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Historische Finsternis

Paradigmenwechsel: Mit dem Angriff auf den Libanon wollte das israelische Militär eine offene Rechnung begleichen

Von Moshe Zuckermann

Es ist stets ein riskantes Unterfangen, etwas über einen Krieg sagen zu wollen, dessen Ausgang noch im Ungewissen liegt. Ein katastrophaler militärischer Unfall, ein politisch gravierender Missgriff - und schon geraten die Koordinaten sorgfältig vorbereiteter Planung und prognostizierter Abläufe mächtig ins Wanken. Und doch: Ob sich nun die israelische Armee gegen die Hisbollah im Sinne der ihr von der Regierung vorgegebenen Ziele, aber auch im Rahmen der ihr durch die Politik auferlegten Handlungs- und Zeitbeschränkungen durchsetzen wird oder nicht; ob die politischen Ziele, die sich die israelische Regierung selbst gesetzt hat, in der jetzigen internationalen Konstellation zu erreichen sein werden oder nicht; ob die Hisbollah einen Teilerfolg in ihrem guerillaartig geführten Kampf gegen das übermächtige israelische Heer wird verzeichnen können oder nicht - eines lässt sich jetzt schon mit Bestimmtheit behaupten: Wie immer sich der militärisch-politische Ausgang dieses Krieges künftig gestalten mag, sein Ausbruch lag, trotz gegenteiliger Beteuerungen, im engen Interesse all der an ihm direkt oder indirekt Beteiligten. Nicht dass die teilnehmenden Parteien von vornherein im Detail gewusst hätten, worauf sie sich bei diesem Krieg einließen, aber (von ihnen) gewollt war er allemal.

Die Hamas, deren Aufstieg zur Macht in der palästinensischen Autonomiebehörde Ariel Sharon als genuines Resultat seiner Macht- und Gewaltpolitik Arafat und der PLO gegenüber verbuchen darf, konnte genau wissen, dass die israelische Regierung sich (zunächst) auf keinerlei Verhandlungen über die Freilassung des von ihr entführten Soldaten einlassen würde. Sie ist aber darauf angewiesen, sich gegenüber der entmachteten, mit den neuen Machtverhältnissen sich indes schwer abfindenden PLO innerpalästinensisch zu profilieren. Die mit der Hamas verbandelte Hisbollah fungiert als verlängerter Polit- und Militärarm des die Organisation finanzierenden Irans und des sie aktionspolitisch kontrollierenden und anleitenden syrischen Staates. Im ethnisch wie religiös zersplitterten Libanon bildet sie einen Staat im Staat, dessen Raison d´être sich nicht zuletzt aus dem fundamentalistisch ideologisierten militärischen Kampf gegen Israel speist.

Der Iran hatte seinerseits ein deutliches Interesse an der Entfachung des Feuers an Israels Nordgrenze, weil dieses wie nichts anders zu garantieren vermochte, dass die Tagesordnung der G8-Konferenz, welche Iran mit einer zu erwartenden Resolution in der Nuklearfrage in arge politische Bedrängnis zu bringen drohte, durchs aktuell Vordringliche umgelenkt würde - eine Rechnung, die in der Tat aufging. Syrien, von den USA aus dem Libanon, den es nie aufgehört hatte als das historische “Südsyrien” anzusehen, herausgedrängt und in der arabischen Welt relativ isoliert, bewahrte in der sich abzeichnenden Krise eine Chance, sich wieder ins geopolitische Spiel im Nahen Osten einzubringen. Nicht ausgeschlossen, dass die USA, die Syrien als prominenten Protagonisten auf der “Achse des Bösen” apostrophieren, gerade auf dieses Land wird rekurrieren müssen, um einen Waffenstillstand zwischen Israel und der Hisbollah zu erzwingen, wenn es ihr geboten scheint. Vorerst erscheint er ihr aber nicht allzu dringlich. In den ersten zweieinhalb Wochen der Kampfhandlungen waren die USA durch nichts zu bewegen, einem von der UNO geforderten Waffenstillstand zuzustimmen, ehe Israel den “Job” der Bewältigung dessen, was der feinsinnige George W. Bush Tony Blair gegenüber lapidar als “shit” zu kennzeichnen geruhte, verrichtet hat. Die geopolitischen Machtinteressen des Welthegemons in der Region liegen dabei auf der Hand und bedürfen hier keiner ausführlicher Erörterung: Die im Zuge des bereits begonnenen Kampfes um die Energiequellen der Welt, seit dem 11. September 2001 vermeintlich “legitimierte”, ideologisch zudem als “Kampf gegen den Terror” verbrämte Politik der militärisch-politischen Dominierung Zentralasiens und der Golfregion hat als nächste Kandidaten Syrien und Iran im Visier. Israels Bezwingung der Hisbollah, mithin die Schwächung deren Schirmherren, würde da eine gewichtige geopolitische Vorarbeit leisten.

