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Howard Zinn: “Wir sollten das Spiel nicht verloren geben, bevor nicht alle Karten ausgespielt sind.”

Der amerikanische Historiker, Autor und soziale Aktivist Howard Zinn starb am 27. Januar 2010 im Alter von 87 Jahren. "Sein Licht wird auch in ferner Zukunft noch hell leuchten. Eine neue soziale und gerechte Welt wird Howard und den anderen, die so viel für uns taten, eine Menge zu verdanken haben", schreiben die Mitarbeiter von ZNet. Wir veröffentlichen einen Auszug aus Howard Zinns Buch "A Power Governments Cannot Suppress" ("Eine Kraft, die Regierungen nicht unterdrücken können"), das bei City Lights Books veröffentlicht wurde.

"Wir sollten das Spiel nicht verloren geben, bevor nicht alle Karten ausgespielt sind."

Von Howard Zinn, ZNet / AlterNet, 02.02.2010

Wie kann es ein Mensch in dieser Welt voller Kriege und Ungerechtigkeit schaffen, sich sozial zu engagieren, weiter zu streiten und gesund zu bleiben, ohne sich aufzureiben, aufzugeben oder zynisch zu werden?

Ich möchte euch davon überzeugen, dass die Welt zwar nicht sofort besser werden wird, aber dass wir das Spiel nicht verloren geben dürfen, bevor nicht alle Karten ausgespielt sind. Diese Metapher habe ich absichtlich gewählt, denn das Leben ist ein Glücksspiel. Wer nicht mitspielt, vergibt jede Chance, zu gewinnen. Nur wer mitspielt, erhält sich wenigstens die Möglichkeit, die Welt zu verändern.

Es gibt eine Tendenz, zu glauben, es gehe immer so weiter wie bisher. Wir vergessen, wie oft wir durch das plötzliche Zerbröckeln von Institutionen, durch außergewöhnliche Veränderungen im Denken der Menschen, durch unerwartete Aufstände gegen Tyrannen und durch den schnellen Zusammenbruch von Machtstrukturen, die unüberwindbar schienen, überrascht wurden.

An der Geschichte der letzten hundert Jahre überrascht doch vor allem ihre Unvorhersehbarkeit. Die Revolution, die in Russland, dem rückständigsten unter den damaligen halbfeudalen Imperien, den Zaren stürzte, schreckte nicht nur die fortschrittlicheren Imperien auf, sie überraschte auch Lenin selbst und ließ ihn (mit Unterstützung der Obersten Heeresleitung des deutschen Kaiserreichs 1917) im Zug nach St. Petersburg eilen. Wer hätte die bizarren Verschiebungen im Zweiten Weltkrieg vorhergesehen, den Pakt zwischen den Nazis und den Sowjets mit den peinlichen Fotos von Ribbentrop und Molotow, die sich die Hand schütteln, die deutsche Wehrmacht, die durch Russland rollt, unbesiegbar scheint, (der Roten Armee) riesige Verluste zufügt, aber dann vor den Toren Leningrads, am Westrand Moskaus und in den Straßen Stalingrads zurückgeworfen wird, ihre anschließende Niederlage und Hitler, der in seinem Bunker in Berlin auf den Tod wartet?

Und dann die Entwicklungen, die nach dem Zweiten Weltkrieg auf diesem Planeten eintraten und von niemandem vorauszusehen waren: die kommunistische Revolution in China, die stürmische und gewaltsame Kulturrevolution und dann der Schwenk, den China nach Mao vollzogen hat, indem es seine am leidenschaftlichsten verteidigten Ideen und Institutionen aufgab, dem Westen Avancen machte, sich den Kapitalisten an den Hals warf und alle Welt verwirrte.

Keiner sah den Zerfall der alten westlichen Kolonialreiche kommen, der sehr schnell nach dem Krieg einsetzte, oder die sonderbaren Entwicklungen in den Gesellschaften der Staaten, die gerade unabhängig geworden waren, vom dörflichen Sozialismus Nyereres in TansaniaSiehe http://de.wikipedia.org/wiki/Julius_Nyerere . bis zum Regime des Wahnsinnigen Idi Amin im angrenzenden UgandaSiehe http://de.wikipedia.org/wiki/Idi_Amin .. Auch Spanien versetzte uns in Erstaunen. Ich erinnere mich an einen Veteranen der Abraham-Lincoln-BrigadeSiehe http://de.wikipedia.org/wiki/Abraham-Lincoln-Brigade ., der sich nicht vorstellen konnte, dass der spanische Faschismus ohne einen weiteren blutigen Krieg gestürzt werden könnte. Aber nach Francos Tod entstand eine parlamentarische Demokratie, die offen für Sozialisten, Kommunisten, Anarchisten und jedermann war.

Aus dem Zweiten Weltkrieg gingen zwei Supermächte hervor, die ihren jeweiligen Einflussbereich kontrollierten und um die militärische und politische Macht wetteiferten. Aber auch sie waren noch nicht einmal im Stande, die Ereignisse in ihren eigenen Machtsphären unter Kontrolle zu halten. Das Scheitern der Sowjetunion in Afghanistan und ihre Entscheidung, sich nach einer blutigen Intervention, die fast ein Jahrzehnt dauerte, zurückzuziehen, war der schlagende Beweis dafür, dass sogar der Besitz von Atomwaffen keine Garantie für die Unterwerfung einer entschlossenen Bevölkerung bietet.

