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Vor 40 Jahren: Verleihung des Friedensnobelpreises an Martin Luther King

Am 10. Dezember 1964 erhielt Martin Luther King den Friedensnobelpreis. Er ist der zwölfte Amerikaner, der dritte Schwarze und mit 35 Jahren der bislang jüngste Empfänger dieses Preises.

In der Laudatio hieß es unter anderem: “Dr. King ist es gelungen, seine Anhänger auf den Grundsatz der Gewaltlosigkeit zu verpflichten…. Ohne Dr. Kings erfolgreiche Bemühungen um dieses Prinzip hätten Demonstrationen und Märsche leicht zu Gewalttätigkeiten führen und mit Blutvergießen enden können.”

Es war damals für Martin Luther King selbstverständlich, den gesamten mit dem Friedensnobelpreis verbundene Geldsumme von 54.000 Dollar der Bürgerrechtsbewegung in den USA zur Verfügung zu stellen.

Nachdem das Nobelpreiskomitee Mitte Oktober 1964 seine Entscheidung bekannt gegeben hatte, wurde King sofort mit Gratulationen aus der ganzen Welt überschüttet. Während seines Aufenthaltes in Europa zur Preisverleihung fand er von allen Seiten Zuspruch, Aufmerksamkeit und freudige Anerkennung. Bezeichnend für die Atmosphäre in seiner Heimat war aber, dass bei den Feierlichkeiten, die ihm zu Ehren in Europa veranstaltet wurden, kein einziger Botschafter der Vereinigten Staaten anwesend war.

Insbesondere die amerikanische Bundeskriminalpolizei FBI schürte die Feindseligkeit gegen M.L. King. (Ausführlich hierzu >> “Die Hinrichtung des Martin Luther King” von William F. Pepper). Der Direktor des FBI, J. Edgar Hoover, bezeichnete King auf einer Pressekonferenz im November 1964 als “größten Lügner des Landes”. Bereits seit geraumer Zeit verfolgte das FBI das Ziel, “King als erfolgreichen Schwarzenführer zu neutralisieren” (Abschlussbericht des House Select Committee über das Attentat auf King). Während Kings Reisen wurden in seinen Hotelzimmern Mikrofone angebracht, um “Beweise” für außereheliche sexuelle Abenteuer aufzuschnappen. Damit, so das Ziel, wollte man seinen Ruf schädigen oder ihn gar erpressen. Es wurden tausende von Stunden an Tonbandmaterial gespeichert. Kurz vor der Entgegennahme des Friedensnobelpreises Ende 1964 wurde King vom FBI schließlich zum Selbstmord aufgefordert. “King, du bist fertig. Es gibt nur noch einen Ausweg für dich.” Dieser Botschaft war eine Tonbandaufnahme aus einem Hotelzimmer beigelegt, mit der King wegen sexueller Ausschweifungen öffentlich kompromittiert werden sollte.

Doch von diesen Gerüchten wollte niemand wissen. Am 10. Dezember 1964 wurde M. L. King dann in der Aula der Universität von Oslo der Friedensnobelpreis von König Olaf V. von Norwegen übergegeben und hielt dabei die nachfolgend abgedruckte Dankesrede.

Michael Schmid


Wir werden überwinden

Rede von Martin Luther King anläßlich der Entgegennahme des Friedensnobelpreises am 10. Dezember 1964 1

Eure Majestät, Eure Königliche Hoheit, Herr Präsident, Exzellenzen, meine Damen und Herren!

Ich nehme den Friedensnobelpreis zu einem Zeitpunkt entgegen, an dem 22 Millionen Neger 2 in den USA in einen schöpferischen Kampf verwickelt sind, um die lange Nacht rassischer Ungerechtigkeit zu beenden. Ich nehme diesen Preis im Namen einer Bürgerrechtsbewegung entgegen, die entschlossen und mit großartiger Verachtung von Risiko und Gefahr aufgebrochen ist, ein Reich der Freiheit und eine Herrschaft der Gerechtigkeit aufzurichten.

Ich bin mir bewußt, daß erst gestern in Birmingham in Alabama der Ruf unserer Kinder nach brüderlicher Gemeinschaft mit Wasserwerfern und knurrenden Hunden, ja sogar mit dem Tod beantwortet wurde. Ich bin mir bewußt, daß erst gestern in Philadelphia in Mississippi junge Leute, die das Stimmrecht erlangen wollten, brutal mißhandelt und ermordet wurden.

