Lebenshaus Schwäbische Alb - Gemeinschaft für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie e.V.

Ihre Spende ermöglicht unser Engagement

Spendenkonto:
Bank: GLS Bank eG
IBAN:
DE36 4306 0967 8023 3348 00
BIC: GENODEM1GLS
 

Vor 25 Jahren: Bilder von Mutlangen

Schriftssteller, Daimlertypen, ein Senator und ein General im Friedenscamp

Von Theodor Ebert

1983 konzentrierte sich der Widerstand der Friedensbewegung auf die bevorstehende Stationierung von Mittelstreckenraketen vom Typus Pershing II. Analysten der strategischen Lage wie Alfred Mechtersheimer betonten, dass diese so genannte "Nachrüstung" das Kriegsrisiko und die Gefährdung Europas erhöhe: Die neuen, von Deutschland aus abzufeuernden Raketen konnten russische Städte schneller treffen als die sowjetischen Raketen Ziele in den USA, und mit so kurzen Vorwarnzeiten, dass an rationales Abwägen nicht mehr zu denken sei; dies könnte die Sowjetunion im Krisenfalle zwingen, die Raketenstellungen in Westdeutschland durch einen Präventivschlag auszuschalten.

Um die Stationierung der Pershing II zu verhindern, riefen im Verein mit dem Komitee für Grundrechte und Demokratie viele Prominente für die Zeit vom 1.-3. September 1983 zu einer Sitzblockade der Raketenbasis Mutlangen - nahe Schwäbisch Gmünd - auf. Heinrich Böll, Günter Grass, Oskar Lafontaine und Erhard Eppler, Petra Kelly und Gert Bastian und gut hundert weitere prominente Bundesbürger, deren Lebensläufe im "Who is Who in Germany" zu finden waren, wollten im Verein mit 600 in "Bezugsgruppen" organisierten Friedensaktivisten gewaltfreien Sitzprotesten den Betrieb der Raketenbasis lahm legen. Um dies zu erreichen mussten alle Beteiligten zum Zivilen Ungehorsam bereit sein.

Ich habe meinen Freunden die Briefe vorgelesen, die Klaus Vack, Geschäftsführer des Komitees für Grundrechte und Demokratie, im Namen der Gruppe Friedens-Manifest verschickt hatte, um Bezugsgruppen und Prominente für die Blockade zu gewinnen. Die organisatorischen Fähigkeiten von Klaus und Hanne Vack hatte ich während zweier Jahrzehnte im Verband der Kriegsdienstverweigerer und im Ostermarsch der Atomwaffengegner kennengelernt: für mich sind sie die besten vorstellbaren Garanten für gewaltfreie Widerstandsqualität.

Es ist sechs Uhr. Wir treffen uns vor der Kindertagesstätte der Evangelischen Kirchengemeinde Alt-Tempelhof-Ost in Berlin. "Ich habe meiner Mutter einen Abschiedsbrief geschrieben", gesteht Anja Mücke. Und sie hat aus den Büchern kleine Stapel gebildet und ihrem Freund erklärt, welcher Freundin er welches Buch zurückgeben soll. Sie ist Erzieherin, erst 23 Jahre alt. Ich fühle mich mitverantwortlich, aber meine Sorge ist eine andere: Übertreiben wir nicht, wenn wir morgen früh, am 1. September, um 5.45 Uhr, genau zu dem Zeitpunkt, an dem Hitler vor 44 Jahren den Zweiten Weltkrieg anfing, mit der Blockade der Raketenbasis beginnen? Aber die Fotos von Bergen-Belsen hatten früh in meine Seele gekerbt, dass wir uns nie mehr direkt oder indirekt an Handlungen beteiligen dürfen, die ähnliche Folgen haben können. Dass nun im Namen der Verteidigung der Demokratie gewissermaßen "Massengräber auf Probe" ausgehoben wurden, ist für mich ein nicht mehr zu verdrängendes Signal. - Eine andere Frau in der Gruppe vor der Kindertagesstätte, Christel Engler, trumpft nie auf mit einer Analyse der politischen Lage. Auf der letzten Demo hat sie mit Hausfrauenlogik die Strategen durch den Kakao gezogen: "Keine neuen Raketen, bevor die alten nicht aufgebraucht sind", stand auf dem Plakat, das sie sich umgehängt hatte. Es wärmt mich, dass auch diese Frau im Alter meiner Mutter jetzt im Morgengrauen in Trenchcoat und Wollschal vor dem Gemeindehaus steht.

