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“Gerade soziale Projekte benötigen zinsloses Geld für ihre notwendigen Investitionen”

Interview mit Ullrich Hahn zur Problematik von Stiftungen und Zinsen

aus: Rundbrief Nr. 50 vom September 2006, Lebenshaus Schwäbische Alb

Lebenshaus: In den letzten Jahren gab es einen Trend zur Gründung von zahlreichen Stiftungen von Organisationen etwa in der Friedens- und Umweltbewegung. Sie beabsichtigen zumeist damit, aus den Erträgen des angelegten Kapitals ihre eigene Arbeit zu finanzieren. Kann dagegen etwas eingewendet werden, wenn damit zum Beispiel Projekte zum Schutz der Natur und Umwelt gefördert werden oder die Stellen von Friedensarbeitern?

Ullrich Hahn: Gegen den guten Verwendungszweck der Erträge von gemeinnützigen Stiftungen ist sicher nichts einzuwenden. Problematisch ist aber der Weg, auf dem diese Gelder erwirtschaftet werden: Der Kapitalstock einer Stiftung darf nach den bestehenden Gesetzen nicht aufgebraucht, sondern muss erhalten werden. Dies hat die notwendige Konsequenz, dass dieser Kapitalstock zur Erfüllung des Stiftungszwecks Zinsen bzw. Rendite abwerfen muss.

Unabhängig von der Art der Geldanlagen, d.h. auch beim Anlegen so genannter "ethischer Kriterien", folgt aus dem Zwang zur Rendite der Zwang zum Wirtschaftswachstum, der sowohl die ökologischen Grundlagen unserer Erde zerstört als auch die globale Umverteilung des Volksvermögens von den erwerbstätigen Menschen zu den Kapitalbesitzern bewirkt, zu denen auch die Stiftungen zählen. Dieser Mechanismus führt gerade bei denjenigen Stiftungen, zu deren Zweck die Förderung von Frieden und Gerechtigkeit sowie die Bewahrung der Schöpfung gehören, zu einem unüberbrückbaren Widerspruch zwischen Weg und Ziel.

Lebenshaus: Worin besteht denn die grundsätzliche Problematik des Zinsnehmens bzw. der Rendite?

Ullrich Hahn: Zinseinnahmen sind leistungslose Einkünfte, die über das hinaus erarbeitet werden müssen, was ohnehin über den notwendigen Lebensbedarf der Erwerbstätigen und der von ihrer Arbeit abhängigen erwerbsunfähigen Menschen (Kinder, Alte, Kranke) sowie die notwendigen Investitionen erforderlich ist. Entgegen dem von den meisten Geldinstituten geförderten Mythos arbeitet nicht das Geld und erzeugt Zinsen, sondern es arbeiten Menschen, die diese Zinsen zusätzlich erwirtschaften müssen. Diese zusätzliche Last macht einen immer größeren Anteil des gesamten Volkseinkommens aus. Ein Spiegel hierfür sind die Haushalte von Bund, Länder und Gemeinden, die jährlich einen immer größeren Anteil der Einnahmen für Kapitalzinsen ausgeben müssen. Welche ökologischen Folgen dies hat, lässt sich am Beispiel mancher überschuldeter Länder der so genannten Dritten Welt plastisch zeigen; die Folgen für diejenigen Menschen, die nicht zu den Kapitalbesitzern gehören, erleben wir im Kontakt zu den sozial Schwachen in der eigenen Gesellschaft.

Lebenshaus: Als Lebenshaus Schwäbische Alb sind wir Mitglied in der GLS Treuhand. Dort wird die Möglichkeit angeboten, individuelle Stiftungsfonds und Stiftungen einzurichten. Die GLS Treuhand bemüht sich, bei der Anlage ökologische, soziale und kulturelle Gesichtspunkte zu berücksichtigen. Das Vermögen wird zusammen mit dem Vermögen anderer Stiftungsfonds angelegt bzw. investiert. Kann das eine sinnvolle Stiftungsform sein, da angelegtes Geld u.a. gemeinnützigen Projekten zugute kommt?

Ullrich Hahn: Den beschriebenen Folgen entgeht auch die anthroposophisch ausgerichtete GLS-Bank nicht. Diese Bank ist sicher vorbildlich in ihrer Bewusstseinsbildung für die Zinsproblematik, indem sie ihren Kunden zinslose Rücklagekonten anbietet und damit selbst wieder in der Lage ist, günstige Darlehen an gemeinnützige und ökologisch sinnvolle Projekte zu gewähren.

Daneben schließt aber auch die GLS-Bank ihre Kompromisse mit den "Kindern dieser Welt" und wirbt mit Zinsen auf Geldeinlagen und der Einrichtung von renditeträchtigen Stiftungen. Wie ich schon ausgeführt habe, wird deren Grundproblem nicht dadurch gelöst, dass bei den Geldanlagen "ökologische, soziale und kulturelle Gesichtspunkte" berücksichtigt werden.

Lebenshaus: Nun gibt es inzwischen einen großen Markt für "ethische" Geldanlagen. Kann mit solchen Investments gesellschaftlich oder ökologisch wirklich irgendetwas verändert werden oder ist das Konzept "Rendite ohne Reue" nicht oft reine Gewissensberuhigung?

