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Deutsche Bahn: Armselige Einstellung zur eigenen Geschichte

Nach mehreren Medienberichten über das Bahnhofsgedenken vom 27. Januar 2005 und steigendem Zuspruch für eine Unterschriftenliste an die Deutsche Bahn AG befindet sich das Unternehmen auf dem Rückzug. Die Konzernleitung hatte die Ausstellung von Fotos und Dokumenten über die Todestransporte von 11.000 französischen Kindern, die auf dem deutschen Schienennetz der Ermordung zugeführt worden waren, auf sämtlichen Personenbahnhöfen der Bundesrepublik untersagt. Gegen das Verbot protestieren inzwischen über 200 Personen und Organisationen in einem “Offenen Brief”. 1

In der deutschen Presse heißt es, das Verhalten der DB AG offenbare eine “armselige” Einstellung zur eigenen Geschichte. Das Unternehmen müsse “Farbe bekennen”. Prof. em. Dr. Wolfgang Popp, einer der Initiatoren des “Offenen Briefes”, fordert in einem Interview mit der Redaktion von german-foreign-policy.com, die DB AG solle bis spätestens 8. Mai diesen Jahres ihre Bereitschaft zur bundesweiten Präsentation der Ausstellung über das Schicksal der 11.000 Kinder erklären.

Der 8. Mai sei ein beziehungsreiches Datum und deswegen geeignet, der DB AG die Dimension ihrer Entscheidung vor Augen zu führen, äußerte Dr. Popp in einem Pressegespräch mit german-foreign-policy.com. 2 Sollte das Unternehmen bis zu diesem Zeitpunkt an seiner Weigerung festhalten, müsse es mit zahlreichen örtlichen Aktivitäten rechnen, wie sie bereits am 27. Januar, dem Auschwitz-Gedenktag, bundesweit stattfanden. 3 Dr. Popp schlägt vor, die örtlichen Bürgerinitiativen, die das bisherige Bahnhofsgedenken mitgetragen haben, in die Ausstellungsvorbereitungen einzubeziehen. Dazu müsse die Bahn AG entsprechende Mittel bereitstellen, verlangt der emeritierte Professor der Universität Siegen. Ausstellungsorte könnten mehrere Durchgangsbahnhöfe der früheren Todestransporte sein, so u.a. Saarbrücken, Mannheim, Frankfurt am Main, Fulda, Apolda, Leipzig, Dresden und Görlitz. An “besonders prominenter Stelle” müssten die Fotos der Kinder, ihre Abschiedsbriefe und die begleitenden Dokumente in Berlin gezeigt werden.

Beschweigen

Der Forderung nach bundesweiter Information auf den Bahnhöfen der DB haben sich inzwischen über 200 Einzelpersönlichkeiten und Organisationen angeschlossen, darunter zahlreiche Zeichner aus dem Ausland, so Prof. Dr. Bernhelm Booss-Bavnbek (Roskilde/Dänemark); Duska Borovac-Knabe (Belgrad); Pavel Chabr (Praha); Dr. Roman Dietinger (Wien); Jean-Marc Dreyfus (Paris); Gérard Loiseaux (Morires/Frankreich); Dirk Michel (Jerusalem); Dr. Nima Mina (University of London); Heinz Moll (Prag); Helen Schwenken (La Jolla/USA); Prof. Therkel Straede (Odense/Dänemark) und Prof. Dr. Mark Webber (Co-Director, The Canadian Centre for German and European Studies, Toronto). 4 Die komplette Namensliste wurde der DB AG in der vergangenen Woche zugestellt. Das Unternehmen habe es bis heute nicht für nötig gehalten, auf die am 14. Januar begonnene Korrespondenz zu reagieren, teilen die Initiatoren des “Offenen Briefes” mit.

Ungeeignet

In einem Bericht der Saarbrücker Zeitung heißt es, der Vorsitzende der Synagogengemeinde Saar, Richard Borg, verlange von der DB AG, sie “müsse sich offensiv mit ihrer geerbten Geschichte beschäftigen”, statt die Ausstellung in einem Nürnberger Bahnmuseum “zu verstecken”. 5 Damit antwortet die Synagogengemeinde auf eine Behauptung der DB AG vom Vortag, wonach sich jüdische Repräsentanten den DB-Argumenten angeschlossen hätten und eine Ausstellung über das Schicksal der 11.000 Kinder auf den Publikumsbahnhöfen als “unwürdig” bezeichneten. Laut DB-Sprecher Klingberg sind Bahnhöfe nicht der geeignete “Rahmen, da die Dokumente im Umfeld von Konsum-Tempeln und Baustellen zu sehen wären”. 6 Die durchsichtige Schutzbehauptung der DB, dies sei auch die Meinung jüdischer Organisationen, erwies sich binnen 24 Stunden als unhaltbar.

Feige

Eine umgehende Recherche der Saarbrücker Zeitung ließ den Versuch der Inanspruchnahme israelitischer Repräsentanten scheitern. Am Samstag stellte sich heraus, dass die DB AG auf Rückendeckung nicht rechnen kann und offensichtlich wahrheitswidrig vorgegangen war. In einem Kommentar schreibt die Saarbrücker Zeitung, es sei “armselig, daß die Deutsche Bahn AG sogar Bahnhofsbaustellen als Entschuldigung anführt, nur um die Wanderausstellung von Fotos von Deportierten nicht an deutschen Bahnhöfen zeigen zu müssen”. Das Unternehmen zeichne sich durch Feigheit aus, heißt es weiter. Wie das Blatt berichtet, habe sich inzwischen auch der Zentralrat der Juden in Deutschland der Forderung nach bundesweiter Öffentlichkeit angeschlossen und empfehle die Präsentation der Deportations-Dokumente auf den Publikumsbahnhöfen der DB.

Aktivitäten

Die Initiatoren des “Offenen Briefes”, die das offensive Gedenken an die 11.000 ermordeten Kinder angestoßen hatten, bitten die örtlichen Initiativen in den früheren Durchgangsstädten der Todestransporte um Rückmeldung, damit die bevorstehenden Aktivitäten koordiniert werden können. Wo Initiativgruppen noch nicht bestehen oder Kontakte zu vermitteln sind, sollten sich Interessenten melden (Mail-Anfragen an die Initiatoren des “Offenen Briefes” unter elftausendkinder@web.de). Eine Zusammenfassung der bisherigen Nachrichten und Interviews über das Gedenken an die 11.000 Kinder bringt german-foreign-policy.com auf seiner ständig aktualisierten Sonderseite .

Anmerkungen:

1 Auf dem deutschen Schienennetz nach Auschwitz: elftausend Kinder

2 Interview mit Prof. em Dr. Wolfgang Popp

3 Siehe dazu Durchgesetzt

4 Liste der Zeichner

5 Zentralrat der Juden kritisiert Bahn AG; Saarbrücker Zeitung 28.01.2005

6 Bahn will Auschwitz-Ausstellung in Nürnberg zeigen; Saarbrücker Zeitung 27.01.2005

Quelle: german-foreign-policy.com vom 31.01.2005.

Veröffentlicht am

02. Februar 2005

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