich zum Beispiel aus der Einschätzung der Militärpolitik der Warschauer-Pakt-Staaten. Radikal antimilitaristisch orientierte Mitglieder kamen selbstverständlich zu einer völlig anderen Einschätzung als Mitglieder, welche die Rüstung im Osten als notwendiges und friedenssicherndes Gegengewicht zur NATO ansahen. Als Ulli Thiel 1978 die Losung "Frieden schaffen ohne Waffen" erfand, entsprach das der vorherrschenden Überzeugung im baden-württembergischen Landesverband der DFG-VK, dass die bloße Abwesenheit von Krieg noch kein Friede ist. Stattdessen orientierte man sich am Begriff des "positiven Friedens" aus der Friedensforschung, nach dessen Vorstellung auch indirekte, strukturelle Gewalt in Form von Abhängigkeit, Unterdrückung und Ausbeutung überwunden werden soll. Frieden wird also verstanden als etwas prozesshaftes, etwas, das zu entwickeln ist. Dieser Friede lässt sich nur mit Mitteln entwickeln, die mit dem Ziel übereinstimmen. Frieden schaffen ist also nur ohne Waffen möglich. Nachdem Ulli Thiel diese Einsicht dann auf die griffige Losung "Frieden schaffen ohne Waffen" gebracht hatte, breitete sie sich sehr schnell aus und wurde von zahlreichen Organisationen aufgegriffen. Die ersten bundesweiten Friedenswochen im Herbst 1980 standen dann ebenfalls unter diesem Motto, das nun zentrale Bedeutung gewann. Ein Motto, das auch heute, 35 Jahre nach seiner Erfindung, aktuell wie eh und je ist.

Friedenspolitisch fühlte ich mich in der Ausrichtung der DFG-VK Baden-Württemberg ganz zu Hause. Und so fiel es mir auch nicht schwer, im Herbst 1983 als Abrüstungsreferent für den damaligen Landesvorstand der DFG-VK zu kandidieren. Aufgrund meiner Wahl lernte ich nun auch Ulli und Sonnhild Thiel und eine ganze Reihe weiterer engagierter Friedensmenschen persönlich kennen. Bis heute, also 30 Jahre später, gibt es zu meiner großen Freude immer noch eine freundschaftliche Verbundenheit im Engagement für eine gemeinsame Sache.

Die Übereinstimmung von Mitteln und Ziel ist für Ulli Thiel in Bezug auf den Frieden zwischen Nationen wichtig, ebenso aber auch im zwischenmenschlichen Umgang. Für mich verkörpert er in geradezu idealer Weise solche Umgangsformen, die von großer Wertschätzung anderer Menschen geprägt sind.

Dabei bekam er für sein friedenspolitisches Engagement nicht immer nur Anerkennung, sondern war durchaus Misstrauen und Angriffen ausgesetzt. Sowohl innerhalb der DFG-VK und der Friedensbewegung, als auch durch staatliche Organe. Wenn ich mich richtig erinnere, fanden zum Beispiel zwei Hausdurchsuchungen in der Thiel´schen Wohnung in Karlsruhe statt. Einmal wurde ein Ermittlungsverfahren wegen Anstiftung zu einer Straftat eröffnet und die Polizei fahndete nach Plakaten, die zur Wehrdienstverweigerung aufrufen.

Bis zum Schuljahresende 2007 war Ulli Thiel 40 Jahre lang leidenschaftlich engagierter Lehrer für hör- und sprachbehinderte Kinder und Jugendliche. Erst nach seiner Pensionierung hat er in einer Broschüre ausführlich publik gemacht und dokumentiert, wie sehr von Spitzenvertretern der Schulbehörden versucht worden ist, ihn aufgrund seines friedenspolitischen Engagements möglichst aus dem Schuldienst zu entfernen. Jedenfalls kann er sich wahrlich nicht über mangelnde Überwachung und Repression beschweren. Ich finde es beachtlich, wie er dies durchgehalten hat, ohne etwa sein Friedensengagement aus Angst oder gar aus Karrieregründen aufzugeben. Für mich persönlich sah ich diese Anpassungszwänge im staatlichen Schuldienst als zu groß an, als dass ich ihnen hätte widerstehen können oder wollen, so dass ich freiwillig diesem Beruf nach nur kurzer Zeit den Rücken kehrte.

Ein unvergessliches Ereignis war für mich eine dreiwöchige Studienreise durch die USA, unter dem Motto "Auf den Spuren von Martin Luther King". Der Ideengeber und Mitorganisator - natürlich! - Ulli Thiel. Unsere Reisegruppe umfasste insgesamt 16 Menschen - überwiegend Mitglieder der DFG-VK, des Versöhnungsbundes und des Martin-Luther-King-Zentrums in Werdau/Sachsen. Wir suchten viele Orte auf, an denen King gewirkt hatte, begegneten in diesen drei Wochen vielen Menschen, denen die Erinnerung an King ein großes Anliegen ist und die sich gewaltfrei für Frieden und Gerechtigkeit engagieren. Dank der Erlebnisse dieser Reise sowie einer intensiven Vor- und Nachbereitung, bin ich mit dem Leben von Martin Luther King vertrauter geworden als je zuvor.

Bedauerlich finde ich, dass Ulli Thiel nur wenige Texte geschrieben hat. Ein paar Artikel von ihm befinden sich in unserer Lebenshaus-Website.

Den vielen Anforderungen und Aufgaben, die Ulli und Sonnhild gemeinsam in den zurückliegenden Jahrzehnten bewältigt haben, lag die Entscheidung zugrunde, dass Sonnhild ihren Beruf als Sozialarbeiterin aufgab und auf eigene Erwerbstätigkeit verzichtete. Zunächst wegen der drei Kinder. Als diese größer waren, hatten Sonnhild und Ulli längst die Erfahrung gemacht, dass mit einem einfacheren Lebensstil auch ein Erwerbseinkommen ausreicht. Außerdem hatten sie erlebt, dass sich dadurch große Möglichkeiten auftaten, sich für gesellschaftliche und friedenspolitische Ziele zu engagieren, die ihnen wichtig waren.

Ich gratuliere Ulli Thiel herzlich zu seinem 70. Geburtstag und wünsche ihm insbesondere gute Gesundheit. Zu wissen, mich mit einem Menschen wie Ulli auf einem gemeinsamen Weg zu befinden, das tut einfach gut! Ich wünsche ihm, dass er sich noch viele weitere Jahre für Frieden und Gerechtigkeit engagieren kann.

Ulli Thiel, Jahrgang 1943, Pädagoge und Friedensarbeiter, lebt gemeinsam mit seiner Frau Sonnhild in Karlsruhe. Lehrer für hör- und sprachbehinderte Kinder und Jugendliche bis zum Schuljahresende 2007. Seit 1968 gemeinsam mit Sonnhild aktiv für die Deutsche Friedensgesellschaft-Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK) auf Gruppen-, Landes- und Bundesebene. Langjährige Mitarbeit außerdem in der Werkstatt für Gewaltfreie Aktion Baden, im Friedensbündnis Karlsruhe und im Beirat der Arbeitsstelle Frieden der Evangelischen Landeskirche Baden. Langjähriges Mitglied bei Lebenshaus Schwäbische Alb e.V.

Fußnoten

Veröffentlicht am

08. Dezember 2013

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