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Im Dienste eines sinnlosen Krieges

Von Angelika Claußen

Seit fast neun Jahren kämpfen internationale Soldaten des Nato-Bündnisses in Afghanistan Seite an Seite mit afghanischen Warlords und korrupten Eliten. In der Bilanz dieses Krieges werden die Opfer der westlichen Soldaten akribisch gezählt, es sind mittlerweile 1937 tote Soldaten, davon 43 Bundeswehrsoldaten. Dem stehen seit 2001 geschätzte 10.172 bis 12.969 tote Zivilisten und Aufständische gegenüber.

Die Zahl der Selbstmordattentate auf Einrichtungen des Militärs, aber auch auf Hilfsorganisationen, steigt an, von sieben Selbstmordattentaten zwischen 2001 und 2005 auf 148 allein im Jahr 2009. Aber nicht nur die Zahl der Toten, auch die Zahl der Soldaten mit posttraumatischen Belastungsstörungen nimmt rasant zu, was auf die zunehmend hohe Intensität der Kampfhandlungen zurückzuführen ist.

Den Überblick über die traumatisierenden Folgen militärischer Kampfeinsätze zu behalten, ist auch für die Bundeswehr nicht leicht. Kursieren in verschiedenen Statistiken und Informationen der Bundeswehr doch sehr unterschiedliche Zahlen. So wurden in den Bundeswehrkrankenhäusern Koblenz, Hamburg, Berlin und Ulm in den letzten 10 Jahren circa 1.600 Soldaten und Soldatinnen mit posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) behandelt.

Der ehemalige Wehrbeauftragter Robbe erklärte im letzten Jahr anlässlich einer Bundestagsdebatte, dass sich die PTBS-Fälle im Jahr 2009 gegenüber 2008 fast verdoppelt hätten (2008: 245; 2009: 466; davon 90 Prozent aufgrund der Isaf-Einsätze). Die Bundeswehr ging bisher nach ihren eigenen Untersuchungen davon aus, dass ein Prozent der Soldaten traumatisiert sei. Experten nehmen jedoch an, dass die Dunkelziffer viel höher liegt. Sybille Dunker, Psychologin im Dienst der Bundeswehr, die selbst zwei Auslandseinsätze begleitet hat, wertete in ihrer Dissertation den Kölner Risikoindex (KRI-Bw) aus, ein Screening-Instrument zur Entscheidungshilfe für weitere Nachsorgemaßnahmen. Ihr Untersuchungsergebnis weist auf 1,9 bis 7,5 Prozent mögliche PTBS-Erkrankungen bei den Rückkehrern von Auslandseinsätzen hin.

Geht man wie der Militärpsychiater Oberstabsarzt Dr. Karl Heinz Biesold von einer Zahl von 20.000 deutschen Soldaten aus, die sich pro Jahr im "Einsatz" befinden, so würde die reale Zahl von traumatisierten Soldaten pro Jahr zwischen 380 und 1.500 liegen. Schon jetzt beklagt die Bundeswehr, dass nicht genügend Personal für die Behandlung der Soldaten zur Verfügung stehe. Von 38 Psychiaterstellen sind nur 22 besetzt.

Im Zentrum eines jeden Kriegs steht Töten und Sterben. Angehörige einer regulären Armee, einer Miliz oder Widerstandskämpfer stehen sich in einem unerbittlichen gegenseitigen Machtkampf auf Leben und Tod gegenüber. Sie sind Teil dieses Kriegs-Systems, aus dem es kein Entrinnen gibt - auch nicht für die zivile afghanische Bevölkerung, die kollektiv in Geiselhaft genommen wird.

Soldaten sind Täter und Opfer zugleich

Ohne dass sich heimkehrende traumatisierte Soldaten mit der eigenen Identität und ihrer Rolle als Täter auseinandersetzen, ist eine Heilung schwierig. Überlebensschuld und Schuldgefühle gegenüber den toten Kameraden und der betroffenen Zivilbevölkerung gehören zum System Krieg, werden in unserer gesellschaftlichen Kultur aber systematisch abgespalten. Soldaten sind Täter und Opfer zugleich. Ein Entrinnen aus diesem System gelingt nur über den Weg zum Frieden. Ein Weg, den die kriegsmüde Bevölkerung in Afghanistan ebenso wie unsere deutsche Bevölkerung seit langem ersehnt. Die Bürger und Bürgerinnen in Deutschland lehnen den Krieg in Afghanistan seit vielen Jahren mit einer Zweidrittel-Mehrheit ab. Sie wollen einen schnellen Rückzug der deutschen Soldaten.

Als Teil der deutschen Friedensbewegung fordert die IPPNW die deutsche Bundeskanzlerin und die Nato-Verbündeten zu einem radikalen Politikwechsel auf. Deutsche Friedensforschungsinstitute haben erst kürzlich erklärt, der Krieg in Afghanistan sei militärisch nicht zu gewinnen. Die Ankündigung eines sofortigen Waffenstillstandes, für den sich die afghanische Friedens-Dschirga und die IPPNW einsetzen, ist daher Voraussetzung für Friedensverhandlungen.

Auch die neue "Dorfschützer-Strategie" des US-amerikanischen General Petraeus, der örtliche Milizen im Kampf gegen die Taliban aufrüsten will, ist aus unserer Sicht zum Scheitern verurteilt. Sie wurde bereits in verschiedenen Ländern zur Aufstandsbekämpfung eingesetzt und zerstört auf blutige Weise halbwegs befriedete und gewachsene Dorfstrukturen. In vielen Ländern führte diese Strategie zur Binnenflucht der Dorfbevölkerung und zur fortschreitenden Entwurzelung. Dies war auch in Afghanistan der Fall, als die Sowjetarmee in den letzten Kriegsjahren Dorfmilizen aufstellte. Oder beim Krieg der türkischen Armee gegen die PKK, der zur gewaltsamen Entleerung von über 3.000 Dörfern und massiven Vertreibungen führte.

Für einen Krieg an der Seite von Warlords und Drogenbossen ist in der deutschen Gesellschaft kein Rückhalt zu gewinnen. Das gilt sowohl für die Politiker, die diesen Krieg weiterhin aktiv betreiben als auch für die Soldaten, die diesen Krieg ausführen müssen. "Im Dienst einer von der Bevölkerungsmehrheit abgelehnten Sache zu kämpfen, bedeutet allemal eine erhöhte psychosomatische Belastung", erklärt der deutsche Psychoanalytiker und IPPNW-Ehrenvorstandsmitglied Prof. Dr. Horst-Eberhard Richter. Deswegen sind Ärzte und Psychotherapeuten der ärztlichen Friedensbewegung verpflichtet, vor der Fortsetzung des Krieges in Afghanistan mit aller Entschiedenheit zu warnen.

Dr. med. Angelika Claußen ist niedergelassene Ärztin für Psychiatrie und Psychotherapie sowie Traumatherapeutin in Bielefeld und Vorsitzende der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW). www.ippnw.de

 

Quelle: Frankfurter Rundschau vom 19.07.2010. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Angelika Claußen.

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Veröffentlicht am

23. Juli 2010

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