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Pazifismus nach den Terroranschlägen in den USA

Von Prof. Dr. Theodor Ebert (Berlin)

Vortrag beim Versöhnungsbund, Landesverband Baden-Württem­berg in Stuttgart am 30. September 2001

Die neue Lage nach dem 11. September

Als Michael Schmid, der Vorsitzende des Landesverbandes Baden-Württemberg des Versöhnungsbundes, mich im Juni einlud, einigten wir uns auf das Thema “Pazifismus nach dem Kosovo-Krieg”. Das war noch vor unserer gemeinsamen dreiwöchigen USA-Reise auf den Spuren Martin Luther Kings im Juli und August. Auf dieser Reise, die in Atlanta in Georgia begann und in Boston in Massachusetts endete, kamen wir auch durch Washington und New York. Wir passierten das Pentagon und einige von uns sind auch auf das Word Trade Center hochgefahren wie viele andere Touristen. Wir Pazifisten waren jedenfalls an den Orten der Katastrophe vom 11. September und wir hätten uns auch unter den Opfern der terroristischen Anschläge befinden können. Dass viele Menschen in Deutschland - so wie Michael und ich - sich in die Lage der Opfer versetzen konnten, hat viel zu der allgemeinen Betroffenheit und dem weitverbreiteten Wunsch nach Sicherheitsvorkehrungen beigetragen.

Das war im Kosovo-Krieg anders. Das war ein TV-Ereignis, das weit von uns entfernt spielte. Wir waren nicht in der Rolle von Flüchtlingen, die vor dem Bürgerkrieg und den Bomben fliehen mussten, und wir konnten uns auch nicht so ohne weiteres mit den Automobilarbeitern von Kragujevac identifizieren, deren Werk durch NATO-Bomber vernichtet wurde. Der Kosovo-Krieg fand zwar in Europa statt, aber er war gefühlsmäßig von den Deutschen sehr weit weg. Nur diejenigen, die den Bombenkrieg im Zweiten Weltkrieg noch selbst erlebt hatten, versprachen sich nichts Gutes von diesem Unternehmen und waren sehr erleichtert, dass der Krieg auf dem Verhandlungswege beendet werden konnte, bevor es noch zum Bodenkrieg gekommen war.

Wie im Golfkrieg meinten im Kosovo-Krieg noch viele Deutschen, diese Kriege ließen sich an der Seite der Amerikaner ohne großes Risiko für das deutsche Territorium im Ausland führen. Dieser Überzeugung waren die Amerikaner noch in weit höherem Maße als die Europäer. Im Kosovo-Krieg gab es auf Seiten der NATO keine vom Feind Getöteten. Bei der absoluten Luftherrschaft konnten die Flieger der NATO Jugoslawien treffen, ohne selbst in größerer Gefahr zu sein als bei Manöverflügen. Die NATO bestand aus lauter gehürnten Siegfrieden, die risikolos die Drachen und die Schurken töten konnten. Und damit sich dies nicht änderte, wollte der neue amerikanische Präsident im Weltraum einen Raketenschutzschild errichten.

Ich habe am 1. September das Vorwort zu meinem zweibändigen Werk “Pazifismus. Erfahrungen und Perspektiven für das 21. Jahrhundert” beendet und für den Druck freigegeben. Ich werde das Buch am 12. Oktober auf der Frankfurter Buchmesse vorstellen. Der zweite Band hat den Titel “Der Kosovo-Krieg aus pazifistischer Sicht”. Ich hatte zunächst daran gedacht, dass ich hier jetzt die Quintessenz dieses Buches vortragen würde. Es ist durch die Terrorattentate des 11. September nicht überholt, denn die Teilnahme an einem Interventionskrieg bildet für die Nachkriegsgeschichte Deutschlands eine tiefe Zäsur, aber ich will doch den Inhalt meines Vortrages so ändern, dass ich direkt auf die Situation nach dem 11. September eingehe. Erhard Eppler meint, dass an diesem Datum das 21. Jahrhundert begonnen habe und er hat dafür einige gute Argumente (E. Eppler: “Krieg!? Ein Wort, das den Blick versperrt für das Neue, das Unerhörte: Die Gewalt ist privatisiert worden. Das hat Folgen für die Politik.” In: Vorwärts, Oktober 2001, S. 4).

Mir wollte dieser Satz nicht gefallen, nicht weil ich ihn für falsch gehalten hätte, sondern weil ich an die vielen Menschen dachte, die in diese Untergänge der Weltreiche mit hineingerissen werden. Warum sollten denn die Völker und die Regierenden in den Weltreichen nicht rechtzeitig lernen und Reformprozesse einleiten können, wie sie Martin Luther King 1967/68 angemahnt, gefordert, ja herbeigeschrien hatte? Radikale Strukturreformen wären doch für alle Beteiligten viel ersprießlicher. Und ich dachte mit Schaudern daran, dass das amerikanische Weltreich im Unterschied zu dem römischen über Weltuntergangswaffen verfügt und dass die atomaren Waffen sich immer weiter ausbreiten und auch in die Hände von Terroristen geraten können.

Wir haben das Ende des Kalten Krieges zwischen der NATO und dem Warschauer Pakt nicht genutzt, um die Erde von den Atomwaffen zu befreien. Am 10. September, also einen Tag vor den Anschlägen in den USA habe ich bei der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen im Benediktinerkloster Nütschau (in der Nähe von Bad Segeberg) einen Vortrag gehalten zur Bedeutung der ökumenischen Dekade gegen die Gewalt. Ich hatte zurückgeblickt auf die friedlichen Revolutionen in Osteuropa und gefragt, welche Lehren man aus den positiven Erfahrungen mit der gewaltfreien Aktion hätte ziehen können.

Meine Einschätzung der Weltlage am 10. September war die Folgende:

Es war in den 90er Jahren ziemlich deutlich, dass es sich bei der gewaltfreien Aktion um ein entwicklungsfähiges Instrumentarium handelt und dass man hier investieren sollte - statt die NATO so umzurüsten, dass sie in Zukunft an vielen Orten mit militärischen Mitteln intervenieren kann.

