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“Man muss mit der Menschheit von vorn beginnen.” Zur Erinnerung an Martin Luther King (1929 - 1968)

Von Werner Onken

“Eines Tages werden wir einsehen müssen,
dass der Friede nicht bloß ein fernes Ziel ist, das wir suchen,
sondern dass er ein Mittel ist, durch das wir zu jenem Ziel gelangen.
Wir müssen friedliche Zwecke mit friedlichen Mitteln verfolgen.”

Martin Luther King in seiner Weihnachtspredigt 1967

Kindheit und Jugend in Atlanta

Im Jahr der großen Weltwirtschaftskrise kam Martin Luther King in der Stadt Atlanta im amerikanischen Bundesstaat Georgia auf die Welt. Georgia gehörte zu den sog. Südstaaten der USA mit sehr hohen afroamerikanischen Bevölkerungsanteilen. Millionen von Menschen aus Afrika waren seit dem frühen 19. Jahrhundert als billige Arbeitskräfte auf die dortigen großen Baumwollplantagen verschleppt worden. Nach dem amerikanischen Bürgerkrieg war deren Sklaverei im Jahr 1865 zwar formal aufgehoben worden. Aber die ‘befreiten’ Sklaven blieben Menschen ohne Bürgerrechte - sowohl in den Südstaaten als auch in den Slums der Großstädte im weißen Norden der USA.

Amerika sah sich als Garant einer ‘freiheitlichen Zivilisation’ an. Aber im eigenen Land wurden die Nachkommen der früheren afroamerikanischen Sklaven entrechtet und erniedrigt. In allen Lebensbereichen waren die Schwarzen rassischen Diskriminierungen ausgesetzt - in den Schulen, in den Medien, in der Wirtschaft und in der Politik. Geschäfte trugen oft das Schild “Nur für Weiße” und in öffentlichen Verkehrsmitteln gab es besondere Eingänge und Stehplätze “für Schwarze”. In einem Hollywood-Film rettete der weiße Tarzan das blonde Mädchen Jane vor den “schwarzen Untermenschen”. Oftmals wurden Schwarze Opfer von Morden, die der berüchtigte Klu-Klux-Klan organisierte.

Martin Luther King erlebte diese rassistische Apartheid schon als Kind schmerzlich. Auch die immer wiederkehrende Anrede als “Nigger” verletzte ihn so tief, dass er schon als Zwölfjähriger zweimal versuchte sich selbst umzubringen. Aber die Solidarität seiner Familie rettete ihm das Leben.

Martin Luther Kings Vater war Prediger in der Baptistenkirche von Atlanta. Dort lernte er die Reden der wortgewaltigen Baptistenprediger zu bewundern. “Irgendwann schaffe ich mir auch so starke Worte an”, verkündete er seinen Eltern (S. 21) - was den Wunsch des Vaters weckte, dass auch er Theologe werden sollte. Mit besonderer Inbrunst sang er in der Familie und in der Gemeinde auch die Spirituals mit, mit denen die Schwarzen sich gegenseitig in ihrer Hoffnung auf ein Ende der Rassendiskriminierung bestärkten.

Thoreau und Gandhi als Vorbilder

Ein Schlüsselerlebnis war für Martin Luther King die Lektüre von David Henry Thoreaus Essay “Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat”. Während seines Theologie- und Philosophiestudiums hörte er von dem Mord an Mahatma Gandhi (1948), dem Indien seine gewaltlose Befreiung von der britischen Kolonialherrschaft verdankte. Thoreau und Gandhi wurden seine großen Vorbilder für seinen späteren zivilen Ungehorsam gegenüber den ungerechten gesellschaftlichen Verhältnissen. Auch die Ideen der religiösen Sozialisten beeinflussten ihn.

Zu Beginn der 1950er Jahre führten die USA einen Krieg in Korea. Der darauf folgende Kalte Krieg drohte zu einem atomaren Wahnsinn zu eskalieren. Und in Amerika vergiftete der Senator McCarthy das geistige Klima durch seine berüchtigte Kommunistenjagd. In dieser Zeit promovierte Martin Luther King an der Boston University zum Doktor der Theologie und er heiratete die farbige Sängerin Coretta. Gemeinsam zogen sie nach Montgomery im Bundesstaat Alabama, wo Martin Luther King eine Pfarrstelle erhielt. Die Hälfte der Menschen in Alabama waren Schwarze, die von den Weißen diskriminiert wurden, wo immer es möglich war.

