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Wer beneidet Abu Mazen?

Abu Mazen hat sein Leben lang im Schatten Arafats gestanden. … Seit 1974 war er eng mit Arafats historischen Bemühungen verbunden, mit Israel eine politische Regelung zu treffen. Er war verantwortlich für die Kontakte mit israelischen Friedenskräften. 1983 traf ich ihn in Tunis das erste Mal. Ich werde nicht überrascht sein, wenn Abu Mazen als Präsident des werdenden palästinensischen Staates Talente und Eigenschaften entwickeln wird, die während der Arafat-Ära nie ihren eigenen Ausdruck fanden.

Von Uri Avnery, 15.1.05

Nun ist es offiziell: “Die erste Demokratie in der arabischen Welt” oder “die zweite Demokratie im Nahen Osten” wurde geboren. Die palästinensischen Wahlen haben die Welt beeindruckt. Wenn bis jetzt - falls überhaupt - in einem arabischen Lande Wahlen durchgeführt worden waren, gab es nur einen Kandidaten und der erhielt 99,62% der Stimmen. Hier jedoch waren 7 Kandidaten. Es gab eine aufregende Wahlkampagne und der Sieger erhielt nur 62%.

Die Wahrheit ist natürlich, dass die palästinensische Demokratie auch schon vorher existierte. Schon 1996 hielten die Palästinenser unter Kontrolle internationaler Beobachter eine Wahl für die Präsidentschaft und das Parlament. Yasser Arafat, der Führer des palästinensischen Befreiungskampfes, war nicht der einzige aufgestellte Kandidat; ein anderer Kandidat bzw. eine Kandidatin war Samiha Khalil, eine hochgeachtete Frau, die fast 10% Prozent der Stimmen einsammelte. Aber wegen der dominierenden Persönlichkeit Arafats, der ungenügenden Trennung zwischen einzelnen Teilen der Regierung und der schonungslosen israelischen Diffamierung von Arafat, erkannten viele Leute rund um die Welt die palästinensische Demokratie nicht an.

Nun hat sich die Situation verändert. Keiner kann das Beinahe-Wunder, das geschehen ist, leugnen: der glatte Übergang von der Arafat-Ära zur Ära seines Nachfolgers und die fairen Wahlen, die unter strenger internationaler Beobachtung stattfanden. Und am wichtigsten: die Demokratie wurde nicht von außen, nach Lust und Laune eines ausländischen Präsidenten übergestülpt - sie war von unten gewachsen. Und nicht unter normalen Umständen, sondern unter einer brutalen Okkupation. Die ganze Welt erkennt die palästinensische Demokratie an. Allein dies schafft eine neue politische Situation.

Viel hängt nun von der Persönlichkeit Abu Mazens ab. Er beginnt seinen Weg im Schatten seines großen Vorgängers. Diejenigen, die einem Gründungsvater folgen, haben anfangs immer ein Problem, wie die Erben Bismarcks oder Ben Gurions.

Denken wir nur an den Mann, der Gamal Abd-al-Nasser, dem Gründer des modernen Ägypten und dem Idol der ganzen arabischen Welt, folgte. Nachdem Nassar gestorben war, fragte ich meinen Freund Henry Curiel, was für ein Mensch dieser fast unbekannte Nachfolger wäre. Curiel, der die erste - vor allem jüdische - ägyptische kommunistische Partei gründete, hatte einen messerscharfen Verstand. Er hatte in Paris eine Art internationales Zentrum zur Hilfe für Befreiungsorganisationen in aller Welt geschaffen, während er enge Kontakte zu seiner Heimat aufrecht hielt. Seine Antwort war kurz und scharf: “Sadat ist ein Einfaltspinsel.”

Er war mit dieser Ansicht nicht allein. Die Ägypter erzählten gerne einen Witz über den dunklen Fleck auf Sadats Stirne: “Bei jedem Treffen des Komitees der Freien Offiziere (die damals das Land regierten), pflegte Nasser seine Kollegen zu bitten, ihre Meinung zu äußern. Einer nach dem anderen stand auf und sprach. Am Ende wollte auch Sadat aufstehen und seine Meinung sagen. Nasser legte seinen Finger auf seine Stirne und drückte ihn sanft wieder auf seinen Stuhl und sagte: “Ach, Anwar, setz dich!”