Ich will hier nicht den Propheten spielen, aber ich will doch meinen persönlichen Eindruck von dieser weltpolitischen Konstellation aussprechen. Am Ende des 20. Jahrhunderts ist der Menschheit von Gott gezeigt worden, was mit gewaltfreien Mitteln möglich ist. Gott hat den Menschen seine Waffen gezeigt - im Sinne des Epheser-Briefes: “Deshalb ergreift die Waffenrüstung Gottes, damit ihr an dem bösen Tag widerstehen und alles überwinden und das Feld behalten könnt. So steht nun fest, umgürtet mit Wahrheit und gerüstet mit dem Panzer der Gerechtigkeit, und tragt als Schuhe die Bereischaft, das Evangelium des Friedens zu verkünden. Vor allem aber ergeift den Schild des Glaubens, mit dem ihr alle feurigen Pfeile des Bösen auslöschen könnt, und nehmt den Helm des Heils und das Schwert des Geistes, das ist das Wort Gottes.” (Eph. 6, 13-17)
Was hier steht, klingt nach Erfolgsgarantie: “alle feurigen Pfeile auslöschen”. So optimistisch bin ich nicht. Die Pfeile können verletzen und uns liebe Menschen entreißen. Und manchmal trägt man daran auch eine Mitschuld. Man kann auch mit gewaltfreien Mitteln Niederlagen erleiden, nicht zuletzt aufgrund strategischer und taktischer Fehler. Doch soweit meine ich dem Epheserbrief folgen zu können: Die Kampfkraft der gewaltfreien Aktion und auch die Wandlungsfähigkeit von Menschen und Regimen ist uns allen in großartigen Beispielen demonstriert worden. Auf die Propheten und Praktiker Gandhi und King folgten an anderen Stelle der Erde neue gewaltfreie Massenbewegungen - ohne dass es außerordentlicher Persönlichkeiten bedurft hätte. Die Tauglichkeit der gewaltfreien Aktion für die Durchschnittsmenschen, gewissermaßen die Gemeindetauglichkeit, wurde demonstriert. In dieser Gemeindetauglichkeit sah ich gewissermaßen die Auferstehung, die Präsenz des Bergpredigers. Da musste nicht ein Messias erscheinen, sondern wir mussten nur die Augen aufmachen und erkennen, was die Stunde geschlagen hat.

Doch was würde Jesus sagen, wenn er heute in die USA oder nach Europa käme? Wir können das lesen bei Lukas 19, Verse 41-44. “Und als er näher kam, sah er die Stadt und weinte über sie und sagte: Wenn doch auch du an diesem Tag erkennen würdest, was zum Frieden dient.” Sie wissen, wie der Text weitergeht und es widerstrebt mir, ihn zu zitieren. Ich belasse es bei dem letzten Halbsatz “weil du die Zeit nicht erkannt hast, in der du gnädig heimgesucht worden bist.” Ich denke wir Deutschen, die Balten, die Polen, die Ungarn, die Tschechen und Slowaken und auch andere Völker gnädig heimgesucht worden sind. Vor allen anderen hätten wir Deutschen allen Grund gehabt, die Zeit zu erkennen und unser Bestes zu tun, die Waffenrüstung Gottes zu entwickeln. Wir haben schmählich versagt, und ich weiß nicht, wie lange die Gnadenfrist jetzt noch währt.

Die Ökumene hat sich mit ihrer Dekade zur Überwindung der Gewalt zehn Jahre gegeben. Ich hoffe auch, dass wir hier eine zweite Chance haben. Doch wir müssen sie auch nutzen.

Das waren meine Überlegungen am 10. September. Ich hatte unsere Radtour von Flensburg nach Rostock für einen Tag unterbrochen, um an diesem Studientag der ACK teilzunehmen und war dann am 11. September mit den 10 Freunden aus unserer Spandauer Kirchengemeinde nach Heiligenhafen weitergeradelt. Doch bei einer Kaffeepause um 16 Uhr in Oldenburg (Holstein) hatte ich beim Händewaschen auf der Toilette mit einem Ohr das Radio mitgehört. Was ich über das World Trade Center vernahm, hielt ich im ersten Augenblick für einen Ausschnitt aus einem Hörspiel und erst als der FDP-Fraktionsvorsitzende Gerhard den Vorfall im Originalton kommentierte, begriff ich: Das ist eine Tatsache und nicht Horror-Fiction. Ich kam zu spät zu der Andacht, zu der sich unsere Gruppe auf den Stufen zur alten Backsteinkirche von Oldenburg verabredet hatte. Erst danach habe ich meinen Freunden das Entsetzliche mitgeteilt. Am Abend in Heiligenhafen haben wir immer und immer wieder das in den zweiten Turm des World Trade Centers sich bohrende Passagierflugzeug gesehen.

Da mein ältester Sohn vor ein paar Jahren hier an der Universität Stuttgart - nach Studienjahren in Chicago - sein Diplom als Architekt zum Thema Stahlskelettbau von Hochhäusern gemacht hat, konnte ich auch verstehen, wie Stahl unter der Höllenhitze des Kerosins wegknickt und dann alles zusammenbricht. Hitze wirkt auf ein Stahlskelett vernichtender als die mechanische Sprengkraft einer Bombe.

Die Trauerfeier in New York

Seitdem sind fast drei Wochen vergangen. Am letzten Sonntag hat meine Familie wie Millionen Deutsche die New Yorker Trauerfeier im Yankee-Stadion am Fernsehgerät verfolgt. Amerika gedachte der Toten unter den Trümmern des World Trade Centers und die Welt trauerte mit den Bürgern von New York und Washington. Muslimische Geistliche trugen Suren aus dem Koran vor und baten um Gottes Segen für ihre Heimat. Schwarze Amerikaner sangen ihre Hymne “We shall overcome” und der schwarze Pfarrer Forbes von der River Side Church zitierte kraftvoll und eindringlich die Seligpreisungen des Bergpredigers “Selig sind, die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen.”

Auf unserer Amerikareise hatten wir an einem Gottesdienst in der River Side Church teilgenommen - im Gedanken an die berühmte Predigt Martin Luther Kings in dieser Kirche. King hatte 1967 - trotz der Warnungen vieler Weggefährten in der Bürgerrechtsbewegung - gegen die amerikanische Intervention in Vietnam gepredigt. Er hatte damals den prophetischen Satz gesprochen: Die Bomben, die wir über Vietnam abwerfen, werden in Amerikas Städten explodieren. Er dachte zunächst ganz praktisch an die Kosten des Krieges und die darum fehlenden Mittel im Kampf gegen die Armut in Amerika und in der Welt. Doch rückblickend scheint es mir, dass er auch in dem Sinne Recht behalten hat, dass die in den 90er Jahren fortgesetzten Demonstrationen amerikanischer militärischer Überlegenheit jetzt diese einerseits wütigen, andererseits präzise kalkulierten Anschläge provoziert haben.

Die Botschaft der Trauerfeier im Yankee Stadion war: Amerika lässt sich nicht terrorisieren. Aus dem, was dort gesprochen, gesungen und gebetet wurde, ließ sich der Schluss ziehen: Nun macht Amerika sich wieder an die Arbeit, es macht sich wieder an die Verwirklichung des amerikanischen Traums, zu dem neben dem Streben nach Glück für die Amerikaner auch das Streben nach Gerechtigkeit und Menschenwürde für alle Bewohner dieser Erde gehört.

Wahrscheinlich hätte den Auftrag zur Verwirklichung dieses Traumes Martin Luther King den Amerikanern mit auf den Heimweg gegeben, wenn er noch gelebt hätte, ja wenn er 1968 nicht ermordet worden wäre, weil er zu intensiv für die Gleichstellung aller Amerikaner, gegen die Armut in Amerika und in der Welt und gegen die Intervention in Vietnam agitiert hätte.

