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Irak-Krieg - Einsatz uranhaltiger Munition

Substantielle genetische Schäden und langfristige Gesundheitsrisiken aufgezeigt

Zwölf Jahre nach dem erstmaligen Einsatz von abgereichertem Uran (Depleted Uranium, DU) in panzerbrechenden Geschossen im ersten Golfkrieg, haben die Armeen der USA und Großbritanniens diesen Waffentyp jetzt erneut eingesetzt. Im Golfkrieg von 1991 war es zu Panzerschlachten entlang der Grenzen zu Kuwait gekommen. Diesmal gab es offenbar zwar weniger Panzer-Gefechte, allerdings lag der Schwerpunkt der militärischen Auseinandersetzungen entlang der Versorgungslinien nach Bagdad und in die Stadt hinein. Diese Strecken führen durch städtische Gebiete, was die Gefahr einer Belastung durch toxische Uranpartikel für die dort lebenden Menschen erhöht.

Berichte von Journalisten erwähnen die Verwendung von Uranmunition (DU-Geschossen) in den Angriffen auf Bagdad und auf den Flughafen westlich der irakischen Hauptstadt. Neben großkalibrigen Geschossen von M1 Abrams-Panzern (M1, M1A1 und M1A2), setzte die US-Armee demnach auch kleinere Geschoßkaliber aus 25 mm-Rohren von M2-Bradley-Geschützen ein.

Diese Waffentypen wurden den Berichten zufolge auch in Gefechten in der Nähe von Kerbala und Al Kifl eingesetzt. In Najaf wurden die Angriffe durch Luftangriffe von US A-10 Thunderbolt II Bodenkampfflugzeuge unterstützt, die auch kleinkalibrige Munition in der Nähe des Militärflughafens von Tallil außerhalb der Stadt Nasiriyah im Südosten des Iraks einsetzten.

Diese A-10 Anti-Panzer-Flugzeuge, die auch ?Warzenschweine? genannt werden, hatten im Golfkrieg von 1991 den größten Teil der damals eingesetzten 315 Tonnen abgereicherten Urans verschossen.

Am 7. April 2003 kamen 70 M1 Abrams-Panzer und 60 M2 Bradley-Geschütze in die Stadt Bagdad, die von A-10-Flugzeugen begleitet wurden. Gleichzeitig nahmen im Zentrum von Basra britische Challenger-2-Panzer ihre Positionen ein. In den vergangenen Wochen haben diese Panzer ihre großkalibrigen Urangeschosse in den Angriffen auf Iraks zweitgrößte Stadt eingesetzt.

Im Gegensatz zum ersten Golfkrieg 1991 ist jetzt Uranmunition in der Nähe oder innerhalb städtischer Gebiete eingesetzt worden. Nach diesem Krieg wird es deshalb viele Gebiete mit Urankontaminationen innerhalb oder in der Nähe von dicht bewohnten Gebieten geben. Dabei könnte es sich entweder um getroffene irakische Panzer handeln, die mit Uranstaub kontaminiert sind, oder um Uranmunition, die ihre Ziele verfehlte und in den Boden eindrang. In der Praxis trafen nach früheren Erfahrungen weniger als 20 Prozent der abgefeuerten Geschosse ihr Ziel.

Um die Folgen der Urankontaminationen so weit wie möglich zu verringern, werden die kontaminierten Panzer und die Munition im Boden beseitigt und der Boden gereinigt werden müssen.

Inzwischen hat das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) empfohlen, eine wissenschaftliche Beurteilung von DU-verseuchtem Gelände vorzunehmen, sobald die Bedingungen dies zulassen. Feldstudien der UNEP auf Geländen, die während der Kriege in Bosnien und im Kosovo in den neunziger Jahren kontaminiert wurden, waren die ersten internationalen Beurteilungen über das Verhalten abgereicherten Urans in der Umwelt.

Das US-Armee-Institut für Umweltpolitik hatte bereits 1995 davor gewarnt, daß abgereichertes Uran bedeutende medizinische Folgen haben könne, wenn es vom Körper aufgenommen werde. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt, durch abgereichertes Uran verseuchte Gebiete zu dekontaminieren.

Nach dem am 25. März 2003 veröffentlichten Bericht der UN-Umweltorganisation UNEP wurden in Bosnien Partikel abgereicherten Urans noch 8 bis 9 Jahre nach dem Einsatz von Uranwaffen im Boden, in der Luft und im Trinkwasser gefunden. UNEP-Direktor Klaus Töpfer empfiehlt daher eine mehrjährige Beobachtung durch regelmäßige Überprüfung von Wasserproben vorzunehmen und in der Zwischenzeit andere Wasserquellen zu benutzen.

Die UNEP-Einheit zur Schadensaufnahme nach Konflikten (Post-Conflict Assessment Unit) hat ihre Bestandsaufnahmen der Auswirkungen von Uranmunition im Kosovo (2001), in Serbien und Montenegro (2002) und jüngst in Bosnien und Herzegowina (März 2003) veröffentlicht. Die Studien lassen sich finden auf der Website http://postconflict.unep.ch/publications.htm#du .

Töpfer sagte: ?Es bleibt die Tatsache bestehen, daß abgereichertes Uran weiterhin eine Angelegenheit von großer Besorgnis für die allgemeine Öffentlichkeit ist. Eine frühe Untersuchung im Irak, könnte diese Besorgnisse entweder entkräften oder bestätigen, daß es hier tatsächlich potentielle Risiken gibt, die man dann durch sofortiges Handeln angehen könnte.?

