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Nur eine kranke Gesellschaft demütigt und schikaniert sterbende Patienten

Von Gideon Levy - Ha’ aretz / ZNet 29.09.2004

Eine von neun Frauen erkrankt an Brustkrebs. Einige Ärzte glauben sogar, die statistische Realität sähe inzwischen noch düsterer aus, und es sei eine von acht. Besonders aggressiv verläuft der Krebs bei jüngeren Frauen; der ursprüngliche Tumor bildet rasch Metastasen - in Leber, Lunge, Knochen und Gehirn. Was gibt es für eine junge Frau wohl Schrecklicheres, als an einem Krebs mit geringen Heilungschancen zu erkranken? Aber anscheinend geht es noch schlimmer - falls es sich bei der jungen Frau nämlich um eine krebskranke Palästinenserin mit geringen Heilungschancen handelt.

Seit zehn Tagen versucht F., eine 28jährige Frau aus Gaza, ins (israelische) Sheba Medical Center in Tel Hashomer zu gelangen - zu einer dringend nötigen Chemotherapie in der Onkologischen Abteilung. Was sie in diesen zehn schrecklichen Tagen durchmachte, ist eine unglaubliche Geschichte - selbst für jemanden, der sich mit schrecklichen Geschichten auskennt. Die Realität übertrifft selbst die wildesten Vorstellungen.

F. wird seit Monaten in der Onkologie des Sheba-Hospitals behandelt: Sie wurde zweimal operiert, bekam Bestrahlung und Chemotherapie. In Gaza gibt es keine einzige Onkologie, und eine Behandlung in Ägypten wird ihr verweigert; F. ist zudem eine von mehreren zehntausend Palästinensern, denen Israel eine Ausweiskarte vorenthält - da sie ganz zu Beginn der Okkupation nicht in den besetzten Gebieten lebten. Ohne Papiere und ohne Behandlungsmöglichkeiten in Gaza ist F. somit ganz vom Wohlwollen der Israelis abhängig.

Vor rund zwei Monaten wurde F. für mehrere Wochen stationär ins Sheba aufgenommen. Sie bekam das Chemotherapeutikum Taxol in die Vene gespritzt. Ihr Leidensdruck verringerte sich enorm. Im Krankenhaus war man ihr mit einer bewundernswerten Haltung begegnet, und jeder um sie herum mochte F.. Die meiste Zeit, die sie in der Klinik verbrachte, hatte Israel verhindert, daß Angehörige an ihrer Seite sein konnten. Nach den Operationen und während der Strahlentherapie war F. die meiste Zeit auf sich allein gestellt. Eine handvoll israelischer Frauen, darunter eine Aktivistin von ‘Ärzte für Menschenrechte-Israel’ (PHRI), versuchten, ihr die Einsamkeit und das Leiden so erträglich wie möglich zu machen.

Bei jedem Grenzübertritt nach Israel kam es zu Schikanen und Demütigungen. Einmal verlangte man von ihrem Vater 30 000 Schekel (etwa 5500 Euro) zu hinterlegen, damit er F. begleiten konnte. Am 14. September sollte F. zurück ins Sheba-Hospital - zur Fortsetzung der Behandlung. Aber aufgrund einer Abriegelung wurde der Antrag abgelehnt. Ihr wurde eine Genehmigung für den 19. September versprochen.

F.’s Zustand verschlechterte sich, sie bekam immer stärkere Schmerzen und atmete schwer. Also nahm sie Kontakt zur Ärztevereinigung auf, flehte um die Erlaubnis, in die Klinik zu dürfen. Das Sheba teilte ihr mit, sie solle so bald es ging kommen. Am 14. September wandte sich PHRI mit der Bitte um einen Passierschein an die humanitäre Hotline der ‘Liaison and Coordination Administration’. Dieser traf erst am folgenden Tag ein - gegen 18 Uhr. Er galt nur für diesen Tag, eine Begleitperson war nicht vorgesehen. Weil es schon spät war, war F. nicht mehr in der Lage, allein zu reisen, und am nächsten Tag war der Passierschein nicht mehr gültig. Bei der PHRI beschloß man, bis Sonntag abzuwarten - für diesen Tag war ja ein Passierschein in Aussicht gestellt. Aber auch am Sonntag traf der Schein erst gegen Abend ein. Wie sich herausstellte, mußte ein neuer Antrag gestellt werden. Am Montag kam es auf palästinensischer Seite zu Verzögerungen. Die medizinischen Unterlagen wurden verspätet eingereicht. Also hatte F. auch am Montag keine Chance.