Die imperialistische Tradition des Big Stick

Das ungute Gefühl, das mich während der Trauerfeier immer wieder beschlich, rührte von dem Gedanken: Während die New Yorker hier um ihre Toten trauern, und gemeinsam singen “We shall live in peace” und den Segen Gottes für Amerika er­bitten, wird auf den Flugzeugträgern der Angriff auf Afgha­nistan vorbereitet. Und die Montagszeitungen brachten auch tatsächlich neben den Bildern von der Trauerfeier ein Luft­bild des Flugzeugträgers Theodore Roosevelt. Auf der Startfläche in großen Buchstaben die beiden omi­nösen Worte “Big Stick”, anknüpfend an Teddy Roosevelts “Speak softly and carry a big stick”. Sprich sanft, doch habe den dicken Knüppel zur Hand!

Deutsche Kommentatoren tun sich zur Zeit einiges darauf zugute, die Besonnenheit von Präsident Bush zu loben - und sie verdrängen darüber, dass er das ominöse Wort “Kreuzzug” für sein Vorgehen verwendet bzw. sich des Jägervokabulars bedient hat. Das ist schon schlimm genug. Doch machen wir uns nichts vor: Die “Politik des großen Knüppels” war und ist Inbegriff der aggressiven imperialis­tischen Tradition in der amerikanischen Außenpolitik. Wer auf dieses Wort zurückgreift, begeht aus psychologischer Sicht eine Torheit ersten Ranges. Er beraubt die aufrichtig sanften Tönen der Trauerfeier ihrer inneren Wahrheit. We shall overcome, das Verlesen der Bergpredigt und das Entsenden von Flugzeugträ­gern passen unmöglich zusammen.

Wenn man auf die Stimmen, die nach den Wirkungen militärischer Vergeltungsschläge fragen, hört, dann vernimmt man fast durchgängig die Warnung: Terrorismus lässt sich mit militärischen Mitteln nicht bekämpfen. Schlimmer noch: Werden Terroristen zu Kriegsgegnern gemacht, und werden mit ihnen in Verbindung gebrachte Nationen angegriffen, erfolgt genau das, worauf die Terroristen warten.

Stärkt die inneren Hemmungen!

Wenn Jassir Arafat für die Opfer des Terroranschlags von New York demonstrativ Blut spendet, dann ist dies ein Schlag gegen den Terrorismus, auch wenn manche darin nur hilflosen Opportunismus erblicken werden.

Immerhin, Arafat distanziert sich damit von den Terroristen, auch wenn er nicht die Macht hat, vergleichbare Attentäter in seinem Einflussbereich festzunehmen und vor Gericht zu stellen. Wenn sich Muslime in der ganzen Welt von Selbstmordattentaten distanzieren und über diesen religiösen Wahnsinn das Notwendige öffentlich sagen würden, dann wäre dies das beste Mittel, weitere Attentate dieser Art zu verhindern, wirksamer als alle technischen Vor­sichtsmaßnahmen auf Flughäfen und anderswo.

Aus dem heute in der Presse veröffentlichten ‘Leitfaden’ der islamischen Attentäter geht deutlich hervor, dass diese sich ein­bildeten, etwas ganz und gar Gottgefälliges zu tun und dass sie meinten, unmittelbar nach dem Attentat beginne für sie “das glückliche Leben” und “der unendliche Reichtum mit den Propheten, Jüngern und Märtyrern und den guten Leu­ten.” Die wichtigste Frage bei der Terrorbekämpfung ist: Was kann in den Attentätern den Zweifel daran wecken, dass sie mit ihren Anschlägen Gottes Willen gehorchen?

Die jetzt getroffenen oder geplanten Sicherheitsmaßnahmen machen den fanatischen Terroristen das Handeln schwerer, aber diese Abwehr treffen die Terroristen nicht in ihren Überzeugungen bzw. Wahnvorstellungen. Diese Sicherheitsvorkehrungen sind nur neue Herausforderungen für die offenbar reichlich vorhandene technische Intelligenz der Attentäter. Sie werden dann nur neue Wege suchen, ihre Terroranschläge durchzuführen - und die Möglichkeiten sind unerschöpflich.

Lassen potenzielle Attentäter sich durch Militärschläge beeindrucken? Imponiert ihnen die Demonstration überlegener militärischer Macht? Sicher nicht! Es steigert ihre Wut! Ihr ohnehin beleidigtes Selbstwertgefühl verlangt dann geradezu nach neuen Attentaten.

Was militärische Vergeltungsmaßnahmen bewirken, konnte an den Reaktionen auf die Selbstmordattentate von Palästinensern studiert werden. Die Gewalt eskalierte. Jeder Vergeltungsschlag gegen den Terror rief neue Martyriumssüchtige auf den Plan. Folgt die Bush-Administration dem Muster der Regierung Scharon, wird dies wahrscheinlich weitere Attentate auslösen und die sogenannten Schläfer aktivieren. Man kann diese Schläfer mit kriminalistischen und geheimdienstlichen Mitteln zu entdecken suchen, aber dies wird kaum vollständig gelingen, zumal sich spontan Nachwuchs finden dürfte.

Unsere In­dustriegesellschaften sind - wie gesagt - enorm störanfällig. Mit geringen Aufwand lassen sich Katastrophen bewerkstelligen. Als ich heute mit den Intercity von Berlin nach Stuttgart raste und letzte Korrekturen an meinem Vortrag vornahm, dachte ich an diesser Stelle: Wie einfach wäre es doch, einen solchen Intercity zum Entgleisen zu bringen, womöglich unmittelbar vor einem der vielen Tunnel in Nordhessen. Einerseits furchtbar, andererseits kinderleicht - und fast gar nicht zu verhindern. Zu Attentätern können auch Menschen werden, die in keinem Lager für raffinierte Anschläge ausgebildet wurden. Und die schrecklichste Vorstellung ist für mich: Unsere Atomkraftwerke sind stationäre Atombomben im terroristischen Zu­griffsbereich. Meine Frau arbeitet seit 11 Jahren in einer Tschernobyl-Initiative mit, um wenigstens ein paar Kindern aus Minsk Ferien in Deutschland zu ermöglichen. Doch die aufklärende Wirkung auf die Helfenden ist wahrscheinlich größer als die Hilfe für die Betroffenen.

Die wichtigste Aufgabe ist es, bei den potenziellen Attentätern die inneren Hemmungen gegen Selbstmordattentate zu stärken, statt diese seelischen Hemmungen mit dem großen Knüppel, dem big stick, zu zertrümmern.