Die Rassenkonflikte entzündeten sich an der Vorschrift, dass es für Schwarze und Weiße getrennte Bereiche in den öffentlichen Verkehrsmitteln gab. Das führte - als Form des zivilen Ungehorsams - zum Boykott der Busse in Montgomery. Über ein Jahr lang benutzten die Schwarzen auf ihren täglichen Wegen zur Arbeit oder zum Einkauf nur ihre Fahrräder oder sie gingen zu Fuß - womit sie enorme Strapazen auf sich nahmen. Während dieser langen Zeit fiel Martin Luther King die Rolle des Sprechers der Streikbewegung zu - ähnlich wie dem biblischen Mose beim Auszug der alten Israeliten aus Ägypten. Auf einer Protest-Kundgebung sagte er: “Wir sind heute Abend hier, um denen, die uns so lange misshandelt haben, zu sagen, dass wir es satt haben. Wir sind es müde, gedemütigt zu werden. … Wir wollen durch Gewaltlosigkeit überzeugen und nicht Zwang ausüben.” (72) Als sehr wertvoll erwies sich schließlich der Beistand von Künstlern. Duke Ellington und Harry Belafonte unterstützten die Streikbewegung durch ihre großen Solidaritätskonzerte. Nach etwas mehr als einem Jahr war Ende 1955 das Ziel erreicht. Das oberste Gericht Alabamas hob die Rassentrennung in den Verkehrsmitteln auf. Auf den Kirchenbänken wurde nun “integriertes Busfahren” eingeübt. (82)

“Black and white together”

“Von Gandhi kam die Methode, von Christus der Geist”, sagte Martin Luther King hinterher. (99) Der Erfolg war aber keineswegs selbstverständlich gewesen, denn inzwischen proklamierte eine “Black-Power”-Bewegung das Recht der Schwarzen auf eine bewaffnete Selbstverteidigung. Martin Luther King hatte erste Morddrohungen erhalten und ein erstes auf ihn verübtes Attentat war zum Glück fehlgeschlagen. Zum ersten Mal war er auch verhaftet worden. Aber durch nichts von alledem ließ er sich von der Gewissheit abbringen, “dass das Universum aufseiten der Gerechtigkeit steht.” (100)

Unterdessen begann sich nun ein Mythos um Martin Luther King zu bilden, der der schwarzen Bürgerrechtsbewegung auf ihrem weiteren Weg half. Der Erfolg von Montgomery war ja erst der Anfang und der Weg war noch weit, denn die Rassentrennung in den Schulen, Schwimmbädern und Parks bestand ebenso fort wie die Diskriminierung beim Wahlrecht.

Im Anschluss an eine Indienreise kehrten Martin Luther King und seine Frau Coretta nach Atlanta zurück. Mit sog. Sit-ins begann die nächste Phase der Bürgerrechtsbewegung. Restaurants und Cafés mit getrennten Plätzen für Weiße und Schwarze und Geschäfte wurden massenhaft bestreikt - auch von weißen Schülern und Studenten. “Black and white together” lautete die neue Devise und “Black is beautiful” kam als Zeichen eines steigenden Selbstbewusstseins der Schwarzen hinzu.

Wegen eines Verstoßes gegen die Straßenverkehrsordnung wurde Martin Luther King erneut inhaftiert und zu sechs Monaten Zwangsarbeit in einer staatlichen Besserungsanstalt verurteilt - während Coretta mit dem dritten gemeinsamen Kind im 5. Monat schwanger war. Das völlig unangemessene Strafmaß löste große Proteste aus. Auch der damalige Justizminister Robert Kennedy befürchtete, dass die USA dadurch an Ansehen in der Weltöffentlichkeit verlieren könnten. Er drängte den zuständigen Richter, Martin Luther King wieder freizulassen. Das war auch ein kleiner Dank von Präsident John F. Kennedy an die vielen Schwarzen, die ihm bei den Präsidentenwahlen zum Sieg über den Republikaner Nixon verholfen hatten. Aber eine wirkliche Überwindung der Rassentrennung war nicht Kennedys Anliegen. Geschockt vom sowjetischen Erfolg in der Raumfahrt mit dem “Sputnik” präsentierte Kennedy in seiner Antrittsrede der Nation eine andere Vision: “Lasst uns gemeinsam die Wüsten erobern, die Krankheiten ausrotten, die Meerestiefen ergründen, Kunst und Handel fördern - und die Sterne erforschen!” (124)

