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USA: Ein Krieg zu viel

Am Nachlass des Irak-Konflikts trägt das Land bis heute. Sein globaler Machtanspruch hat sich bis auf Weiteres erledigt, auch der imperiale Schneid ging verloren

Von Konrad Ege

Was für ein grandioses Unternehmen: Den irakischen Herrscher Saddam Hussein ruck zuck absetzen, von Befreiten umjubelt werden, nicht willfährige Nationen im Nahen Osten und anderswo einschüchtern, die Welt neu ordnen. Doch es kam ganz anders, und Präsident Barack Obama hat davon offenbar gelernt. Obwohl er bei seiner ersten Rede zum Irak-Krieg Anfang 2009 im Militärlager Camp LeJeune in North Carolina die Intervention vom 20. März 2003 glattbügelte - die "Männer und Frauen der Streitkräfte der USA hatten über alle Erwartungen hinaus Erfolg".

Ein Jahrzehnt ist es her, seit die ganze Welt auf die Fernsehbildschirme blickte: Bagdad musste "Shock and Awe" ertragen - einen Angst-und-Entsetzen-Raketen-Angriff nach dem anderen. Die Operation Irakische Freiheit habe begonnen, verkündete der damalige Präsident George W. Bush. Die USA, Großbritannien und eine "Koalition der Willigen" zogen ohne UN-Mandat mit rund 170.000 Soldaten in den Krieg. Die Invasion begann am 20. März 2003, fast auf den Tag genau 30 Jahre nach dem Abzug der letzten US-Kampftruppen aus Vietnam. Amerika könne stolz sein, einen "Frieden mit Ehre" erreicht zu haben, so US-Präsident Richard Nixon 1973.

Wie viele Menschen direkt durch die Irak-Invasion umgekommen sind, weiß man bis heute nicht. Hunderttausende wohl. Das Center for International Studies beim Massachusetts Institute of Technology in Cambridge schätzt, es habe "150.000 bis 400.000 Opfer von Gewalt" gegeben. Allein die 391.832 SigActs-Berichte der US-Armee von 2004 bis 2009, veröffentlicht durch die Internetplattform WikiLeaks, dokumentieren etwa 100.000 Todesfälle bei significant actions mit US-Militärs.

Ein großes Experiment

Im Gegensatz zu Vietnam verzichtete das US-Verteidigungsministerium im Irak auf den Body-Count. Präsident Bush soll weiter fest davon überzeugt sein, die Geschichte werde einmal wohlwollend auf den Krieg zurückblicken. Angeblich malt Bush viel im Ruhestand. Hunde seien ein Lieblingsmotiv. "Wir sind ein friedliches Volk, aber wir sind kein zerbrechliches Volk", verkündete Bush zwei Tage vor den ersten Bomben auf Bagdad. "Und wir lassen uns nicht von Gangstern und Mördern einschüchtern". Der Irak besitze Massenvernichtungswaffen, und "wir entscheiden uns, dieser Bedrohung jetzt zu begegnen, ehe sie plötzlich an unserem Himmel auftauchen kann." Das passte zum Ton damals: "An unserem Himmel" waren am 11. September 2001 Passagierflugzeuge aufgetaucht und in das World Trade Center wie das Pentagon gecrasht. Präemptiv handeln und unilateral, das war zum Credo der Bush-Regierung geworden.

Zu Beginn lief das Unternehmen bestens, obwohl Saddam Hussein erst im Dezember 2003 in einem Erdloch nahe der Stadt Tikrit aufgespürt wurde. Bagdad fiel am 9. April 2003, Anfang Mai erklärte Bush die "großen Kampf-Operationen" für beendet. In den Hauptstädten der Staaten, die sich wie Russland, Frankreich und Deutschland der "Koalition der Willigen" verweigert hatten, fürchtete man plötzlich, nicht auf das richtige Pferd gesetzt zu haben.

Irak war ein großes Experiment. Natürlich ging es um die Ölvorräte. Im Nahen Osten geht es um Öl, seit dort im frühen 20. Jahrhundert riesige Vorräte entdeckt wurden. Schon 1945 schloss Präsident Roosevelt auf dem Nachhauseweg von der Jalta-Konferenz einen "strategischen Pakt" mit dem saudischen König. Jimmy Carter legte 1980 unter dem Eindruck der Revolution im Iran in der nach ihm benannten Doktrin fest, die USA würden wenn nötig militärische Macht nutzen, um "ihre nationalen Interessen in der Region des Persischen Golfs zu verteidigen".