Am Anfang jeder Strategie muss die Überlegung stehen: Du darfst nicht mit Karacho in die Falle rennen, die dein Gegner dir gestellt hat! Doch was wollen die Attentäter? Sie haben es vermieden, in einem Bekennerschreiben ihre politischen Ziele darzulegen. In einem diskursiven Sinne haben sie solche politischen Ziele wahrscheinlich gar nicht. Sie könnten sich vermutlich auf keinen einzigen konstruktiven, politikfähigen Satz einigen, wenn sie dies wollten. Sie können nur in blindem Gehorsam Befehle zu Vernichtungsaktionen entgegennehmen, von denen sie dann annehmen, dass diese für sich selbst sprechen. Darum ist es verkehrt, wenn Ariel Scharon in Jassir Arafat der Osama Bin Laden der Palästinenser sieht. Ganz ohne Zweifel hat Arafat verhandelbare politische Ziele formuliert, auch wenn er früher terroristische Mittel gebraucht und jetzt seine Lehrlinge nicht im Griff hat.

Es gibt nur die Möglichkeit, einseitig aus dem Reaktionsschema, Gewalt mit Gewalt zu beantworten, auszusteigen. Man sollte dies bedingungslos und einseitig tun. Auf jeden Fall funktioniert es am schnellsten, wenn man ankündigt, dass man ab sofort bei seiner gewaltfreien Strategie bleiben wird, egal, was die andere Seite macht bzw. was deren unkontrollierbare, politische Parteigänger machen. Das konsequente einseitige Aussteigen aus dem Gewaltzyklus war die Strategie, die Gandhi und Nehru in Indien beim Kampf gegen den Kolonialismus verfolgten: Die Engländer wissen, dass wir eine gewaltfreie Strategie verfolgen, und dass wir dabei bleiben werden.

Risiken der Eskalation

Könnten die USA in der Auseinandersetzung mit dem Terrorismus diesem Vorbild folgen? Ein Martin Luther King würde ihnen bestimmt dazu raten. Und diesen Rat hatte auch Rev. Forbes im Sinn, als er im Yankee Stadium bei der Trauerfeier die Bergpredigt zitierte. Die amerikanische Regierung hat im Golfkrieg zu Beginn der 90er Jahre und im Krieg gegen Jugoslawien am Ende dieses Jahrzehnts die militärische Überlegenheit ihrer Luftwaffe demonstriert. Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass sie es auch ein weiteres Mal bei dieser Methode bleiben wird.

Ich will mich jetzt nicht auf die Diskussion der militärischen Erfolgschancen bloßer Luftschläge und auf die Probleme des Einsatzes von Bodentruppen oder Luftlandetruppen einlassen. Es gibt unter militärischen Experten erhebliche Zweifel am Erfolg solcher militärischer Maßnahmen. Die Kosten dürften für alle Beteiligten sehr hoch werden. Die schlimmen Erfahrungen der Sowjetarmee in Afghanistan sind bekannt, und wenn der Krieg gegen Jugoslawien 1999 nicht durch Verhandlungen beendet worden wäre, dann hätte der Bodenkrieg bzw. die Verschärfung der Luftangriffe furchtbare Ausmaße annehmen können. Nach dem Ende der Kampfhandlungen zeigte es sich, dass Milosevic mit gewaltlosen Mitteln gestürzt werden konnte.

Depremierend ist die Resignation, mit der die Welt jetzt auf einen Militärschlag der amerikanischen Regierung wartet, obwohl ihn viele für eine Torheit halten. Die Resignierenden und die Abwartenden hoffen, in den Krieg nicht hineingezogen werden.

Die Europäer haben sich selbst in eine schwierige Lage manöviert, weil sie nicht besonnen und überlegt, sondern emotional und wie Vasallen reagiert haben. Warum mussten sie einen großen Anschlag von ausländischen Terroristen auf die USA zum Verteidigungsfall für die NATO erklären? Warum sprach der deutsche Bundeskanzler sofort von Krieg und erklärte sein uneingeschränkte Solidarität? Solche Formulierungen fanden zwar das Wohlgefallen der amerikanischen Regierung, aber sie waren nicht hilfreich.

Mitgefühl, doch kein Vasallentum

In schwierigen Situationen ist das Volk in übertriebenem Respekt vor Autoritäten leicht geneigt, das Verhalten der verantwortlichen Politiker zur großen Staatskunst zu stilisieren. Über Gerhard Schröder und Joschka Fischer ist mancherlei Lobendes zu lesen. Ich vermag diese reife staatsmännische Leistung nicht zu erkennen und es wäre mir lieber, wenn der Bundeskanzler sich in vergleichbaren Situationen künftig mit dem erfahrenen Bundespräsidenten beraten würde, bevor er von “Krieg” und “ungeschränkter Solidarität” spricht.

Schröder hat sich gegen militärische Abenteuer ausgesprochen. Sehr schön, doch was heißt das konkret? Wieweit ist denn die Bundesregierung einbezogen in die amerikanischen Kriegspläne? Und was hilft dem deutschen Volk das Geheimwissen seiner Regierung? Wir dürfen in Fragen von Krieg und Frieden keine Blankovollmachten erteilen!

Die Vorbereitungen auf einen Angriffskrieg gegen Afghanistan und vielleicht auch gegen den Irak sind angelaufen. Wer kann die USA noch stoppen?

Kann man hoffen, dass sich in Amerika selbst der Widerstand gegen eine Big Stick Policy regt? Ich war entsetzt, dass Senat und Abgeordnetenhaus dem Präsidenten ein Blankovollmacht zum militärischen Angriff erteilt haben. Und meines Wissens hat kein deutscher Sender einen der wenigen Abgeordneten, die dagegen gestimmt haben, nach seinen Gründen gefragt. Macht dies der Vasalleninstinkt der deutschen Reporter oder ihrer karrieresüchtigen Zuchtmeister in den Sendeanstalten?

Es gibt auch in den USA warnende Stimmen. Die pazifistischen Organisationen, die sich gegen die amerikanische Intervention in Vietnam ausgesprochen haben und die seit Jahren für die Aufhebung des Boykotts gegen den Irak eintreten, sind auch jetzt gegen eine Politik des großen Knüppels. Zu diesen Organisationen gehören die historischen Friedenskirchen, die Quäker und die Mennoniten und die Brethren und andere und natürlich auch die War Resisters League und die Fellowship of Reconciliation. Doch wird diese erzkonservative Regierung auf sie hören?

Ich denke, dass Warnungen europäischer Regierungen gehört würden. Doch wie können wir unsere Regierung erreichen und mit welcher Botschaft? Auf wen hört Schröder noch? Und wenn er die kritischen Stimmen hört, woher nimmt er dann die Courage, der amerikanischen Regierung deutlich zu widersprechen?

Sind Warnungen “feiges Denken”?

