Lebenshaus Schwäbische Alb - Gemeinschaft für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie e.V.

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Lebenshaus 2006: Weiter mit Doppelstrategie in Gesellschaft einbringen

Von Michael Schmid - aus: Rundbrief Nr. 47 vom Dezember 2005, Lebenshaus Schwäbische Alb

Liebe Freundinnen und Freunde,

in Frankreich werden Nacht für Nacht von randalierenden Jugendlichen mehrere hundert Autos angezündet. Allenthalben haben diese Gewaltausbrüche Entsetzen ausgelöst. Probleme, die es bei uns nicht geben kann? Doch. Es handelt sich nicht nur um Probleme kleiner Randgruppen.

Lenkt man den Blick auf die Struktur unserer hoch entwickelten westlichen Gesellschaften, dann lässt sich feststellen, dass eine Dreiteilung immer mehr zu einer albtraumhaften Wirklichkeit wird. Eine Dreiteilung, die der kapitalistischen Produktionsweise und dem entsprechenden Macht- und Herrschaftssystem entspringt.

Rund ein Drittel der Bevölkerung ist integriert, hat Arbeitsplätze, die befriedigen und findet in dieser Art von Ordnung seine Bestätigung. Ein zweites Drittel lebt in dauerhaft unsicheren Lebensverhältnissen, wechselt von Job zu Job, mit kurzfristigen Arbeitsverträgen und der unsicheren Perspektive, ob diese verlängert werden. Das letzte Drittel schließlich wird für den zentralen gesellschaftlichen Produktions- und Lebenszusammenhang nicht mehr gebraucht, ist überflüssig. Für dieses letzte Drittel gilt, was Jeremy Rifkin einmal gesagt hat: Es ist schlimm, wenn Menschen ökonomisch ausgebeutet werden, weit schlimmer ist es jedoch, wenn sie dafür nicht einmal gebraucht werden.

Das Gefühl, überflüssig zu sein, ohne Perspektive auf ein sinnvolles Leben, ist für die Betroffenen furchtbar demütigend und frustrierend. Ebenso, mit einem Leben in Armut zurechtkommen zu müssen inmitten einer sehr reichen Gesellschaft. Urängste, in diese Situation zu kommen, erfassen auch die Mitte. Soll es bei uns nicht zu ähnlichen gewalttätigen Explosionen wie in Frankreich kommen, dann müsste diese neuartige Zweidrittel-Gesellschaft in den Blick genommen werden.

Der Mainstream in Politik, Wirtschaft und Medien predigt ständig, dass gespart werden müsse. Allerdings sollte bei allem Gejammer nicht vergessen werden: die Bundesrepublik war noch nie so reich wie heute und ihre Volkswirtschaft präsentiert sich trotz konjunktureller Rückschläge als “Exportweltmeister”. Wer vor diesem Hintergrund andauernd die Notwendigkeit predigt, der Gürtel müsse enger geschnallt werden, blendet die ungerechte Verteilung des gesellschaftlichen Wohlstandes aus.

Auch wenn heute Forderungen nach einer Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums von oben nach unten zumeist als historisch überholt und ideologisch verstaubt gelten mögen: ich möchte an ihnen festhalten. Angesichts der riesigen Kluft zwischen Reich und Arm ist eine Debatte über soziale Gerechtigkeit und einer damit verbundenen Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums heute dringend erforderlich.

Es ist kräftig einer Politik zu widersprechen, die sich ganz dem neoliberalen Zeitgeist verpflichtet fühlt. Die sich deshalb nur noch um diejenigen kümmern möchte, die sie als Leistungsträger der Gesellschaft ansieht. Und die das dann auch noch mit dem Banner “soziale Gerechtigkeit” ummantelt. Der neue Bundesfinanzminister Peer Steinbrück hat ein derartiges Verständnis von “sozialer Gerechtigkeit” wie folgt zum Ausdruck gebracht: “Soziale Gerechtigkeit muss künftig heißen, eine Politik für jene zu machen, die etwas für die Zukunft unseres Landes tun: die lernen und sich qualifizieren, die arbeiten, die Kinder bekommen und erziehen, die etwas unternehmen und Arbeitsplätze schaffen, kurzum, die Leistung für sich und unsere Gesellschaft erbringen. Um die - und nur um sie - muss sich Politik kümmern.” ( Peer Steinbrück in: DIE ZEIT vom 13.11.2003)

Wenn sich Politik nur noch um die Leistungsträger kümmert, wer kümmert sich dann um all die anderen? Eine Gesellschaft, welche nicht bereit ist, die Bedürftigkeit von benachteiligten und behinderten Menschen auszugleichen, wird keine Zukunft haben. Menschen brauchen nach wie vor Geld, um auch in schwierigen Lebenssituationen wie Erwerbslosigkeit, Krankheit und im Alter ihre Bedürfnisse und ihre Pläne verwirklichen zu können. Und wie steht es um das Recht eines jeden Menschen, sich selber zu verwirklichen und am gesellschaftlichen und politischen Leben teilzuhaben?

