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“Die Atombombe diskriminiert nicht, sie tötet jeden”

Zeugenbericht von Isao Kita über den 6. August 1945 in Hiroshima

Zum internationalen Jahr des Friedens 1986 beschloss das “Hiroshima Peace Cultural Center” die Berichte von 100 Hibakusha aufzuzeichnen. Wir veröffentlichen in der Lebenshaus-Website einige davon ins Deutsche übersetzte Zeugenberichte von Hibakusha. Diese Texte mit den Aussagen von überlebenden Opfern der Atombombenabwürfe müss(t)en jedem Menschen zur Kenntnis gebracht werden. Es soll niemand sagen können, nicht gewusst zu haben, was den Menschen in Hiroshima und Nagasaki Grauenhaftes widerfahren ist.

Der nächste Zeugenbericht ist von Herrn Isao Kita. Er war 33 Jahre alt als die Bombe fiel. Er arbeitete für die Bezirkswetterwarte von Hiroshima, 3.7 km vom Hypozentrum entfernt. Er war der leitende Meteorologe dort und seine Schicht war vom 5. zum 6. August. Er beobachtete das Wetter auch noch, nachdem er der Strahlung ausgesetzt war.

Kita: Gut, zu der Zeit war ich gerade dabei, die Übertragung per Funk zu empfangen. Ich war im Funkraum und schaute Richtung Norden. Ich sah das Blitzlicht. Es war nicht wirklich ein großer Blitz. Aber trotzdem wurde ich darauf aufmerksam. Ein paar Sekunden später erreichte uns die Hitzewelle. Nachdem ich den Blitz bemerkte, breiteten sich weiße Wolken über den blauen Himmel. Es war verblüffend. Es war als ob trübe Winde plötzlich am Himmel aufblühten. Das ist merkwürdig, dachte ich. Dann kam die Hitzewelle. Es war sehr heiß. Obwohl eine Fensterscheibe vor mir war, spürte ich die große Hitze. Es war als ob ich direkt in einen Küchenofen schaute. Ich konnte die Hitze eine zeitlang nicht ertragen.

Dann hörte ich krachende Geräusche. Ich wusste nicht, woher diese Geräusche kamen, aber wahrscheinlich war es durch Luft, die sich plötzlich im Raum ausbreitete. Zu der Zeit wurde mir klar, dass die Bombe geworfen worden war. So wie ich unterwiesen war, stieß ich den Sessel zur Seite und legte mich mit dem Gesicht nach unten auf den Boden. Außerdem war uns bei den häufigen Notfallübungen gesagt worden, die Augen und Ohren so mit den Händen zu schützen. Ich begann zu zählen. Es mag Ihnen ziemlich herzlos erscheinen, dass ich zu zählen begann, aber für uns, die wir das Wetter beobachten, ist es eine Pflicht, den Zeitverlauf verschiedener Phänomene aufzuzeichnen. So begann ich mit dem Blitz zu zählen.

Als ich 5 Sekunden gezählt hatte, hörte ich ächzende Geräusche. Zur selben Zeit wurden die Fensterscheiben herausgeblasen und das Gebäude wurde von der Druckwelle erschüttert. Die Druckwelle erreichte also den Ort ungefähr 5 Sekunden nach der Explosion. Später maßen wir die Entfernung zwischen Hypozentrum und unserem Ort. Und mit diesen beiden Angaben errechneten wir, dass die Druckwelle 700 Meter in der Sekunde schnell war. Die Schallgeschwindigkeit liegt bei 330 Meter in der Sekunde, was bedeutet, dass die Geschwindigkeit der Druckwelle mehr als zweimal so schnell wie der Schall war. Sie bewegte sich zwar nicht so schnell wie Licht, aber sie war doch sehr schnell.

Dort geht ein Weg vorbei und an diesem Tag gingen eine große Anzahl Verletzter diesen Weg entlang zum Omi-Krankenhaus. Sie waren blutüberströmt und einige hatte keine Kleider. Viele von ihnen trugen andere auf ihren Schultern. Als ich die Verletzten sah, wurde mir klar wie schwer die Stadt zerstört worden war. Zu der Zeit war das Feuer am größten. Es donnerte zehn Mal zwischen 10 und 11 Uhr. Der Donner war nicht so stark, aber ich konnte noch die Blitze über dem Feuer sehen. Als ich von der Spitze dieses Hügels auf die Stadt schaute, konnte ich sehen, dass die Stadt komplett verloren war. Die Stadt hat sich in eine gelbe Sandwüste verwandelt. Sie wurde gelb, die Farbe der gelben Wüste.

Interviewer: War das bevor das Feuer ausgebrochen ist?

Kita: Ja. Die Stadt sah gelblich aus. Der Rauch war so dicht, dass er die ganze Stadt verdeckte. Nach ungefähr 5 Minuten brach da und dort Feuer aus. Das Feuer wurde schrittweise größer und überall war Rauch und wir konnten nichts mehr von der Stadt sehen. Die Rauchwolke war sehr groß, aber sie kam nicht in diese Richtung. Die Wolke bewegte sich vom Meer Richtung Hiroshima-Bahnhof. Sie bewegte sich nach Norden.

Der Rauch dieses Feuers war wie eine Leinwand, die die Stadt in zwei Teile teilte. Auf dieser Seite hier schien die Sonne wie im Hochsommer. Hinter der Wolke, auf der anderen Seite, war es völlig dunkel. Der Kontrast war sehr stark. In etwa 60 oder 70 Prozent des Himmels waren von der Wolke verdeckt und die anderen 30 Prozent waren völlig klar. Es war ein strahlend klarer blauer Himmel. Diese Bedingungen blieben für einige Zeit so. Von Koi aus, wenn man Richtung Hiroshima-Bahnhof schaute, konnte man den schwarzen Regen fallen sehen. Aber von hier aus konnte ich nicht beurteilen, wie viel Regen gefallen war. Auf der Grundlage von Informationen, die ich später erhielt, scheint es, dass der Regen ziemlich schwer über mehrere Stunden hinweg gefallen war.

Es war ein schwarzer und klebriger Regen. Er verklebte alles. Als er auf Bäume und Blätter fiel, blieb er dort und alles wurde schwarz. Als er auf die Kleider der Leute fiel, wurden die Kleider schwarz. Er klebte genauso an den Händen und Füßen der Leute. Und er konnte nicht abgewaschen werden. Ich konnte es nicht abwaschen. Ich konnte nicht sehen, was dort vor sich ging, wo es brannte. Aber ich konnte die Ausdehnung des brennenden Bereichs sehen. Basierend auf den Informationen, die später kamen, dürfte das Stadtzentrum die größten Beschädigungen erlitten haben.

Die Atombombe diskriminiert nicht. Natürlich, die, die kämpfen, haben ihr Leid zu tragen. Aber die Atombombe tötet jeden, vom kleinen Baby bis zu den alten Leuten. Und es ist kein leichter Tod. Es ist ein sehr grausamer und sehr schmerzhafter Weg zu sterben. Ich denke, das kann nie wieder zugelassen werden, egal wo in der Welt. Ich sage das nicht nur weil ich ein japanischer Überlebender der Atombombe bin. Ich glaube, dass das Leute auf der ganzen Welt aussprechen müssen.

Originalfassung: Voice of Hibakusha .


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Weitere Zeugenberichte:

Veröffentlicht am

05. August 2005

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