Ich habe da auch mehr Fragen als Antworten. Doch wir dürfen nicht passiv die ersten Militärschläge der amerikanischen Regierung abwarten und uns einreden: Danach, wenn die Fehler offenbar sind, werden wir dagegen protestieren. Wenn wir es jetzt tun, - kalkulieren wir ‘besonnen’ - wird man uns dies als antiamerikanische Einstellung auslegen und uns vorwerfen, es mangele uns an Mitgefühl. Reinhard Mohr, eine beim Spiegel tätiger Journalist, hat nach der großen Trauerfeier in New York im Feuilleton des Tagesspiegel die Intellektuellen, die vor einer Politik des dicken Knüppels warnten, als feige Denker verhöhnt (R. Mohr: “Das feige Denken. Nach dem Schock hat in den Medien und auf Diskussionsveranstaltungen die Debatte über Ursachen des globalen Terrors begonnen. Künstler und Intellektuelle flüchten sich in antiamerikanische Ressentiments.” In: Der Tagesspiegel, 24.9.2001).
Preisfrage: Wieviel Mut gehört dazu, jetzt mit den Kriegswölfen zu heulen?

Ich kenne unter den Friedensforschern keinen, der irgendwelche Sympathien mit den Terroristen oder dem Regime der Taliban empfinden würde - das unterscheidet uns wahrscheinlich allesamt von den Underdogs in einigen arabischen Staaten, die nach Jahrzehnten der Demütigung nun in ihrem Antiamerikanismus nicht zimperlich sind in der Wahl ihrer Helden. Die deutsche Linke hat ihre Lektion aus den Erfahrungen mit der Roten Armee Fraktion und mit anderen noch aktiven Terrorgruppen gelernt. Sie distanziert sich jetzt sofort, aber sie muss sich die Frage stellen: Warum ist es zu diesen Anschlägen gekommen, und welche Folgen hat es, wenn auf Terror mit militärischen Gegenschlägen oder mit einer weitgehenden Einschränkung bürgerlicher Freiheiten geantwortet wird?

Auch wenn ein Reinhard Mohr und andere unser Fragen als “feiges Denken” bezeichnen, werden wir nur umso intensiver und umso konkreter im voraus zu bedenken haben, welche Folgen militärische Gegenschläge haben könnten und was stattdessen getan werden müsste.

Mich beunruhigt, wie rasch sich die Aufmerksamkeit der Medien vergleichweise nebensächlichen Themen wie den Ergebnissen der Hamburger Bürgerschaftswahl zuwendet. Die Flugzeugträger sind unterwegs und wir werden von den Medien beschäftigt mit der Frage, ob das knappe Überspringen der 5 Prozenthürde durch die FDP (mit 700 Stimmen) in Hamburg zu einem Regierungswechsel führt oder nicht. Die inneren Händel der Schill-Partei kann ich in Ruhe abwarten, wohingegen die Frage, ob demnächst amerikanische Flugzeuge Afghanistan und den Irak bombardieren werden, mich wirklich bewegt.

Man muss sich klar machen, was hier vor sich geht. Es gibt eigentlich keinen Kampf der Kulturen, aber es kann passieren, dass die armen Moslems verschiedener arabischer Staaten sich mit den Taliban solidarisieren und es dann auch in einigen arabischen Staaten zu einer neuen inneren Frontbildung kommt und ganze Regionen sich destabilisieren, wobei man sich auch hierzulande fragen muss, ob die Stabilisierung ungerechter Verhältnisse, nur weil sie für uns bequem und einträglich ist, einen Wert an sich darstellt, wenn es keine Perspektive für Reformen und mehr Gerechtigkeit gibt.

Im Unterschied zu den Terroristen erwarte ich von einer Destabilisierung der gegenwärtigen Verhältnisse in einigen autokratisch regierten arabischen Staaten noch nichts Gutes, vor allem wenn es dazu führt, dass dann Fundamentalisten an die Macht kommen. Doch die Attraktivität des Fundamentalismus besteht in einigen arabischen Staaten darin, dass die Herrschenden vor demokratischen Reformen zurückschrecken und die soziale Gerechtigkeit im eigenen Lande vernachlässigen. Die Attentate in New York und Washington wurden von deutschen konservativen Politikern - allen voran Edmund Stoiber - sofort als Anschläge auf “die freie Welt” interpretiert. Doch wie kann man die arabischen Länder, die nun auf Seiten der USA stehen, der “freien Welt” zurechnen? Es handelt sich aus politologischer Sicht durchgängig um Militärdiktaturen oder um Monarachien und Oligarchien - also durchgängig um Regime, in denen die Grundrechte unserer Verfassung für die Mehrheit der Bevölkerung nicht gelten.

Ein Krieg der USA gegen Afghanistan ist eine riskante Angelegenheit. Das angrenzende Pakistan ist ein instabiles Land. Sein gegenwärtiger Herrscher ist als Putschist an die Macht gekommen. Von demokratischer Legitimation kann keine Rede sein. Doch ich will diese Spekulationen über Stabilität und Instabilität in gewissen Regionen der Erde hier nicht fortsetzen. Das sind politologische Überlegungen, die man anstellen kann, wahrscheinlich sogar anstellen sollte. Doch es gibt meines Erachtens andere, stärkere Gründe, die ganz elementar gegen den Einsatz militärischer Mittel sprechen.

Die meisten Menschen in Afghanistan wissen wahrscheinlich gar nicht genau, was in den USA passiert ist. Über welche Medien hätten sie sich denn informieren sollen? Doch sie ahnen und sie fürchten, dass die USA Afghanistan bombardieren werden. Es gibt in Afghanistan kein Fernsehen. Die Hälfte der Bevölkerung sind Analphabeten. Die Rechte der Frauen sind durch die Taliban extrem eingeschränkt worden. Frauen sind vom öffentlichen Leben fast völlig ausgeschlossen. Entsprechend schlecht sind die meisten auch informiert.

Was Afghanistan braucht

Caroline Fetscher weist im Tagesspiegel immer wieder eindringlich auf die Lage der afghanischen Frauen hin. Sie sieht in ihnen Verbündete im Kampf gegen die Diktatur der Taliban. Das gilt meines Erachtens aber nur so lange, als diese Frauen und ihre Kinder nicht durch militärische Befreiungsaktionen bedroht sind. Sie haben alle eine elementare Angst vor Bomben. Wer im Dritten Reich im Luftschutzkeller saß, weiß, dass auch die Gegner des Hitlerregimes mit denjenigen, die ihre Häuser bombardierten, nicht sympathisieren konnten.

Die inneren, potenziellen Gegner des Taliban-Regimes und Bin Ladens haben ganz elementare Sorgen. Sie haben Angst vor Bomben und sie spüren den Hunger. In Folge der erhöhten Spannungen sind die internationalen Helfer abgereist. Millionen von Menschen sind in Afghanistan von der ausländischen Nahrungshilfe abhängig. So fordert Big Stick Opfer, bevor er überhaupt zugeschlagen hat.

