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Im Streit mit Iran geht es um die Macht am Persischen Golf

Der Iran-Konflikt hat den Ölpreis hochgetrieben. In Nahost, der Region mit den größten Ölvorräten, spielt Teheran eine Schlüsselrolle. Es ist der einzige Staat der Region, wo die USA keinen Einfluss haben.


Von Karl Grobe - Analyse

Anschwellende Kriegsgesänge treiben den Ölpreis hoch, nicht etwa ein unpolitisch ("rein ökonomisch") gedachter Markt oder ein sinkendes Angebot. Bei den Moskauer Sechser-Gesprächen haben sich die USA Anfang der Woche nicht durchsetzen können mit dem dringenden Wunsch, Sanktionen gegen Iran zu beschließen.

Da ging es um Teherans Atomprogramm. Vier der fünf ständigen Mitgliedstaaten des UN-Sicherheitsrats und Deutschland neigen offenbar zu der gut begründeten Ansicht, Washington überzeichne die Gefahr, Iran könne "bald" über Atomwaffen verfügen. Eine aktuelle Bedrohung der Region oder der US-Interessen dort besteht nicht.

Washington droht, und zwar seit drei Jahren. Schon 2003 "hat die Armee begonnen, eine Analyse für einen umfassenden Krieg mit Iran durchzuführen", schrieb der Sicherheitsspezialist William M. Arkin vor einigen Tagen in der Washington Post. Er bezog sich auf ein Conplan 8022 genanntes Szenario für den raschen Einsatz von Bombern und Raketen; "die einzige Option ist die nukleare", hätten Insider ihm bestätigt.

Zwei Anlässe könnten eine Militäraktion der USA auslösen, schrieb Arkin: die Entwicklung einer iranischen Atomwaffe und die Schließung der Meerenge von Hormus für den internationalen Öltransport. Auch andere Vorfälle sind denkbar: Abschuss eines US-Spionageflugzeugs über Iran; die Gefangennahme von CIA-Agenten oder "Special-Operations"-Angehörigen; eine Schießerei zwischen "nervösen Soldaten der USA oder Irans", etwa am irakisch-iranischen Grenzfluss Schatt el-Arab.

Dies wären Anlässe, aber kaum die tatsächlichen Motive für einen Krieg. Die Kontrolle über die Erdöl- und Erdgasvorräte der Welt und über die Transportwege ist das Thema. Die USA, größter Energieverbraucher der Erde, beziehen rund 60 Prozent ihres Bedarfs aus dem Ausland, meist aus Lateinamerika und Westafrika, zehn Prozent aber auch aus dem Nahen Osten. Für Westeuropa, Ost- und Südasien ist die nahöstliche Golfregion ungleich wichtiger; wer sie kontrolliert, hat maßgebenden wirtschaftlichen und politischen Einfluss auf diese Regionen. Iran, wo die nach Saudi-Arabien und knapp vor Irak größten Vorräte (ohne schwer gewinnbaren Ölsand und Ölschiefer) liegen, das zudem nach Russland über das meiste noch nicht für die Förderung erschlossene Erdgas verfügt, hat eine Schlüsselstellung.

Es ist auch der einzige Staat der Region, in dem die USA keinen Einfluss haben. Seit dem Sturz des unbedingten US-Parteigängers Mohammed Reza Schah Pahlewi im Jahre 1979 und seit der Besetzung der Teheraner US-Botschaft in Teheran im selben Jahr herrscht bittere Feindschaft. Die Propaganda für einen Regimewechsel in Iran hat hier ihren wichtigsten Grund: Es geht nicht in erster Linie um Demokratie, die zu schaffen Sache der Iraner wäre, sondern um Bündnis und um die Macht am Persischen Golf.

Teherans Einfluss ist gewachsen, seit Irak als selbstständige politische Kraft ausgefallen und Saudi-Arabiens innere Situation wackliger geworden ist - islamistische Opposition mit terroristischen Zügen, bevorstehende Nachfolgekrise in der von sehr alten Herren beherrschten Dynastie - und das petrofeudalistische Königreich unter den Verdacht geriet, islamistische Bewegungen ideologisch und finanziell zu fördern.

Iran kann die Meerenge von Hormus vom Stützpunkt Bandar-e Abbas aus kontrollieren, wenigstens aber stören. Diese Möglichkeit hat die USA um 1980 bewogen, Saddams Regime gegen Iran zu instrumentalisieren. Saddams Griff nach der Regionalmacht war dann Anlass für den Kuwait-Krieg von 1991 und die Ausgrenzung Bagdads, bis zum Krieg von 2003. Iran hat mittlerweile infolge der schiitischen Dominanz hochrangige Einflussagenten in Bagdad. Es plant, sein Ölgeschäft aus der Dollar-Zone zu lösen und auf Euro-Basis umzustellen. Es unterhält umfangreiche Wirtschafts- und Rüstungsbeziehungen mit China und Russland. Deshalb sind beide für Sanktionen nicht zu haben. Was den US-Einfluss mindert.

Die Entscheidung über Krieg und Frieden ist somit Teil des Welt-Kräftespiels.

Quelle: Frankfurter Rundschau vom 20.04.2006. Wir veröffentlichen diesen Artikel mit freundlicher Genehmigung von Karl Grobe.

Veröffentlicht am

20. April 2006

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