Einen Anstoß zur moralischen Erneuerung Amerikas gab Kennedy nicht. Statt der Zunahme der Rassenkonflikte entgegen zu wirken, setzten er auf das “Apollo”-Programm. Und der FBI-Chef Hoover setzte Martin Luther King auf eine Liste von Staatsfeinden.

“Ich habe einen Traum”

Gewalttaten des Ku-Klux-Klan, darunter Sprengstoffanschläge auf Kirchen der schwarzen Baptisten, führten dazu, dass die Rassenkonflikte in den USA 1963 bürgerkriegsähnliche Formen annahmen. Ausgehend von Birmingham im Bundesstaat Alabama organisierte die Bürgerrechtsbewegung - wiederum mit der Unterstützung von Künstlern und auch von Weißen - massenhafte “Käuferstreiks”. Geschäfte mit dem Schild “Nur für Weiße” wurden konsequent bestreikt.

Auf einer Großdemonstration sagte Martin Luther King: “Wir marschieren ohne Gewalt. Wir werden diese Nation zwingen, diese Stadt, diese Welt, auf ihr Gewissen zu hören.” (145) Wenig später saß er wieder im Gefängnis und schrieb seinen berühmten “Birmingham-Brief” an die jüdischen, katholischen und protestantischen Gemeinden, die ihn aufgefordert hatten, seine politischen Aktivitäten einzustellen. “Wenn man Tag um Tag gedemütigt wird durch Schilder ‘Weiße’ und ‘Farbige’; wenn man mit Vornamen nur noch ‘Nigger’ heißt; wenn einen die Tatsache, dass man Schwarzer ist, bei Tag plagt und bei Nacht verfolgt .., dann muss doch zu begreifen sein, warum uns das Warten schwer fällt. … Unsere Ungeduld nennt man extremistisch. War nicht Jesus ein Extremist der Liebe - ‘Liebet eure Feinde’. War nicht Martin Luther ein Extremist - ‘Hier stehe ich. Ich kann nicht anders.’ - War nicht Thomas Jefferson ein Extremist - ‘Wir halten diese Wahrheit für selbstverständlich: dass alle Menschen gleich geschaffen sind.’ Die Frage ist nicht, ob wir Extremisten sind, sondern welche Art Extremisten wir sind. Werden wir Extremisten sein zugunsten fortdauernder Ungerechtigkeit - oder Extremisten im Dienst der Gerechtigkeit?” (151)

Sonderbeauftragte des Justizministers Robert Kennedy übernahmen in Birmingham die Verhandlungen mit den weißen Geschäftsleuten, mit der Handelskammer und der Stadtverwaltung. Nach heftigem Widerstand der Weißen wurden die Forderungen der Bürgerrechtler schließlich doch erfüllt. Unter dem Druck der Ereignisse von Birmingham und vieler anderer Städte in den Südstaaten begann die Regierung von Präsident John F. Kennedy endlich mit der Überprüfung der amerikanischen Rassengesetze.

Mit einem Sternmarsch auf Washington machte die Bürgerrechtsbewegung im August 1963 weiteren Druck auf die Politik. Etwa 85.000 von den insgesamt 250.000 Demonstranten waren weiße Amerikaner. Begleitet von Harry Belafonte, Joan Baez und anderen Künstlern sowie von 2000 schwarzen Polizisten verlief der Sternmarsch friedlich - und das obwohl noch mehr politische Forderungen gestellt wurden: jetzt ging es nicht mehr nur ums gemeinsame Busfahren oder um integrierte Restaurants, sondern um die vollständige Aufhebung aller Apartheidsgesetze in den USA. Mit seiner berühmten Rede “Ich habe einen Traum” ergriff Martin Luther King die Herzen der Amerikaner und der Weltöffentlichkeit: “Trotz der Schwierigkeiten von heute und morgen habe ich einen Traum, der tief verwurzelt ist im amerikanischen Traum. Ich habe einen Traum, dass eines Tages diese Nation sich erheben wird und der wahren Bedeutung ihres Credos leben wird. Wir halten diese Wahrheit für selbstverständlich: dass alle Menschen gleich geschaffen sind. … Ich habe einen Traum, dass meine vier kleinen Kinder eines Tages in einer Nation leben werden, die sie nicht nach ihrer Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilen wird. … Macht weiter und vertraut darauf, dass unverdientes Leiden erlösende Qualität hat.” (173 - 174)