Und Israel? Was konnte Israel bewegen, sich auf eine Gewalteskalation einzulassen, die breite Teile der Bevölkerung im Norden des Landes über Wochen in Luftschutzbunker zwang beziehungsweise zu Flüchtlingen im eigenen Land hat werden lassen? Eine Gewalteskalation, die Tote unter Soldaten und Zivilisten gefordert und zahlreiche Verletzte gezeitigt hat, von der schweren ökonomischen Krise, in die ganze Wirtschaftszweige und unzählige Menschen dieser Landesregion gestürzt worden sind, mal ganz abgesehen? Die mit der Entführung der israelischen Soldaten durch die Hamas und die Hisbollah heraufbeschworene Krise hätte man durch Verhandlungen über Gefangenenaustausch bewältigen können. Die Vergangenheit bietet hierfür mehr als genug Präzedenzfälle, und jeder Israeli weiß, dass die Proklamation, mit Hamas und Hisbollah verhandle man nicht, hohle ideologische Rhetorik ist. Aber selbst wenn man meinte, angesichts des in der Tat nicht hinnehmbaren Raketenbeschusses nordisraelischer Ortschaften diesmal “rigoroser” durchgreifen zu sollen, erhebt sich die Frage, was die israelische Regierung dazu bewegen mochte, ganze Stadtteile Beiruts in Trümmerlandschaften zu verwandeln, Libanons Infrastruktur massiv zu schädigen, Hunderte Zivilisten in den “Kollateralschaden”-Tod zu ziehen, unzählige andere zu verletzen und Hunderttausende in eine chaotische Massenflucht zu schlagen. Das horrend Disproportionale an der “angemessenen” israelischen Reaktion (samt ihrer Auswirkungen aufs eigene Land) sticht beklemmend ins Auge.

Wohl wahr, die Provokationen gingen von der Hisbollah aus, aber den ausufernden Krieg hat Israel bewusst entfacht. Die “Befreiung der Soldaten” erwies sich denn schnell genug als kollektiv fetischisierter (von kaum jemandem freilich geglaubter) Vorwand für die rabiate Militäraktion. Dass man sich dabei larmoyanter Selbstviktimisierung befleißigte, gehört schon seit Jahrzehnten zur perfiden Taktik einer narzisstisch sich selbstberuhigenden politischen Kultur, die jede verantwortete Barbarei irgendeinem Anderen in die Schuhe zu schieben pflegt. Dass dabei der Feind diesmal “allgemein” - das heißt in Israel, im “Westen”, ja selbst unter den vom islamischen Fundamentalismus bedrohten arabischen Regimes - verhasst ist, half. Dass man für diesen transpolitischen Hass die ideologische Absolution der USA, mithin freie Hand fürs militärisch zu Verrichtende erhielt, adelte nahezu die zum kollektiven Eigenverständnis geronnene Selbstgerechtigkeit.

