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Krieg zersetzt das Zivile, das Leben und die Kultur

Thesen zu Frauen und Krieg: Was heißt “Krieg als System”?

Von Claudia von Werlhof

1. These:

Der Krieg ist die grundsätzliche Negation der Möglichkeit des Friedens. Friede wird dabei verstanden als eine Lebensweise des Liebens, Hegens, der Freundschaft und der Schonung ebenso wie der Freiheit (Grundbedeutung von fridu, fribu und fri, nach Wahrig).

2. These:

Der Krieg ist damit die radikalste Methode der Distanzierung, Trennung und Abstraktion von jeder Gemeinschaft, Kultur, vom Leben und von der Natur, insbesondere aber immer von Frauen und Kindern. Der Krieg ist Hybris, indem er sich außerhalb des Zivilen, der Zivilisation im ursprünglichen Sinne, stellt.

3. These:

Krieg ist der Versuch so zu tun, als sei eine Autonomie, also eine Unabhängigkeit gegenüber dem Leben, der Kultur, Frauen und Kindern, Pflanzen und Tieren überhaupt möglich. Der Krieg lässt den Alltag, seine Regeln und Gesetze hinter sich. Er ist eine Art vorweggenommene Utopie davon, dass es möglich sein soll, im Gegensatz zu und in Distanz von allem zu existieren, was man sonst als Lebensgrundlagen betrachtet.

4. These:

Da es in der Realität letztlich aber nicht möglich ist, im Gegensatz zu Natur und Kultur zu leben, ist der Krieg immer mit einem großen Aufwand an Lügen und Propaganda verbunden, die verschleiern sollen, dass der Krieg parasitär ist und deshalb immer räuberisch und vernichtend auch dort wirkt, wo er nicht unmittelbar tobt. Er usurpiert die (Lebens-)Mittel, die er braucht, von anderen und verschwendet sie für seine Zwecke. Der Krieg ist wie ein “Saugapparat” (frei nach Rosa Luxemburg), der die Lebensgrundlagen aus seiner Umgebung abzieht und liquidiert. Auf diese Weise hat der Krieg die Tendenz, alle Menschen und Gebiete zu betreffen und nicht nur die unmittelbar angegriffenen.

5. These:

Der Krieg führt zu einer Haltung des grundsätzlichen Zynismus und der Verachtung gegenüber dem Leben, Frauen, Kindern, Müttern, dem Alltag, der Normalität und den Regeln einer Kultur sowie allen Naturerscheinungen. Er verhöhnt sie, da und indem er sie seinen Zwecken unterwirft (vgl. Begriff des “Kollateralschadens”). Entsprechend bagatellisiert er auf der anderen Seite die Gewalt und glorifiziert Mörder als Helden. Dadurch kommt es zu einer vollkommenen Umschichtung und Verkehrung aller Werte, insbesondere denen, die mit dem Frieden zu tun haben. Im Krieg wird zwischen wertem und unwertem Leben unterschieden und der Wert der Vernichtung des Lebens gepriesen. Man beginnt, auch generell der Gewalt zu glauben, ein “falsches” Leben breitet sich aus. Die Gewalttäter werden als “Elite” verehrt.

6. These:

Der Krieg verursacht eine Traumatisierung. Er zerstört auch die Überlebenden, indem er ihnen die Lebensfreude nimmt. Er vernichtet die Selbstverständlichkeit herrschaftsfreier Existenz und das Gefühl, dass man lebt, um froh zu sein. Der Krieg vertreibt das Lachen, das Lächeln, das Vertrauen, die Liebe, die Vielfalt der Lebensformen, die Geborgenheit, die angeborene Unschuld und die Freundlichkeit in der Begegnung.

7. These:

Diese Negativität des Krieges ist ansteckend und verbreitet sich, ist wie eine Epidemie. Fast alle, die den Krieg erleben, halten ihn am Ende für die eigentliche Wahrheit des Lebens und der Gesellschaft. Da die Zerstörung geschieht, wird sie für die einzige, wenn nicht einzig mögliche Realität, oder gar Normalität gehalten. Man richtet sich darin ein, reduziert, verängstigt, verkümmert, diszipliniert und gepanzert. Das Herz verkümmert (Untersuchungen über Opfer des Polpot-Regimes in Kambodscha haben ergeben, dass der lange Terror, dem sie ausgesetzt waren, in vielen Fällen tatsächlich zum Schrumpfen einzelner Organe, inklusive des Herzens, geführt hat).

8. These:

Die Reduktion von Lebensmöglichkeiten im Krieg führt aber auch zu einer Verschiebung der Lebenskräfte in die umgekehrte Richtung. Leben, das nicht gelebt werden kann, tendiert dazu, als perverse, sadistische oder masochistische Lust an der Gewalt, an der Tortour und am Töten wiederzukehren (Eros wandelt sich in Tanathos, verstanden als “Tötungstrieb”). Das “eigentliche” Leben erscheint nun in Form der Gewalt gegen das Leben. Vitalität wandelt sich in Aggression. Leben wird “ersetzt” durch Kämpfen.

9. These:

Auf diese Weise hat der Krieg Verletzungen für die Physis und die Psyche zur Folge, die so gut wie nie wiedergutgemacht werden, und die sich von Generation zu Generation weiter anhäufen. Daher erscheint es so, als sei die Rückkehr zum Frieden eine Illusion, und als müsse man sich mit einem “Frieden” begnügen, der lediglich in der periodischen Abwesenheit des “heißen Krieges” besteht (“kalter” Krieg und “kalter” Frieden). Die angehäuften Kriegserfahrungen aus vielen Generationen bilden entsprechend eine Art “morphogenetisches Feld” (Sheldrake), an dem spätere Kriegshandlungen immer wieder anknüpfen können. Umso mehr sich die Kriegserfahrungen akkumulieren, desto größer ist die Chance für den Krieg, immer wiederzukehren.