Vom Rassenkonflikt zum Vietnamkrieg und zur sozialen Frage

US-Präsident John F. Kennedy brachte eine Initiative zur Änderung der Rassengesetze in den Kongress ein. Aber nach seiner Ermordung am 22. November 1963 wurde sie vorerst nicht verhandelt. Und Kennedys Nachfolger Lyndon B. Johnson stand noch vor einem zweiten großen Problem - dem Krieg in Vietnam. Dort unterstützten die USA ein feudales Regime dabei, die Aufteilung von Großgrundbesitzungen durch Landreformen zu verhindern.

Zeitweise war Martin Luther King vom Kampf für die Gleichberechtigung der Rassen sehr erschöpft und er litt unter Schlafstörungen. Und was er noch nicht wusste: das FBI bespitzelte ihn mit der Zustimmung von Justizminister Robert Kennedy als einen ‘gefährlichen Kommunisten’. Die schwarze Bürgerrechtsbewegung galt als bedrohliche Keimzelle einer sozialistischen Revolution in den USA. Allein um einer solchen Revolution zuvor zu kommen, verabschiedete der amerikanische Kongress 1964 ein Gesetz zur Gleichberechtigung der Rassen!

Dennoch explodierten die Rassengegensätze gewaltsam. In den schwarzen Slums der weißen Großstädte kam es zu Gettoaufständen und Straßenschlachten. Die Schwarzen waren dort nicht nur wegen ihrer Hautfarbe diskriminiert, sondern auch als ‘unneccessary people’ ökonomisch ausgegrenzt. Die soziale Ungerechtigkeit sowohl innerhalb der schwarzen als auch der gesamten amerikanischen Bevölkerung und die kriegerische Außenpolitik der USA hatte Martin Luther King bislang erst wenig mitbedacht. Der schwarze Dichter James Baldwin machte ihm deutlich, wie gering sein Rückhalt in den Slums des Nordens noch war.

Allerdings wurde Martin Luther King vorerst noch durch einige große Ereignisse in seinem Leben davon abgehalten, sich tiefer in die ökonomischen und politischen Probleme hinein zu denken. Im Herbst 1964 besuchte er West- und Ostberlin und er wurde in Rom von Papst Paul VI. empfangen. Anschließend musste er zu Hause mit Erschöpfungszuständen in eine Klinik und bald danach reiste er schon wieder nach Oslo, um den Friedensnobelpreis entgegen zu nehmen. Vergeblich hatte das FBI noch versucht, ihn mit anonymen Drohbriefen von der Reise nach Oslo abzuhalten. In seiner Dankesrede klangen die Themen an, die ihn in seinen letzten dreieinhalb Lebensjahren am meisten beschäftigen sollten: Rassenkonflikte - soziale Gerechtigkeit - Frieden: “Ich nehme heute diese Auszeichnung entgegen mit dem festen Glauben an die Zukunft der Menschheit. … Ich weigere mich, die zynische Meinung zu übernehmen, eine Nation nach der anderen müsse eine militaristische Stufenleiter hinabsteigen bis in die Hölle thermonuklearer Vernichtung. Ich glaube, dass unbewaffnete Wahrheit und bedingungslose Liebe das letzte Wort in der Wirklichkeit haben werden.” (208)