Ich bin mir bewußt, daß schwächende und quälende Armut mein Volk plagt und es an der niedrigsten Stufe der wirtschaftlichen Leiter festkettet.

Deshalb muß ich die Frage stellen, warum dieser Preis einer Bewegung verliehen wird, die belagert ist und sich einem unnachgiebigen Kampf verpflichtet hat, einer Bewegung, die noch nicht den wahren Frieden und die brüderliche Gemeinschaft gewonnen hat, die den Sinn des Nobelpreises ausmachen.

Wenn ich genauer darüber nachdenke, komme ich zu dem Schluß, daß dieser Preis, den ich im Namen jener Bewegung empfangen habe, nachdrücklich anerkennt, daß Gewaltlosigkeit die Antwort auf die entscheidende politische und moralische Frage unserer Zeit ist - die Notwendigkeit, daß der Mensch Unterdrückung und Gewalt überwindet, ohne zu Gewalt und Unterdrückung Zuflucht zu nehmen.

Zivilisation und Gewalt sind gegensätzliche Begriffe. Neger in den USA haben - dem indischen Volk nachfolgend - bewiesen, daß Gewaltlosigkeit nicht sterile Passivität bedeutet, sondern eine machtvolle moralische Kraft darstellt, die zu gesellschaftlichen Veränderungen führt. Früher oder später müssen alle Menschen der Welt einen Weg finden, in Frieden zusammenzuleben, um dadurch dieses über uns schwebende kosmische Klagelied in einen schöpferischen Psalm der Brüderlichkeit zu verwandeln.

Wenn das erreicht werden soll, muß der Mensch für alle menschlichen Konflikte eine Methode entwickeln, die Rache, Aggression und Vergeltung vermeidet. Die Grundlage einer solchen Methode ist die Liebe.

Der gewundene Weg, der von Montgomery in Alabama nach Oslo führte, bezeugt diese Wahrheit. Dies ist der Weg, auf dem Millionen Neger sich bewegen, um ein neues Gefühl der Würde zu finden. Derselbe Weg hat für alle Amerikaner eine neue Ära des Fortschritts und der Hoffnung eröffnet. Er hat zu einer neuen Bürgerrechtsgesetzgebung geführt, und er wird nach meiner Überzeugung verbreitert und verlängert werden zu einer Schnellstraße der Gerechtigkeit, indem Neger und Weiße in zunehmender Zahl Bündnisse eingehen, um ihre gemeinsamen Probleme zu bewältigen.

Ich nehme heute diese Auszeichnung entgegen mit einem festen Glauben an Amerika und einem kühnen Glauben an die Zukunft der Menschheit. Ich weigere mich, zu glauben, daß der “Ist-Zustand” der gegenwärtigen Natur des Menschen ihn moralisch unfähig macht, sich nach dem ewigen “Soll-Zustand” auszustrecken, mit dem er immer wieder konfrontiert ist.

Ich weigere mich zu glauben, der Mensch sei lediglich treibendes Wrack- und Strandgut im Strom des Lebens, der ihn umgibt. Ich weigere mich, die Ansicht zu übernehmen, die Menschheit sei so tragisch der sternenlosen Mitternacht des Rassismus und des Krieges verhaftet, daß der helle Tagesanbruch des Friedens und der Brüderlichkeit nie Wirklichkeit werden könne.

Ich weigere mich, die zynische Meinung zu übernehmen, eine Nation nach der andern müsse eine militaristische Stufenleiter hinabsteigen bis in die Hölle thermonuklearer Vernichtung. Ich glaube, daß unbewaffnete Wahrheit und bedingungslose Liebe das letzte Wort in der Wirklichkeit haben werden. Das ist der Grund, warum Recht, auch wenn es vorübergehend unterliegt, stärker ist als triumphierendes Böses.

Ich glaube, daß es inmitten der heulenden Geschosse und Granatenexplosionen unserer Tage Hoffnung gibt für ein helleres Morgen. Ich glaube, daß verwundete Gerechtigkeit, die auf den bluttriefenden Straßen unserer Nation hingestreckt ist, aus dem Staub der Schande emporgehoben werden kann, um über alle Menschenkinder zu herrschen.