Was die Menschen in Afghanistan brauchen, sind Lebensmittel und Informationen. Wenn man über Afghanistan überhaupt etwas abwerfen sollte, dann Fallschirme mit Lebensmitteln und Informationen. Als ich im August das Quäkerzentrum in Philadelphia besuchte, fand ich im Untergeschoss eine urige Maschine aus schweren Gusseisen, die mit Backen aus Eichenplanken Kleiderpakete für die Katastrophenhilfe zusammenpresste. Sie erinnerte mich sofort an die Care-Pakete, die uns nach dem Kriege aus den USA erreicht hatten. Die Afghanen brauchen keine Bomben. Sie brauchen Care Pakete. Die Quäker-Speisung und die Care-Pakete, die haben uns deutsche Schulkinder für Amerika eingenommen. Sie haben sehr nachhaltig unser Amerika-Bild geprägt. Das Grundvertrauen von uns Schuldkindern zu Amerika ging so weit, dass wir alles gegessen haben, was von dort kam, selbst wenn es etwas merkwürdig schmeckte und schäumte - wie das weiße Zeug aus Tuben, das nach Pfefferminze roch. Ich hatte noch nie Zahnpasta gesehen und dachte, dass man das auch essen könne. So proamerikanisch waren wir, als keine Bomben mehr fielen.

Später habe ich bei dem schwarzen Amerikaner Martin Luther King, Jr. die Strategie und Taktik der gewaltfreien Aktion gelernt. Eine ihrer Regeln ist: Schreibe dein eigenes Drehbuch und tue das Unerwartete! Die Afghanen fürchten die amerikanischen Bomben und Cruise Missiles. Warum senden wir ihnen nicht statt dessen Care Pakete? Anstelle von Big Stick, sollte die Parole sein: Take care!

Erinnerung an die Zeit der Care-Pakete

Wenn als Antwort auf die Attentate von New York und Washington nun Afghanistan bombordiert wird, ist dies auch ein Verbrechen an der Zivilbevölkerung. Doch nicht nur an dieser: Woher wissen wir denn, dass diejenigen, die nun von den Taliban rekrutiert werden, freiwillig dabei sind? Und wer weiß, welchen Fehlinformationen selbst die sogenannten Freiwilligen aufsitzen. Wieviele Deutsche, die heute aufrechte Demokraten sind, haben als halbe Kinder noch auf die Nazis vertraut und an den Endsieg geglaubt. Günter Grass erinnert sich hier präzise. Und die meisten, welche die Taliban heute im Kampf gegen die USA heute mobilisieren, werden eine afghanische Version des Hitlerjungen Günter Grass sein.

Soll man auf diese Afghanen Bomben werfen? Ich wiederhole es: Wenn die USA Afghanistan angreifen, ist das nicht nur eine Dummheit, es ist auch ein Verbrechen. Bomben können nicht unterscheiden zwischen denjenigen, welche die Attentate in New York begangen oder unterstützt haben und der großen Zahl der Afghanen, die über die Zusammenhänge gar nicht Bescheid wissen.

Dass Bombenangriffe auf Afghanistan nicht zu rechtfertigen sind, könnte sich jeder dadurch klar machen, dass er sich an das Bett seiner eigenen schlafenden Kinder oder Enkelkinder stellt und sich überlegt: Gibt es irgendetwas, das es rechtfertigen könnte, auf diese meine und andere Kinder, die genau so schlafen, Bomben zu werfen? Ich habe mir diese Frage beim Anblick meiner fast dreijährigen Enkeltochter Hannah Aidan gestellt? Mir ist nichts eingefallen und ich bin sicher, auch anderen Eltern und Großeltern wird nichts einfallen. Mein Kollege Ernst Deutsch hat bei einem Vortrag über Friedensforschung in den USA am Otto Suhr Institut einmal gesagt und dieser Satz voll bitterer Ironie hat sich bei mir unauslöschlich eingeprägt: Ein Kind ins Feuer zu werfen, ist ein Verbrechen, doch Feuer auf Kinder zu werfen, ist Politik. Big Stick Policy! Vor Politikern, die nicht davor zurückschrecken, Feuer auf Kinder zu werfen, graust es mir - und für diese Art von Politik kann es für mich keine “uneingeschränkte Solidarität” geben.

Nette Kriegsverbrecher

Machen wir uns keine falschen Hoffnungen! Misstraut der angeblichen Besonnenheit Georg W. Bushs! Die amerikanische Politik hat - trotz ihrer demokratischen Legitimation und trotz großer humanitärer Leistungen - sich immer wieder als skrupellos erwiesen. Wenn man die Geschichte der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki untersucht, dann wird man feststellen, dass der Abwurf dieser Bomben bei der Entscheidung der Japaner für die Kapitulation keine ausschlaggebende Rolle gespielt hat - und dass die amerikanischen Politiker dies wussten. Wer daran zweifelt, möge überlegen, wie denn Japan innerhalb von drei Tagen, also zwischen dem Abwurf der ersten Bombe auf Hiroshima und der zweiten Bombe auf Nagasaki, hätte kapitulieren sollen. Vielleicht wird der eine oder andere sagen, das war die Vergeltung für Pearl Harbor, aber dann erlaube ich mir als “feiger Denker” die Frage: Lässt sich der Tod von Zehntausenden von Frauen und Kindern in Nagasaki mit dem Angriff der japanischen Regierung auf Pearl Harbor rechtfertigen? Und da kann ich nur klar und deutlich sagen: Nein, das ist nicht zu rechtfertigen! Hier handelt es sich um ein Kriegsverbrechen - angeordnet von einem netten Amerikaner, einem jolly good fellow wie aus dem Bilderbuch mit Namen Harry S. Truman. Macht Euch keine Illusionen! Sprecht die Warnungen deutlich aus, so dass sie noch gehört werden, bevor die Bomben fallen!

Militärische Angriffe auf Afghanistan und den Irak wird man uns vielleicht als chirurgische Schläge gegen die Taliban und Saddam Hussein zu vermitteln suchen, aber seit dem Kosovo-Krieg wissen wir, was die Luftschläge am Boden bewirken können. Und ich spreche nicht nur von den sogenannten Kollateralschäden, sondern auch von dem ganzen Elend der Flüchtlingsströme. Das lässt sich in Afghanistan bereits jetzt erkennen, ehe noch die Bomben gefallen sind.

Unsere Medien bringen die dummen, martialischen Sprüche der Taliban. Die sind genau so unrealistisch wie die Sprüche von Saddam Hussein vor dem Golf-Krieg. Doch real gestorben sind dann die vielen jungen irakischen Soldaten, die geschlagen sich zurückzogen und von den Flugzeugen der West-Alliierten gnadenlos zusammengeschossen wurden. Darüber gibt es erschütternde Berichte englischer Reporter.

Und mein dritter Punkt ist: Wir müssen uns an das Wort des Propheten Jesaja erinnern, das Bundespräsident Rau zitiert hat: “Die Frucht der Gerechtigkeit wird Frieden sein.” Wir müssen unsere Anstrengungen darauf richten, die wachsende Diskrepanz zwischen Arm und Reich auf diesem Globus aufzuheben. Das ist eine langfristige und ungeheuer große Aufgabe. Es wird hier auch keine einfache Gleichung geben: Ein bisschen mehr für die Entwicklungshilfe und dann hört der Terror auf. Die Diskrepanz zwischen Arm und Reich ist aus globaler Sicht so riesig, dass sie noch auf Jahrzehnte Menschen empören und zu erbitterten Terroranschlägen motivieren könnte. Ausschlagebend ist, dass glaubwürdige Anstrengungen unternommen werden, für die Entwicklung der Armen Beträchtliches zu tun.