Am letzten Dienstag um 15 Uhr 30 klingelte das Telefon: Die Patientin und ihre Mutter erhielten die Einreiseerlaubnis. Also begaben sich F. und ihre Mutter an die Straßensperre. Stundenlang saß F. geschwächt am Boden und wartete. Schließlich hieß es, sie müsse durch den Metalldetektor. Die (israelischen) Soldaten riefen ihr aus einiger Entfernung zu, sie habe “irgendetwas in ihrer Brust” und befahlen ihr, sich vor ihnen auszuziehen. Als sie bis auf die Unterwäsche nackt war, brach ihre Mutter beim Anblick der gedemütigten kranken Tochter in Tränen aus; die Soldaten schimpften, sie solle ruhig sein. Schließlich kam ein Offizier, der die Soldaten rügte und der F. befahl, sich sofort wieder anzuziehen. F. ist brustamputiert.

Gegen 20 Uhr informierte die ‘Liaison and Coordination Administration’ die PHRI, es gäbe da “ein Sicherheitsproblem” mit F.. Die Soldaten an der Straßensperre vermuteten, sie transportiere an ihrer Brust Explosivstoffe. Aus irgendeinem Grund hatten sie sie jedoch nicht verhaftet, sondern nach Hause geschickt. Allem Anschein nach hatte der Metalldetektor auf die Brustprothese reagiert.

Damit setzte ein Danse Macabre ein, dessen Ende noch nicht absehbar ist. Der Knessetabgeordnete Yossi Sarid (Yahad), einer der wenigen Abgeordneten, die sich der Sache annehmen und versuchen zu helfen, kontaktierte noch am selben Abend das Büro des Verteidigungsministers. Dort wurde nach Dokumenten bezüglich der Brustprothese gefragt. Ein Berater des Verteidigungsministers rief bei Dr. Danny Rosen an, der F. gut kennt. Dieser Berater wollte wissen, welche Materialien F. am Körper trägt. Zudem verlangte das Büro von F. - handschriftlich - die Versicherung, in Zukunft nur noch ohne Brustprothese an der Straßensperre zu erscheinen. Sie gab diese Garantie. Die Tage verstrichen. Noch ein Telefonat, noch ein leeres Formular - und F. sitzt weiter in Gaza fest. Ihr Leiden verschlimmert sich, ihre Chancen sinken.

Der Sprecher der israelischen Armee (IDF): “Angesichts des mehrmaligen Versuchs von Terroristen, unter Vortäuschung einer notwendigen medizinischen Behandlung nach Israel zu gelangen, muß die IDF besondere Vorsicht walten lassen, wenn jemand den Securitycheck nicht besteht - selbst wenn er im Besitz der richtigen medizinischen Dokumente ist. Der Behauptung, die Soldaten am Übergang hätten sich (in diesem Fall) nicht angemessen verhalten, wurde nachgegangen, sie wurde für nicht stichhaltig befunden. Dennoch, die Eingabe wird auf höherer Kommandoebene weiter bearbeitet”.

Keine Bedrohung durch Selbstmordattentäter kann ein solches Verhalten rechtfertigen. Wir sind in der Lage, uns gegen weibliche Terroristen zu verteidigen, auch ohne zu Unmenschen zu werden. Dabei ist F.’s Fall durchaus kein Einzelfall - wenngleich er einige besonders schockierende Details aufweist -, hunderte palästinensische Patienten befinden sich in einer ähnlichen Lage. Die Ungerechtigkeiten (ihnen gegenüber) werden stets mit Sicherheitsbelangen entschuldigt. Der Terror existiert; jeder befolgt nur seine Befehle und handelt nach Lehrbuch. Aber ein Lehrbuch, das einem beibringt, sterbenden Patienten die medizinische Behandlung zu verweigern, sie zu schikanieren und zu demütigen, ist ein Buch des Bösen. Und eine Gesellschaft, in der nur der Metalldetektor zählt, ist eine kranke Gesellschaft.

Quelle: ZNet Deutschland vom 03.10.2004. Übersetzt von: Andrea Noll. Orginalartikel: “It is a sick society that harasses, humiliates dying patients”

Veröffentlicht am

09. Oktober 2004

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