Ich besitze die Kühnheit zu glauben, daß Völker allerorten täglich drei Mahlzeiten für ihren Körper, Erziehung und Kultur für ihren Verstand und Würde, Gleichheit und Freiheit für ihren Geist haben können. Ich glaube, daß auf den anderen ausgerichtete Menschen wiederaufbauen können, was auf sich selbst ausgerichtete Menschen zerstört haben. Ich glaube immer noch, daß die Menschheit sich eines Tages Gottes Altären beugen wird und mit dem Triumph über Krieg und Blutvergießen gekrönt werden wird und gewaltloser, erlösender guter Wille seine Herrschaft über das Land ausrufen wird. “Und der Löwe und das Lamm werden einträchtig beieinander lagern. Und ein jeder wird unter seinem Weinstock und Feigenbaum wohnen, und niemand wird sie schrecken.” Ich glaube immer noch, daß wir überwinden werden.

Dieser Glaube kann uns den Mut verleihen, den Unsicherheiten der Zukunft ins Angesicht zu sehen. Er wird unseren müden Füßen neue Kraft geben, wenn wir weiter auf die Stadt der Freiheit zuschreiten. Wenn unsere Tage durch tiefhängende Wolken traurig und unsere Nächte dunkler als tausend Mitternächte werden, dann wissen wir, daß wir in dem schöpferischen Aufruhr leben, in dem eine echte Kultur unter Kämpfen geboren wird.

Heute komme ich nach Oslo als ein Treuhänder, begeistert und mit neuer Hingabe an die Sache der Menschlichkeit. Ich nehme diesen Preis entgegen im Namen aller Menschen, die Frieden und Brüderlichkeit lieben. Ich sage, ich komme als ein Treuhänder, denn in der Tiefe meines Herzens bin ich mir bewußt, daß diese Auszeichnung viel mehr ist als eine Ehrung für mich persönlich.

Jedesmal, wenn ich fliege, denke ich an die vielen Menschen, die eine glückliche Reise ermöglichen: die Piloten, die man kennt, und das Bodenpersonal, das man nicht kennt.

So ehren Sie die hingebungsvollen Piloten unseres Kampfes, die im Leitwerk saßen, als sich die Freiheitsbewegung in ihre Bahn erhob. Sie ehren noch einmal Häuptling Luthuli aus Südafrika, dessen Kampf mit seinem Volk und für sein Volk immer noch mit den brutalsten Formen der Unmenschlichkeit des Menschen gegen den Menschen beantwortet wird.

Sie ehren das Bodenpersonal, ohne dessen Anstrengungen und Opfer die Flugzeuge der Freiheit nie hätten vom Boden abheben können. Die meisten dieser Menschen werden nie Schlagzeilen machen, und ihre Namen werden nicht im “Who’s Who” erscheinen. Aber wenn die Jahre vergangen sind und das leuchtende Licht der Wahrheit auf dieses wunderbare Zeitalter fällt, in dem wir leben, werden Männer und Frauen wissen und Kinder gelehrt werden, daß wir ein schöneres Land, ein besseres Volk und eine edlere Kultur haben, weil diese demütigen Kinder Gottes bereit waren, um der Rechtschaffenheit willen zu leiden.

Ich glaube, Alfred Nobel wüßte, was ich meine, wenn ich sage: Ich nehme diesen Preis entgegen im Geist eines Verwalters eines kostbaren Erbes, das er verwahrt für seine wahren Besitzer, für alle, denen Schönheit Wahrheit ist und Wahrheit Schönheit und in deren Augen die Schönheit wahrer Brüderlichkeit und wahren Friedens kostbarer ist als Diamanten oder Silber oder Gold.

Quellenvermerk: © Gütersloher Verlagshaus GmbH, Gütersloh. Wir danken dem Verlag für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung dieser Rede

Anmerkungen:

1 Aus: Martin Luther King: Schöpferischer Widerstand. Hrsg. von Heinrich W. Grosse. Gütersloher Verlagshaus, 1985.

2 Die Bezeichnung “Neger” war bis weit in die 60er Jahre hinein geläufig. King selber benutzte sie. Dann lehnten Schwarze diesen Begriff ab, weil er diskriminierend ist. Sie bezeichneten sich zunächst als “Schwarze”. Seit einigen Jahren beziehen sie sich viel stärker auf ihre Wurzeln und reden von African-Americans.

Veröffentlicht am

10. Dezember 2004

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