Besinnung auf die gewaltfreie Strategie

Für ein solches Vorhaben darf es keine uneingeschränkte Solidarität Deutschlands geben. Es ist gut, dass einige Landesverbände der Grünen ihrer Parteispitze durch Beschlüsse signalisiert haben, dass sie eine Beteiligung der Bundeswehr an solchen Einsätzen ablehnen. Das ist auch die letzte Chance für die Grünen, ein Stück Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen und zu zeigen, dass sie sich auf ihr Gründungsprinzip der Gewaltfreiheit zurückbesinnen. Wenn aus den restlichen Landesverbänden keine entsprechenden Signale kommen, dann ist diese Partei für einen Menschen aus der Friedensbewegung nicht mehr wählbar, wobei ich hinzufügen muss, dass ich auch bei der PDS - insbesondere bei Gregor Gysi - in der Militärfrage bereits den Opportunismus wittere. Aber im Moment ist die PDS noch die einzige Partei, die im Bundestag in der Militärfrage Opposition betreibt. Doch ich habe auch dankbar registriert, dass in der SPD einige Abgeordnete gezeigt haben, dass ihnen in den Fragen von Krieg und Frieden der Ruf des Gewissens mehr gilt als der Ordnungsruf des Fraktionsvorsitzenden.

Was soll nun getan werden? Worauf soll die Friedensbewegung hinarbeiten? Und ich ergänze dies um die Frage: Wie sollen sich die Christen und ihre Gremien verhalten? Ich habe diese ergänzende Frage gestellt, weil ich 24 Jahre in kirchlichen Synoden und Kirchenleitungen als Laie mitgearbeitet habe und weil es so schwer ist, die Friedensbewegung als solche aufzufinden. Der harte Kern der Friedensbewegung besteht aus einer Reihe von pazifistischen Organisationen, die aber jeweils für sich genommen nur eine geringe Mitgliederzahl aufweisen. Wenn man alle zusammennimmt, würde man wahrscheinlich auf eine Zahl zwischen zehn- und zwanzigtausend Personen kommen. An der Beschaffenheit des harten Kerns hat sich in den letzten Jahrzehnten wenig geändert.

In bestimmten Situationen kann daraus rasch eine Bewegung werden, weil die kleinen Grüppchen sich dann auf Aktionen oder Serien von Veranstaltungen - wie z.B. die Friedenswochen - einigen und weil sich dann Gleichgesinnte in Massenorganisationen wie Kirchen, Gewerkschaften und Parteien anschließen. Es ist also durchaus möglich, dass es wieder zu einer Friedensbewegung kommt.
Darum ist es wichtig, dass wir klären, welches unsere Vorstellungen von Friedenspolitik sind.

Konzepte der Friedensbewegung

Das Vordringliche ist, dass wir darauf drängen: Keine Militärschläge gegen sogenannte Schurkenstaaten. Die Gründe dafür habe ich genannt.

Ein zweiter wichtiger Punkt ist, dass wir - und dies können wir sogar gemeinsam mit der Bundesregierung tun - darauf drängen, dass der Terror und Vergeltungsschläge in Israel und Palästina aufhören und es zu Friedensregelungen kommt.

Im Tagesspiegel vom 15. September wurde über die Reaktion arabischer Medien auf die Terroranschläge in den USA berichtet. Besonders bedenkenswert scheint mir zu sein, was in den Medien derjenigen arabischen Länder steht, die als amerikafreundlich gelten, wie zum Beispiel Jordanien, dessen König Abdallah Ende September in Washington erwartet wird. Abdallah wird vielleicht der letzte Araber sein, der Bush noch einmal eindringlich vor einem Militärschlag warnen kann.

Ich zitiere den Tagesspiegel:
“Die Jordan Times erklärte die ständig wachsende anti-amerikanische Stimmung in der arabischen Welt mit der US-Außenpolitik im Irak und seiner Parteinahme für Israel. Die USA sollten die ‘Trauerphase’ auch nutzen, um darüber nachzudenken. Die Vorlage dazu hatte der jordanische König Abdallah in einem CNN-Fernsehinterview geliefert. Er bezweifelte stark, dass es zu den Anschlägen gekommen wäre, wenn die USA den israelisch-palästinensischen Konflikt gelöst hätten.”

Außenminister Powell scheint auch erkannt zu haben, dass hier einiges zu machen ist - und dass zu Beginn der Regierungstätigkeit des neuen Präsidenten hier einiges versäumt wurde, - wahrscheinlich weil man meinte, Clinton nicht nacheifern zu müssen.

Die transnational agierenden Terroristen sind in der Regel nicht die Armen dieser Erde. Sie kommen aus gebildeten, bisweilen sogar wohlhabenden Familien. Doch sie fühlen sich als die Avantgarde der Benachteiligten. Man wird sie von ihren Terroraktionen und vom Selbstmord am besten dadurch abhalten, dass man Ihnen und den Armen eine bessere Perspektive gibt. Das muss glaubwürdig sein und durch Taten unterstrichen werden. Doch gerade da gibt es gewaltige Defizite. Und die große Diskrepanz zwischen dem großartigen Geschwätz der Reichen und ihrem Mangel an Taten für die Armen dieser Erde steigert die Wut und den Hass der Terroristen.

Enormes Defizit an sozialer Gerechtigkeit

Wir haben auf dieser Erde ein gewaltiges Defizit an sozialer Gerechtigkeit. Man könnte auch sagen: Es gibt auf dieser Erde sehr viel strukturelle Gewalt, die darin besteht, dass vielen Menschen Lebenschancen vorenthalten werden, die sie hätten, wenn die Güter dieser Erde gerecht verteilt würden. Kardinal Lehmann hat es gegenüber der Passauer Neuen Presse deutlich ausgedrückt: “Wir müssen alle an gerechten Strukturen und Ordnungen in der Welt arbeiten, damit dem Fanatismus der Boden entzogen wird.” Lehmann mahnte die Bereitschaft des Westens zu einer selbstkritischen Haltung an. Und er fügte hinzu “Einen Gegenschlag als Selbstzweck halte ich für völlig falsch.”
Wir müssen also über eigene Versäumnisse und Rücksichtslosigkeiten reden. Terrorschläge sind Verbrechen, aber sie erfolgen nicht aus dem Blauen heraus, sondern sie sind immer auch Ausdruck für das Krisenhafte einer Situation.