Das Interesse Israels an der gegenwärtigen Krise leitet sich von Vorangegangenem ab, und zwar von der Art und Weise, wie sich das israelische Militär vor sechs Jahren aus dem Libanon zurückgezogen hat. Nach achtzehn Jahren eines gewaltdurchwirkten Aufenthalts im “libanesischen Sumpf” mit über 1.000 Toten allein auf israelischer Seite entstand ein (vorwiegend von Frauenorganisationen forcierter) ziviler Druck, den Abzug der Armee zu vollziehen. Der vom israelischen Premierminister Ehud Barak unilateral angeordnete Abzug verlief dann schnell, wenn nicht hastig, ja regelrecht fluchtartig, was dazu führte, dass die Hisbollah den Rückzug als ihren Erfolg verbuchte (nicht ganz zu unrecht, wie man in letzter Rechnung gestehen muss), vor allem aber im geräumten Gebiet des Südlibanons sich militärisch zu etablieren begann. Füglich herrschte unter israelischen Militärs schon seit Jahren das Gefühl gekränkter Eitelkeit und sicherheitslogischer Befürchtung, dass der Libanon ein “unfinished business” sei, weshalb man eine weitere Chance bräuchte, um “klare Verhältnisse” herzustellen. Und diese kam mit der letzten Provokation der Hisbollah, gleichsam “wie gerufen”.

Dass man dabei (vorerst) nicht mit voller militärischer Kraft in den Libanon einzog, hängt primär mit den Nachwirkungen des traumatisch ausgelaufenen Krieges von 1982 zusammen. Dass der aus dieser Beschränkung resultierende, massive Einsatz der Luftwaffe horrende Zerstörung auf der libanesischen Seite gezeitigt hat, der Hisbollah aber zugleich die fortwährende Raketenbedrohung israelischer Städte ermöglicht, lässt vergrämte Beklemmung im Militär und zunehmendes Unbehagen unter Teilen der Bevölkerung aufkommen. Dass die Medienlandschaft - selbst auferlegt - dennoch weitgehend wie regierungskonform “gleichgeschaltet” erscheint, die zionistische Linke sich mithin in ihrem bereits Mitte der 1990er Jahre begonnenen Winterschlaf weiterhin gemütlich einrichtet, mag dem fundamentalistischen Profil des diesmaligen Feindes geschuldet sein, nicht zuletzt aber auch der Trägheit einer leidgeprüften Bevölkerung, die sich in einem zähen Gemisch aus überinformierter Borniertheit, ideologisiertem Durchhalte-Kitsch, genuiner Ratlosigkeit und national-chauvinistisch geschwängertem Fatalismus mit dem Geschehen abfindet. Die Vox populi darf sich dabei in unzähligen Online-Talkbacks und interaktiven Medienveranstaltungen austoben und kathartische Entlastung verschaffen.

Auf der Strecke bleibt in diesem komplexen Verblendungszusammenhang die kritische Einsicht in die eigentlich bedrohlichen Wirkkonstellationen dieses Krieges. Denn sollte sich herausstellen, dass die Erfahrung der gegenwärtigen Gewalteskalation im Aufwind rechter israelischer Ideologie ausläuft, namentlich in der sich bietenden “Schlussfolgerung”, es sei nun erwiesen, dass der Rückzug aus den besetzten Gebieten nicht nur zwecklos, sondern auch “gefährlich” sei, dann wäre nicht nur Beirut “zwanzig Jahre zurückgebombt”, wie zu Beginn der Kämpfe von militärischer Seite selbstherrlich angedroht, sondern auch jegliche Perspektive auf eine permanente Friedensregelung im Nahen Osten. Denn verlässt man einmal das Paradigma der historischen Aussöhnung zwischen Israelis und Palästinensern, mithin der Zwei-Staaten-Lösung, als unabdingbare Voraussetzung für die Entkernung zentraler Konfliktachsen in der gesamten nahöstlichen Region, begibt man sich in die Finsternis eines historischen Korridors, in welchem sich nicht nur Israel und Palästina, sondern dem Nahen Osten insgesamt keine Zukunft mehr bietet.

Moshe Zuckermann, geboren 1949 in Tel Aviv, lehrt Geschichte und Philosophie an der Universität in Tel Aviv. Dort leitete er von 2000-2005 das Institut für deutsche Geschichte. Von 1960 bis 1970 lebte er in Frankfurt am Main. Im Oktober erscheint im Wiener Passagen-Verlag sein Buch Israel - Deutschland - Israel. Reflexionen eines Heimatlosen.

Quelle: Freitag - Die Ost-West-Wochenzeitung 31 vom 04.08.2006. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

Veröffentlicht am

04. August 2006

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