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“Am Anfang waren es die Gesichter von Feinden…” - Palästinensische Schülerin erhielt Stuttgarter Friedenspreis

Bei der “FriedensGala” am 25. September 2004 im Stuttgarter Theaterhaus wurde der diesjährige Stuttgarter Friedenspreis des Bürgerprojekts “AnStifter” vergeben. Preisträgerin des mit 5.000 EUR dotierten Preises ist die palästinensische Schülerin Lama Tarayra aus Ost-Jerusalem. Bundestagspräsident Wolfgang Thierse hat der Friedensgala ein Grußwort geschickt und das Bürgerprojekt zu seiner Initiative “Stuttgarter Friedenspreis” beglückwünscht. “Die 100 ‘AnStifter’ haben eine gute Entscheidung getroffen. Ich gratuliere Lama Tarayra herzlich und hoffe, dass diese Auszeichnung möglichst viele Menschen ermutigt, ihrem Beispiel zu folgen und Gräben zuzuschütten, Brücken zu bauen und an der gemeinsamen Zukunft von Israelis und Palästinensern zu arbeiten,” heisst es in dem Grußwort.

Der Hannoveraner Sozialphilosoph Prof. Dr. Oskar Negt sprach bei der Friedensgala im Stuttgarter Theaterhaus über Zivilcourage und Gerechtigkeit und würdigte damit gleichzeitig die diesjährige Friedenspreisträgerin Lama Tarayra. Die 18jährige Palästinenserin lebt mit ihren Eltern und fünf Geschwistern in Ost-Jerusalem auf dem Ölberg. Sie besucht das Schmidt’s Girls College in Jerusalem und hat dort soeben mit dem jordanischen Abitur graduiert.

“Am Anfang waren es die Gesichter von Feinden…” - Palästinensische Schülerin erhielt Stuttgarter Friedenspreis

Rede von Lama Tarayra anlässlich der Verleihung des Stuttgarter Friedenspreises 2004 des Bürgerprojekts Die AnStifter 1

Samstag, 25. September 2004

Ladies and Gentlemen, meine Damen und Herren!

Ich bin sehr dankbar, daß mir die Gelegenheit gegeben wird, einen der schönsten Momente meines Lebens mit Ihnen allen zu teilen. Ich habe immer davon geträumt, solch einen Augenblick wie die Verleihung des Stuttgarter Friedenspreis zu erleben. Und wenn ich hier so stehe, auf dieser Bühne, empfinde ich vor allem große Dankbarkeit. Ich danke Ihnen allen, daß Sie verstehen, wieviel es mir bedeutet, zu wissen, daß ich bei all meinen Aktionen unterstützt werde und daß ich nicht allein bin in Zeiten, in denen ich mich von allen verlassen fühle.

Ich verbrachte 18 Jahre meines Lebens in einem Land mit zwei Nationen, einem Land mit zwei Völkern, und ich lebe auf einem Boden, um den sich zwei Feinde streiten. Achtzehn Jahre voller Angst, Schmerz und Qual. Ich habe mich niemals sicher gefühlt, ich habe mich nie glücklich gefühlt und ich wußte nie, ob es mir erlaubt war zu leben.

Ich war erst ein Jahr alt, als der erste Aufstand begann. Mit drei Jahren mußte ich lernen, daß ein Israeli ein Feind ist, ich lernte das in der Schule, auf der Straße, in meiner Umgebung und bei mir zuhause. Als ich sechs Jahre alt war, begann der erste Golfkrieg. Damals lernte ich, meinen Schwestern dabei zu helfen, ihre Gasmasken aufzusetzen, bevor sie mir meine aufsetzten. Damals lernte ich, sie fest bei der Hand zu halten, ihre Tränen abzuwischen und ihnen zu sagen, daß alles gut werden würde.

2000 begann der zweite Aufstand, ein weiterer Kreislauf mit Tränen, Blut, Verlust und Schmerz. Ein weiterer Kreislauf mit Angst und unklen Tagen. Ich verlor meinen Onkel, zwei meiner Vettern und viele Freunde. Ich werde sie nie wieder sehen, werde sie nie wieder in den Arm nehmen können. Ich verlor meine Kindheit, ich verlor die Gegenwart und ich verlor Sinn und Bedeutung meines Lebens.

Als der Alltag in dieser Region so schwierig wurde, daß ich es nicht mehr aushalten konnte, begann ich nach Lösungen zu suchen. Ich begann mich zu fragen, wo auf dieser Welt ich die Möglichkeit zu leben erhalten könnte. Mein einziger Wunsch war: In Frieden und Freiheit zu leben, frei von diesem Teufelskreis aus Haß und Aggression. Ich wurde mir schmerzlich bewußt, daß ich nur eine Lösung finden konnte: Wenn es mir gelang, die vielen Betonwände in meinem eigenen Land niederzureißen, die von starken Händen und mit großen Werkzeugen errichtet worden waren.

Für mich war die Zeit gekommen, meine eigene Gesellschaft in Frage zu stellen, meine Freunde, mein Leben und mich selbst. Für mich war die Zeit gekommen, Antworten zu finden und einen neuen Weg der Liebe und des Verstehens zu errichten, auf dem ich und andere gehen konnten. In New Jersey (USA.), im Lager “Building Bridges for Peace” [Brücken bauen für den Frieden], das von der Gesellschaft “Auf der Suche nach einer gemeinsamen Grundlage” organisiert wird, traf ich die andere Seite. Am Anfang waren es die Gesichter von Feinden, zwei Wochen später hielt ich das Herz von guten Freunden in meinen Händen. Ich lebte mit ihnen, aß mit ihnen, spielte, stritt, lachte und weinte mit ihnen.