Am Nachmittag erreichen wir das 5000-Einwohnerstädtchen Mutlangen. Früher war es mal ein Dorf, jetzt ist es ein hochgelegener Vorort der im Tal befindlichen Kreisstadt Schwäbisch Gmünd. Ganz anders als Anja und auch wir anderen es erwarteten, ist die Lage hier weitgehend entspannt. Die Amerikaner und die Landesregierung von Baden-Württemberg scheinen sich verabredet zu haben, die große Konfrontation zu vermeiden. Aus amerikanischer Sicht besteht für die Zeitspanne der Prominentenblockade kein Zwang, die Zufahrt zur Basis zu benutzen. Die dort stationierten Kräfte lassen sich aus der Luft durch Hubschrauber versorgen. Die württembergische Polizei hält im Einvernehmen mit dem Ministerpräsidenten, dem späteren Bundespräsidenten Roman Herzog, offensichtlich die Versicherung der Demonstranten, sich gewaltfrei verhalten zu wollen, für zuverlässig. Das ist nicht selbstverständlich.

Nun kommt unter den Demonstranten eine Diskussion auf, ob man angesichts dieser Situation nicht einen Schritt weitergehen und nach dem Vorbild radikaler amerikanischer Pazifisten die etwa 3 m hohe Umzäunung der Basis niederreißen solle, um ein stärkeres Zeichen zu setzen und die eigene Opferbereitschaft deutlicher unter Beweis zu stellen. Meine Einschätzung: Für die Glaubwürdigkeit künftiger gewaltfreier Aktionen ist es wichtig, dass die Blockade der Tore zur Raketenbase wie angekündigt durchgeführt wird, egal ob es zur Konfrontation kommt oder nicht. Wenn wir das Planziel in disziplinierter Form erreichen, ist dies ein politischer Achtungserfolg. Darauf kann man aufbauen. Letzten Endes geht es darum, die Deutschen davon zu überzeugen, dass gewaltfreie Formationen eine Kraft darstellen, die sich von keiner Macht der Erde auf Dauer niederzwingen lässt, auch nicht von der NATO oder vom Warschauer Pakt. Und dies lässt sich mit einer Attacke auf die Zäune nicht beweisen. - Die Entscheidung fällt schließlich in diesem Sinne.

1. September 1983. Fast tausend Menschen sammeln sich ab 4.00 Uhr früh und ziehen schweigend durch das noch schlafende Mutlangen vor das Tor der Raketenbasis. Wir Berliner sehen die Anlage in der Morgendämmerung zum ersten Mal. Die Presse filmt und fotografiert, wie sich die Prominenz nicht direkt vor das Tor, sondern in einiger Entfernung davon auf die Zufahrtsstraße setzt und diese zeichenhaft blockiert. Es werden dazu keine Reden gehalten. Es gibt keine Lautsprecheranlage. Heinrich Böll - wegen seines Raucherbeins im Camping-Stuhl - ist der ruhende Pol in der Mitte und verleiht dem Protest Würde und Größe.

Am frühen Nachmittag stoßen endlich auch Prominente zu unserer Tempelhofer Bezugsgruppe. Der bekannteste ist Henning Scherf, der groß gewachsene Bremer Bildungssenator, der mit zwei leitenden Mitarbeitern der Senatskanzlei, wie er SPD-Mitglieder, etwas verspätet angereist ist. Von Künstlern und Professoren ist man einiges gewöhnt, aber dass ein Regierungsmitglied mit Rückhalt in seiner Landesregierung zivilen Ungehorsam leistet, ist ein starkes Stück. Würde man ihn wegen "verwerflicher, gewaltsamer Nötigung" vor Gericht stellen?

Unserer Tempelhofer Gruppe steht heute eine Nachtschicht am Raketendepot bevor. Damit wir nicht nur vor uns hindösen, versuche ich, eine Dichterlesung zu organisieren. Günter Grass hatte dies empfohlen. Ich frage Peter Härtling, ob er uns etwas vorlesen kann. Er sagt auch sofort zu. Doch der Regen prasselt so laut auf die Plane, unter der wir dicht gedrängt Zuflucht suchen, dass Härtling nicht lesen kann. Und ich hatte mich so darauf gefreut! Unter unserer Plane sitzt auch Gert Bastian, Bundestagsabgeordneter der Grünen. Als General ist er gewohnt, dass den Wachdienst die niederen Chargen besorgen. Und nun stößt er im Ruhestand zu dieser gleichmacherischen Friedensbewegung, in der - wie Gandhi sagt - jeder sein eigener General ist, verliebt sich in Petra Kelly und muss nun als Prominenter im Regen drei Stunden lang neben so einem Pazifix wie mir auf dem Boden sitzen und eine Regenplane nach oben halten. Ich finde dies komisch. Dabei blickte er mich ernst und freundlich an und trägt alles mit Fassung. Wir bemühen uns, das Regenwasser, das sich in Lachen auf der Plane sammelt, zum Rande hin abzuleiten. Noch auf dem nächtlichen Rückweg durch das schlafende Mutlangen begleitet uns der Regen.

