Lebenshaus Schwäbische Alb - Gemeinschaft für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie e.V.

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Vom Leben auf der Schwäbischen Alb und von weltweiter Zusammenarbeit

Interview mit Julia Kramer (Erstveröffentlichung in: Lebenshaus Schwäbische Alb, Rundbrief Nr. 74 vom Sept. 2012 )

Julia, wir haben Dich in unserem letzten Rundbrief als welterfahrende Frau vorgestellt und unseren Leserinnen und Lesern eine Antwort auf die Frage zugesagt, warum Du Dich ausgerechnet für ein Leben hier auf der Schwäbischen Alb entschieden hast. Kannst Du hierzu etwas sagen? Und wie kommst Du mit dem Übergang von der Großstadt Stuttgart in die Kleinstadt Gammertingen zurecht?

Mein Umzug auf die Alb ist ein Weg "back to the roots". Ich bin am Albtrauf (im "Konsumdorf" Metzingen) aufgewachsen, war jeden Herbst als Kind mit mehreren Familien auf der Alb und als Gärtnerin habe ich einen starken Bezug zur Landschaft und Flora meiner "Heimat" und manchmal auch zum Dialekt, dem ruppigen Humor und dem Understatement der Schwaben. So ist es nur logisch, dass ich bei all meinen Auslandsaufenthalten als Ausgleich auch Zeit hier verbringen möchte. Ich mag zwar auch die Großstadt mit ihren (Sub-)Kulturen sehr, finde aber auch immer spannend, was in der "Peripherie" passiert und wie sich der Blick ändert, wenn mehr Natur zwischen dem Menschgemachten um einen ist. Besonders liebe ich die Wacholderheiden auf der Alb.

Ich arbeite sehr viel über das Internet mit Personen und Organisationen überall auf der Welt zusammen und halte so auch Kontakt zu Freundinnen und Freunden in verschiedenen Kontinenten. So gerne ich also Besuch habe und reise, so gerne bin ich auch zeitweilig abgeschieden und lasse Dinge reifen.

Du lebst nun fast drei Monate hier im Lebenshaus. Kannst Du etwas zu Deinen ersten Erfahrungen sagen?

Ich bin sehr gerne hier und freu mich sehr über diese Möglichkeit. Daher gilt mein Dank allen, die das Lebenshaus bis hierher gebracht haben!

Die Alltagsgestaltung ist zwar schon ein bisschen eingespielt, aber regelmäßiger Austausch und ein laufender Reflexionsprozess ist da wichtig, zumal ich nun mal oft "Unregelmäßigkeiten" habe, wie irgendwelche Notfälle (Menschenrechtsverletzungen, etc.), Reisen etc.. Gemeinsame Arbeit im Garten (Kräuterspirale anlegen mit einem Gast) und joggen gehören dazu, genauso wie die gemeinsame Reflektion über die verschiedenen Arbeitsgebiete und friedenspolitische Exkursionen, z.B. zum ehemaligen Atomwaffenstandort bei Engstingen und zur Kundgebung gegen Waffenproduktion am Bodensee bei MTU in Friedrichshafen. Ich freue mich auch, dass wir einen Raum eingerichtet haben, der dem Zur- Ruhe-kommen - und dem Musizieren - gewidmet ist. Dort übe ich inzwischen seit langem wieder Kontrabaß, für die Lebenslaute-Aktion bei Heckler & Koch im September.

Es war schon relativ viel los dadurch, dass eine Freundin aus dem Sudan zu Besuch war und diese dann eine Woche später im Sudan für sechs Wochen in Haft kam. Die dramatischen Entwicklungen im Sudan zu begleiten und gleichzeitig abzuschätzen, was nützlich und schädlich ist, hat uns allen einiges abverlangt. Aber es hat auch gezeigt, wie wir zusammenarbeiten können und stärker herauskristallisiert, was ich - u.a. im Rahmen des Lebenshauses - in der kommenden Zeit tun will: Solidaritätsarbeit zum Sudan.