Höhen und Tiefen

Seine letzten Lebensjahre standen jedoch unter einem ungünstigen Stern. Die Rassenkonflikte in den Slums des Nordens eskalierten gewaltsam - bis hin zum Mord an dem militanten Malcolm X, der Martin Luther Kings gewaltfreien zivilen Ungehorsam strikt abgelehnt hatte. Gesellschaftliche Veränderungen könne man nicht mit integriertem Busfahren, gemeinsamem Kaffeetrinken und Liedersingen erreichen, sondern nur mit Gewalt. Bei Konflikten in Selma/Alabama setzte die Polizei erstmals Elektroschlagstöcke gegen Bürgerrechtler ein. Und das FBI hatte Martin Luther King jetzt in seiner Hand, weil es ihn bei einer Affäre mit einer Frau heimlich gefilmt hatte. Möglicherweise wurde er in eine Falle gelockt. Fortan musste er vorsichtiger sein, wenn ihn das FBI nicht vor der Öffentlichkeit moralisch bloß stellen sollte.

Im Sommer 1966 zog der angeschlagene Martin Luther King mit Coretta und seinen Kindern in eine Slumwohnung in Chicago. Für die Anti-Getto-Kampagne fand er jedoch keinen genügenden Rückhalt, so dass die Familie nach Atlanta zurück kehrte und sich ein halbes Jahr lang ganz aus der Öffentlichkeit zurückzog.

Aber besonders der Vietnamkrieg ließ ihm keine Ruhe. 1965 hatte er sich dazu zum ersten Mal kritisch geäußert: “Es hat keinen Sinn von Integration zu sprechen, wenn es keine Welt gibt, in die es sich zu integrieren lohnt.” (181) Nun zerstörten die Bilder vom grauenhaften Krieg - unter anderem vom Überfall der GIs auf das unbewaffnete Dorf My Lai - in ihm endgültig den Mythos von Amerikas Sendung, die Ideale der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit auf dieser Erde zu verwirklichen: “Es ist eine Sünde, wenn Kinder Gottes die anderen Kinder Gottes brutal zugrunde richten. … Die Bomben von Vietnam explodieren bei uns zu Hause. … Unser Volk muss eine radikale Revolution seiner Werte vornehmen. … Man muss mit der Menschheit von vorn beginnen.” (218 - 221)

“Marsch auf Washington”

Dieser Neubeginn der ganzen Menschheit richtete sich nicht mehr gegen ‘die Weißen’ oder andere Menschengruppen, sondern gegen die ungerechten Strukturen der Wirtschaft und der Politik, in denen alle Menschen gefangen sind: “Die Enteigneten dieses Landes - die Armen, Weiße wie Schwarze - leben in einer grausam ungerechten Gesellschaft. Sie müssen einen Aufstand gegen diese Ungerechtigkeit organisieren, und zwar nicht gegen das Leben der Menschen, die ihre Mitbürger sind, sondern gegen die Strukturen, hinsichtlich derer die Gesellschaft sich weigert, Maßnahmen zu ergreifen, um die Last der Armut zu beseitigen.” (Gewaltlosigkeit und soziale Erneuerung, S. 94-95)

Martin Luther King ging nun auf’s Ganze. Er wollte einen “Umbau der gesamten Gesellschaft” (238), damit alle Menschen in Gerechtigkeit und Frieden miteinander leben können. Als im April 1967 150.000 Menschen vor dem Gebäude der UN in New York demonstrierten, erinnerte King an die in der UN-Charta niedergelegten Grundsätze von Frieden, Gemeinschaft und Selbstbestimmung. Die Massenmedien diffamierten ihn als ‘Vaterlandsverräter’ und forderten ihn auf, sich nicht in die Außenpolitik einzumischen. FBI-Agenten betrieben eine Zersplitterung der Bürgerrechtsbewegung, um sie zu schwächen, und sogar enge Mitarbeiter wandten sich von ihm ab.

Dennoch hielt Martin Luther King an seinem letzten großen Plan eines großen “Marsches der Armen” nach Washington fest. Arme aus allen Bevölkerungskreisen - Schwarze und Weiße ebenso wie Indianer, Mexikaner und Puertoricaner - sollten in den Grünanlagen vor dem Weißen Haus Hütten aus Blech, Kartons und losen Ziegeln bauen und darin für eine längere Zeit leben. King wollte auch selbst bei ihnen sein. Während die amerikanische Politik täglich Millionensummen für den Vietnamkrieg ausgab, sollte ihr vor den Augen der Weltöffentlichkeit mit einem ‘Slum-Modell’ ein Spiegel vorgehalten werden, um ihr die soziale Ungerechtigkeit im eigenen Land zu zeigen.