In Schwäbisch Gmünd wird am Nachmittag die Bismarck-Kaserne, in welcher die amerikanischen Soldaten stationiert sind, "umzingelt". Die Demonstranten halten sich an den Händen und bilden eine Kette rings um die Kaserne. Blockiert wird nicht. Nähert sich ein Fahrzeug, so öffnet sich das Schloss der Kette - gebildet von meinem Kollegen am Otto Suhr-Institut der Freien Universität Berlin, Wolf-Dieter Narr, und Andreas Buro. Henning Scherf und meine Freunde aus der Tempelhofer Gruppe berichten mir nach ihrer Rückkehr, dass die amerikanischen Soldaten freundlich und interessiert reagiert hätten.

Während dessen hält unsere Gruppe wieder Wache vor der Raketenbasis, und als es bereits dämmrig wird, nähern sich unvermutet zwei große Transporthubschrauber. Wir wissen nicht, was wir davon halten sollen. Anja Mücke steht neben mir vor dem Zaun aus NATO-Draht und fängt an zu zittern. Die Hubschrauber landen hinter dem Tor. Etwa dreißig in Kampfanzüge gekleidete Polizisten springen heraus und laufen auf das Tor zu. Man könnte sagen, sie laufen im Gänsemarsch. Doch dies ist ein viel zu lustiges Wort für diesen martialischen Aufzug. Sie tragen gefleckte Kampfanzüge und halten in den Händen Schutzhelm und Schild. Anja ist schreckensbleich und zittert am ganzen Körper. Ich nehme ihre Hand. "Die bleiben hinter dem Zaun. Mit dreißig Mann machen sie keinen Ausfall. Die wollen nicht räumen. Das ist eine reguläre Wachablösung. Das martialische Herantraben gehört zur Ausbildung." Anja beruhigt sich wieder.

Eine Meldung aus Bitburg wird vorgelesen. Dort sind dreihundert Blockierer festgenommen und erkennungsdienstlich behandelt worden. Die Polizei ging sehr ruppig vor und setzte Wasserwerfer und Polizeihunde ein - ohne Maulkorb! Bull Connor aus Birmingham grüßt Rheinland-Pfalz. Wir erörtern mit der Gruppe "Richter für den Frieden", die mit uns vor dem Tor sitzt, diese Ungleichbehandlung identischer Verhaltensweisen hier in Mutlangen und dort in Bitburg. Selbstanzeigen werden erwogen.

Auf dem Rückweg nach Stuttgart, wo meine Familie wohnt, nimmt mich Horst Krautter mit, Geschäftsführer einer großen Firma und Vorsitzender der Evangelischen Akademikerschaft. Seine Tochter hatte ihm ihre Citroen-Ente angeboten, damit er mit seinem großen Mercedes bei den Peaceniks nicht unangenehm auffällt. Er hat das abgelehnt. "Die Mutlanger sollen sehen, dass hier auch Daimler-Typen mit von der Partie sind!"

Dieser Artikel basiert auf einem Mutlangen-Tagebuch von Theodor Ebert, das von Rainer Steinweg für das Buch: "Geschichten aus der Friedensbewegung" Geschichten aus der Friedensbewegung - Persönliches und Politisches. Von Andreas Buro gesammelt und herausgegeben für das Komitee für Grundrechte und Demokratie. Köln 2005, S. 97ff. bearbeitet und komprimiert worden ist. Die ausführliche Fassung des Mutlangen-Tagebuchs von Theodor Ebert kann hier als PDF-Datei heruntergeladen werden:

 

Anlässlich des 25. Jahrestages dieser "Prominentenblockade" haben wir begonnen, Artikel zum Thema "Mutlangen" in die Lebenshaus-Website einzustellen. Diese lassen sich finden unter dem Schlüsselbegriff

Wer etwas zu der jahrelangen Protest- und Widerstandsgeschichte in Mutlangen (oder anderen Stationierungsorten) beizutragen hat, z.B. Artikel, Erfahrungsberichte, Bilder, Dokumente, ist gerne eingeladen, mit uns Kontakt aufzunehmen (bitte unter info@lebenshaus-alb.de ).

 

Fußnoten

Veröffentlicht am

02. September 2008

Artikel ausdrucken

Weitere Artikel auf der Lebenshaus-WebSite zum Thema bzw. von