Doch nachdem er die Präsidentschaft angenommen hatte, versetzte Sadat die Welt in Staunen. Er sandte seine Armee über den Suez Kanal und erlangte den ersten bedeutenden Sieg über die israelische Armee. Sein Besuch in Jerusalem war ein brillanter Akt - ohne Präzedenzfall in der Geschichte. Niemals zuvor hatte das Oberhaupt eines Staates die Hauptstadt seines Feindes besucht, während sich beide noch im Kriegszustand befanden.

Abu Mazen hat sein Leben lang im Schatten Arafats gestanden. Er war kein militärischer Führer wie der hoch verehrte Abu-Jihad, der von Israel umgebracht worden war. Er hatte nicht das Kommando über die Sicherheitskräfte wie Abu-Iyad, der von Abu-Nidal umgebracht worden war. Seit 1974 war er eng mit Arafats historischen Bemühungen verbunden, mit Israel eine politische Regelung zu treffen. Er war verantwortlich für die Kontakte mit israelischen Friedenskräften. 1983 traf ich ihn in Tunis das erste Mal.

Ich werde nicht überrascht sein, wenn Abu Mazen als Präsident des werdenden palästinensischen Staates Talente und Eigenschaften entwickeln wird, die während der Arafat-Ära nie ihren eigenen Ausdruck fanden. Er könnte der palästinensische Sadat werden.

Natürlich ist Abu Mazen völlig anders als Sadat. Der ägyptische Führer hatte eine Begabung für Dramatik (wie Menachem Begin), er liebte große Gesten (wie Arafat). Abu Mazens Stil ist genau das Gegenteil.

Es gibt noch einen großen Unterschied. Sadat hatte die absolute Kontrolle über ein großes Land. Er konnte es sich leisten, andere Ansichten zu ignorieren. Abu Mazen kann sich eines solchen Luxus’ nicht erfreuen. Er bringt aber eine wertvolle Mitgift in sein Amt mit: seine (guten) Beziehungen zum Präsidenten der Vereinigten Staaten.

George Bush ist ein simpler Bursche. Einige Leute liebt er, andere hasst er - und dies entscheidet die Politik der größten Weltmacht. Er liebt Ariel Sharon und ist ihm fast hörig. Da er niemals in einer Schlacht gewesen ist, bewundert er den schlachtenreichen israelischen General. Sharon personifiziert für ihn den amerikanischen Mythos - die Ausrottung der Indianer und die Eroberung des Landes. Arafat andrerseits erinnerte ihn an einen Indianerhäuptling, dessen Sprache unverständlich und dessen Tricks für ihn teuflisch waren.

Als Bush Abu Mazen in Aqaba sah, eine respektable Person im Anzug eines Geschäftsmannes - ohne Bart und Keffiye - schätzte er ihn auf Anhieb. Deshalb gratulierte er ihm in dieser Woche und lud ihn ins Weiße Haus ein. Die Frage ist nun, ob Abu-Mazen seine Haltung schnell in politische Erfolge ummünzen kann.

Für Sharon stellt sich die Situation als schwieriges Dilemma dar. Seine natürliche Neigung wäre die, Abu-Mazen gegenüber dasselbe zu tun, was er Arafat gegenüber mit Erfolg tat: ihn zu dämonisieren und seine Verbindung nach Amerika zu kappen. Schon murmelt er über Abu-Mazens Unwilligkeit, die “Terrororganisationen” zu zerstören.

Aber Sharon weiß, dass er sich äußerst vorsichtig verhalten muss, um Bush ja nicht zu verärgern. Solange wie Bush Abu-Mazen OK findet, sollte Sharon nicht als derjenige angesehen werden, der ihn zugrunde richtet. Dies gibt Abu-Mazen auch eine Chance.

Was kann er also tun?