Für diesen Plan begann Martin Luther King im Herbst 1967 unermüdlich zu werben. Als Polizeistreitkräfte in Memphis/Tennessee auf streikende schwarze Müllarbeiter einprügelten, fuhr er in die Elvis-Presley-Stadt, um die Streikenden zu unterstützen. Aber die Demonstration, bei der er sprach, endete in blutiger Gewalt. Es blieb ungeklärt, wer den ersten Stein geworfen hatte. Deprimiert musste Martin Luther King feststellen, dass sein höchster Grundsatz der Gewaltfreiheit durchbrochen war und er die Gewalt nicht mehr aufhalten konnte.

Bei seiner letzten Rede vor den streikenden Müllarbeitern am 3. April 1968 in Memphis gestand er: “Ich weiß nicht, was jetzt kommt.” Noch einmal versetzte er sich und seine Zuhörer in eine geradezu trancehafte Spiritualität: “Ich will jetzt einfach Gottes Willen tun. Er hat mir erlaubt, auf den Berg zu kommen. Ich habe drüben die andere Seite gesehen. Ich habe das Gelobte Land gesehen. … Möglich, dass ich nicht mit Euch dahin kommen kann. Aber das sollt Ihr wissen: Zusammen, als Volk, werden wir das Gelobte Land betreten.” (255-256)

Was Martin Luther King seit längerem ahnte, wurde einen Tag später blutige Wirklichkeit - die Kugel eines weißen Mörders tötete ihn. [1] Sein Leben endete genau an der Stelle, wo der Kampf gegen die Rassendiskriminierung in einen gemeinsamen Kampf von Menschen aller Rassen um die Überwindung der sozialen Ungerechtigkeit und des Unfriedens überging. Auf seinem Weg hatte sich Martin Luther King stets von der “Lust am Gesetz des Herrn” (Psalm 1) leiten lassen - im Gegensatz zu den “Gottlosen und Sündern” seiner Zeit, die ihn umbrachten. Aber sein Leben bleibt ein Trost und eine Hoffnung auf dem weiteren Weg des Neubeginns der ganzen Menschheit in Gerechtigkeit und Frieden. Auch in der Erinnerung wirkt Martin Luther King weiter “wie ein Baum an den Wasserbächen, dessen Blätter nicht verwelken und der seine Frucht bringt zu seiner Zeit” (Psalm 1).

Quellen:

  • Martin Luther King, Aufruf zum zivilen Ungehorsam - fünf Vorträge aus dem November und Dezember 1967 mit einem Vorwort von Coretta Scott King, Düsseldorf 1993. (“Stillstand in den Rassenbeziehungen”, “Das Gewissen und der Vietnamkrieg”, “Jugend und soziale Aktion”, “Gewaltlosigkeit und soziale Erneuerung” und “Weihnachtspredigt über den Frieden”)
  • Arnulf Zitelmann: “Keiner dreht mich um” - Die Lebensgeschichte des Martin Luther King. Weinheim: Beltz Verlag 1985 / 2003. (Die eingeklammerten Seitenangaben beziehen sich auf diese Biografie.)

Anmerkung der Redaktion:

1 Die offizielle Mordversion lautet bis heute: von einem Einzeltäter ermordet. Der erste Prozess überhaupt, in dem die Ermordung von Martin Luther King verhandelt wurde, fand vom 15. November bis zum 8. Dezember 1999 im Berufungsgericht Memphis statt. Nach der Anhörung von 70 Zeugenaussagen befanden die Geschworenen den früheren Barbesitzer Loyd Jowers aus Memphis für schuldig, mit “Regierungsbehörden” einen Komplott geschmiedet zu haben, um Dr. King zu ermorden. Siehe hierzu Artikel auf der Lebenshaus-Website:
>> “Bei Prozess wurden Barbesitzer und ‘Regierungsbehörden’ der Ermordung Kings für schuldig befunden” ;
>> “Die Hinrichtung des Martin Luther King” ;
>> “Der Tod von Martin Luther King Jr.: Staatlich bestellter Mord” .

Veröffentlicht am

20. März 2004

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