Ullrich Hahn: Diesen Markt für "ethische" Geldanlagen halte ich tatsächlich für eine reine Gewissensberuhigung der Menschen, die Geld gegen Zinsen oder auch renditeträchtig zu einem guten Zweck anlegen wollen. Sie möchten dem "reichen Jüngling" die notwendige Trauer verderben.

Lebenshaus: Was ist GeldanlegerInnen zu empfehlen, die wirklich etwas verändern wollen mit ihrer Geldanlage?

Ullrich Hahn: Geldrücklagen sind nicht von vornherein unrecht. Wir benötigen sie als Kapitalbildung für private und betriebliche Investitionen, als Betriebsmittelrücklage für die Sicherung von Personalkosten usw. Die Frage ist in diesem Zusammenhang jedoch, wie wir mit diesen Rücklagen umgehen, ob solidarisch mit denjenigen, die nicht erst später, sondern schon jetzt Geld zur Investition benötigen, oder zur eigenen Geldvermehrung auf Kosten von Menschen, die uns meist unbekannt sind.

Lebenshaus: Unser Lebenshaus Schwäbische Alb, aber auch Euer Lebenshaus und Nudelhaus in Trossingen sind doch Projekte, die im Sinne von Rendite letztlich als nicht profitabel angesehen werden müssen. Gleichzeitig können wir es uns nur mit großen Problemen oder aber gar nicht leisten, dringenden Finanzbedarf so ohne weiteres durch Darlehen von Banken zu decken, für die wir dann Zinsen bezahlen müssen. Sind solche Projekte nicht gerade für Menschen besonders zu empfehlen, die mit ihrer Geldanlage wirklich etwas verändern wollen?

Ullrich Hahn: Das ist auch meine Überzeugung. Gerade soziale Projekte benötigen zinsloses Geld für ihre notwendigen Investitionen, insbesondere dann, wenn wir nicht auf dauerhafte Zuschüsse der öffentlichen Hand in Form von Pflegesätzen angewiesen sein wollen. Darlehen an Projekte dieser Art können die Darlehensgeber auch unmittelbar daran teilhaben lassen, wie gemeinschaftliches und gesellschaftliches Leben durch zinsloses Geld gefördert werden kann. Solche Erfahrungen kompensieren nach meinem Eindruck mehr als genug den "Verlust" der Verzinsung.

Lebenshaus: Verpufft die Unterstützung von kleinen Projekten wie unseren Lebenshäusern hinsichtlich einer gesellschaftsverändernden Perspektive nicht angesichts dessen, was in großem Stil gerade in eine ganz andere Richtung läuft? Welchen Nutzen können sich Menschen versprechen, die für solche "Alternativen im Kleinen" Geld einsetzen, sei es in Form von zinslosen Darlehen, Spenden, Erbschaften, Stiftungen?

Ullrich Hahn: Als kleine Minderheiten können wir nur begrenzt gegen die großen gesellschaftlichen Trends tätig werden. Eine sehr effektive Art, unserer Minderheitenmeinung Ausdruck zu geben, ist jedoch die Schaffung von sichtbaren Modellen, die unsere Anliegen viel anschaulicher erläutern können, als es Worte und Papiere tun. Die Geldgeber für solche Modelle nehmen unmittelbar Teil an einer Arbeit, die der "Stadt auf dem Berge" entspricht, die als Wegweisung für eine gerechte und auf Gewalt verzichtende Zukunft dienen soll.

Lebenshaus: Bei aller Kritik, die Du an Stiftungen hast: Du bist selber beteiligt an einer Stiftung "Neue Hoffnung" in Villingen-Schwenningen. Wie passt das zu Deiner kritischen Haltung?

Ullrich Hahn: Die Stiftung "Neue Hoffnung" ist im Besitz einiger Häuser, die unmittelbar für die preisgünstige Unterbringung von Flüchtlingsfamilien zur Verfügung stehen. In diesem Fall muss das Stiftungskapital keine Zinsen erwirtschaften, um damit einem guten Zweck zu dienen; das Kapital der Stiftung in Gestalt der Immobilien dient ohne den Umweg von Rendite unmittelbar seinem gewünschten Zweck. Im Vorstand der Stiftung müssen wir lediglich darauf achten, dass die erforderlichen Mieten den Erhalt der Häuser gewährleisten können; den sonst bei Renditeobjekten notwendigen Überschuss müssen wir gerade nicht erzielen, sondern können ihn in Form von Mietnachlässen unmittelbar an die betroffenen Menschen weitergeben.

Lebenshaus: Könnte es einen Sinn machen, eine eigene Stiftung für unser Lebenshaus-Gebäude einzurichten?

Ullrich Hahn: Nach dem Modell der gerade beschriebenen Stiftung "Neue Hoffnung" könnte auch eine Stiftung für das Lebenshausgebäude arbeiten. Menschen, die ihr Geld aus steuerlichen Gründen lieber in eine Stiftung statt als Spende an den gemeinnützigen Verein geben wollen, könnten damit das Gebäude finanzieren, welches dann - abgesehen von den notwendigen Erhaltungskosten - der Arbeit des Lebenshausvereins unmittelbar zugute käme.

Das Interview mit Ullrich Hahn wurde von Michael Schmid geführt.

Ullrich Hahn ist Rechtsanwalt in Villingen-Schwenningen und u.a. Vorsitzender des Internationalen Versöhnungsbundes - Deutscher Zweig und Vorsitzender des Lebenshauses in Trossingen.

Veröffentlicht am

21. September 2006

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