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Kein Interesse für den “Anderen”?

Gerade wir Deutschen dürfen aufgrund unserer Geschichte die mit den Begriffen “Holocaust” und “Antisemitismus” verbundenen Verbrechen nicht verharmlosen. Dass sich das damit verbundene Denken auch negativ, trennend, ausgrenzend auswirken kann, meint jedenfalls die Israelin Dorothy Naor. Im Nachdenken über die Rolle des Holocausts anhand einer Buchbesprechung entstand ihr interessanter Kommentar zu den Begriffen “Antisemitismus” und “Holocaust”.

Von Dorothy Naor, Israel

Worte wie “Holocaust” erinnern mich an einen alten Witz, den eine katholische Freundin erzählt hat, als sie zu Schülern über Rassismus sprach: “Eine neue Seele war von Petrus willkommen geheißen und dann auf einen Rundgang durch die himmlischen Gefilde geführt. Sie war stark beeindruckt durch die vielen Wunder, die offen vor ihrem Blick sah, staunte aber, als sie an eine hohe Mauer kam. “Was verbirgt sich denn dahinter?” fragte sie ihren Führer. “Das sind die Katholiken”, antwortete er. “Sie glauben, sie wären alleine hier, und wir wollen sie nicht kränken.”

Das Denken hinter Ausdrücken wie “Holocaust” und “Antisemitismus” sind trennend und sektiererisch; sie konzentrieren die Aufmerksamkeit auf eine einzelne Gruppe und lenken so ab von der größeren Wirklichkeit.

Natürlich haben die Juden gelitten. Aber auch andere Völker, im Lauf der Geschichte - Chinese, Schwarze, eingeborene Amerikaner, die Armenier, die Zigeuner, usw., die Liste kann man noch sehr verlängern. Um vom Holocaust und Antisemitismus als spezifisch jüdische Phänomene zu sprechen bedeutet, uns (die Juden) von der restlichen Menschlichkeit zu trennen, und uns auf eine Ebene zu stellen, die ihr irgendwie höherstehend ist. Unser Leid wird schlimmer, entsetzlicher als das von irgendjemandem anderen.

Wenn wir aber jemals Phänomene wie den Holocaust und den Antisemitismus verhindern wollen, müssen sie für das gesehen werden, was sie wirklich sind: antimenschlich eher als allein antijüdische Phänomene. Hatte Hitler beschlossen das “schwarze Problem” oder das “gelbe Problem” oder das “Muslimproblem” zu lösen und Millionen von ihnen statt von Juden getötet, wäre der Holocaust nicht weniger schlimm gewesen. Der Holocaust bedeutet Genozid und ethnische
Säuberung. Antisemitismus ist Rassismus. Wir müssen im Bereich der Menschheit als ganzes denken, statt Worte für bestimmte Gruppen zu erfinden und reservieren. …

Statt uns auf den Holocaust als streng jüdisches Phänomen zu konzentrieren, sollten wir lieber fragen, wie es dazu kam, dass ein Land (Deutschland) dazu gebracht wurde, sich nicht für den “Anderen” zu interessieren, sondern den Horror eines systematischen Genozid zu verüben, um eine Gesellschaft ethnisch zu säubern und sie in eine rein arische Gesellschaft zu transformieren, von mangelhaften Menschen gereinigt, um eine perfekte, überlegene Rasse zu schaffen.

In Israel heute wird die Demographie zur Priorität, unentbehrlich für die Existenz eines Staates nur für Juden. Wie (und auf welche Weisen) ist das anders als einen Staat für eine reine arische Rasse zu schaffen. Sind es nur die Methoden der Nazis, die anders waren? Gibt es keine Ähnlichkeiten?

Wenn die Juden (Israeli und andere) anfangen könnten zu schauen, wie es dazu kam und warum, würden sie vielleicht auch die Ähnlichkeiten und nicht nur die Unterschiede sehen. Dann würden sie vielleicht die Art und Weise erkennen, auf die Israel zu einer Nation wurde, die gefühllos auf die Leiden der ‘anderen’ reagiert (nicht nur Palästinenser, aber auch Fremdarbeiter, und sogar Schwarze, die zufällig Juden sind, d.h. die Äthiopier.

Dorothy Naor arbeitet bei der israelischen Frauenorganisation New Profile mit, die sich gegen die Militarisierung Israels wendet.

Quelle: Brief-aus-Israel vom 13.06.2004. Übersetzung des Artikels aus dem Englischen: Anka Schneider.

Veröffentlicht am

13. Juni 2004

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