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“Die Zeit der Sorge”

Buchempfehlung: Christoph Fleischmanns Religionskritik des Kapitalismus

Von Peter Bürger

In einer Skizze von 1921 hat Walter Benjamin den Kapitalismus als reine Kultreligion ohne spezifische Dogmen betrachtet, deren permanenter Kult "vermutlich der erste Fall eines nicht entsühnenden, sondern verschuldenden Kultus" sei. Der Gott dieser Kultreligion - das Kapital - werde allerdings verheimlicht. In den letzten drei neoliberalen Jahrzehnten haben wir gesehen, dass die Religion des Kapitalismus durchaus Dogmen und Dogmenverkünder bzw. "Theologen" kennt. An die Stelle eines rationalen wirtschaftswissenschaftlichen Diskurses traten Glaubenssätze von ewiger Gültigkeit. Die kollektive Gehirnwäsche dieser gesamten Ära vernebelt weiterhin das klare Denken, obwohl das substanzlose, zerstörerische und menschenverachtende Wesen der Kultreligion des Kapitals mehr als offenkundig ist.

Religionskritik gehört zu den vordringlichsten Aufgaben einer guten Theologie, zumal einer Theologie, die sich der biblischen Entlarvung nichtiger, aufgeblähter Lügengötzen verpflichtet weiß. Für die Befreiungstheologie ist Kapitalismuskritik als Religionskritik zentral, und auch im interreligiösen DialogVgl. z.B. Ulrich Duchrow: Ökologische Gerechtigkeit statt Wachstumswirtschaft für die Reichen. In: Lebenshaus-Website, 15.5.2009. http://www.lebenshaus-alb.de/magazin/005745.html - Aus der Perspektive eines buddhistischen Wirtschaftswissenschaftlers: Karl-Heinz Brodbeck: Die Herrschaft des Geldes. Geschichte und Systematik. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2009. zeigen sich hier Perspektiven. Der Linkskatholik Carl Amery hat mit seinem Buch "Global Exit. Die Kirchen und der Totale Markt" (München 2002) den Neoliberalismus mit jenem Kaiserkult verglichen, dem sich die Christenheit der ersten drei Jahrhunderte verweigerte. Einen rundherum empfehlenswerten Essay zur Religionskritik des Kapitalismus hat nun der evangelische Theologe und Journalist Christoph Fleischmann unter dem Titel "Gewinn in alle Ewigkeit" vorgelegt.

Fleischmann erinnert an Walter Benjamin und Linien der Benjamin-Rezeption. In seinem eigenen Beitrag richtet er den Blick auf die "Geburt des modernen Zeitempfindens aus dem Geist der Kapitalinvestition", die Heiligsprechung der Habgier, die kapitalistische Metaphysik der Vorsehung und den ewigen Zwang zum Wachstum (bzw. zur Gewinnmaximierung).

Noch zu Dantes Zeit galt es als unerhört, Gewinn aus reinen Geldgeschäften zu ziehen. Nur die menschliche Arbeit im Verein mit der Natur kann wirkliche Werte schaffen (im "Kapital" meint Karl Marx, die kapitalistische Produktion untergrabe "die Springquellen alles Reichtums […]: die Erde und den Arbeiter"). Fleischmann zeigt, mit welchem Ernst in der mittelalterlichen Kirche am Zinsverbot festgehalten wurde (das Laterankonzil von 1139 untersagte z.B. das kirchliche Begräbnis für die als rundherum ehrlos geltenden Zinsnehmer). Der Scholastiker Thomas von Chobham konstatierte: "Der Wucherer leiht dem Schuldner nichts, was ihm gehört, sondern nur die Zeit, die Gott gehört." In einer Handschrift aus dem 13. Jahrhundert heißt es außerdem: "Die Wucherer sündigen gegen die Natur, indem sie aus Geld Geld erzeugen wollen, wie ein Pferd aus einem Pferd …" Nachdem die virtuelle Geldvermehrungsmaschine in unserer Zeit zur Höchstform angelaufen ist und alle Lebensbereiche unter ihre Herrschaft gebracht hat, könnten solche Quellenzitate heute vielleicht helfen, das Denken wieder in Gang setzen. Geld und Geld, das kann etwas grundlegend Verschiedenes sein.

Indessen zeigt Fleischmann, wie die Theologen an der Schwelle zur Neuzeit die eigene Tradition Schritt für Schritt preisgeben. Mit gewundenen Konstruktionen wird das kirchliche Lehrgebäude an den beginnenden Kapitalismus angepasst. Da kann man in der Tat nur sagen: Die ökonomische Basis bestimmt den religiösen Überbau (und bis in unsere Gegenwart hinein die Revisionen kirchlicher Sozialethiken). Auch die Reformatoren bleiben zwiespältig. Doch Luthers Ausführungen zum Götzen Mammon, die man durchaus - ohne individualistische Engführung - mit der Fetischlehre von Karl Marx zusammenlesen kann, sind deutlich. Calvin ist durchaus nicht der Kirchenlehrer des Kapitalismus, als der er nach Lektüre der historisch kaum haltbaren Ausführungen Max Webers vielen erscheinen mag (die Reformierten sind übrigens schon lange Vorreiter einer Religionskritik des Neoliberalismus).

Vielleicht am gelungensten ist das Kapitel über das neue Zeitempfinden der kapitalistischen Epoche. Das tendenziell unendliche Gewinnstreben will der Zeitlichkeit entkommen bzw. sich der Zeit bemächtigen. Es läuft gerade dadurch dem Tod unentwegt in die Arme. Das Zeitempfinden im Kapitalismus gebiert die Zeit der unaufhörlichen Sorge. Wir haben es, wie schon Walter Benjamin meinte, mit einem psychiatrischen Phänomen der ganzen Epoche zu tun.

"Gewinn in alle Ewigkeit": grenzenloser Profit und der Zwang zum unendlichen Wachstum sind konstitutiv für den Kapitalismus. Die Götter des Kapitals sind menschengemacht, aber sie versklaven uns nun. Die Gier hat System, sie ist keine individuelle Untugend. Sie raubt den nach uns kommenden Generationen Ressourcen, Lebenswelt und Zukunft. Wer bezahlt die lediglich durch Buchungen entstandenen Geldtitel, hinter denen förmlich nichts steckt? Die Verschuldungsspirale des Finanzkapitalismus nimmt die gesamte menschliche Zivilisation in Haft. Mit Reformen und mäßigenden Spielregeln ist dieses massenmörderische System nicht zu heilen. Die Systemfrage zu stellen, das ist eine Frage des Überlebens.

Der Deckeltext zu diesem Buch verspricht nicht zu viel. Fleischmann lässt uns an den Früchten seiner Lese- und Denkarbeit teilhaben. Sein Essay ist klug geschrieben und auch unterhaltsam. Die Fußnoten beschränken sich auf Quellenangaben. Hinzugefügt ist ein knapper, aber sehr instruktiver "Literaturreport" zu jedem Kapitel.

Christoph Fleischmann: Gewinn in alle Ewigkeit. Kapitalismus als Religion. Zürich: Rotpunktverlag 2010. ISBN 978-3-85869-416-4 [281 Seiten; 21,50 Euro]

Fußnoten

Veröffentlicht am

12. August 2010

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