Kardinal Lehmann hat die Terrorakte als “Angriff auf die menschliche Zivilisation” bezeichnet. Ich frage mich, ob man das World Trade Center und das Pentagon von vorn herein als Symbole der menschlichen Zivilisation bezeichnen sollte. Große Passagiermaschinen, das World Trade Center und das Pentagon sind zunächst einmal Ausdrucksformen der Zivilisation der westlichen Industriegesellschaft. Man könnte behaupten, dass in den Verkehrsflugzeugen, den Wolkenkratzern und der Kriegsadministration nur künftige Erscheinungsformen der Zivilisation der gesamten Menschheit vorweggenommen seien, aber daran könnte man auch zweifeln.

An dieser westlichen Zivilisation ist einiges sehr fragwürdig, zum Beispiel der Waffenhandel und der Energieverbrauch mit fatalen Folgen für das Weltklima, ein Thema, auf das die Bush-Administration bekanntlich schwer ansprechbar ist.

Vielleicht stecken in den Terroranschlägen von New York und Washington doch mehr Fragen an die westliche Form der Zivilisation als wir im ersten Entsetzen wahrnehmen konnten. Nach dem Warum zu fragen, darf nicht heißen, dass man die Attentate rechtfertigt. Das sind ganz furchtbare Verbrechen. Wen hat es da nicht alles getroffen! Die zivilen Passagiere in den Flugzeugen. Darunter sicher auch Kinder. 350 Feuerwehrleute, die ihren Dienst taten. Und auch das Leben jedes Bankers und Managers im World Trade Center ist ein unersetzliches Menschenleben und für die Angehörigen jedes, der hier ermordet wurde, bedeutet dessen Tod einen ganz schweren Verlust. Und es müsste ein Weg gefunden werden, die Terroristen und ihre Hintermänner mit jedem einzelnen Schicksal der Ermordeten zu konfrontieren, so intensiv, dass ihnen ihre Taten leid tun, so wie es deutschen Schulkindern in der Seele leid getan hat, als sie das Tagebuch der Anne Frank lasen. Beim Lesen dieses Tagebuchs haben wir begriffen, ja erlebt, dass Juden Menschen sind wie du und ich und dass es ein ungeheures Verbrechen war, sie systematisch zu verfolgen und unzubringen.
Welchen Sinn hätte es gehabt, wenn irgend ein mächtiges Land die Ermordung der Juden an den Deutschen gerächt hätte? Wir hätten unsere Schuld wahrscheinlich nicht begriffen.

Meine Schlussfolgerung aus diesen Überlegungen ist: Die Amerikaner sollten es bei der Trauerfeier von New York belassen und auf einen Rachefeldzug gegen Afghanistan oder andere angebliche Schurkenstaaten verzichten. Natürlich sollte weiteren Attentaten auch durch Vorsichtsmaßnahmen vorgebeugt werden. Doch das Wichtigste ist die Auseinandersetzung mit den Ideologien oder auch mit den zumindest partiell verständlichen oder zu erahnenden politischen Anliegen der Terroristen. Der Schwerpunkt der Anstrengungen beim Kampf gegen den Terrorismus sollte auf dem Gebiete des Strebens nach mehr sozialer Gerechtigkeit liegen. Wir werden da nicht nur gemessen werden an den kurzfristigen Erfolgen sondern an der Ernsthaftigkeit und der Intensität der Bemühungen. Vieles lässt sich nicht von heute auf morgen verbessern, aber es muss ernsthafte Anstrengungen in großen Maßstabe geben, auch wenn wir dann auf manches verzichtes müssen, von dem wir annahmen, dass es selbstverständlich zu unserem Lebensstandard gehöre.

Ich sehe überhaupt nicht ein, dass man sich als Deutscher nur nach einer längeren Flugreise im Ausland erholen kann. Wir dürfen uns nicht länger einreden lassen, dass unser überdrehter Lebensstil die kapitalistische Wirtschaft auf Touren bringt und Arbeitsplätze schafft. Wir werden soliarischer mit der knapper werdenden bezahlten Arbeit umgehen und anders haushalten müssen als wir uns dies in den letzten Jahrzehnten angewöhnt haben.

Die Bemühungen um mehr soziale Gerechtigkeit und um ökologische Einpassung unserer Lebensformen müssen glaubwürdig und eben auch weit verbreitet sein. Mehrere Attentäter hatten unter uns in Deutschland gelebt und an unseren Universitäten studiert. Was sie hier in Deutschland beobachten konnten, empfanden sie offenbar nicht als ernsthafte Bemühungen um mehr soziale Gerechtkeit und - ich wage mal die altmodische Formulierung - ein gottgefälliges Leben. Auf die potenziellen Selbstmordattentäter wirkte wohl das, was sie hierzulande und in den USA beobachten konnten, wie Sodom und Gomorrah. Und was unsere Spaßgesellschaft immer wieder zur Schau stellt, ist im Lichte des massenhaften Elends auf der Welt auch verantwortungslos und total unsolidarisch. Warum kommt ein deutscher Kanzler eigentlich nie auf die Idee, seine Solidarität mit den hungernden, obdachlosen Massen in Indien zu erklären und dann entsprechend zu handeln? Ich erwarte gar nicht, dass er dann von “uneingeschränkter” Solidarität spricht. Er mag sie meinetwegen beschränken, aber sie sollte dann eben auch mal in Milliarden Euro messbar sein. Ich bin fest davon überzeugt, dass jede Milliarde, die wir zusätzlich für die Armen ausgeben, uns mehr Sicherheit bringen wird, als die zusätzliche doppelte Summe, die wir ins Militär und den Bundesgrenzschutz investieren.

Zum Golfkrieg haben wir 17 Milliarden DM beigesteuert. Und was hat es genutzt? Die Superreichen von Kuweit haben wieder hier Ölquellen! Die ständigen Forderungen der CDU nach mehr Geld für die Bundeswehr halte ich - mit Verlaub - für unchristlich. Die CDU-Vorsitzende Angela Merkel kommt aus einem evangelischen Pfarrhaus, und ich erinnere mich gut an die Andacht ihres Vaters auf dem Ostermarsch der Bürgerinitiative Freie Heide im Jahre 1999. So wie ich Bundeskanzler Schröder ein Gespräch mit Bundespräsident Rau empfohlen habe, so empfehle ich Angela Merkel mal ein Gespräch mit ihrem Vater über die neutestamentlichen Anleitungen zur Terrorismusbekämpfung.

Wir haben beim Streben nach weltweiter sozialer Gerechtigkeit sehr viel, das möglich gewesen wäre, versäumt. Wir dürfen jetzt nicht annehmen, dass die ersten ernsthaften Bemühungen um mehr soziale Gerechtigkeit sofort honoriert werden mit dem Verschwinden terroristischer Bedrohungen. Doch wenn man bittet, Gott segne Amerika, Gott segne Europa, dann sollte man auch auf Gottes Wort hören und das hat Johannes Rau am Brandenburger Tor zitiert: Die Frucht der Gerechtigkeit wird Frieden sein.

Veröffentlicht am

30. September 2001

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