Wir setzen uns als Lebenshaus für eine solidarische Gesellschaft in dem Sinne ein, dass wir als Bürgerinnen und Bürger selber politische und soziale Verantwortung übernehmen und nicht alles an den Staat delegieren und von diesem fordern. Eine solche solidarische Gesellschaft gibt es allenfalls in Form kleiner Inseln. Selbstverständlich ist der Staat weiter mindestens gefordert, finanzielle Mittel für Menschen zur Verfügung zu stellen, die ihre Bedürfnisse nicht durch eigenes Einkommen verwirklichen können. Ja es wäre ernsthaft über die Forderung für eines bedingungslosen Grundeinkommens nachzudenken, das vom Staat ausbezahlt wird. Aber ein solches Projekt für mehr Freiheit, Demokratie und Menschenwürde weist weit über unsere bestehende Gesellschaft hinaus.

Menschen der Hoffnung sein

Allen Bedrohungen und Gefahren, allem Unfrieden und aller Ungerechtigkeit zum Trotz: Es gibt sie weltweit, die vielen Menschen und Gruppen, die die Hoffnung nicht aufgeben wollen, dass es auch ganz anders zugehen kann auf dieser Erde. Die glauben: eine andere Welt ist möglich. So ist beispielsweise in den letzten Jahren insbesondere die Bedeutung der globalisierungskritischen Bewegung erheblich angewachsen. Grund zur Freude waren für mich dieses Jahr auch die vielen jungen Menschen, die an der Aktionsreise nach New York teilgenommen haben, um sich für eine atomwaffenfreie Welt einzusetzen. Bei vielen geht das Engagement weiter. Mut machen mir auch die Hauptschülerinnen und Hauptschüler, die bei der Hiroshima-Ausstellung in Bad Urach Tag für Tag Gedichte gegen den Krieg vortrugen - von anderen Dichtern, aber auch eigene.

Mit dem Lebenshaus Schwäbische Alb sind wir eine kleine Gruppe in einem großen Netzwerk, das auf Veränderung setzt. Uns ist dieses Projekt wichtig, weil wir angesichts existentieller Herausforderungen nicht in einer Haltung der Unzufriedenheit verharren wollen. Wir möchten auch nicht eine Haltung einnehmen, die alles furchtbar schlimm findet, dafür aber nur Schuldige sucht und selber in der Schuldzuweisung festsitzen bleibt. Der Schriftsteller Ullrich Schaffer sagt über diese Gruppe von Menschen: “Schuld zuzuweisen ist wie ein Lebenssport für sie geworden. Klagen ist ihr Hobby. Negatives Denken ist ihnen vertraut und darin können sie sich ausruhen.”

Wir möchten auch nicht zu den Menschen gehören, die von ihrer eigenen Hoffnungslosigkeit regiert werden. “Hat ja doch keinen Zweck” oder “Bringt doch nichts” - eine solche hoffnungslose Haltung soll möglichst nicht das letzte Wort haben.

Wir möchten gerne zu jener Gruppe von Menschen zu gehören, über die Ullrich Schaffer sagt: “Die Menschen dieser Gruppe sind von einer tiefen Stärke und Konsequenz beseelt. Sie haben sich entschlossen, Menschen der Hoffnung zu sein, anzupacken, bewusster zu leben, einzugreifen in das Geschehen. Sie haben eine Vision für eine neue Welt, für einen neuen Menschen. Sie leiden unter dem, was geschieht, geben aber nicht auf.”