Doch Bush, Vizepräsident Dick Cheney, Paul Wolfowitz, die Nr. 2 im Verteidigungsministerium, und ihre Gesinnungsgenossen in hohen Ämtern - die "Neocons" - wollten mehr. Die USA hätten nach dem Zerfall der Sowjetunion keinen globalen Rivalen mehr. Sie müssten ihre vorteilhafte Stellung "so weit wie möglich in die Zukunft hinein ausbauen", hieß es im neokonservativen Manifest Rebuilding America’s Defenses Ende 2000. Im Persisch-Arabischen Golf brauche man eine "beträchtliche amerikanische Macht". Bushs Mannschaft betonte, es gehe um Demokratie, Freiheit und Menschenrechte - angesichts der Repression im Irak Saddam Husseins ein Argument, das auch bei Kriegsskeptikern auf fruchtbaren Boden fiel.

Armada von Drohnen

Andrew Bacevich ist Historiker an der Boston University, aber auch Vietnamkriegs-Veteran und Vater des 2007 im irakischen Balad gefallenen Leutnants Andrew Bacevich. Er schreibt in der März-Ausgabe des Magazins Harper’s zum Thema militärische Macht und Empire: Den Planern nehme er das Bekenntnis zu Demokratie und Freiheit sogar ab. Doch sei es im Irak letztendlich darum gegangen, die amerikanische Macht zu entfesseln. Saddam Husseins Niedergang sollte ein Lehrstück sein, um vorzuführen, "was wir tun können, und was wir tun werden". Chuck Hagel, ebenfalls einst in Vietnam stationiert, sieht es ähnlich. Hagel war im März vor zehn Jahren republikanischer Senator - seit einigen Wochen ist er Verteidigungsminister. 2008 schrieb er: "Es war ein Triumph der neokonservativen Ideologie - und es waren die Arroganz und Inkompetenz der Regierung Bush, die Amerika in diesen gewählten Krieg geführt haben".

Was nach den glorreichen ersten Monaten des Feldzugs passierte, ist hinreichend bekannt. Nach dem Sieg in Bagdad begannen die Aufstände gegen die Besatzer. Gesandte der US-Regierung führten sich auf wie koloniale Statthalter. Im Irak herrschten jahrelang - wie es im Mediensprech hieß - bürgerkriegsähnliche Zustände: Folterungen im Gefängnis Abu Ghuraib, Konfrontationen zwischen ethnischen und religiösen Gruppen, schwere Gefechte in Falludscha, Mosul und anderswo, Infiltration von Al-Qaida-Filialen und internationalen Dschihadisten. Die Bad Guys wurden bekämpft von den Hit-Teams der Army, etwa der Task Force 714 unter General Stanley McChrystal. Im August 2004 habe diese Einheit 18 "Überfälle" (raids) pro Monat durchgeführt, zwei Jahre später habe man 300 Mal im Monat zugeschlagen, so McChrystal kürzlich in einem Interview mit Foreign Affairs. Mit der implantierten Demokratie wurde es nichts, über viereinhalbtausend US-Soldaten starben im Irak, gut 32.000 wurden verwundet.

Inzwischen haben die USA auch im Irak "Frieden mit Ehre" erreicht, obschon dieser Begriff in Verruf geraten ist. Die Neuordnung in Nahost ist nicht unbedingt zugunsten Amerikas ausgefallen. Auch in Afghanistan gehen die großen Pläne nicht auf. In Syrien hält man sich eher zurück. Die "Arabellion" hat US-freundliche Machtstrukturen aufgeweicht. Obamas neuer Außenminister John Kerry bemerkte bei seinem Nominierungshearing im Senat, "mehr als jemals zuvor ist Außenpolitik Wirtschaftspolitik". Was wohl auch heißt, dass die USA "ihr Öl" im Nahen Osten weniger brauchen. Man arbeitet hart an der Energieunabhängigkeit. Bushs "präemptiver Krieg" lebt jedoch weiter, wenn auch in abgewandelter Form. Potenzielle Feinde sind einer Armada von Drohnen ausgeliefert.

Quelle: der FREITAG vom 04.04.2013. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Konrad Ege und des Verlags.

Veröffentlicht am

04. April 2013

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