Ich finde es eindrücklich, wie im Lebenshaus ein Platz geschaffen wird, in dem Freiheit und Verbindlichkeit Hand in Hand gehen, um Neues zu ermöglichen - das gilt sowohl für die Gäste im Erdgeschoss, als auch für mich, als neues Mitglied in der Kerngruppe. Die Idee, die Solidaritätsarbeit zum Sudan auf breitere Füße zu stellen, hätte ich sonst nicht realistisch weiterentwickeln können.

Du engagierst Dich ja schon lange für Frieden und Gerechtigkeit. Wie bist Du überhaupt dazu gekommen?

Keine Ahnung… Erzählungen zufolge habe ich mich schon als Kleinkind geweigert, meinen Sandkastenfreund zurückzuschlagen, weil ich ihm nicht wehtun wollte… Mit 10 habe ich mich geweigert, Fleisch zu essen, weil ich keine toten Tiere essen wollte. Außerdem wurde schon in meinem Elternhaus immer Konstantin Wecker gehört—-

Ich denke, ich hatte außerdem so einen typisch deutschen "Aufwachprozess", mit einer Phase der tiefen Auseinandersetzung mit der Nazi-Diktatur in der Pubertät. Dann kamen Begegnungen dazu, z.B. eine Klassenkameradin aus der griechischen Arbeiterbewegung, Asylbewerber im "Cafe International" in Metzingen, Mahnwachen gegen den Irak-Krieg, Begegnung mit der Musik und dem politischen Einsatz von Joan Baez… dann so langsam das eigene Engagement, z.B. Mitgründung eines AK Menschenrechte an der Schule usw. usw.

Wo, in welchen Aufgabenbereichen, hast Du Dich dann später engagiert?

Einige Beispiele von wichtigen Momenten bezüglich der Themengebiete des Lebenshauses:
Gerechtigkeit: Während meines Aufenthaltes in Indien 1996 besuchte ich u.a. die "Save Narmada" Bewegung. In dieser Bewegung kämpfen zumeist einfache Bauern und "Adivasi" gegen riesige Staudämme auf der Narmada in Zentralindien. Dies war sicherlich eines der eindrücklichsten Erlebnisse für mich, weil es so tiefe Fragen aufwarf: Die der Bedeutung von "Entwicklung" und den Profitierenden und Marginalisierten durch die aktuelle Definition von Entwicklung, aber auch die Frage der Indigenen Kulturen, die Frage der Nachhaltigkeit und Generationengerechtigkeit, Fragen nach Empowerment, gewaltfreier Bewegung, Gemeinschaft - und dem Mut, das eigene Leben in die Waagschale zu werfen. Nach meiner Rückkehr versuchte ich mich an ersten Flugblättern zu dem Thema, die die ganze Tiefe der Fragen repräsentieren sollten. Die Momente und Begegnungen im Dorf Kakrana an der Narmada und die damals erlebten Fragen, Qualitäten und Ideen sind für mich noch heute - teils als Hoffnung - präsent.

Frieden: Während einer Jugendaktionsreise zur Konferenz zum Atomwaffensperrvertrag bei der UNO, die ich im Rahmen meiner Arbeit mit der Friedenswerkstatt Mutlangen mitorganisierte, lernte ich Giorgio Alba aus Italien und Sophie Lefeez aus Frankreich kennen. Angesichts des Mangels an Kampagnen-Nachwuchs beschlossen wir, ein europäisches Jugendnetzwerk für die Abschaffung der Atomwaffen zu gründen. Im Herbst 2005 gründeten etwa 20 Jugendliche aus ganz Europa in Mailand "BANg" - Ban All Nukes generation, als ein loses Netzwerk. Inzwischen gibt es auch BANg Neuseeland, BANg USA, und ich habe auch von einem asiatischen Zweig in Planung gehört.