Natürlich gibt es sehr viel, wogegen wir sind. Wir gehen gegen die militärische und ökologische Bedrohung, gegen Raubbau an Ressourcen, Ausbeutung, Unterdrückung, etc. an. Diesen unterschiedlichen Arten von Gewalt gilt es zu widersprechen, zu widerstehen. Gleichzeitig geht es um den Aufbau von lebensförderlichen Alternativen. Wir üben ganz konkrete Solidarität mit Menschen, die sich in einer persönlichen Notlage befinden - wie immer diese geartet ist. Und es geht darum, das Aufbauende im Menschen zu fördern. Dabei beginnen wir bei uns selbst, wir arbeiten an unserer eigenen Veränderung, an unseren Haltungen, Einstellungen und Gewohnheiten. Um nochmals mit Ullrich Schaffer zu sprechen: Diese Menschen “leben so, als ob alles an ihnen liegt - weil sie begriffen haben, dass es tatsächlich an ihnen liegt. Die Veränderung der Welt beginnt bei der Veränderung Einzelner. Das ist ihr Motto.” Wir versuchen diese Selbstveränderung möglichst zu leben - gemeinsam mit anderen.

Ein Engagement, wie wir es mit dem Lebenshaus machen, bietet die große Chance auf eigene Selbsterfüllung und Selbstverwirklichung. Das bedeutet also, um mit dem hochverehrten Theologen Helmut Gollwitzer zu reden, ich engagiere mich “auch um meiner selbst willen, um meines Menschseins willen, auch um meines Glücks willen, um der Erfüllung willen, die ich im solidarischen Kampf mit anderen immer wieder erlebe. (…) In der Zeit zunehmender Not der Menschheit finden wir unser eigenes Menschsein offenbar nur darin, dass wir, mag auch das Ganze abwärts gehen, für das Bessere arbeiten, und zwar nicht nur im karitativen, im persönlichen Bereich, sondern auch politisch, kollektiv und allgemein.”

Vorhaben für 2006

Im kommenden Jahr haben wir wieder vor, uns in einer Art Doppelstrategie in unsere Gesellschaft einzubringen: Einerseits ganz konkretes Engagement mit und für einzelne Menschen, Aufbau einer Alternative im Kleinen. Wir wollen weiterhin fremden Menschen Wohnung im Lebenshaus bieten, Flüchtlinge und andere Menschen in schwieriger Lebenslage unterstützend begleiten. Wir bieten weiterhin die Möglichkeit eines alternativen Umgangs mit Vermögen, der sich nicht an der Vermehrung der eigenen Rendite orientiert. Die Verwirklichung des Projekts “Solar for Peace”, mit dem die Sonnenenergie bei uns und in Afrika nutzbar gemacht wird, wollen wir weiter voranbringen.

Und andererseits unternehmen wir durch Informations-, Bildungs- und insbesondere auch durch Bündnisarbeit den Versuch, so in unsere Gesellschaft und in die Politik hineinzuwirken, dass möglichst Reformen zustande kommen, die diesen Namen verdienen, und die in eine gerechte, friedvolle und ökologisch verträgliche Richtung weisen. Manches Mal geht es aber “nur” darum, das Schlimmste zu verhindern, wie z.B. einen Krieg gegen Iran. Angesichts des 3. Jahrestages des Kriegsbeginns der anglo-amerikanischen Koalition gegen Irak im kommenden März bitten uns US-amerikanische Friedensorganisationen um Unterstützung in ihrem Engagement für eine Beendigung der Irak-Besatzung. Zum 20. Jahrestag der Katastrophe von Tschernobyl im April planen wir Aktionen. Das Lebenshaus gehört einem breiten Bündnis landesweiter und regionaler Organisationen der Friedens- und globalisierungskritischen Bewegungen an, die im Mai in Ludwigsburg die 3. Konferenz “Alternativen zur Gewalt” veranstaltet. Themen wie Atomwaffen, der Konflikt Israel/Palästina oder auch die Abschottung Europas vor Flüchtlingen werden uns ebenfalls weiter beschäftigen.

Diese Vorhaben wollen wir gerne gemeinsam mit Menschen verwirklichen, die sich dabei mit ihren Möglichkeiten einbringen, sei es durch direkte Mitarbeit, sei es mittels Geld oder durch ermutigende Worte. Wir hoffen, dass es diese Menschen weiter geben wird.

Ich wünsche gesegnete Weihnachtstage und ein friedvolles neues Jahr
Michael Schmid

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Lebenshaus Schwäbische Alb gibt alle drei Monate einen gedruckten Rundbrief heraus. Dieser ist nicht identisch mit dem eNewsletter. Der Rundbrief kann kostenlos abonniert werden, z.B. über das Kontaktformular auf dieser Website oder telefonisch, per Brief oder E-Mail.

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Im Internet findet sich mehr über unseren Verein z.B. in >> Ueber uns: Lebenshaus Schwäbische Alb ? Gemeinschaft für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie e.V.

Veröffentlicht am

07. Januar 2006

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