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Keine Sehnsucht nach dem Schrein der Märtyrer

Eindämmung statt Zerstörung: Auch wenn der Streit um Irans Atomprogramm eskaliert, verläuft der Diskurs unter Strategen im Hintergrund viel rationaler

Von Jürgen Rose

Präsident Bush meinte jüngst während seiner Südasien-Tour, eine iranische Atombombe sei "das Destabilisierendste, was der Region und der Welt passieren könnte", und fügte hinzu: "Iran darf keine Atombombe haben." Dieses kategorische Verdikt wird gewiss nicht zu Unrecht als Plädoyer für einen weiteren Präventivkrieg im Mittleren Osten gedeutet. Deutschland scheint bei der psychologischen Vorbereitung zu assistieren, wenn Kanzlerin Merkel anmerkt, der Iran hätte "mutwillig die ihm bekannten ›roten Linien‹ überschritten". Auch an bellizistischen Reflexen fehlt es nicht: "Kein Appeasement!" leitartikelt die Zeit und erklärt ihrem Publikum unmissverständlich, wovon die Rede ist: "Natürlich, was so rund geschliffen als ›militärische Option‹ daherkommt, bedeutet Krieg". Konkret gehe es um einen "israelischen Präventivschlag gegen die iranischen Nuklearzentren", ein Fall für den "Israel eines Tages wirklich unsere Solidarität braucht". Patriotisches Pathos überwältigt den Autor (Matthias Nass), denn: "Keiner wird sich dann davonmachen können, kein Christ-, Sozial- und Freidemokrat. Auch kein Grüner und kein Linker. Wenn es einen Fall gibt, wo deutsche Demokraten in der Pflicht stehen, dann ist es dieser."

Die moralisierende und dank ihres demagogischen Potenzials keinesfalls zu unterschätzende Position im Konflikt um Irans Atomprogramm sollte freilich nicht den Blick auf eine Debatte verstellen, wie sie in den USA, in Israel, aber auch in Deutschland seit geraumer Zeit von der "Strategic Community" geführt wird. So hat der nicht eben als "Taube" verschriene Zbigniew Brzezinski, einst Nationaler Sicherheitsberater des Präsidenten Carter, schon vor einem Jahr erklärt, er ziehe einen moderaten Iran mit Atomwaffen einem feindseligen vor, der permanent versuche, in den Besitz dieser Waffen zu gelangen, um einer Intervention der USA zu begegnen. Diesen nämlich halte er für "weitaus gefährlicher als ein moderates, atomar bewaffnetes Land".

Seine Einschätzung bestätigt ein Bericht, der Ende 2005 im renommierten britischen Jane´s Intelligence Review erschien. Dort heißt es, die "Pragmatiker innerhalb der US-Administration" hätten sich bereits mit dem Aufstieg Irans zur Atommacht abgefunden. In ihren langfristigen Planungen beschäftigten sich deshalb die Militärstrategen - unter anderem am Non-Proliferation Policy Education Center in Washington D.C. oder beim US Joint Staff J-5 Directorate - vornehmlich mit dem Problem der "Eindämmung" (containment) eines nuklear bewaffneten Iran. Dies könne dadurch begünstigt werden, dass die Anzahl möglicher Atomwaffen aufgrund extremer Knappheit an kernwaffentauglichem Spaltmaterial anfangs nur äußerst langsam wachse. "Daher wäre ein iranisches nukleares Arsenal im Jahr 2015 vermutlich kleiner und weniger zuverlässig als jenes, das die US-Army in den späten vierziger Jahren besaß", so die Meinung der US-Experten. Zudem seien iranische Trägersysteme längst nicht ausgereift. Daher bestünde das Hauptproblem darin, die aus dem Kalkül "shoot them or loose them" resultierenden Interventionsanreize zu vermeiden. Irans Führung müsse dazu gebracht werden, mögliche Kernwaffen als reines Abschreckungspotenzial gegen eine existentielle Bedrohung von außen zu betrachten.

Dass den Mullahs eine verantwortungsbewusste Handhabung von Nuklearwaffen prinzipiell nicht abgesprochen werden könne, beweise ihr Umgang mit den Chemiewaffen, über die sie seit dem Krieg mit dem Irak (1980 - 1988) verfügen. Weder hätten sie diese Arsenale damals zu offensiven Kriegshandlungen oder etwa gegen die irakische Zivilbevölkerung eingesetzt, noch später irgendwann in die Hände von Terroristen gelangen lassen. Nach Auffassung der US-Analysten deutet alles darauf hin, dass Teheran die von Israel jahrzehntelang praktizierte "Politik der Ambiguität" übernommen habe und beabsichtige, die Welt im Unklaren über seine nuklearen Kapazitäten zu lassen.

Auch in Israel könnte es einen Wandel in der Strategiedebatte geben, wie ein weiterer Text in Jane´s Intelligence Review vom Januar 2006 erkennen lässt. Demnach gelangt eine "wachsende Zahl israelischer Analysten zu der Auffassung, dass nukleare Parität, obwohl risikobehaftet, zu Stabilität und Frieden in der Region beitragen könnte". Reuven Pedatzur, Direktor des "Galilee Centre for Strategy and National Security", prognostiziert gar, die bisherige Politik der Ambiguität Israels werde im Zeichen einer atomaren Rivalität mit dem Iran durch eine explizite Abschreckungsdoktrin ersetzt.

Leon Hadar, ein israelischer Forscher am Washingtoner Cato-Institut, setzt darauf, dass "die Existenz nuklearer Waffen das Verhalten beider Seiten dämpft und die Wahrscheinlichkeit einer offenen Aggression reduziert". Ein beidseitiges Abschreckungssystem würde dazu zwingen, auf sicherheitspolitischen Kanälen zu kommunizieren. Dies setze voraus, den Gegner als rationales Gegenüber wahrzunehmen - Israel sei einem solchen strategischen Diskurs durchaus gewachsen.

In der Tat verfügen Israels Streitkräfte über eine gesicherte Zweitschlagkapazität, die auf der "nuklearen Triade" beruht, bestehend aus von Deutschland gelieferten Dolphin-U-Booten, F-15-Jagdbombern aus den USA und Jericho-2-Raketen aus eigener Produktion. Hinzu kommt mit "Arrow-2" das einzig funktionierende Raketenabwehrsystem weltweit.

Ein iranischer Präsident werde daher keine Feuerbefehle geben, wie die Berliner Leiterin des German Marshall Fund, Constanze Stelzenmüller, anmerkt. Möge sich auch mancher islamische Politiker "nach dem Märtyrerschrein sehnen, der iranischen Führung ist irdische Macht entschieden lieber, und die Vergeltung für einen Angriff wäre fürchterlich." Übereinstimmend folgert der Israeli Reuven Pedatzur: "Abschreckung wird funktionieren, genauso wie es zwischen den Supermächten [im Kalten Krieg] der Fall war". Und da sich die israelische Führung auf den Konflikt mit Iran konzentrieren müsse, stünde sie zugleich unter verstärktem Druck, den Friedensprozess mit den direkten arabischen Nachbarn voranzutreiben. Paradoxerweise könne daher der Verlust seines atomaren Monopols in der Region dazu beitragen, die Friedenslösung zu erreichen, an der Israel schon so lange gelegen sei.

Dipl. Päd. Jürgen Rose ist Oberstleutnant der Bundeswehr. Er vertritt in diesem Beitrag nur seine persönlichen Auffassungen.

Quelle: FREITAG . Die Ost-West-Wochenzeitung 11 vom 17.03.2006. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Jürgen Rose.

Veröffentlicht am

24. März 2006

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