Ökologie: Während meiner Arbeit als Friedensfachkraft im Sudan begleitete ich die pan-afrikanische Friedenskarawane "Caravanamani" von Berlin nach Kigali auf ihrem Teilstück im Sudan. Die vier Teilnehmenden aus Uganda, Kenia, Ruanda und der Demokratischen Republik Kongo warben auf ihrer Reise um friedliche Adaption an den Klimawandel anstelle klimabedingter Kriege. In Khartoum machten wir gemeinsam mit der Sudan-Universität eine Theatervorführung zum Thema Ökologie und Klimawandel und eine Baumpflanzaktion im Sunt-Wald, einem Mangrovenwald am Weißen Nil, der von der Abholzung bedroht ist. Ein mit lokalen Partnerorganisationen durchgeführter Workshop mit Bauern und Viehzüchtern in Mundri im Südsudan zeigte mir deutlich auf, wie wichtig es wäre, ökologische Anbaumethoden in Kombination mit Konfliktprävention und Aufklärung über die sich dort ausbreitende Agroindustrie zu fördern - eine der vielen Ideen die ich bisher aus Zeitmangel noch nicht umsetzen konnte.

Du hast Dich ganz der Gewaltfreiheit verschrieben. Wie ist es dazu gekommen?

Ich finde zwar auch beim Thema Pazifismus Dogmatismus unsexy, aber mich überzeugen die gewaltsamen Wege einfach nicht und ich denke immer: "Vielleicht wurde das nur noch nicht kreativ und vehement genug gewaltfrei probiert!" Dabei finde ich die vielen Vorteile der Gewaltfreiheit bemerkenswert, z.B. im Allgemeinen weniger Todesopfer, mehr Transparenz, flache Hierarchien, tiefgreifendere Transformation und Empowerment der Betroffenen, weniger patriarchale Strukturen…

Als Du zu Jahresanfang zum ersten Mal zu uns ins Lebenshaus gekommen bist, war es Dir ein Anliegen, Deine zurückliegenden Erfahrungen aufzuarbeiten, um Raum zu schaffen für Neues. Du hast in unserem letzten Rundbrief dazu geschrieben, "dass in diesem Neuen die deutsche Realität wieder einen größeren Stellenwert einnehmen müsste, als die sudanesische, die mir nach wie vor so nahestand." Wie sieht das im Moment bei Dir aus?

In der Zwischenzeit bin ich sicher mehr angekommen in Deutschland, merke aber, dass die akute Situation im Sudan mir weiter ein starkes Anliegen ist - insbesondere, den unglaublich mutigen Menschen beizustehen, die unter schwierigsten Bedingungen und Opfern dort (und anderswo) gewaltfrei für Veränderung streiten. Diese Menschen, die ja organisiert sind und keine Einzelfälle, sind unglaublich inspirierend für mich. Der Sudan nimmt somit weiter einen großen Platz ein, aber gleichzeitig hat es auch an Bedeutung gewonnen, das Engagement zum Sudan hier in Deutschland zum Thema zu machen, also die Fragen: Was hat das, was dort passiert, mit uns zu tun, was gibt es hier an Initiativen und was fehlt bzw. was könnte nützlich sein, etc. So kommuniziere ich mehr mit Akteuren hier, aber arbeite auch mit Menschen in vielen anderen Ländern und Bewegungen zusammen.

Die Perspektive hat sich also ein Stück weit geändert: Von der direkten "unparteiischen" Beratungsarbeit als Friedensfachkraft vor Ort, hin zu solidarischer Begleitung der gewaltfreien Bewegung dort und der politischen Arbeit hier - und dabei ist das Lebenshaus eine gute Basis!

Die Fragen stellte Michael Schmid

Julia Kramer (36), aufgewachsen in Metzingen (Württemberg), hat eine Berufsausbildung zur Gärtnerin im Gemüsebau absolviert und ein Studium in Heidelberg und Bradford (UK) mit dem Abschluss Master of Arts in Conflict Resolution; zahlreiche Auslandsaufenthalte, u.a. von 2008 bis 2010 als Friedensfachkraft des Deutschen Entwicklungsdienstes im Sudan; seit Mai 2012 ist sie Mitglied der Kerngruppe im Lebenshaus in Gammertingen, wo sie u.a. als Referentin für Friedensfragen bei Lebenshaus Schwäbische Alb tätig ist.

Veröffentlicht am

06. Oktober 2012

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