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Tod und Public Relations

Von Robert C. Koehler

Der Killer stand in seinem vierten Einsatzturnus. Er ging von seinem Stützpunkt in ein Dorf, dann in ein weiteres, und ließ zurück den Irrsinn und geistigen Trümmerhaufen amerikanischer Außenpolitik. Dann ging er zurück in seinen Stützpunkt und stellte sich in aller Ruhe.

Seit Stunden starre ich auf diese Wörter:

"Dieser furchtbare Vorfall ändert nichts an unserer unerschütterlichen Entschlossenheit, die Menschen in Afghanistan zu beschützen und alles zu tun, was in unserer Macht steht, um ein starkes und stabiles Afghanistan aufzubauen." - Außenministerin Hillary Clinton

"Unsere Gedanken und Gebete sind mit den Familien und ihrer gesamten Gemeinde." - Stellvertretender amerikanischer Botschafter in Afghanistan James B. Cunningham

Die Wörter haben den Sinn, dieses PR-Desaster abzumildern, die Schreie der Überlebenden zu dämpfen.

"Und was an diesem Wochenende geschah, war absolut tragisch und herzzerreißend. Wenn man aber sieht, was hunderte und tausende unserer Soldaten unter gewaltigen Belastungen erreicht haben, muss man im Großen und Ganzen stolz sein." - Präsident Barack Obama

Aber alles, was sie bewirken ist eine Lawine von Schmutz, die sich von den höchsten Ebenen des amerikanischen Reichs ergießt. Die 24-7-Nachrichtenmedien berichten, dass die Dorfbewohner "aufgebracht" sind und "die bereits belastete Beziehung zwischen Washington und Kabul" "entzündet" worden ist. Und 16 Dorfbewohner im Bezirk Panjwayi in der Provinz Kandahar - neun von ihnen Kinder - sind in ihren Häusern totgeschossen worden, viele im Schlaf, ihre Tode gehen auf in den Tausenden, den Millionen von Afghanen und Irakern, die meist namenlos hingeschlachtet, vertrieben, ausgehungert und vergiftet worden sind in den elf Jahren des "Kriegs gegen den Terror," im Krieg gegen gesunden Verstand und Unschuld.

Diese 16 Morde stechen heraus, rufen schreiende Schlagzeilen hervor und uninteressierte, Beileidskarten-mäßige Entschuldigungen von höchster Stelle, weil sie begangen wurden von einem geistesgestörten Mann in einer Soldatenuniform, der ausschließlich aus eigenem Antrieb handelte. Sie waren sensationell: die Tat eines weiteren verrückten Einzelgängers. Das ist es, was Schlagzeilen macht.

Der Schrecken, den die meisten Menschen angesichts dieser Morde fühlen, ergibt sich jedoch nicht aus dem Einzelgängertum, sondern gerade aus dessen Gegenteil. Tief im Inneren nagt der Terror an uns: diese Morde sind nicht einfach das Ergebnis nationaler Politik. Sie sind nationale Politik, in ihrem ganzen grausamen, ausbeuterischen Irrsinn.

Das ist der Kaiser ohne Kleider.

Der Soldat, der die Dorfbewohner tötete, indem er seinen eigenen verzerrten Befehlen gehorchte, war Teil des menschlichen Trümmerhaufens des Reichs, dem er diente. Vor seinem Einsatz in Afghanistan im Dezember hatte er drei Einsätze im Irak mitgemacht, was fast sicher bedeutet, dass er PTSD (Kriegstrauma) hatte - Krebs der Seele und des Geistes - und dass dieser dabei war, ihn lebendig aufzufressen.

Sein Heimatstandort, Joint Base Lewis-McChord, in der Nähe von Tacoma im Bundesstaat Washington, wurde von Stars and Stripes, der unabhängigen Militärzeitung, zum problematischsten Standort des Militärs der Vereinigten Staaten von Amerika ernannt aufgrund seiner erschreckenden Selbsttötungsrate - über 20 in den letzten zwei Jahren - und wegen anderer verurteilter Killer, die dort stationiert waren, am berüchtigtsten die vier Mitglieder von "The Kill Team," die als Sport zufällig ausgewählte Afghanen jagten und töteten und Körperteile als Trophäen trugen. Diese wurden 2010 verurteilt.

Der vielsagendste Skandal dieses Standorts, über dem die leuchtendste rote Fahne des Schlusslichts weht, dreht sich jedoch um die umgestoßenen PTSD-Diagnosen. Laut Washington Post wurden seit 2007 rund 300 solcher Diagnosen unsachgemäß im Gesundheitszentrum der Basis zu leichteren Zuständen herabgestuft, was einen neuerlichen Einsatz dieser Soldaten erlaubte und das Militär von der Verantwortung für Behandlung und Langzeitbetreuung entband. Diese Situation verursachte einen derartigen Aufschrei, dass das medizinische Kommando der Armee im letzten Monat eine Untersuchung einleitete und der Leiter des medizinischen Zentrums vom Dienst suspendiert wurde. Ich vermute, dass das nur die Spitze des Eisbergs ist.

Amerikanische Geopolitik ist ein sich selbst perpetuierendes System, das menschlichem Leben den gleichen Wert beimisst wie lokalen und globalen Ökosystemen, nämlich gar keinen. Zynisch benützt sie die Männer und Frauen, die ihr militärisch dienen, und verwirft sie dann so leicht, wie sie Zivilisten in strategischen Bombenkampagnen zu Kollateralschäden macht.

Und PTSD ist eine nervtötende Belästigung für das militärische Oberkommando. Veteranen beschweren sich seit Jahren, dass sie keine geeignete Behandlung bekommen für ihre psychologischen und geistigen Verletzungen. In dem Dokumentarfilm On the Bridge, über den ich in der letzten Woche schrieb , sagte es der ex-Marinesoldat Ryan Endicott folgendermaßen:

"Du gehst zum Kaplan, der dir sagt, dass Jesus deine Seele retten wird, wenn du an ihn glaubst. Dann triffst du den Zauberer - den Bataillonspsychiater. Der gibt dir Pillen und schickt dich hinaus. Das ist alles. Ich hatte nie jemanden, mit dem ich sprechen konnte. Wenn ich zu sprechen versuchte, wurde mir gesagt, ich solle mehr Medikamente nehmen."

Die militärisch-industrielle Maschine, das Triebwerk des Reichs, ist der ultimative Erniedriger menschlichen Lebens. Sie speit Tod und Werbebotschaften fast im gleichen Tempo aus, und meistens geht der Tod auf in der PR und wird bedauerlich, sogar tragisch, aber immer notwendig, immer für das größere Gute.

Mittlerweile verbreitet sich PTSD, der Krebs der Seele und des Geistes. Das ist genauso amerikanische Politik wie die Okkupation von ressourcenreichen und strategisch nützlichen Ländern.

Robert Koehlers Artikel erscheinen auf seiner Website COMMONWONDERS.COM , HUFFINGTON POST und vielen weiteren Websites und Zeitungen.

Quelle: www.antikrieg.com vom 16.03.2012. Originalartikel: Death and Public Relations . Übersetzung: antikrieg.com.

Veröffentlicht am

17. März 2012

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