Die Studien im Balkan wurden zwischen zwei und sieben Jahren nach dem Einsatz der DU-Waffen durchgeführt. Der UNEP zufolge könnte eine frühe Studie im Irak auch sehr zum Verständnis dessen beitragen, wie DU sich in der Umwelt verhält. Es könnte auch zeigen, ob dort auch noch Risiken aus dem Golfkrieg von 1991 vorhanden sind. Auf der Grundlage der Ergebnisse der DU-Untersuchungen im Balkan sagte Töpfer, daß noch eine Reihe von Unsicherheiten bestünden, die weiter untersucht werden sollten. Dazu gehöre, das Ausmaß, in dem DU im Boden versickern und schließlich das Grundwasser kontaminieren könne und die Möglichkeit, daß DU-Staub durch den Wind oder menschliche Aktivitäten wieder aufgewirbelt wird, mit dem Risiko, daß er dann eingeatmet werden kann.

In diesen Tagen will die UNEP eine vorläufige Studie vorlegen, die notwendige Hintergrundinformationen für die Feldforschung liefern soll. Sie soll die Risiken bezüglich des Grundwassers, des Oberflächenwassers, der Trinkwasserquellen, der Abfallbeseitigung und anderer umweltbezogener Infrastruktur, Fabriken etc. untersuchen.

Der Ausgang der gegenwärtigen Auseinandersetzungen innerhalb der Regierung Bush und der zwischen den USA und der Europäischen Union über eine künftige Regierung im Nachkriegs-Irak sowie die Rolle der Vereinten Nationen, wird bedeutenden Einfluß darauf haben, wie die neuen Machthaber im Irak die DU-kontaminierten Gelände behandeln werden.

Beobachter erwarten keine völlig unabhängige Untersuchung, sondern als am ehesten erreichbar eine Feldstudie der UNEP, die durch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und die Internationale Atomenergie-Agentur (IAEA) unterstützt wird.

Genetische Schäden durch Uranmunition

Inzwischen wurde auch durch Chromosomenuntersuchungen gezeigt, daß die uranhaltige Munition, die die USA im Golfkrieg 1990/91, in Bosnien und im Kosovo 1999 einsetzten, tatsächlich Schäden verursachte und langfristige Gesundheitsrisiken birgt, mit der Gefahr an Krebs zu erkranken und mißgebildete Kinder zu bekommen. Noch Jahre nach den Einsätzen treten bei alliierten Soldaten und bei Einheimischen verstärkt Gesundheitsschäden auf. Sie klagen etwa über Muskelschmerzen, Schwäche und Schwindel, auch über Krebserkrankungen und Mißbildungen bei Neugeborenen. Das US-amerikanische Verteidigungsministerium bestreitet bis heute einen Zusammenhang der als ?Golfkriegs-Syndrom? bezeichneten Symptome mit der Uranmunition.

Heike Schröder, Anna Heimers und Kollegen vom Zentrum für Umweltforschung und Umwelttechnologie (UFT) der Universität Bremen, vom Bremer Institut für Präventionsforschung, Sozialmedizin und Epidemiologie (BIPS) sowie vom World Depleted Uranium Center Berlin (WoDUC) hatten weiße Blutkörperchen (periphere Lymphozyten) von 16 britischen Kriegsveteranen untersucht, die nach ihrem Golfkriegs- und/oder Balkaneinsatz unter Gesundheitsbeschwerden litten. Statistisch signifikant, im Mittel mehr als 5 Mal häufiger fanden sich im Vergleich zu Kontrolluntersuchungen Chromosomenschäden (dizentrische Chromosomen dic und zentrische Ringchromosomen cR), wie sie typisch für radioaktive Bestrahlung sind. Die Wissenschaftler vermuten, daß die Soldaten uranhaltigen Staub eingeatmet haben, der weiterhin in ihren Lungen strahlt.

Denkbar seien auch Wechselwirkungen mit Impfstoffen oder mit vorbeugend eingenommenen Chemiewaffen-Gegengiften. Die Forscher regen weitere, größere Studien an. Die Arbeit wurde jüngst in der Wissenschaftszeitschrift Radiation Protection Dosimetry (Vol. 103, No. 3 pp 211-219 (2003)) veröffentlicht. Strahlentelex hatte bereits im Februar 2002 (Nr. 362-363/2002) berichtet.

Ärzte berichten von stark erhöhten Krebsraten, besonders bei Kindern im Südirak, wo beobachtet wurde, daß Kinder mit den uranverseuchten Trümmern der Panzer und Geschosse gespielt haben.

Die Ärzteorganisation IPPNW hatte in einem offenen Brief die US-amerikanische und die britische Regierung offenbar vergeblich aufgefordert, keine Munition mit abgereichertem Uran im Krieg gegen den Irak einzusetzen. Uranmunition müsse international verboten werden, fordert die Organisation, die 1985 für ihre Bemühungen zur Verhinderung eines Atomkrieges den Friedensnobelpreis erhalten hatte. Die bekannten Hinweise auf die medizinischen Folgen für Bevölkerung und Soldaten sowie die Folgen für die Umwelt seien ausreichende Begründung für diese Forderung.

US-Militärsprecher Col. James Naughton hatte dagegen am 14. März 2003 erklärt, die USA hätten keine Bedenken, uranhaltige Munition im Irak einzusetzen, weil Uranwaffen den USA einen militärischen Vorteil über das irakische Militär geben würden, den sie nicht aufgeben wollten. 

Quelle: Strahlentelex 392-393 vom 1. Mai 2003. Wir danken für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung.

Veröffentlicht am

14. Mai 2003

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