Ich teilte mit ihnen meine Geschichte, meinen Schmerz, sie teilten mit mir ihre Gefühle, ihre Tränen. Die Mädchen im Lager, sowohl Araberinnen als auch Israelinnen, wurden ein Teil von mir, meines Wesens, meiner Seele. Je mehr ich ihnen zuhörte, desto mehr bewunderte ich ihren Mut, den Pfad des Friedens und des Verstehens einzuschlagen, obwohl sie in einer Generation aufwuchsen, die über 60 Jahre lang viele Kriege, den Holocaust und Hunderte von Massakern erleiden mußte. Im Lager wurde mir bewußt, daß ein Feind jemand ist, dessen Geschichte wir nicht kennen, und daß es keinen Frieden geben wird, wenn wir die andere Seite nicht kennenlernen wollen.

Die Teilnehmerinnen bei “Bridges for Peace” werden jedes Jahr mehr, sie arbeiten Hand in Hand an einem Netzwerk der Hoffnung und in ihren Händen tragen sie den Schlüssel für die Zukunft einer Nation. Wir tragen die Verantwortung für die Erschaffung einer Welt, in der Nachbarn als Nachbarn zusammenleben können, unabhängig von allen Unterschieden in Religion und Kultur. Als Teil dieser Bewegung wurde mir bewußt, daß ich die Veränderung, die ich in der Welt gern sähe, in mir selbst trage, daß ich die Kerze bin, die das Leben anderer Menschen erleuchten kann anstatt nur nach Licht in meinem eigenen Leben zu suchen, und daß man in der schwärzesten Nacht die Strahlen des Mondes entdecken kann, wenn man nur eine kleine Weile nach ihnen sucht.

In diesem Jahr kehrte ich zu “Building Bridges for Peace” zurück und absolvierte dort eine Ausbildung zur Leiterin, um mit Freuden dazu beizutragen, daß immer mehr Samen zu einem Baum des Friedens wachsen. Ein Baum, der nie seine Blätter verliert.

Am Schluß möchte ich meinen Eltern danken, daß sie mir erlaubt haben, meinen eigenen Weg zu gehen und daß sie mir die Freiheit der Entscheidung gelassen haben. Ich möchte Ihnen danken, daß sie mich unterstützt haben und mir immer zur Seite standen. Ich möchte Peter Grohmann danken, der so viel dafür getan hat, daß ich heute hier sein kann.

Ich möchte “Building Bridges for Peace” in der Person von Melodye Feldman danken, die mir die Augen geöffnet hat für eine Welt, die ich vorher nicht kannte. Ein großes Dankeschön geht an die beste Lehrerin von allen, Margret Greiner, die mich auf all meinen Wegen an der Hand genommen und darauf geachtet hat, daß ich nicht fiel, und immer gesagt hat, daß ich es schaffe. Ich danke Ihnen, daß Sie mich ermutigen, auf diesem Weg weiterzugehen und daß Sie mir die Gewißheit geben, daß wir unsere Zukunft niemals auf Gewalt aufbauen können, daß Friede ein Ziel ist, für das sich unser Einsatz lohnt. DANKE!

Anmerkung:

1 Übersetzt von Eberhard Kögel, Stetten im Remstal

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Aus der Begründung der Jury:

“In einem Umfeld, das seit Beginn der zweiten Intifada im September 2000 geprägt ist von Hass und Gewalt gegen die Okkupation Israels, tritt diese junge palästinensische Frau seit drei Jahren sehr mutig und unbeirrbar für eine friedliche Lösung des Konfliktes ein.

Obgleich ihr Vater während der ersten Intifada als palästinensischer Widerstandkämpfer vier Jahre in israelischen Gefängnissen gesessen hat, schwört sie allen Gedanken an Rache und Vergeltung ab. Sie ist eine palästinensische Patriotin, sie sehnt sich nach der Unabhängigkeit und Freiheit ihres Landes von der israelischen Besatzung, aber sie tritt vehement dafür ein, dieses Ziel mit der Macht des Wortes zu verfolgen. Ausdrücklich verurteilt sie palästinensische Bombenattentäter

“Ich weine, wenn ein Kind getötet wird, und für mich spielt es keine Rolle, ob dieses Kind ein israelisches oder ein palästinensisches Kind ist.”

Für ihre Überzeugungen nimmt Lama Tarayra erhebliche Nachteile in Kauf. Ihre Freundinnen wenden sich von ihr ab. Sie wird mehr und mehr isoliert. In einer hochfanatisierten Atmosphäre gelten ihre Gedanken als Kollaboration mit dem Feind. Seit sie an einem Friedenscamp mit Israelis in den USA teilgenommen hat (Organisator war “Building Bridges for Peace”) pflegt sie Kontakte mit gleichaltrigen israelischen Mädchen und versucht mit ihnen einen Netzwerk auszubauen, das die Achtung der Nachbarn voreinander fördern soll als Voraussetzung einer friedlichen Lösung des Konflikts zwischen Israel und Palästina.

Lama Tarayra vermittelt durch ihre Haltung, durch ihr Handeln Hoffnung - Hoffnung, dass auch in einer ausweglos erscheinenden politischen Lage der aufrechte Gang möglich ist. Sie verkörpert die Bereitschaft, konstruktiv und unter ausdrücklicher Absage an Gewalt für die Zukunft ihres Volkes und ein friedliches Zusammenleben der Palästinenser und der Israelis einzutreten.”

Veröffentlicht am

29. September 2004

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