10. These:

Krieg ist immer Terror, insbesondere gegen Frauen, Mütter und Kinder. Die Behauptung der Kriegsherren, einen Krieg für die Frauen bzw. aus sogenannten humanitären Gründen zu führen, ist daher in ihrer Obszönität nicht zu überbieten (dieses Argument gilt weit über den Kosovo, Afghanistan und den Irak hinaus). Auch die Behauptung, die Zulassung der Frauen zur bewaffneten Truppe sei ein Fortschritt des Feminismus oder der Gleichbehandlung und Emanzipation von Frauen, stellt die größte Verhöhnung von Frauen dar. Denn das würde bedeuten, dass Frauen in ihrer Erniedrigung, Vergewaltigung und Ermordung untereinander eine Befreiung sehen sollen. Eine Gleichberechtigung und Emanzipation kann hier nur in derjenigen der Männer vom Krieg bestehen. Anstatt, dass nun auch noch die Frauen mit dem Töten anfangen, sollten die Männer umgekehrt endlich damit aufhören.

11. These:

Da Frauen das Leben hervorbringen, es versorgen und lieben, sind sie immer die Hauptgegnerinnen jedes Krieges gewesen. Denn der Krieg bringt sie um ihre L(i)eben, um ihre Arbeit und um ihre Kultur. Der Krieg hat inzwischen aber auch viele Frauen dazu veranlasst, wie Männer an ihn zu glauben, ihn für die einzige Wahrheit zu halten und mit dem Leben nichts mehr zu tun haben zu wollen (vgl. die postmoderne Gender-Debatte). So glauben inzwischen immer mehr Frauen, den Krieg negieren zu können, indem sie sich nicht mehr als Frauen, also als “Opfer” verstehen. Andere nehmen die scheinbare Unabwendbarkeit des Kriegs zum Anlass, ihn letztendlich zu akzeptieren und sogar, sich an ihm zu beteiligen.

12. These:

Die meisten Menschen halten, der Kriegspropaganda entsprechend, den Krieg für einen ewigen Bestandteil der Menschheitsgeschichte. Dies ist falsch. Der Krieg existiert nachweislich seit bestenfalls 7000 bzw. 5000 Jahren, was einen nur sehr kurzen Zeitraum in der Geschichte menschlichen Lebens bedeutet. Krieg ist eine Begleiterscheinung der Entstehung von Patriarchaten und beginnt mit dem Angriff auf matriarchale Hochkulturen.

13. These:

Ein weiteres Vorurteil zum Krieg besagt, Kriege seien unvermeidlich und entweder wie Naturkatastrophen, die über uns kommen, oder aber wie soziale Katastrophen, die auf irrationalen Entgleisungen, historischen Fehden (z.B. zwischen sog. “Ethnien”) oder männlicher Abenteuerlust beruhen. Dem steht entgegen, dass nichts so eiskalt geplant und mit so großem Aufwand durchgeführt wird, wie ein Krieg. Das bedeutet auch: Kein Volk will Krieg, sondern Kriege kommen immer von oben. Wo keine Herrschaft, da kein Krieg. Kriege werden immer von den Herrschenden geplant und durchgeführt. In einer friedlichen Gesellschaft ohne Herrschaftsverhältnisse kann es keinen Krieg geben. Der Krieg gehört daher auch nicht zur “Natur des Mannes”, sondern ist den Männern während der Patriachatsgeschichte immer wieder aufgezwungen und antrainiert worden.

14. These:

Es gibt keinen einzigen Grund, den Krieg zu befürworten. Denn er zersetzt das Zivile, das Leben und die Kultur. “Cultura” heißt Pflege. Eine Kultur, die anstelle des Lebens das Töten pflegt, mündet auf die Dauer in den “reinen Krieg” (Virilio), in dem das Zivile auch in sogenannten Friedenszeiten dem Militärischen unterworfen bleibt. So hat die patriarchale Gesellschaft die Tendenz, auch die Politik, die Ökonomie, die Technik, das Gottesbild, das Menschenbild, das Geschlechter-, das Generationen- und das Naturverhältnis in einen permanenten Krieg zu verwandeln, der sich in Herrschaft, Unterwerfung, Unterdrückung, Ausbeutung, Ausgrenzung, Konkurrenz, Gewalt und Zerstörung auf allen gesellschaftlichen Ebenen sowie im Alltag zeigt. Diesem Zustand des “Kriegs als System” nähern wir uns heute immer mehr an.

15. These:

Unter den heutigen Bedingungen sich global ausbreitender Kriege und des Kriegs als System werden wir nur dadurch in Richtung Frieden gehen können, indem wir uns von den Lügen, der Propaganda, den Vorurteilen und den uns verwirrenden und pervertierenden Wirkungen des Krieges bewusst entfernen. Die Männer hätten dabei insbesondere die Gewöhnung an den Krieg als ihr “Handwerk” zu verabschieden und die Frauen hätten den Mut aufzubringen, sich ihrer alten Friedenskultur wieder zu erinnern. Nur das Friedenswissen der Frauen kann zum Aufbau einer neuen friedlichen Zivilisation führen, der auch die Männer zustimmen müssten. Dann kämen wir endlich zu einem “heißen” Frieden!

Quelle:: Begegnungszentrum für aktive Gewaltlosigkeit - E-Rundbrief - Info 261 vom 30.07.2005

Veröffentlicht am

05. August 2005

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