Auch die Vereinigten Staaten mussten sich der gleichen Realität stellen. Sie führten mit allen Mitteln Krieg in Indochina (in den Ländern Vietnam, Laos und Kambodscha), setzen diese Halbinsel dem brutalsten Bombardement der Weltgeschichte aus und wurden doch zum Rückzug gezwungen. Die Schlagzeilen berichten jeden Tag über andere Misserfolge der angeblich Mächtigen (bei der Unterdrückung) der angeblich Machtlosen, zum Beispiel in Bolivien und Brasilien, wo Basisbewegungen von Arbeitern und Armen neue Präsidenten gewählt haben, die entschlossen sind, die zerstörerische Macht der Konzerne zu zerschlagen.

Ein Blick auf diese Liste unerwarteter Überraschungen sollte uns zeigen, dass der Kampf um Gerechtigkeit niemals aufgegeben werden darf, nur weil die übermächtig Erscheinenden die Gewehre und das Geld haben und in ihrer Entschlossenheit, es dabei zu belassen, unbesiegbar erscheinen. Ihre zur Schau getragene Macht konnte immer wieder durch menschliche Qualitäten überwunden werden, die nicht so handfest wie Bomben und Dollars sind: durch moralische Stärke, Entschlossenheit, Einigkeit, Organisationstalent, Opferbereitschaft, Scharfsinn, Einfallsreichtum, Mut und Geduld - von der schwarzen Bevölkerung in Alabama und Südafrika, von den Bauern in El Salvador, Nicaragua und Vietnam oder von den Arbeitern und Intellektuellen in Polen, Ungarn und in der Sowjetunion. Kein kaltes Machtkalkül kann Menschen abschrecken, die überzeugt davon sind, dass ihre Sache gerecht ist.

Ich war oft versucht, mich vom Pessimismus meiner Freunde - und nicht nur meiner Freunde - wegen des Zustands der Welt anstecken zu lassen, aber ich begegne immer wieder Menschen, die mich trotz der nachweislich überall geschehenden schrecklichen Dinge hoffen lassen. Wohin auch immer ich gehe, finde ich solche Menschen, besonders junge Menschen, die unsere Zukunft in sich tragen. Und neben der Hand voll Aktivisten scheint es Hunderte, ja Tausende Menschen zu geben, die für unorthodoxe Ideen offen sind. Aber die Einzelnen scheinen von der Existenz der Anderen nichts zu wissen, und so mühen sie sich standhaft und mit der verzweifelten Geduld eines Sisyphus, den Felsblock immer wieder (allein) den Berg hinauf zu rollenSiehe http://de.wikipedia.org/wiki/Sisyphos .. Ich versuche allen zu sagen, dass sie nicht allein sind, und dass sie das Fehlen einer übergreifenden Bewegung nicht entmutigen soll, weil sie selbst der Beweis dafür sind, dass es das Potenzial für eine solche Bewegung gibt.

Revolutionäre Veränderungen treten nicht plötzlich wie Katastrophen ein - hoffentlich bleiben wir von solchen verschont - sondern als endlose Folge von Überraschungen, die im bewegten Zickzackkurs zu einer menschenwürdigeren Gesellschaft führen. Wir müssen keine großartigen Heldentaten vollbringen, um den Veränderungsprozess in Gang zu setzen. Kleine Akte (des Widerstands), denen sich Millionen Menschen anschließen, können in aller Ruhe zu einer Kraft anwachsen, die keine Regierung unterdrücken kann, die aber die Welt umgestalten wird.

Auch wenn wir nicht (sofort) "siegen", gibt es uns Freude und Erfüllung, uns mit anderen guten Menschen für ein lohnendes Ziel einzusetzen. Wir dürfen nur die Hoffnung nicht aufgeben. Ein Optimist muss nicht unbedingt ein unbekümmerter, leicht vertrottelter Mensch sein, der im Dunkel unserer Zeit vor sich hinpfeift (um sich Mut zu machen). Wer auch in schlimmen Zeiten die Hoffnung nicht aufgibt, ist kein romantischer Narr. Er kann sich darauf berufen, dass die menschliche Geschichte nicht nur eine Geschichte des Konkurrenzkampfes und der Grausamkeit ist, sondern auch die Geschichte der Leidenschaft, des Opfers, des Mutes und der Güte.

Die Entscheidung, die wir in dieser komplizierten Situation treffen, wird unser künftiges Leben bestimmen. Wenn wir nur die Schwierigkeiten sehen, wird das unsere Fähigkeit zur Gegenwehr zerstören. Wenn wir uns aber an die vielen historischen Begebenheiten und Orte erinnern, bei und an denen sich Menschen unerschrocken zur Wehr gesetzt haben, ermutigt uns das zum Handeln und eröffnet uns zumindest die Möglichkeit, diese taumelnde Welt in eine andere Bahn zu lenken. Wenn wir jetzt im Kleinen zu handeln beginnen, müssen wir nicht auf eine großartige utopische Zukunft warten. Die Zukunft ist eine unendliche Folge von gegenwärtigen Zuständen, und wenn wir trotz der schlimmen Zustände, die jetzt herrschen, schon so zu leben beginnen, wie Menschen unserer Meinung nach leben sollten, ist das schon ein wunderbarer Sieg.

Quelle: LUFTPOST vom 07.02.2010. Originalartikel:  "We Should Not Give Up the Game Before All the Cards Have Been Played" . Übersetzung: Wolfgang Jung.

Fußnoten

Veröffentlicht am

09. Februar 2010

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