Seine erste Aufgabe wäre es, mit den Organisationen, die Abkommen mit Israel ablehnen, einig zu werden. Kein Führer kann nationale Politik treiben, solange bewaffnete Fraktionen in entgegengesetzter Richtung schießen. Ben Gurion war vor der Staatsgründung in ähnlicher Situation, als er sich der Irgun und der Sterngruppe gegenüber sah, die unabhängig handelten. Einmal versuchte er, sie in die vereinigte “Hebräische Aufstandsbewegung” einzubinden; ein anderes Mal übergab er ihre Kämpfer der britischen Polizei.

Man sollte sich aber auch daran erinnern, dass Ben Gurion die entscheidende Auseinandersetzung erst nach der Gründung des Staates Israel begann: er ließ das Irgunschiff Altalena versenken. Die beiden Organisationen wurden dann in die neue israelische Armee integriert.

Jeder, der sagt, dass Abu-Mazen bereit oder in der Lage sei, einen Bürgerkrieg gegen die Hamas zu beginnen, weiß nicht, wovon er spricht. Die palästinensische Öffentlichkeit würde es nicht dulden. Die meisten Palästinenser sind davon überzeugt, Sharon hätte ohne den palästinensischen bewaffneten Kampf nicht vom Rückzug aus dem Gazastreifen gesprochen. Sie sind zu einer Waffenruhe bereit, um Abu-Mazen eine Chance zu geben. Aber sie wollen nicht die Liquidierung der kämpfenden Organisationen, weil es notwendig sein könnte, den bewaffneten Kampf wieder aufzunehmen, wenn Abu Mazen die Amerikaner und die Israelis nicht davon überzeugen kann, die Palästinenser in die Lage zu versetzen, ihre nationalen Ziele zu verwirklichen.

Bei den Auseinandersetzungen mit Hamas bevorzugt Abu-Mazen - genau wie Arafat - eine Kombination von Verhandlungen, politischem Druck und der Mobilisierung der öffentlichen Meinung. Er wird die bewaffneten Fraktionen davon überzeugen müssen, die nationale Strategie zu akzeptieren, die von der Führung angenommen wird. Dafür wird er die Hamas in das politische System, der PLO und dem Parlament, einbinden müssen.

Der Angriff auf die Karni-Kreuzung in dieser Woche war eine Demonstration der Stärke durch die bewaffneten Fraktionen. Es war eine klassische Guerilla-Aktion, so wie vor kurzem die Zerstörung des Armeepostens an der “Philadelphi-Achse”. Die Organisationen wollen beweisen, dass sie nicht besiegt worden sind, sondern mit der israelischen Armee viel mehr ein Unentschieden erreicht haben. Wenn es zu einer Waffenruhe kommt, dann wird es von ihrer Seite aus nicht als Schwäche angesehen werden - so wie der Yom-Kippurkrieg dem ägyptisch-israelischen Frieden und der Hisbollahkrieg dem Rückzug aus dem Libanon vorausgegangen war.

Falls Abu Mazen eine Waffenruhe erreicht, wird er sich seiner Hauptaufgabe widmen können: Israel und die öffentliche Meinung für sich zu gewinnen und die Politik der Vereinigten Staaten zu ändern.

Sadat gelang beides. Aber Sadat hatte es mit Menachem Begin zu tun, der bereit war, das ägyptische Territorium aufzugeben, um den Kampf gegen die Palästinenser fortzuführen und die Schaffung eines palästinensischen Staates zu verhindern. Auch Sharon ist gegen die Schaffung eines palästinensischen Staates auf der ganzen Westbank und im Gazastreifen mit seiner Hauptstadt Ost-Jerusalem. Aber Abu-Mazen kann und will - wie Arafat - nicht mit weniger als diesem jetzt geheiligten Ziel zufrieden sein.

Da gibt es noch einen anderen großen Unterschied zwischen Sadat und Abu-Mazen: Sadat kam nach Jerusalem erst, nachdem ihm im Geheimen zugesichert worden war, dass Begin bereit war, den ganzen Sinai zurückzugeben. Sharon dagegen hat Abu-Mazen gar nichts versprochen.

Abu Mazen wurde heute in sein Amt vereidigt. Viele hoffen, dass er Erfolg haben wird - nur wenige beneiden ihn.

Quelle: www.uri-avnery.de vom 16.01.2005. Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert.

Veröffentlicht am

17. Januar 2005

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